Gib mich die Kirsche - Die 1. deutsche Fußballrolle

Produktionsnotizen

Sie sichteten über 1000 Filme und Fernsehbeiträge, schrieben an Sender, Vereine und Filmproduktionen, reisten von Archiv zu Archiv, übernachteten in billigen Hotels, stöberten tagelang durch staubige Filmregale und verbrachten Hunderte von Stunden am Schneidetisch. Man sagte ihnen: ?Das geht nicht.? Und: ?Versuchen Sie es doch mal in einem Jahr.? Oder auch: ?Es kann sein, dass das Material hier irgendwo ist. Wenn Sie selber suchen wollen ...? Aber Oliver Gieth und Peter Hüls gaben nicht auf. Gieth: ??Gib mich die Kirsche!? ist ein Projekt aus Leidenschaft, das uns von der ersten Idee bis zum Kinostart zehn Jahre unseres Lebens begleitet hat.?

Aller Anfang ist schwer oder Die Spieleraufstellung Zuerst gab es nur einen Traum von zwei Freunden und Fußballfans. Nachdem der Film-Editor Oliver Gieth (FC St. Pauli) und Autor Peter ?Pit? Hüls (Borussia Dortmund) den Sportbuchklassiker Als die ?Ente? Amok lief von Ulrich Homann und Ernst Thoman (erschienen im Klartext-Verlag) gelesen hatten, stand für sie fest: Ihr erstes Regieprojekt würde die frühen Liga-Jahre zum Thema haben. Diese Zeit, als der Profifußball in Deutschland laufen lernte, wollten sie bebildern. Warum also keinen Kompilationsfilm über die legendären Jahre machen, die den Mythos des deutschen Profisports begründeten?

Hüls erinnert sich: ?Wir stellten uns das ganz einfach vor, denn es mußste doch jede Menge Fernsehbilder geben. Schließlich war ich als Steppke immer zu meiner Oma zum Fußballgucken gepilgert, die bereits ein Neckermann-Körting-Gerät besaß. Buntfernsehen, wie man damals sagte!?

Doch so einfach wie die beiden Regisseure sich das vorstellten, war es nicht, ihre Idee umzusetzen. Wer den bestechend munteren Mix aus Kultur- und Sportgeschichte in der ?1. Deutsche Fußballrolle? sieht ? bestehend aus echten Fußballerfrisuren, Sepp Maier und TV-Koch Max ?Ich habe da mal etwas vorbereitet? Inzinger beim Grillen des ?Hippihoppi-Partyfisches?, die Schnulze ?Ich bring dir heut? ein Ständchen? von der Nationalelf geträllert, kritische Anmerkungen zum Frauenfußball (?mußs das sein??) ? hat keine Ahnung, welche Beharrlichkeit das Hamburger Regieduo an den Tag legen mußste, um seinen Traum wahr werden zu lassen.

Zunächst einmal mußsten die richtigen Filme überhaupt gefunden werden. Da aus den 1960er und 70er Jahren so gut wie nichts digitalisiert vorliegt, bedeutete das für Gieth und Hüls, sich mittels antiquierter Karteikartensysteme durch Jahrzehnte öffentlich rechtlicher Berichterstattung zu ackern. Mit zweieinhalb Jahren Materialrecherche und rund dreieinhalb Jahren Schnittzeit besitzt ?Gib mich die Kirsche!? eine rekordverdächtig lange Produktionszeit. Was, wie Gieth betont, ?mit Sicherheit nicht an der Unfreundlichkeit einzelner Mitarbeiter in den Sendern oder einem generellen Widerwillen unserer Arbeit gegenüber lag.?

Im Gegenteil: ?Das Thema hat uns sehr geholfen. Auch in den Archiven und Redaktionen wurden Geschichten nach dem Motto ?Wo warst du als Deutschland 1974 Weltmeister wurde?? erzählt. Vielmehr war es so, dass wir vor zehn Jahren entdeckten, dass in den vergangenen vierzig Jahren die Bedeutung von historischem TV-Material im öffentlichen Bewusstsein nicht sehr verankert war. Meistens wurde das gesendete Material mehr oder weniger lieblos irgendwo verstaut und nur selten wieder angesehen.?

