Malen oder Lieben

Produktionsnotizen

Inspirationen Begegnungen mit realen Personen auf dem Land gaben den aus den Pyrenäen stammenden Brüdern Arnaud und Jean-Marie Larrieu einen Anstoß zu der Geschichte ihres Films ?Malen oder Lieben?. Sie lernten Leute kennen, die sich gerade ein Haus in den Bergen gekauft hatten und Freundschaft mit dem Bürgermeister und seiner Frau schlossen. Was sie daran verblüffte, war, dass die beiden Paare unterschiedlichen Generationen angehörten, einander aber unglaublich aufgeschlossen begegneten. Statt sich abzuschotten, begegnete das Paar aus der Stadt allem auf dem Land mit großer Offenheit. Von dieser Offenheit wollten sie in ?Malen oder Lieben? erzählen.

Mit ihrer Schilderung einer ungewöhnlichen Ménage à Quatre im Vercors wollten die Brüder Larrieu keine klassische Ehebruchsgeschichte mit den dazu gehörenden Schuldgefühlen, Dramen und Schuldzuweisungen ausbreiten. Sie wollten vielmehr darüber hinausgehen und von den verwirrenden Wechselbeziehungen erzählen, die zwischen zwei Paaren entstehen können, ohne dass damit so etwas wie Untreue gegenüber dem Partner gemeint ist. Der Film stellt die Frage nach der Macht der Begierde. Die Lust ist, so die These, immer in irgendeiner Weise am Werk, sie wird nur häufig unterdrückt oder nicht wahrgenommen.

Auch die Blindheit des Bürgermeisters Adam verdankt sich einem persönlichen Erlebnis der Regisseure. Auf Korsika begegneten sie dem Leiter des dortigen Filmfests, einem sehr charismatischen Blinden. Sie fühlten sich im Gespräch mit ihm auf eine seltsame Art völlig durchschaut und nahmen sich vor, ihrer Faszination für ihn in ihrem nächsten Film Ausdruck zu verleihen.

Die Darsteller In ?Malen oder Lieben? arbeiteten Arnaud und Jean-Marie Larrieu erstmals mit Darstellern, die sie vor Beginn der Dreharbeiten nicht persönlich kannten. Jean-Marie hatte Sabine Azéma in einer Fernsehsendung gesehen, in der sie berichtete, sie würde gern einmal eine Figur spielen, die einen Tabubruch begeht, ohne damit ein Verbrechen zu begehen oder Schuld auf sich zu laden. Damit hatte sie sich quasi ohne es zu wissen für die Rolle der Madeleine beworben.

Die Paarung Azéma-Auteuil erschien den Regisseuren reizvoll, weil die beiden noch nie zusammen vor der Kamera gestanden hatten. Zwar verbindet wegen der großen Bekanntheit der beiden Stars jeder Zuschauer ihre Gesichter bereits mit bestimmten Rollen, ihre Gesichter sind nicht mehr unverbraucht, doch in der Kombination ergibt sich etwas Neues, Reizvolles. Für Azéma und Auteuil sprach auch, dass sie Vertreter eines populären Kinos sind, in dem sie häufig ganz gewöhnliche Leute spielen. Dieses Durchschnittliche sollte auch das Ehepaar in ?Malen oder Lieben? anhaften; Madeleine und William sind in keiner Weise ungewöhnlich, sondern absolute Durchschnittsmenschen, die auf dem Land plötzlich für sie ganz neue, ungewohnte Erfahrungen machen.

?Unsere Figuren haben überhaupt nichts Besonderes erlebt?, erklärt Jean-Marie Larrieu. ?Sie sind ein wenig jünger als die Vertreter der 68er-Generation, deren Treiben sie gar nicht aus der Nähe erlebt haben. Es handelt sich hier um provinzielle Kleinbürger, denen recht spät im Leben etwas völlig Neues widerfährt, das in ihnen eine Art jugendlicher Erregung auslöst. Es war außerordentlich spannend, ausgerechnet zwei so reife Darsteller in die Jugend zurückzuschicken.?

Ziel war es auch, Daniel Auteuil einmal nicht in der Rolle des jugendlich wirkenden Verführers zu zeigen, in der man ihn so häufig sieht. Auteuil kannte den letzten Film der Brüder, ?Un homme, un vrai?, und war sehr angetan von ihrem neuen Drehbuch. Dennoch war es ihm wichtig, sich vor Annahme der Rolle zu vergewissern, dass ?Malen oder Lieben? kein soziologisch angelegter Film über einen Frührentner werden sollte.

