Flug 93

Produktionsnotizen

Lange vor seinem internationalen Blockbuster ?Die Bourne Verschwörung? profilierte sich Paul Greengrass als Autor und Regisseur gesellschaftskritischer und politischer Themen. Er widmete sich dem Nordirland-Konflikt in ?Omagh? und ?Bloody Sunday? ? wofür er mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde. Von rassistischer Gewalt handelte ?The Murder of Stephen Lawrence?, um Misshandlungen eines britischen Soldaten durch die eigenen Truppen ging es in ?Resurrected?. Nun erzählt Greengrass von jenem Tag, der die Welt für immer veränderte.

Um die Geschehnisse an Bord der Boeing 757 möglichst authentisch wiederzugeben, studierten Greengrass und sein Team nicht nur zahllose Quellen, sondern führten stundenlang Interviews mit den Angehörigen der 40 Passagiere und der Crew, mit Mitgliedern der 9/11-Untersuchungskommission, mit Fluglotsen und mit Militärs und Zivilisten, die an diesem Tag etwas mit dem Geschehen zu tun hatten. Diese Interviews, die Aufzeichnungen der Piloten-Gespräche sowie die veröffentlichten Untersuchungsergebnisse dienten als Basis für den Film. Dargestellt wurden die Figuren von relativ unbekannten Schauspielern, deren improvisierte Dialoge gleichfalls auf Tatsachen beruhen: ?Glaubhafte Wahrheit? lautete das Motto von Regisseur Greengrass.

Chronologisch und in Echtzeit gefilmt, entsteht eine dramatische Studie über die mörderische Kollision von alter und neuer Welt und darüber, wie in dieser extremen Situation ganz normale Menschen über sich hinauswachsen und großen Mut entwickeln. ?Dieser Flug 93 inspiriert unsere Fantasie deswegen so stark, weil wir eben nicht wissen, was an Bord genau passierte?, sagt Greengrass, ?wer denkt an diesen Tag und überlegt dabei nicht, wie er sich selbst in so einer ausweglosen Situation verhalten hätte??

Sorgfältig recherchiert und mit Unterstützung der Angehörigen von Passagieren und Crew, entstand ein Porträt von ganz gewöhnlichen Menschen, die in eine unvorstellbare Situation geraten. Sie werden unwissend zu den ersten Opfern einer neuen Ära des globalen Terrorismus, die an diesem Septembermorgen beginnt. Eine entscheidende Voraussetzung für sein Projekt war für Greengrass die Zustimmung der über 100 Angehörigen und Freunde der 40 Opfer, die bei dem Absturz ums Leben kamen.

?Kino bietet eine große Bandbreite: Filme, die uns ablenken, die uns unterhalten, die uns zum Lachen bringen, die uns in Fantasiewelten entführen oder die Liebe erklären. Aber es gibt auch Filme, die sich mit unserer ganz realen Welt beschäftigen - und in Hollywood besteht eine lange und ehrwürdige Tradition dieser Filme.? Für den Regisseur zeigen die Geschehnisse von Flug 93 einen schockierenden Mikrokosmos dessen, was der ganzen Welt bevorsteht.

?40 ganz gewöhnliche Menschen haben nur 30 Minuten Zeit, die neuen Realitäten zu begreifen und darauf zu reagieren. Während wir alle noch ohnmächtig die Ereignisse im Fernsehen betrachteten, waren diese Leute zum schnellen Handeln gezwungen. Die Menschen an Bord wussten, was vor sich ging und sie standen vor einer schwierigen Entscheidung. Bleiben sie einfach ruhig sitzen und hoffen auf ein gutes Ende? Unternehmen sie etwas? Und wenn, was können sie unternehmen??

Für den Regisseur hat das Verhalten der Passagiere Symbolcharakter: ?Den Entscheidungen, die an Bord getroffen werden mußsten, müssen wir uns bis heute stellen. Unter diesen überaus schwierigen Verhältnissen im Flugzeug mußste eine Gruppe ihren Entschluss fassen und danach handeln. Was sich daraus entwickelte war eine Story von unglaublicher Courage und großer Tapferkeit. Diese Menschen waren sehr, sehr mutig. Zudem handelten sie sehr klug.?

