Tarnation

Produktionsnotizen

Die Entwicklung eines Filmemachers Fast 20 Jahre nach seinen ersten Filmaufzeichnungen fing Caouette an, mit einer Schnitt-Software an seinem Kurzfilm The Hospital zu arbeiten. Das Programm war auf dem Computer seines Freundes installiert und war "so einfach wie Fahrrad fahren zu erlernen", wie Caouette sagt. Während er sich am ersten Schnitt versuchte, hatte Caouette noch nicht die Absicht, einen Dokumentarfilm über sich und seine Familie zu machen. Aber begeistert von der Schnittsoftware und gedrängt von dem Wunsch, seine Geschichte zu erzählen begann Caouette in einer Art Experiment, sein archiviertes Video- und Audio-Material lose zusammenzustellen.

Für ein Casting zu John Cameron Mitchells neuem Film nutze Caouette auch Teile dieses Rohschnitts. Mitchell war beeindruckt und ermunterte Caouette, seinen Film zu beenden. Kurz danach erfuhr Caouette, dass seine Mutter Renee durch eine Lithium-Überdosis einen Gehirnschaden erlitten hatte. Caouette kehrte mit der Absicht nach Houston zurück, seine Mutter zu ihm nach New York zu holen. Wieder zu Hause wollte er sich mit Hilfe seiner Kamera und seines Heimschnittplatzes dem Erbe seiner Vergangenheit stellen. Cauette fing an, wie wild zu arbeiteten und das Konzept um neues Material und einen Erzählstrang zu erweitern.

Caouette schnitt Tarnation wie in einem Bewusstseinstrom. Willkürlich sichtete er vermeintlich interessantes Material, importierte es und begann zu schneiden. Nichts von seinem gedrehten Material war beschriftet oder verschlagwortet. "Ich sah mir "Found Footage" an und dachte, das ist von 1983, da hab ich doch das und das gemacht. Gibt es nicht aus der Zeit irgendwo noch Aufnahmen auf VHS?", erzählt Caouette. Zu dem Material, das er hinzufügte, gehörten Filmausschnitte, Pop Songs und Szenen aus der Kinderserie "Zoom".

Er zog eine CD aus dem Regal und fügte ein Lieblingslied ein. Er fing außerdem an, den Film um seine Persönlichkeitsstörung herum zu strukturieren, um die Realität so unzuverlässig und konfliktbehaftet zu zeigen, wie sie sich ihm darstellte. Für Caouette war der Film "ein neuer Blick auf den Dokumentarfilm, als ob er meinen Gedankenprozess imitieren würde, weshalb das Publikum sehen kann, was in meinem Kopf vor sich ging."

Daraus ist Tarnation mit einem Gesamtbudget von lediglich 218,32 $ entstanden. Der Einsendeschluss des MIX-Filmfests war die Motivation für einen dreiwöchigen Schnitt-Marathon. Was als Spaziergang entlang des Erinnerungspfades begann, entwickelte sich schnell zu einem zweieinhalbstündigen Rohschnitt, der den Widerhall einer monumentalen Dokumentation hatte. Diese Schnittfassung untersuchte nicht nur Caouettes Geschichte, sondern war auch ein Tribut an seine Mutter Renee.

John Cameron Mitchell war davon angetan: "Ich war ziemlich bewegt von dem unerschütterlichen Band der Liebe zwischen Jonathan und seiner Mutter. Es hatte sie beide am Leben erhalten." Für Mitchell war der Film eine faszinierende Mischung aus Dokumentation, Erinnerung und Gedanken-Gewebe, einer der originellsten und bewegendsten Filme seit Jahren. Mitchell stieg als Herstellungsleiter ein und schickte das Band an den Regisseur Gus Van Sant, der von dem Film "als brillantes und verheerendes autobiographisches Dokumentarportrait" begeistert war und sofort als Herstellungsleiter einstieg.

Gegen Ende 2003 wurde Caouette informiert, dass Tarnation für das Sundance Film Festival ausgewählt war, nachdem die Auswahlkommission den Rohschnitt quasi in letzter Minute gesichtet hatte. Tarnation wurde in der Reihe "Frontier Program" gezeigt, das experimentelle Filmemacher, die die Grenzen der kinematographischen Möglichkeiten aufbrechen, präsentiert.