Die Tatsache, dass das legendäre WM-Spiel von 1954 in Deutschland nur noch in Ausschnitten und Rekonstruktionen vorliegt, weil es 1959 bereits entsorgt wurde, spricht für sich selbst. dass Gebhard Henke vom WDR 1997 für das Projekt begeistert werden konnte, brachte die Wende. Hüls: ?Die größte Sendeanstalt der ARD war ein wichtiger Partner für den Zugang zu den Archiven aller Sendeanstalten der ARD und über den Programmaustausch ging alles viel schneller.?

Als nächstes trat das Regie-Duo an die Kölner Produzentin Annette Pisacane von Cameo Film heran, die ebenso schnell ein leidenschaftliches Interesse für das Projekt entwickelte. Aber schon wartete die nächste Komplikation auf die Filmemacher. Hüls erinnert sich: ?Viele Filme waren sehr lädiert. Die Dosen ließen sich kaum öffnen, die Klebestellen rissen sofort.? Überraschend für beide Regisseure war die Tatsache, dass auch viele Vereine keine funktionierenden Archive aufgebaut hatten. Viel zu oft erschöpften sich die gesammelten Erinnerungen der Clubgeschichten in gerahmten Fotos an den Wänden des Vereinsheims.

Gieth: ?Auch hier hat sich in der Zeit, in der ?Gib mich die Kirsche!? entstand, erfreulich viel geändert. Durch die digitale Entwicklung sind jetzt viele Vereine dabei, Filmarchive anzulegen und ihre Geschichte aufzubereiten. Vereine wie der HSV haben sogar ein eigenes, sehr schönes Museum.?

Die Qual der Wahl oder Taktikbesprechung Nachdem die logistischen und organisatorischen Probleme weitgehend aus dem Weg geräumt werden konnten, ging die Arbeit für Oliver Gieth und Peter Hüls richtig los. Schließlich mußste jetzt die Spreu vom Weizen getrennt werden ? und schlimmer noch, immer wieder diskutiert, analysiert und entschieden werden, welche Geschichten in die ?1. Deutsche Fußballrolle? aufgenommen werden sollten. Fest stand natürlich, dass die Weltmeisterschaften von 1966, 1970 und 1974 markante Eckpunkte im Film sein würden. Bei allem anderen ließen sich die Regisseure unvoreingenommen auf alles ein, das ihnen bei der Recherche begegnete.

Hüls: ?Wir haben uns so gut wie alles angesehen, das mit dem Zusatz ?Fußball? versehen war. Da waren Spiele dabei, klassische Sportreportagen, aber eben auch Berichte über unterschiedlichste Ereignisse und Interviews, die auch nur irgendwie mit einem Fußballer oder einem Spiel zu tun hatten. Und wenn man dann so etwas findet, wie die Szene, in der Uli Hoeneß auf die Frage, ob ihm Liebe oder Fußball wichtiger ist, eindeutig: ?Fußball? antwortet ? dann fühlt man sich wirklich wie der sprichwörtliche Goldgräber beim Nuggetfund. Weil das einfach so viel aussagt über Mentalität und Lebensführung in diesen Jahren.?

Mit der Zeit häuften sich die Goldfunde und die Regisseure konnten aus einer wahren Schatztruhe von einzigartigen Ausschnitten wählen. Aber welchen nehmen und auf welchen verzichten? Gieth: ?Auf jeden ausgewählten Ausschnitt kommt ein Vielfaches an Ausschnitten, die wir nicht genommen haben. Auch, wenn uns dabei manchmal das Herz blutete.?

So verzichteten die beiden aufgrund der Materiallage auf die wirklich erzählenswerte Geschichte des Berliner Vereins Tasmania 1900 Berlin. Den Regionalligisten hatte es in der Saison 1965/66 aus politischen Gründen in die Bundesliga verschlagen, nachdem Hertha BSC wegen eines Handgeldskandals aus der höchsten deutschen Spielklasse verbannt worden war. Aus Prestigegründen aber mußste zur Zeit des kalten Krieges ein Verein aus West-Berlin in der Bundesliga präsent sein. Die Entscheidung für Tasmania 1900 Berlin kam so überraschend für die Beteiligten, dass man über Radio Luxemburg die Spieler aus dem Urlaub nach Berlin beorderte. Eine einmalige Geschichte, die mit einer ebenfalls einmaligen Bilanz für den Verein abschloss.