Über das Filmprojekt sagt Allison Vadham, die Tochter von Passagier Kristin White Gould: ?Für uns Angehörige wird das alles nie zu Ende sein. Für das Land und alle, die diese Ereignisse im Fernsehen miterlebt haben, wird diese Sache nie vergessen sein, sondern immer bewegend bleiben. Ein Teil von uns möchte diese Dinge nicht nochmals sehen. Aber ich finde, je mehr Filme es darüber gibt, desto besser. Wir dürfen nicht vergessen. Wir müssen uns erinnern, was da passierte und weshalb es geschah. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass so etwas nie wieder geschieht, wenn wir es nur einfach vergessen.?

Sandy Felt, die ihren Ehemann Edward verloren hat, erklärt: ?Es gibt viele Dinge im Leben, die schwierig sind. Aber man tut sie, weil sie einfach getan werden müssen. Für mich ist mein Engagement für diesen Film so eine Situation. Ich wusste, dass ich dabei sein sollte, ganz egal, was sich dadurch für mich verändern wird. Ich habe mit meiner Story zu dem Film beigetragen und kann auf diese Weise meinen Mann in Erinnerung behalten.?

Kenny Nacke, Bruder der Reisenden Louise J. Nacke, II, ergänzt: ?Ich bin glücklich, dass es diesen Film zum fünften Jahrestag gibt. Ich fände es furchtbar, wenn diese 40 Menschen vergessen würden. Ich habe mir oft überlegt, was Louise in meiner Lage getan hätte. Sie hätte ganz sicher gesagt: ?Diese Menschen haben verdient, dass man sie ehrt und in Erinnerung behält.? Ich bin froh, dass ich meinen Beitrag zu diesem Gedenken leisten konnte. Man mußs diesen Menschen dafür danken, was sie an diesem Tag getan haben.?

Zur Entstehung des Films Lange, bevor Greengrass mit den Angehörigen Kontakt aufnahm, hatte der Autor und Regisseur sich ausgiebig mit dem Ereignis beschäftigt und die Möglichkeit einer Verfilmung überlegt. Nach dem Abschluss von ?Die Bourne Verschwörung? verzögerte sich sein nächstes Studio-Projekt, Greengrass erinnerte sich an seinen ursprünglichen Plan, ?aber ich war nicht sicher, ob es die richtige Zeit dafür war?.

Er diskutierte sein Vorhaben mit dem Produzenten Lloyd Levin: Der Flug United 93 sollte als Fokus dienen, als Prisma, das den Zuschauern einen außergewöhnlichen Blick auf 9/11 erlaubt. Nach dieser Vorgabe schrieb Greengrass ein 21seitiges Treatment, im Sommer 2005 bekam er für sein Projekt grünes Licht.

Ganz bewusst spielt seine Story zwischen den Lotsen, den Passagieren und der Crew. Bereits im Treatment schrieb er: ?Dies ist kein Film mit einer netten Figurenentwicklung. Er versammelt 44 Individuen, die zufällig gemeinsam in einem Flugzeug sitzen. Ihre 90minütige Reise wird in Echtzeit geschildert. Zwischendurch sieht man lediglich die Kontrollzentren, auf deren Bildschirmen der ganze Horror der 9/11-Operation zu sehen ist.?

Im August begann Kate Solomon ihre Arbeit als Verbindungsperson zu den Familien. Sie schrieb den Angehörigen der Opfer einen Brief, der die Absichten des Films erläuterte und um Mithilfe an dem Projekt bat. Nahezu alle Familien sagten ihre Unterstützung zu. Im September und Oktober wurden sieben Wochen lang mehr als 100 Interviews mit den Hinterbliebenen geführt. ?Die Familien wollten durch ihre Mitarbeit ihre Angehörigen ehren?, berichtet Solomon, ?es ist noch immer eine schmerzliche Angelegenheit, aber viele verspürten ganz einfach das Bedürfnis, bei unserem Projekt mitzuwirken.?

Die Hinterbliebenen wurden während der gesamten Produktionszeit auf dem Laufenden gehalten. Sie wurden über die Besetzung informiert, bekamen Fotos von den Schauspielern, und einige Darsteller nahmen Kontakt mit den Familien auf. Solomon verschickte alle zwei Wochen einen Newsletter, der über den Fortgang der Dreharbeiten informierte. Mit Video-Botschaften, die Angehörige in einem eigenen Internet-Bereich abrufen konnten, unterrichtete der Regisseur über den Fortschritt des Projekts. Diese vielfältige Art der Kommunikation führte zu einem intensiven Informationsaustausch zwischen Angehörigen und Filmemachern, ?einige Familien sprechen sogar von ?unserem Film?? ergänzt Salomon.

