Sabah

Produktionsnotizen

Regisseurin Ruba Nadda über den Film SABAH ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt. Ich war immer daran interessiert, Geschichten von Arabern zu erzählen, die in Nordamerika leben. Araber und Muslime werden oft so portraitiert, als ob sie von Natur aus den Werten der westlichen Welt ablehnend gegenüberständen. Heutzutage ist es besonders wichtig, dass Geschichten wie SABAH zeigen, wie Araber tatsächlich im Westen leben. Eine Liebesgeschichte zwischen einer Araberin und einem Nicht-Moslem wirft ein Licht auf die Schwierigkeiten, denen Immigranten beim Aufbau eines neuen Lebens gegenüberstehen.

Es ist für mich sehr wichtig, diese Schwierigkeiten auf der Leinwand zu präsentieren, ohne auf typische Stereotypen oder Klischees zurückzugreifen. SABAH präsentiert als Liebesgeschichte diese kulturellen Konflikte in einer hoffnungsvollen und humorvollen Weise. Aber die Konflikte finden nicht nur zwischen den beiden Liebenden statt. Sabah und Stephen müssen sich auch mit ihrer kulturellen Herkunft und ihren unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe auseinandersetzen.

Die Heldin, Sabah, findet endlich den Mut, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, nachdem sie sehr viele Jahre nur für ihre Familie da war. Sie mußs die Werte und das Leben ihrer Familie, das sie so viele Jahre geteilt hat, in Frage stellen und entscheiden, auf welchem Weg sie am besten die kulturellen Schwierigkeiten überwinden kann. Erst nachdem sie diesen Prozess überwunden hat, erlaubt sie es sich, sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit allen Konsequenzen zu verlieben.

Ich habe bereits einige sehr düstere Liebesgeschichten verfilmt, die in einem trostlosen Toronto gespielt haben. In meinen frühen Werken wollte ich verzweifelt Geschichten erzählen, hatte aber wenig Geld, sie umzusetzen. Als ich mit SABAH mein erstes großes Projekt begann, wollte ich etwas anderes machen. SABAH sollte von Themen wie Hoffnung, Vertrauen, Verlangen und der verrückten ersten Liebe erzählen. Ich wollte einen sehr klassischen Film mit wundervollen Bildern machen.

Die Idee für SABAH hatte ich in meinem letzten Jahr an der York University. Auf dem Heimweg im Bus beobachtete ich eine junge, verschleierte Frau, nur ihre Augen waren erkennbar. Als ich sie ansah überlegte ich mir, dass sie ein völlig anderes Leben führte, als ich und ich wunderte mich, wie sie wohl mit ihren sexuellen Bedürfnissen und Gefühlen umging. Dann fragte ich mich, was passieren würde, wenn sie sich in jemanden verliebt, der kein Moslem ist? Wenn sie so richtig verliebt ist in jemanden, den sie nicht sehen darf?

Würde sie all die verrückten Dinge tun, die Menschen nun mal tun, wenn sie total verliebt sind und ihre Handlungen nicht mehr unter Kontrolle haben? Würde sie diese Gefühle zulassen? In meinem Kopf hatte ich das Bild einer verschleierten Frau, die mitten auf der Strasse leidenschaftlich einen westlichen Mann küsst. Das Bild blieb für Jahre in meinem Kopf und daraus hat sich schließlich SABAH entwickelt. Die Grundidee änderte sich im Laufe der Jahre. Als ich mit dem Drehbuch begann entschied ich, dass die Geschichte interessanter wäre, wenn Sabah bereits ein wenig älter wäre.

Der Erwartungsdruck der gesamten Familie ist für eine ältere Frau sehr viel größer und man hat sich bereits daran gewöhnt, dass sie nur für die Familie da ist. Andererseits ist die Versuchung, dem Herzen zu folgen, auch größer, denn eine ältere Frau spürt vielleicht, dass sie keine weitere Chance mehr bekommt. Nachdem ich das Treatment beendet hatte und Telefilm die erste Finanzierung ermöglichte, kontaktierte ich Atom Egoyan und Simone Urdl, die bereits meine ersten Filme unterstützt hatten.

Außerdem fragte ich Arsinée Khanjian an, die ich seit Jahren verehre und lange schon als ideale Besetzung für SABAH im Kopf hatte. Im April 2002 erfuhr ich, dass Atom und Simone mein Drehbuch gefiel und sie offiziell mit an Bord waren. Danach ging alles sehr schnell. Ich wusste, mit den beiden als Ausführende Produzenten an meiner Seite konnte ich den Film machen. Kurze Zeit später sagte Tracey Boulton als Produzentin zu, die sich ebenfalls sofort leidenschaftlich für SABAH engagierte.