Das neue Gesicht des Dokumentarfilms In Tarnation rekonstruiert Caouette seine Familiengeschichte mit hauptsächlich existierendem home-video-Material. Im Kontext des Films gewinnt dieses traditionellerweise archivierende und sentimentale Material eine neue Bestimmung in sich selbst, therapeutisch sowohl für den Betrachter als auch für den Filmemacher.

Herstellungsleiter Gus Van Sant sagt dazu: "Es gibt nicht mehr home videos, sondern Videos von zu Hause." Tarnation untersucht und verbindet auf neue Weise bereits existierendes Archivmaterial, um zu einer größeren Wahrheit über die Natur und die Dynamik der amerikanischen Familieneinheit zu gelangen. Durch das Prisma von Zeit und Distanz, wird der Schmerz und das Leiden der Vergangenheit zu einer Katharsis für den Filmemacher und das Publikum. Es ist eine kinematographische Erinnerung, die sowohl privat als auch öffentlich ist: die kollektive Erfahrung einer Generation, die durch den günstigen Zugang zu Videokameras, Kassetten und Abspielgeräten verändert wurde. Tarnation deutet eine neue Ära für Filme, Filmemacher und das Publikum an ? eine Revolution im audiovisuellen Beichtstuhl.

Anmerkungen des Regisseurs Ich bin in Houston, Texas geboren und hauptsächlich bei meinen Großeltern aufgewachsen. Meine Mutter wurde in über 20 Krankenhäusern mit Elektroschocks gegen ihre mentale Erkrankung behandelt. Ich wuchs daher anfangs auch in Heimen auf. Filmemachen wurde für mich zu einer Art Trennung und Flucht. Mit der Kamera konnte ich als Kind das Leben ertragen. Ich benutzte sie wie eine Waffe, ein Schutzschild und um zu erspüren, wie ich mich fühlte. Zu Filmen war eine Art Selbstgespräch. Mit acht Jahren spielten andere Kinder draußen Fußball, ich schrieb drinnen im Haus an einer Rock-Oper oder am Storyboard eines Films, den ich gesehen hatte. Meine Idee von Freizeitunterhaltung war, meiner Oma die Kamera ins Gesicht zu halten und sie nach dem Leben zu befragen.

Tarnation ist ein Film über Jugend, Kunst, Musik, Sexualität, Geisteserkrankung, Amerika und das Überleben. Er ist aber auch ein Liebesbrief an meine Mutter Renee. Alles in Tarnation entspricht der Wahrheit. Bei meiner Mutter wurde eine akute bipolare Funktionsstörung und Schizophrenie diagnostiziert und sie ist die Überlebende von teilweise sehr primitiven Psychologischen Einrichtungen im Texas der 1960er und 1970er Jahre. Ich selber habe eine Persönlichkeitsstörung, die mein Realitätsempfinden beeinflusst, z.B. habe ich den Eindruck, vom Körper getrennt zu sein. Es gibt keine wirklich Heilung für diese Störung, also habe ich gelernt, damit zu leben.

Tarnation habe ich so geschnitten, dass der Film meine Gedankenprozesse nachahmt, so dass das Publikum ebenso den Eindruck hat, in einem Traum zu sein. Das kann furchteinflößend und intensiv sein, aber auch herrlich und wirklich schön. Tarnation ist in dem Sinn ein Dokumentarfilm, da er die Wahrheit erzählt, aber es ist auch ein Happening, eine Begegnung, eine Möglichkeit, mich kennen zu lernen, und für mich eine Möglichkeit, dem Publikum zu begegnen.

Ich glaube, dass Tarnation der erste auf einer Festivalleinwand gezeigte vollständig mit Apples iMovie geschnittene, animierte und gemischte Film ist. Das war eine ziemliche Herausforderung. Mein Freund hatte einen Apple geschenkt bekommen und ich brachte mir nachts das iMovie Programm bei. Tagsüber war ich Türsteher eines Juwelierladens an der 5th Avenue in Manhattan. Ich hoffe, sie stellen mich wieder ein ? sie hatten einen guten Gesundheitsplan.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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