Für eine zweite Serie von Interviews mit Zeugen und Beteiligten der Geschehnisse wurde der Autor und ehemalige ?60 Minutes II?-Produzent Michael Bronner engagiert, der viele Gespräche mit betroffenen Zivilisten und Militärs führte. Seine detailgenauen Erkenntnisse spielten eine zentrale Rolle für das Drehbuch von Greengrass. Als wichtige Schauplätze dienten der Kontrollturm des Newark International Airport (von wo Flug 93 startete und der eine Vogelperspektive auf Manhattan bietet); die Kontrollzentren von Boston (von wo die entführten Flüge AA11 und AA175 starteten) und von New York; die Kommandozentrale der Federal Aviation Administration in Herndon, Virginia (unter dem Kommando von Ben Sliney, der am 11.9. seinen ersten Arbeitstag in dieser Funktion hatte) sowie die militärische Kommandozentrale Northeast Air Defense Sector (NEADS) im nördlichen New York.

Bronner recherchierte zudem viele weitere Fakten, angefangen von Informationen über die Entführer bis über alle Flugzeuge, die an diesem Morgen in der Luft waren. Wertvolle Informationen fanden sich im Bericht der offiziellen 9/11-Kommission, Mitglieder dieser Kommission waren als Berater tätig und bei den Dreharbeiten anwesend.

Greengrass erklärt: ?Wir versammelten für diesen Film ein außergewöhnlich großes Spektrum von Menschen, die ein starkes Interesse an einer möglichst authentischen Darstellung hatte: Crews von United Airlines; Piloten; Hinterbliebene der Opfer, die uns berichteten, wie sich ihre Angehörigen in bestimmten Situationen verhalten haben; Fluglotsen; Militärs und die 9/11-Kommission. Auf dieser Basis von Informationen konnten wir die Ereignisse von damals rekonstruieren.?

Über die Besetzung Das Casting fand vor allem in New York City statt. Gesucht wurden nicht nur Darsteller, die den tatsächlichen Personen an Bord ähnlich sahen, sondern auch Schauspieler, deren Flugerfahrungen nützlich für die Rolle sein konnten. Schon bei der ersten Vorstellung lernten die Kandidaten den ungewöhnlichen Stil von Greengrass kennen. Es gab keinen Probetext und die Vorstellung fand nicht einzeln, sondern in der Gruppe statt. Die Bewerber bekamen lediglich die Information, dass der Film vom Flug United 93 handeln würde. Die Stühle wurden in Reihen aufgestellt wie im Flugzeug, dann sollte die Gruppe improvisierend auf verschiedene Situationen wie Einstieg oder Entführung reagieren.

Schauspieler David Rasch, der den Passagier Donald Freeman Greene spielt, erinnert sich: ?Der Besetzungsprozess war sehr geheimnisvoll. Man sagte uns nur, dass es um einen Film über den Flug der United 93 ging. Es war interessant zu erleben, durch welche Stadien von Hysterie die Leute gingen.? Über das Casting und die Dreharbeiten erzählt Rasch: ?Paul hat mehr Mut, sich in völlig unbekannte Gebiete zu wagen als jeder andere Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe. Das Schwierigste für mich war es, die unterschiedlichen Vorstellungen von Wirklichkeit unter einen Hut zu bekommen. Paul hatte seine Version von dem, was passierte. Ich hatte meine eigene Version davon. Was tatsächlich passierte, weiß natürlich niemand ganz genau. Das machte die Arbeit zu einer faszinierenden Herausforderung.?

Zum Greengrass-Konzept einer ?glaubhaften Wahrheit? gehörte, dass die professionellen Abläufe im Flugzeug bis in die Details authentisch dargestellt werden. Deswegen wurden echte Crew-Mitglieder als Darsteller engagiert. Für die Rolle des Captain Jason Dahl verpflichtete man den Berufspiloten J.J. Johnson, der seit vielen Jahren für United Airlines fliegt. Für seinen Kinoausflug nahm er fünf Wochen Urlaub, ?meine Firma hat mich sehr unterstützt?, sagt der Captain.

