Hotel

Produktionsnotizen

Ein etwas anderer Thriller Meine Phantasie und Vorstellungs-kraft sind natürlich von meinem kulturellen Umfeld geprägt. Zu der Zeit, als ich am Drehbuch von HOTEL schrieb, habe ich viele Ge-schichten und Märchen aus Öster-reich gelesen. Die Elemente, die sich auf die germanische Mytho-logie beziehen, hier vor allem der Wald und die ?Waldfrau?, gehören ebenfalls dazu. Sie sind Zeichen, die für etwas dahinter Verborgenes stehen. Hotel handelt auf verschie-dene Weise mit Zeichen.

Zum Beispiel die Verwendung des Genres: Im Genrefilm gibt es bestimmte wiederkehrende Phrasen, die dem Publikum das Gefühl vermitteln, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. In Hotel werden diese Phrasen teilweise benutzt, dennoch will sich kein Gefühl von Sicherheit und Kohärenz einstellen, die ersehnte Enthüllung am Ende bleibt verwehrt. Für mich stand im Vordergrund, eine gewisse Ambiguität zuzulas-sen. Die Lösung eines Rätsels liegt weder in den übernatürlichen noch in den rationalen Aspekten irgend-eines Ereignisses. Die Entstehung des Projekts Ausgangspunkt war eine Idee für einen Kurzfilm, die ich vor längerer Zeit hatte: eine Frau erhält Drohanrufe am Telefon, bekommt Angst und ergreift verschiedene Maßnahmen, um sich zu schützen, während sie gleichzeitig versucht, die ganze Angelegenheit zu verdrängen. Sie spürt also den kalten Hauch der Endlichkeit ihres Daseins, gleichzeitig kann sie nicht wahr haben, dass ihr Leben tatsächlich in Gefahr ist. Sie glaubt weiter, alles wird so bleiben wie bisher. Am Ende wird die Drohung wahr gemacht und das Leben der Frau beendet.

Ich sollte auch eine Erinnerung an meine Kindheit nicht unerwähnt lassen. Als ich klein war, lebte ich in einem Haus, das sehr abgeschieden lag. Meine Eltern und meine Schwester arbeiteten damals sehr viel in ihren jeweiligen Studios. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich lange, dunkle Winternachmittage ganz allein an diesem stillen Ort verbrachte und umherwanderte. Ich habe mich selbst mit einem recht merkwürdigen Spiel unterhalten, einer Art Ritual, das unter anderem darin bestand, am obersten Ende der Treppe das Licht auszuschalten.

Danach tastete ich mich im Dunklen die Stiege hinunter in den Vorraum, der ebenfalls nicht beleuchtet war, und von dort weiter zu einer kleinen, fensterlosen Kammer, die als Garderobe diente. In meiner kindlichen Phantasie symbolisierte dieser Raum das Epizentrum der Gefahr und des Bösen. War ich einmal in der Garderobe, mußste ich es nur noch bis zum Lichtschalter schaffen, denn die Regel lautete, dass ich nur in dieser weit entfernten Ecke Licht machen durfte. Dieses Spiel versetzte mich immer in einen Zustand äußerster Panik, während es mir gleichzeitig großes Vergnügen bereitete. Es war eine Art Herausforderung, eine prickelnde Mischung aus Sehnsucht und Furcht, die mich mehr als einmal aus meiner Langeweile rettete.

Genre-Variationen Jede Kommunikation beruht auf der Grundlage von Zeichen. Zeichen stehen für etwas dahinter Verborgenes, so wie die Sterne eines Hotels in einen messbaren Komfort übersetzt werden können. »Hotel« arbeitet auf verschiedene Weise mit Zeichen. Im Genrefilm gibt es bestimmte wiederkehrende Phrasen und Konventionen, die dem Publikum das Gefühl vermitteln, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. In »Hotel« werden diese Konventionen teilweise bedient, dennoch verweigert der Film das Gefühl von Sicherheit. Im Vordergrund steht die Aufrechterhaltung von Ambiguität, die Anwesenheit eines Rätsels und die Faszination des Nicht-Wissens als Zustand und Erfahrung.

Weder die übernatürlichen noch die rationalen Aspekte des Geheimnisses können den Fragenden vollständig befriedigen. In vielen Filmen wird der Eindruck erweckt, dass alles irgendwohin führt, dass das Leben in eine bestimmte Richtung verläuft, dass letztlich alles Sinn hat. Davon will sich »Hotel« absetzen. Es ist gefährlich, aber auch faszinierend, wenn man nicht alle Schlüsselelemente einer Geschichte kennt. Sobald dies aber akzeptiert wird, erhöht sich das Vergnügen. Wir werden auf diese Weise mit anderen Blickwinkeln vertraut gemacht und mit Aspekten des Lebens konfrontiert, die eine schablonenhafte Erzählstruktur verdecken würde.

Der Wald In den deutschsprachigen Regionen Europas wurde der Wald im Laufe der Jahrhunderte ein bedeutendes Symbol für nationale Identität und ist seit jeher stark im öffentlichen Bewusstsein verankert. Ein Drittel der deutschen Landesfl äche sind von Wald bedeckt. Diese Größenordnung lässt verstehen, warum der Wald im kollektiven (Unter-) Bewusstsein in Deutschland eine fundamentale Rolle spielt. Von Novalis und Hölderlin über Fontane, Stefan George, Wolfgang Borchardt bis zu Thomas Mann und Theordor W. Adorno reicht die Riege namhafter Autoren, die dem Wald und seinen verborgenen Geheimnissen nachzuspüren versuchten.

Mit den historischen Epochen wechselten sich die unterschiedlichsten Wahrnehmungen des Waldes ab, bis zum Beginn der 1980er, die dem Wald angesichts seines Sterbens eine bisher ungekannte Medienpräsenz bescherten. Es war aber vor allem das 19. Jahrhundert, dass mit den Volksmärchen der Brüder Grimm und der romantischen Bewegung den Wald mit unschlagbarer Bildgewalt ausstattete, vom Sinnbild der Natürlichkeit zum Symbol der Ewigkeit. Ursprünglichkeit und Einsamkeit, aber auch Verlorenheit und Gemeinschaftswillen verbinden sich im Wald zu einer Bedeutungsfülle, deren Anwesenheit auch in »Hotel« spürbar wird.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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