Die Träume Neapels

Ausführlicher Inhalt

Das Lottoannahmegeschäft der Schwestern Angela und Maria liegt in einem armen Quartier in der Altstadt Neapels. Ihre Kundschaft, für die das Leben wenig Hoffnung auf ein besseres Schicksal parat hält, vertraut darauf, dass für sie mithilfe der Lotterie auf einen Schlag alles besser werden könnte. In Italien, dem Geburtsland des Lottospiels, wird davon ausgegangen, dass das Glück mit System herbeigeführt werden kann: Auf der Grundlage des Grimas-Buchs können Träumen oder realen Ereignissen im Leben der Menschen bestimmte Zahlen zugeordnet werden.

Und mit diesem Buch kennen Angela und Maria sich aus ? schon ihre Vorfahren, die das Geschäft seit mehr als 100 Jahren führten, haben diese spezielle Form der Numerologie dazu verwendet, um die persönlichen Geschichten ihrer Kunden in Zahlen und Zahlenreihen umzuwandeln. Was bedeutet es, wenn eine Frau träumt, ihr Vater sei barfuss in eine Wanne mit Wasser getreten? Die Lösung ist: 81 für das Verhältnis Vater-Tochter, 53 für den bloßen Fuß, 39 für Wasser und 4 für die Wanne.

Jetzt mußs die Kundin noch einen Hinweis darauf bekommen, ob dieser Traum ihr Glück oder Pech bringt, dann setzt sie in der ricevitoria zwei Euro auf die vier Zahlen. Nicht immer ist diese Aktion so einfach: manche Kunden träumen angeblich von dreibeinigen Hühnern oder hinkenden Küchenschaben, wofür es selbst im Grimas-Buch keine Entsprechung gibt. Da ist dann Kreativität gefragt: mit welchen Gefühlen war der Traum verbunden? (Lachen ist 19, Angst ist 90).

Um das mögliche, ziehbare Glück enger mit dem persönlichen Schicksal zu verbinden, spielen viele Neapolitaner mit Zahlen, die schon ihre Eltern gesetzt haben. So werden gleichzeitig tragische Vorfälle als Ausgangspunkte des Glückspiels genutzt, gleichzeitig aber auch die Erinnerung an verlorene Familienmitglieder wach gehalten. Ab und zu kommen den Schwestern des Lottoladens, die mittlerweile zum eigenen Schutz hinter einer Panzerglasscheibe sitzen, die Motive ihrer Kunden doch etwas unmoralisch vor.

Angehörige eines ermordeten Mannes spiele die Zahlen der Rache, eine Streikgruppe der Gewerkschaft nutzt die Besetzung einer Lottozentrale, um mal groß in die Schlagzeilen zu kommen, und auch die Zahlen der Heiligen werden weniger aus Frömmigkeit gesetzt, sondern weil man ganz profan auf einen großen Gewinn hofft.

Doch der Film, der die Institution des Ladens und seiner beiden Inhaberinnen als Umschlagplatz von intimen Lebensdetails in Zahlenmagie porträtiert, entdeckt in diesem Mikrokosmos neapolitanischen Alltags auch anrührende Geschichten: etwa die einer älteren Frau, die 4 Kinder an die Drogensucht verloren hat (auch das ist Teil der Realität der Stadt) und die außerdem mit ansehen mußste, wie eine weitere Tochter durch Nachlässigkeit der Ärzte bei der Geburt ihres Kindes verstorben ist. Diese Frau setzt seit Jahren die Geburtstage ihrer toten Kinder ? sie hat damit nie etwas gewonnen, wie sie erzählt, aber so kann sie sich ihnen immer noch nah fühlen.

Für den langsam erblindenden Historiker, der den Alltag Neapels erst von seinem Balkon aus beobachtet und später wissenschaftlich erforscht hat, hängt das Lottospielen mit jahrhundertealten Formen der Numerologie zusammen, ähnlich der Zahlenmystik des Pythagoras oder der Kabbala. Schon immer haben, wie er weiß, die Armen damit versucht, ihr Leben zu interpretieren, um sich dem Schicksal nicht gänzlich ausgeliefert zu fühlen.

Anna Bucchettis Film lässt sich ganz auf diese eigene, Außenstehenden völlig fremde kleine Welt diesseits und jenseits der Glasscheibe im Lottoladen ein, zeigt auch in den schwarzweißen, gleichzeitig mythischen und vitalen Bildern von einer Stadt, dass hier alles aus Zahlen und dem Spiel damit besteht: bei den Männern, die auf den Straßen Karten spielen genauso wie bei den Frauen, für die die Transsexuelle Patrizia für ganze Nachmittage ihre Wohnung ausräumt, um mit ihnen Bingo zu veranstalten ? ihr Lebenserwerb, den sie kreativ dazu nutzt, neue, obszöne Bedeutungen für die zufällig gezogenen Zahlen zu erfinden.

?Neapel ist eine wunderbare Stadt aus Zahlen?, behauptet ein Lottospieler. Einige Zahlen seien offensichtlich, andere entstünden durch Phantasie. Reich werde man dadurch zwar nicht ? aber die Hoffnung lässt einen nachts ruhig schlafen. DIE TRÄUME NEAPELS folgt beidem ? der Phantasie und der manchmal beunruhigenden Realität der Stadt. Ihren Bewohnern wird dieses liebevolle Porträt damit jedenfalls gerecht: ihre Vitalität bestimmt das Tempo des Films. In Neapel kann man nicht einfach warten, dass im Leben was passiert ? wie ein weiterer Protagonist im Film sagt: ?Man mußs immer sein Glück suchen!?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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