Die Rolle des ersten Offiziers LeRoy Homer wird von Gary Commock gespielt, der seit über zehn Jahren als Berufspilot tätig ist. Im ganz normalen Dienst flogen die beiden Piloten eine 747-Passagiermaschine der United nach London ? und gingen vom Flugplatz direkt ins Filmstudio. Auch die beiden Stewardessen Sandra Bradshaw und Lorraine G. Bay von United 93 werden im Film von den realen Flugbegleiterinnen Trish Gates und Nancy McDoniel dargestellt.

Andere Rollen werden gleichfalls von realen Profis darstellt, von denen einige am 11.September Dienst hatten. Zu ihnen gehören unter anderem der Fluglotse von Boston, Thomas ?Tommy? Roberts; der Militärexperte Colin Scoggins; der NEADS-Major James Fox und Sergeant Jeremy Powell, die vor der Kamera jene Aktionen wiederholten, die sie vor fünf Jahren in der Realität ausführten.

Ben Sliney von der Flugsicherungsbehörde FAA war ursprünglich als Berater für den Film vorgesehen. Seine fast 30jährige Erfahrung im Bereich der Luftsicherheit sowie seine Erlebnisse am 11. September als Verantwortlicher im Kontrollzentrum in Herndon machten ihn zu einem wertvollen Ratgeber für den Film. Für die Szene im Kontrollraum von New York stand er zunächst als Lotse vor der Kamera. Dann wurde er für eine zweite Rolle engagiert: Der echte Ben Sliney spielte den Ben Sliney im Film.

Das FAA-Center in Herndon ist eine einzigartige Einrichtung, die nicht direkt mit den Flugzeugen kommuniziert, sondern die Kontrolle über die mehr als 20 regionalen Flugaufsichtsbehörden der USA ausübt. Am Morgen des 11.September oblag es Sliney dafür zu sorgen, dass rund 4.500 Flugzeuge in kürzester Zeit ihren Flug abbrechen und schnellstmöglich landen mußsten, denn man ging davon aus, dass bis zu elf weitere Flugzeuge entführt worden sein könnten. Die aufwändige Aktion verlief reibungslos ? und das ausgerechnet am ersten Arbeitstag von Sliney.

Über seine Filmerfahrungen sagt Sliney: ?Was ich Paul liefern sollte, war ein stimmiger Ablauf ? der natürlich für den Film überhöht wurde. Die Entwicklung der Geschehnisse entspricht jedoch genau den Tatsachen, für die der Bericht der 9/11-Kommission als Basis diente. Für mich handelt die Story von ganz gewöhnlichen Menschen, die in eine außergewöhnliche Situation geraten, die sie nur durch einen Akt der Selbstopferung lösen können.?

Entscheidend für die Rekonstruktion der Geschehnisse war es, ein passendes Flugzeug zu finden. Die Ausstatter fanden eine 20 Jahre alte, ausgemusterte Boeing 757, die in die Londoner Pinewood Studios geschafft wurde. Mit Hilfe der 9600 Seiten starken Gebrauchsanweisung wurde die Maschine von den Ausstattern originalgetreu wiederhergestellt. Segmente wie Cockpit, First Class- und Economy-Kabinen wurden getrennt gebaut, je nach Bedarf konnten damit unterschiedliche Flugbewegungen simuliert werden. Die detailgenaue Ausstattung der Kabine stimmt von den Teppichen über die Monitore bis zu den Zeitschriften. So entstand jene fünf Jahre alte Boeing 757, die am 11.September in Newark startete und später in einem Waldstück in Somerset County, Pennyslvania, nahe der Stadt Shenksville, abstürzte.

Über die Recherche Die Filmemacher entschieden sich ganz bewusst dafür, den Film in den britischen Pinewood-Studios zu drehen. Die Schauspieler sollten für dieses emotionsgeladene Projekt Abstand zu ihrer eigenen Kultur bekommen ? ganz so wie eine Jury, die sich bei ihrer Entscheidung von der Außenwelt abschottet. Zu Beginn der Dreharbeiten bekam jeder Darsteller ein Dossier über die Figur, die er spielt. Darin fanden sich Fotos, Informationen über die Familien sowie über ganz praktische Dinge, etwa wie jemand zum Flugplatz kam oder welche Kleidung er trug. Einige Schauspieler nahmen für die Vorbereitung Kontakt mit den Angehörigen auf, andere verließen sich allein auf diese Dossiers.