Hüls: ?Die Mannschaft kassierte in dieser Saison 108 Gegentore und gewann insgesamt zwei ihrer Spiele.? Generell mußste die Rechtslage ständig im Auge behalten werden, die mitunter nicht ganz eindeutig war. Allerdings gab es keinen Fall, in dem die beiden Filmemacher auf einen Ausschnitt aus rechtlichen Gründen hätte verzichten müssen. Vielmehr stellte sich Angesicht der Fülle des Materials immer wieder die Frage, ob der ins Auge gefasste Zeitraum ? von 1963 (Start der Bundesliga) bis 1974 (WM-Sieg) nicht zu eng war.

Gieth: ?Wir hätten Material für noch drei Filme gehabt. Und natürlich sind die späteren Jahre nicht weniger interessant.? Schließlich aber entschied man sich doch, bei der ursprünglichen Idee zu bleiben. Gieth: ?In diesem ersten Jahrzehnt des Profifußballs in Deutschland gab es einen großer Wandel im Sport und gravierende Veränderungen bei den Menschen, die damit zu tun hatten.?

Auch für Peter Hüls war die Entwicklung des Fußballs vom lokal und kulturell verwurzelten Sport-Ereignis zum Event der Unterhaltungsindustrie in diesem Jahrzehnt besonders deutlich: ?Uwe Seeler schämte sich fast für seinen Mercedes. In dem Ausschnitt, den wir zeigen, betont er, der Wagen sei sein Handwerkszeug. Fußball und Geld ? das waren noch zwei verschiedene Paar Schuhe. Fußball war Ehrensache, Identität und Chance. Geld kam in diesem Universum erst viel später vor.?

Ende gut, alles gut oder Anpfiff für die 1. Deutsche Fußballrolle Die Struktur des Filmes ist eine assoziative Zeitreise durch das Fußball-Deutschland zwischen 1963 und 1974. Gieth und Hüls gingen nicht nur den Pässen und Torschüssen von Seeler, Müller und Breitner nach, sondern fanden viele aussagekräftige Bilder im weiteren Umfeld des Ballsports. ?Am Anfang des Filmes sehen wir, wie Fußballer ihren Ford Taunus polieren, wenige Jahre später steigen Bundesligaspieler in Pelzmänteln aus ihren Porsches oder Maseratis?, kommentiert Hüls die Entwicklung seiner Helden von den bescheidenen ersten Lizenzspielern, die sich mit Fußball eine Lohntüte dazu verdienten, zu den medienwirksamen Spitzenverdienern wie Beckenbauer oder Netzer. Fußball wurde Kult und die Spieler wurden Stars.

Gieth und Hüls dokumentieren die Legenden und Skandale, die die geteilte Nation damals bewegten und noch heute für jedes Partygespräch gut sind: ?Prägend für die Dekade war vor allem eine sympathische Unbekümmertheit und mitreißende Lebenslust. Unser Material erzählt besondere Momente im großen Lauf der Geschichte.?

dass bei den bisherigen Vorführungen mitunter sogar die Szenen, die sich nicht direkt mit dem runden Leder befassen, am besten ankamen, ist ein eindeutiges Signal für die Kraft der Dokumentation, die soziologisch aufschlussreich und temporeich nostalgisch in eine Ära entführt, die von den Fans noch heute als ?die goldene Zeit des deutschen Fußballs? gefeiert wird.

Der Kinostart oder Nach dem Spiel ist vor dem Spiel Acht Jahre hatten die beiden an ?Gib mich die Kirsche!?- Die 1. Deutsche Fußballrolle? gearbeitet, um jetzt den gerechten Lohn einzufahren. Geschichten und Anekdoten aus den Anfängen der Bundesliga bis zu WM-Gewinn 1974 verbinden sich in diesem 85-Minüter zu einer urkomischen Zeitreise, bei der ein junger Beckenbauer (?Den Trainerberuf schließe ich für mich aus.?) ebenso wenig fehlt wie die grundlegende Bestimmung der Geschlechterrollen (?Die einzige Chance für Jungen , aus dem Ruhrpott herauszukommen, ist der Fußball. Die einzige Chance für Mädchen ist, einen Berufsspieler zu heiraten.?) Nach dem großen Erfolg hoffen Gieth und Hüls nun, dass ihre Fußballrolle einen regulären Kinostart bekommt. Verdient hätten sie?s.? - Holger True, Hamburger Abendblatt

dass gut Ding Weile haben will, hatten Gieth und Hüls bereits bei der jahrelangen Arbeit an ?Gib mich die Kirsche!? erfahren. So waren sie also bestens im Training, als von der fulminanten und ausverkauften Präsentation des Films beim Filmfest Hamburg 2004 bis zum Kinostart noch einmal anderthalb Jahre verstrichen. ?Das Wunderbare ist ja, dass das Material nicht altert, sondern höchstens an historischem Kultpotential zunimmt,? freut sich Oliver Gieth, dessen Hartnäckigkeit primär zuzuschreiben ist, dass der Film nun quasi als cineastische Abrundung des deutschen WM-Programms auf der Leinwand zu sehen ist.

