Il Palio - Das Rennen von Siena

Ausführlicher Inhalt

Ein wenig mehr als eine Minute und alles ist vorbei. Nur so lange dauert das Rennen um den Palio von Siena für die Reiter, die Pferde und die leidenschaftlichen Anhänger der einzelnen Contraden, d.h. der Stadtviertel, die im jeweiligen Jahr am Spektakel teilnehmen dürfen, bis die Fahne der Sieger von den Fenstern des Rathauses weht und die Verlierer sich gedanklich schon mit den Vorbereitungen für das Rennen im nächsten Jahr beschäftigen können.

Was vor dieser erlösenden Minute des Rennens geschieht, in der die Menschen ihren aufgestauten Leidenschaften freien Lauf lassen, schreien und gestikulieren, wie es sonst wohl undenkbar wäre, erzählt der Film von John Appel. Er begleitet die Vertreter Civittas, des kleinsten der Stadtviertel Sienas, die die Ehre haben, einen Fantino (Jockey) ins Rennen zu schicken, das ganze Jahr über bis zum Ausgang des Rennens und damit der dramatischen Klärung der Frage, ob der Palio nach 24 langen Jahren wieder die Würde und Ehre der Civittaner repräsentieren kann.

Der Tag des Rennens selbst ist äußerst eindrucksvoll. Nachdem Sunto, die große Glocke des Torre del Mangia, das bevorstehende Ereignis angekündigt hat, folgen eine heilige Messe für die Reiter, die vom Erzbischof von Siena zelebriert wird, danach das Aufwärmen der Pferde, die offizielle Nennung der Teilnehmer im Rathaus, bei der auch noch einmal die Regeln des Rennens verlesen werden, die dort ohnehin jeder kennt.

Schließlich die Prozession der Contraden - ein farbenprächtiges Spektakel, an dessen Ende der Palio, das Banner, das die siegreiche Contrada schließlich mit in ihr Viertel nehmen darf, auf einem von vier Ochsen gezogenem Wagen durch die Stadt gezogen wird. Über den Ausgang des Rennens werden wie in Italien bei derartigen Anlässen üblich Wetten abgeschlossen, geheime Pakte ausgehandelt, Flüche und Verwünschungen ausgesprochen.

Was sich alles in der Welt der Senesen mit dem Erringen der Trophäe verbin-det, spürt die Dokumentation in Interviews mit Mitgliedern des Civetta-?Clans? (vom 92jährigen Egidio bis zum 21jährigen Paolo, der das Rennpferd pflegen darf) nach, und es zeigt sich, dass sich die Bedeutung des außergewöhnlichen Geschehens keineswegs nur auf das sportliche Ereignis bezieht: Die von Geburt an außerordentliche Bindung der Senesen an ihre Contrada, die traditionellen, historisch nicht nachvollziehbaren Verfeindungen der Contraden untereinander, die Identifikation mit den ?fremden? d.h. nur gemieteten Pferden und Jockeys, die man ausgewählt hat, die Ehre des Stadtviertels zu repräsentieren, sind nur einige der vielen Aspekte senesischer Tradition und Kultur, die mit dem Pferderennen verbunden sind.

Auch die katholische Kirche nimmt wesentlichen Anteil am Palio: das Segnen der Pferde wird in der jeweiligen Kirche der Contrada vorgenommen und der Kaplan beschwört mit dem Ruf ?Geh und komme als Sieger wieder? das Tier, seine höchste Leistung zu erbringen. Desweiteren enthüllt sich die magische Dimension des Ereignisses im ständigen Deuten der Vorzeichen und Orakel, aus denen man ablesen kann, ob der Sieg nicht schon jemandem vorherbestimmt ist.

All diese Bedeutungen und Emotionen steigern sich im Verlauf des Jahres und bestimmen auch die Dramaturgie von Appels Film, der in seinen 88 Minuten permanent das Tempo anzieht und nachvollziehbar macht, warum der Tag des Palio jährlich mehr Schaulustige und Touristen anzieht, die wegen des verrückten Fests extra einen Abstecher von ihren Touren nach Florenz oder Venedig machen. Was sie zu sehen bekommen, ist ein brutales Schauspiel: Jegliche Behinderung des Gegners ist erlaubt, sogar der Ochsenziemer kommt als Waffe gegen den Konkurrenten (egal, ob Reiter oder Pferd) zum Einsatz. Die Pferde werden traditionell ungesattelt geritten ? ob der Reiter das Ziel erreicht, ist nebensächlich; entscheidend ist nur der Erfolg des Pferdes.

Der Film vermag allerdings auch hinter die Oberfläche des Spektakels zu sehen ? er erzählt seine Geschichte mit einem genauen Blick für die gesellschaftlichen und emotionalen Hintergründe, vor denen 75 fiebrige Sekunden über die Ehre aller Bürger eines Stadtteils entscheiden.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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