Schauspieler und Angehörige waren sich gleichermaßen im klaren darüber, wie schwierig es sein würde, eine Person darzustellen, die sich in einer ausweglosen Situation befindet und nicht mehr lange zu leben hat. Lorna Dallas, die die Reisende Linda Gronlund spielt, führte mehrere Telefongespräche mit Lindas Schwester Elsa. Bei einem späteren Treffen wurde sie von der Mutter als ?neue Tochter? willkommen geheißen. Auch mit Elsa entwickelte sich ein persönliches Verhältnis. ?Sie gab mir ein Gefühl der Nähe?, berichtet Dallas, ?für mich war es, als würde ich mit einer wirklichen Schwester telefonieren. Wir lachten und weinten am Telefon. Sie wollte etwas von meinem Leben erfahren. Und sie erzählte mir sehr viel von Linda.?

Auch von ihrem letzten Gespräch mit Linda erzählte Elsa der Schauspielerin: ?Es war sehr beeindruckend zu erfahren, mit welcher Stärke sie dieses letzte Gespräch führte. Sie sagte Elsa genau, was ihr letzter Wille war. Und sie verabschiedete sich mit den Worten ?I love you?. An diese mutige Frau werde ich mich mein Leben lang erinnern.? Peter Hermann, der den Passagier Jeremy Glick spielt, erzählt: ?Es ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis, wenn eine Familie, die den wichtigsten Menschen auf diesem Flug verloren hat, sagt: ?Sie können meinen Ehemann spielen?. Es hat sehr geholfen, dass wir Schauspieler während der Dreharbeiten meist isoliert waren. Der Abstand zu Amerika war bei dieser Rolle ein großer Vorteil für mich.?

Für Cheyenne Jackson, der den Passagier Mark Bingham spielt, war die Rolle eine große Verantwortung und Herausforderung. Er erzählt: ?Man gab uns sehr früh die Möglichkeit, mit den Familien Kontakt aufzunehmen. Ich habe lange gezögert und war mir unklar, ob ich das tun sollte. Schließlich habe ich der Mutter von Mark doch eine E-Mail geschickt, aus der sich ein wundervoller Kontakt entwickelte. Diese Idee, den Charakter eines fremden Menschen zu erkunden, war überaus faszinierend.?

Christian Clemenson, der den Passagier Thomas E. Burnett, Jr., spielt, sagt über seine Erfahrungen mit den Telefongesprächen: ?Als ich die Abschriften der Telefonate und die Erinnerungsprotokolle gelesen habe, fiel mir die Ruhe der Beteiligten auf. Das hat mich sehr verwundert. Tolstoi sagte einmal, Kunst mußs keine Antworten geben aber die Fragen klar stellen ? genau das erfüllt dieser Film für mich.?

Die Dreharbeiten in den Pinewood-Studios begannen für die Passagiere und die Crew mit zweiwöchigen Proben. Die Darsteller sollten ein Gefühl für die Gruppe, für die Örtlichkeiten und die Zeitabläufe bekommen. Immer wieder wurde in das Flugzeug-Modell eingestiegen, wurden mit Improvisationen die Interaktionen zwischen Entführern, Passagieren und Crew nachgespielt. Um allen ein Gespür für die genauen Abläufe zu vermitteln, wurden regelmäßig die Uhrzeiten durchgesagt ? nach zwei Wochen hatte sich das Greengrass-Konzept der ?glaubhaften Wahrheit? etabliert.

?Unsere Improvisationen basieren auf den bekannten Fakten?, erläutert der Regisseur, ?ständig diskutierten wir darüber, wie plausibel bestimmte Dinge wären. Wie würde eine Gruppe junger Männer in solch einer Situation reagiert haben? Wie würden sich die älteren Passagiere verhalten? Was würden die Flugbegleiter tun? Diese Fragen beschäftigten uns ständig und wir suchten mit einem improvisierenden Stil nach plausiblen Antworten.?

Olivia Thirlby, die die Reisende Nicole Carol Miller spielt, erläutert: ?Mit Improvisationen zu arbeiten war für dieses Projekt optimal. Keiner kann wissen, was sich tatsächlich an Bord abgespielt hat. Ein fertiges Drehbuch hätte nie realistisch gewirkt. Bei diesem heiklen Thema mußs alles möglichst wahrhaftig wirken ? sonst hätte das ganze Projekt keinen Sinn.?