SABAH spielt im Frühling in Downtown Toronto. Viele Immigranten, darunter auch meine Eltern, betrachten Toronto als eine Stadt mit unendlich vielen Möglichkeiten. Sie lieben die Schönheit der Stadt, die sauberen und gepflegten Strassen, die Marmorböden in den Shopping-Malls und die wohlgepflegten Blumen im Park. Ich verbrachte einen Monat mit Luc Montpellier, meinem Kameramann und Jonathan Dueck, meinem Produktionsdesigner. Zusammen entschieden wir, wie der Film und die einzelnen Einstellungen aussehen sollten.

Wir wussten, dass wir ein sehr enges Schedule hatten und einige sehr ambitionierte Drehorte. Daher war es umso wichtiger, alles im Vorfeld zu organisieren und zu planen. Diese umfangreiche Vorbereitung zahlte sich später aus. Luc hatte genaue Anweisungen für jedes Crew Mitglied erstellt. Dadurch waren wir immer im Zeitplan. Als wir das erste Rohmaterial sahen, konnten wir gar nicht glauben, wie wunderschön die Bilder waren.

Meine eigentliche Ausbildung im Filmen war sehr kurz. Nach zwei Monaten Produktionsstudium in New York kehrte ich zurück nach Toronto und fing einfach an zu arbeiten. Es war nicht immer leicht, denn ich lernte viele Dinge auf sehr harte Weise, und viele Kurzfilme wurden nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Einen Film nach dem anderen finanzierte ich mit meinem eigenen Geld, sendete die Werke zu Festivals und hatte manche Erfolge, aber auch Misserfolge. Aber diese Erlebnisse zahlten sich letztendlich aus. Ich hatte schließlich umfangreiche Erfahrungen im Dreh und der Arbeit mit der Crew und den Schauspielern. Das half mir bei SABAH, meinem ersten großen Projekt.

Über die Produktion Ich erinnere mich an die letzte Nacht, bevor wir mit dem Filmen begannen. Das Team und ich feierten bei einem Abendessen den offiziellen Drehbeginn. Den ganzen Abend gab ich schamlos damit an, wie unbesorgt ich sei und wie toll alles würde. Dann, auf dem Heimweg mit meiner Schwester, fuhren wir an den vielen Trucks und Trailern vorbei und ich dachte, oh mein Gott, ich bin es, die morgen hier drehen wird! Ich stieg in die Bremsen und wir standen ungläubig vor dem ganzen Equipment. Ich mußste eine Dose wegkicken, um mich daran zu erinnern, dass das hier wirklich geschah. Fadja und ich werden dieses Gefühl niemals vergessen. In diesem Moment habe ich erst richtig begriffen, was passieren wird.

Ich war dabei, eine Idee und einen Film umzusetzen, an dem ich schon seit Jahren gearbeitet hatte. Im Rückblick wünschte ich mir, ich hätte diese Dose behalten! Gott hat es immer gut mit mir gemeint, was das Wetter bei meinen Dreharbeiten betrifft. Ich habe bei Aussenaufnahmen immer ideale Bedingungen vorgefunden. Ich erinnere mich an einen Drehtag bei SABAH, als wir bei Trinity Bellwoods gedreht hatten und der Himmel in einem unglaublich intensiven blau strahlte. Plötzlich donnerte es und obwohl es erst gegen fünf Uhr am Nachmittag war, wurde es immer dunkler. Sobald wir die letzte Szene gedreht hatten, begann es zu regnen und zu stürmen. Es war ein großartiger Abschluß eines Drehtages und der ersten Drehwoche.

Es gibt eine Szene in SABAH, in der Arsinée und Setta auf einem Markt Tomaten einkaufen. Wir hatten große Bedenken, da wir es uns nicht leisten konnten, auf einem echten, überfüllten Markt zu drehen. So nutzten wir die Fassade eines Hauses als Hintergrund und Jonathan kreierte davor eine wunderschöne, echte Marktszene. Es sah so echt aus, dass ein Fußgänger während des Drehs an einen Stand kam und sich Gemüse aussuchte. Wir mußsten so lachen, dass der Dreh kurzfristig unterbrochen werden mußste. Es gibt so viele Hindernisse zu überwinden, wenn man einen Film dreht. Aber wichtig ist, dass man immer seine gute Laune behält und positiv bleibt. Denn es gibt auch immer einen Weg, das zu bekommen, was man will.