Ein großer Erfolg für dieses als Low-Budget-Film gestartete Projekt, der für die leidenschaftlichen Filmemacher mehr wiegt als ein WM-Sieg und einmal mehr zeigt, was Kreative von Fußballern lernen können. Wie formulierte Bayerns Torhüter Oliver Kahn einmal so prägnant: ?Weiter! Weiter! Immer weiter spielen!? Ein Rat, den Gieth und Hüls befolgten.

Kirsche Deluxe: Prominente Kirschenliebhaber über die 1. Deutsche Fußballrolle Peter Lohmeyer ? Schauspieler (u.a. "Das Wunder von Bern"): Ich habe eine große Vorliebe für Dokumentarfilme über Fußball, denn Fußball ist im Fiction-Kino immer sehr schwer darzustellen. Die Kunst ist, den richtigen Moment zu erwischen. Das gilt auch für Interviews mit Spielern. Bei den legendären TV-Kurzinterviews mit Spielern nach einem Spiel kann man fast immer 90% wegschmeißen. Nur in 10% öffnet sich der Spieler wirklich, erfährt der Zuschauer etwas.

In ?Gib mich die Kirsche!? ist es Oliver Gieth und Peter Hüls gelungen, immer wieder den richtigen Moment zu erwischen. Das Besondere bei ihrem Film: Er erzählt Geschichte. Und er fängt immer wieder Momente aus einem Teil des Landes ein, in dem Fußball immer mehr war als Freizeitgestaltung. Sondern Lebenseinstellung und eine eigene Philosophie.

?Gib mich die Kirsche!? porträtiert auch den Verlust der Unschuld der Bundesliga. Nach dem Skandal 1970/71 war nichts mehr so wie es sein sollte. Indem der Film genauso viel über Fußball wie über deutsches Lebensgefühl in den Jahren zwischen dem Gründungsjahr der Bundesliga 1963 und dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1974 erzählt, verwenden die beiden Filmemacher quasi die Taktik des legendären Stan Libuda: ?Links antäuschen, rechts vorbeigehen?, denn ?Gib mich die Kirsche!? ist weit mehr als eine Sport-Dokumentation.

Benjamin Adrion ? Mittelfeldspieler beim FC St. Pauli Nostalgische Fußballgefühle werden geweckt. Ein fußballhistorischer Rückblick, aufklärend durch den Überblick deutscher Fußballnachkriegsgeschichte, der amüsant wie informativ zugleich ist. Der Film gewährt einen tiefen Einblick in die Welt der Fußballer der letzten vierzig Jahre und zeigt die ersten Schritte des Frauenfußballs bis hin zu kuriosen fußballerischen Highlights. Herrlich!

Übrigens wird hier das Eigentor meines Vaters (damals geschossen beim VFB Stuttgart) auch gezeigt- wir haben es überall gesucht und nie gefunden. Die Macher des Filmes haben neben Fußball-Know-How einen genialen Bogen zur Humorseite des Fußballs gespannt: Volltreffer!

Felix Luz ? Stürmer beim FC St. Pauli Fußballverstand, Rückblicke, amüsante Geschichten ? ein ?mußs? für jeden Fußballfreund! Axel Formeseyn ? Redakteur der Fußballzeitschrift "11 Freunde" ?Gib mich die Kirsche!? ist wie ein geselliger Abend unter echten Fußballfreunden. Jeder erzählt seine liebste Anekdote und der Rest lacht sich unter anderem schlapp über den grobschlächtigen HSV-Rowdy, der mit Zahnlücke und unschuldigem Blick fragt, was denn an hundert Verletzten beim Fußball so schlimm sei, über die Intimitäten aus dem Leben eines Gerd Müllers und die Verdienstmöglichkeiten von DDR-Fußballern.

?Gib mich die Kirsche!? ist einmal mehr der Beweis, dass der Fußball noch die besten Geschichten erzählt. Was man hier an Kuriositäten aus den letzten Jahrzehnten deutscher Fußballgeschichte zu sehen bekommt, könnte man sich gar nicht selber ausdenken. Würde einem doch eh keiner glauben ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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