Susan Blommaert, die die Reisende Jane Folger spielt, ergänzt: ?Für mich ist Paul ein Anti-Sensationalist und ein Anti-Sentimentalist. Unsere Vorgabe war immer, ein möglichst wahrhaftiges Abbild von dem zu geben, was an Bord passierte. Diese Philosophie war für uns alle eine große Inspiration, nur auf diese Weise ist ein Film wie dieser gerechtfertigt.? Marceline Hugot, die die Reisende Georgine Rose Corrigan spielt, erläutert: ?Paul wollte vor allem, dass wir unseren Figuren mit tiefem Respekt begegneten. Es war eine Art Heirat zwischen Schauspieler und einem Menschen, der gelebt hat. Ich wollte die Figur zum einen für mich zum Leben erwecken ? aber vor allem für die Angehörigen.?

Für Greengrass war wichtig, bei den Proben eine Atmosphäre von Wahrhaftigkeit zu schaffen. Weil der Konflikt an Bord eine tödliche ?wir oder sie?-Entscheidung war, wurden die vier britischen Darsteller der Entführung von den anderen Schauspielern getrennt und so spät wie möglich in die Kulissen gebracht. Auch diese Darsteller wurden mit reichlich Fakten über ihre Figuren versorgt, darunter die schriftlichen Instruktionen des Anschlag-Planers Mohamed Atta. Zudem absolvierten die vier ein intensives Körpertraining bei einem Kampfsportler.

Während der gesamten Vorbereitung und den Proben entwickelte Greengrass ein ?shooting script? mit geplanten Szenen und Actionsequenzen. Auch die Gespräche zwischen Lotsen und Piloten waren darin enthalten. Bei den Dreharbeiten bekamen die Schauspieler lediglich die Schlüssel-Dialoge ? alles andere sollte durch Improvisation entstehen.

Über die Dreharbeiten Die Dreharbeiten von ?Flug 93? begannen Mitte November mit den Szenen des Einstiegs in das Flugzeug. Zwei Kameraleute, der Tonmann und der Regieassistent befanden sich im Inneren der Kabine und kommunizierten über Mikros und Kopfhörer mit dem Regisseur. Als nächstes entstanden die Sequenzen in der Economy- und der First Class-Kabine. Für die turbulenten Szenen am Ende, bei denen es um die Kontrolle über das Flugzeug geht, wurde das Cockpit auf eine hydraulische Drehbühne gebaut, die von den Effektspezialisten gesteuert werden konnte.

Für die realistische Darstellung der Absturzsequenzen am Ende wurde die First Class-Kabine auf eine bewegliche Bühne gestellt, die um 180 Grad gedreht werden konnte. Um die Verletzungsgefahr zu vermeiden, wurden alle harten Gegenstände der Kabine durch weichen Kunststoff ersetzt. Ursprünglich sollten Stuntmen bei diesen Sequenzen zum Einsatz kommen, doch die Schauspieler wollten die Szenen selbst spielen ? was dank zusätzlicher Polster in der Kleidung möglich wurde. ?Das letzte Bild verfolgt mich?, berichtet Greengrass, ?es zeigt den Kampf um ein vollbetanktes Flugzeug zwischen einer Bande religiös fanatischer Selbstmordattentäter und einer Gruppe Unschuldiger, die zufällig in diese Lage geraten sind. Auf gewisse Weise ist dieses Bild symbolisch für den Kampf in unserer heutigen Welt.?

Kate Jennings Grant, die die Reisende Lauren Catuzzi Grandcolas spielt, sagt über den Kampf zwischen Entführern und Entführten: ?Es hat mich überrascht, dass wir als Schauspieler, die den ganzen Ablauf natürlich kannten, uns dennoch teilweise wie die Passagiere fühlten. Es gab dieses starke, menschliche Bedürfnis nach Hoffnung. Man kämpft, weil das Leben etwas ganz besonderes und wertvolles ist. Es gab Momente, in denen ich körperlich erschöpft im Gang stand. Dann dachte ich an Lauren, wie sie wohl an ihre Familie und Freunde dachte ? das hat mir neue Energie gegeben.?