Während des Castings mit Jenny Lewis waren Tracy und ich verzweifelt mit der Suche nach einem Haus beschäftigt, das groß genug war, um darin zu drehen und auch noch die Ästhetik des Mittleren Osten verkörperte. Im Arabischen Kulturzentrum trafen wir auf eine Mutter mit ihrer Tochter, die sich unser Problem anhörte und uns mit Habib Salloum, einem Kritiker des Toronto Star, zusammenbrachte. Araber sind generell sehr hilfsbereit und großzügig. Habib Salloum und seine Familie luden uns zum Tee in sein faszinierendes Haus ein und baten uns sofort an, in ihrem Haus zu drehen. Als wir eintraten, waren wir sprachlos. Die Möbel, fast alles Antiquitäten, stammten aus Damaskus in Syrien, wo auch die Familie in meiner Geschichte herkommt. Es war perfekt.

Über die arabische Kultur Die arabische Kultur und der Islam sind sehr vielfältig. Schon am Anfang meiner Karriere als Filmemacherin wollte ich der Öffentlichkeit eine komplett neue und völlig unterschiedliche Seite meiner Kultur zeigen, eine Seite, die mir so vertraut ist, aber welche die Außenwelt nicht kennt. Diese Seite der arabischen Kultur hat nichts zu tun mit Terrorismus, Misshandlung, Folter oder Morden. Natürlich existieren diese Dinge, aber meine Familie und ich und auch meine Freunde hier in Toronto und dem Mittleren Osten sind dieser Klischees müde geworden.

Ich wollte, dass die Öffentlichkeit ein anderes Bild der orientalischen Kultur zu sehen bekommt. Deshalb erzählte ich eine Geschichte über eine Liebe zwischen verschiedenen Kulturen, über Akzeptanz und die vielen Probleme, die Einwanderer meiner Kultur zu bewältigen haben, wenn sie nach Kanada kommen. Die Kämpfe, die sie auszufechten haben, werden nach außen oft so dargestellt, als müsse man sich entscheiden: Entweder dafür, die konservativen, kulturellen Traditionen aufrecht zu erhalten, oder die westlichen Werte zu akzeptieren.

Aber in Wirklichkeit ist es sehr viel komplizierter. Jeder, ganz unabhängig von seinem kulturellen Hintergrund, muß sich jeden Tag aufs neue entscheiden, wie er seine persönlichen Werte mit denen der Gesellschaft um ihn herum auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann. Die meisten Menschen müssen ab und zu Ausnahmen machen. Ausnahmen machen bedeutet nicht, dass man seine Kultur aufgibt. Es gehört einfach dazu, wenn man in einer multi-kulturellen Gesellschaft wie in Kanada lebt.

Ich habe bei Sabah ganz bewusst einige Themen ausgeklammert: Terrorismus, der 11. September, der Konflikt in Palästina und die Schwierigkeiten, die Araber in Kanada durch diese Ereignisse haben. Wahrscheinlich gibt es die Erwartung, dass eine arabische Filmemacherin diese Themen aufgreifen mußs, selbst von den Menschen, die mit den Arabern in Nordamerika und ihren Problemen sympathisieren. Gewissermaßen ist der Araber, der sich permanent dem Verdacht des Terrorismus aussetzen mußs, bereits selbst zu einem Klischee geworden. Ich glaube, wir müssen uns dagegen wehren, dass 9/11 definiert, was es bedeutet, ein Araber in Nordamerika zu sein. Es bedeutet soviel mehr als das!

Über die Dreharbeiten in Toronto Toronto spielte schon immer eine wichtige Rolle in meinen Filmen. Meine Familie kam vor 15 Jahren nach Toronto, nachdem sie in verschiedenen Kleinstädten in Kanada und in Damaskus gelebt hat. Von allen verschiedenen Orten, an denen ich gelebt habe, ist Toronto der einzige Ort, den ich als meine Heimat bezeichne. Bei SABAH habe ich darauf bestanden, Toronto als eine wunderschöne, klassische und elegante Stadt zu zeigen. So viele Filme haben diese Stadt als uninteressant, schmutzig und düster portraitiert.

Für mich, meine Familie und viele Einwanderer ist Toronto etwas völlig anderes. Viele Neu-Kanadier lieben diese Stadt, sie lieben alles an ihr. Sie betrachten dieses Land und diese Stadt als einen Ort des Friedens, der neuen Möglichkeiten und der Hoffnung. Das wollte ich in SABAH zeigen. Also habe ich die schönsten Locations eingebaut, z.B. den St. Lawrence Market, die Queen Street, Trinity Bellwoods Park oder St. James Park. SABAH ist ein Toronto-Film, und wenn die zwei Liebenden sich schließlich an der Kreuzung von Front und Jarvis, dem Platz, an dem die Anfänge der Stadt Toronto liegen, zu einem Kuss finden, dann ist das die perfekte Location.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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