Die Dreharbeiten in den Kontrollzentren und im Tower fanden nach dem gleichen Prinzip wie im Flugzeug statt. Auf Basis der bekannten Fakten wurde improvisiert, dabei war ständig der genaue Zeitablauf im Blick. Wenn die Kamera auf einen Bildschirm oder einen einzelnen Schauspieler gerichtet war, agierten alle Darsteller ganz normal weiter, auch wenn sie gar nicht mehr im Bild waren.

Bisweilen vermischte sich die Welt des Films mit der Wirklichkeit, was zu überwältigenden Eindrücken bei den Betroffenen führte. Der Dienstplan der echten United-Flugbegleiterin Trish Gates wurde zwei Tage vor dem 11. September geändert. Ursprünglich sollte sie auf der Strecke Newark/Los Angeles arbeiten, doch dann war sie in Portland fünf Tage am Boden. Sie erinnerte sich an ein Poster, das die getöteten Crew-Mitglieder des 11. September zeigt, insbesondere an das Gesicht von Sandra Bradshaw, deren Figur sie spielt. ?In den ersten zwei Wochen der Proben war ich damit beschäftigt, dass alles realistisch wirkt und die anderen Schauspieler die richtigen Dinge tun?, berichtet Gates, ?erst am ersten Drehtag spürte ich diese Verantwortung, dass ich eine reale Person spielen würde. Vor jeder Szene schaute ich mir Sandras Familienfoto an und dachte an ihre Kinder ? dass das jüngste gar keine Erinnerung an sie hat, brach mir das Herz.?

Diese Verschmelzung von Wirklichkeiten faszinierte Paul Greengrass an diesem Projekt. Abschließend sagt der Regisseur: ?Ich hoffe, die Zuschauer spüren, dass dieser Film auf ernsthafte Weise von ernsthaften Leuten gemacht wurde, die die schwierige Aufgabe unternahmen, ein sehr schmerzhaftes Ereignis darzustellen. Wir wollten die Dinge auf würdevolle Weise zeigen und mit einer glaubhaften Wahrheit präsentieren. Wenn uns das gelungen ist, haben wir unser höchstes Ziel erreicht. Ganz unabhängig von der politischen Überzeugung wird jeder zustimmen, dass dieser 11.September die Welt verändert hat. Wir wurden gezwungen, uns über den Lauf der Welt Gedanken zu machen und Entscheidungen zu treffen. Es ist die Aufgabe eines Filmes, beim Verständnis von Dingen behilflich zu sein. Aber zugleich soll das Kino uns auch zum Herzen menschlicher Geschichten führen.?

Über das National Memorial Am 24. September 2002 verabschiedete der US-Kongress den ?Flight 93 National Memorial Act?. Damit wurde ein Nationalpark beschlossen, der ?an die Passagiere und die Crew von Flug 93 erinnern soll, die am 11. September 2001 mutig ihr Leben opferten und damit einen geplanten Anschlag auf die Hauptstadt verhinderten.? Die Gedenkstätte befindet sich in Shanksville, Pennsylvania, wo Flug United 93 am 11. September 2001 abstürzte.

Auf dem über 900 Hektar großen Gelände wird mit verschiedenen Exponaten an die Ereignisse erinnert. Für die Gestaltung fand ein internationaler Wettbewerb statt, bei dem über 1.000 Vorschläge von Fachleuten und Laien eingereicht wurden. Betreut wird der Park vom National Park Service. Für das eigentliche Flight 93 National Memorial bekam die Firma Paul Murdoch Architects aus Los Angeles den Zuschlag. Eine Jury aus Familienmitgliedern, Einheimischen und Fachleuten entschied sich für dieses Konzept, weil es den Intentionen der Gedenkstätte am nächsten kommt. Diese Intentionen entwickelten sich durch öffentliche Befragungen sowie lange Diskussionen zwischen Angehörigen, Bewohnern und Fachleuten des National Park Service.

Die selbstgestellte Aufgabe des Flight 93 National Memorial lautet: ?Gestern ein gewöhnliches Waldstück. Heute ein Feld der Ehre für alle Zeiten. Mögen sich alle Besucher daran erinnern, mit welch gemeinschaftlichem Mut und welch großer Opferbereitschaft sich Passagiere und Crew verhalten haben. Möge dieser Ort zur letzten Ruhestätte unserer Helden werden und daran erinnern, welche Macht ein Einzelner hat, der etwas verändern möchte.? Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten unter: www.honorflight93.org

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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