Sergi Lopez wurde ausgewählt wegen seiner einfachen, sympathischen Art. Die Brüder wollten auf jeden Fall vermeiden, dass der charismatischen Figur des blinden Bürgermeisters etwas ausgeprägt Intellektuelles anhaftete. Amira Casar überzeugte durch ihre starke physische Präsenz und ihr überschwängliches Temperament. Diese Figur, die nicht viel Text hat, sollte verführerische Qualitäten besitzen und von selbst auf sich aufmerksam machen können. Erst bei Sichtung der Probeaufnahmen stellten die Regisseure fest, dass Casar Ähnlichkeit mit Gaugins Eva-Porträts hat, die der Maler in der Südsee gemalt hat.

Die Vergänglichkeit und das Ausschöpfen der verbleibenden Zeit William, die männliche Hauptfigur, sollte einen ehemaligen Meteorologen verkörpern, weil man dies als sinnbildlich für seine Situation betrachten kann. Er hat seine Zeit im Leben damit verbracht, Vorhersagen zu treffen und die Zukunft danach auszurichten. Auf einmal findet er sich jedoch in einer Situation wieder, in der nichts mehr vorhersagbar ist. Vielmehr gilt es jetzt, Neues zu entdecken, sich auf anderes einzulassen. Andererseits verändern sich die Situationen im Film sehr schnell, wie das Wetter.

So wie sich die Wolken formieren, entstehen auch neue Gefühlslagen. William ist als Meteorologe im Ruhestand nach wie vor ein kontemplativer Mensch, aber einer, der sich vom beunruhigenden Stoff seiner Betrachtungen erholt. Es geht nicht mehr so sehr um die Vorausschau als darum, angesichts der eigenen Vergänglichkeit Frieden mit der Zeit zu schließen und den Augenblick auszukosten. Denn, wie William es im Film während eines Telefonats formuliert: ?Ich frage mich, ob das Leben nicht im Grunde nur aus ganz wenigen Momenten von extremer Bedeutung besteht, und aus viel mehr Intervallen, in denen nur der Schatten dieser Momente uns umgibt ...?

Dunkelheit und Licht ? Angst und Lust Trotz der augenscheinlichen Beschaulichkeit ist insbesondere bei William immer wieder auch eine gewisse Beunruhigung zu spüren. Er geht gelegentlich hinaus, einfach weil er unruhig ist. Leitmotivisch spielen diese Szenen in der Dämmerung, was für den inneren und äußeren Zustand der Figuren steht; sie sind nicht mehr jung, sie müssen sich Gedanken machen, wie sie ihr Alter verbringen werden, an allen Ecken und Enden brechen Schatten, bricht die Nacht, das Alter über sie herein. Mit welcher Ambivalenz sie dem begegnen, erkennt man besonders an der Szene, in der der blinde Adam die Abendgesellschaft durch den dunklen Wald nach Hause führt.

Dieser plötzliche Eintritt in die ungewohnte Dunkelheit, durch die die Figuren sich bewegen sollen, ist einerseits mit Angst verbunden, andererseits aber auch mit Lust. Adam, der es gewohnt ist, sich im Dunkeln zu bewegen, nimmt sie an der Hand und zeigt ihnen, wie leicht das ist, er gibt ihnen Halt und Orientierung, wie Kindern. Über die kindliche Angst vor der Dunkelheit hinaus wird hier jedoch auch die Begierde in ein Bild gefasst. Denn auch wenn man Liebe macht, schließt man die Augen, lässt los, liefert sich aus.

Eine Welt, die unseren Begierden angepasst ist ... ?Nach unserer Auffassung bestand die Provokation des Films darin, Menschen zu porträtieren, die zunächst verklemmt und nicht besonders interessant wirken, um sie dann aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen. Leute, von denen man denken würde, dass sie nie etwas vorwärts bringen würden, die sich aber auf eine fast unschuldige Weise, ohne dafür eine intellektuell geartete Entscheidung zu treffen, ins Unbekannte stürzen?, sagt Jean-Marie Larrieu.

Bei Madeleine und William handelt es sich um Figuren, die der Natur und ihren Mitmenschen gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Und weil sie es sind, gelingt es ihnen auch mit traumwandlerischer Sicherheit, in bestimmten Situationen den engen Raum der Konvention hinter sich zu lassen. Ihnen gelingt es, die Phantasien, die sich im Zusammensein mit anderen Paaren einstellen, auch wirklich zuzulassen. Diese Offenheit, die hier nichts Ideologisches, Programmatisches hat, wirkt provozierend auf manche Zuschauer. Ohne Schuldgefühle und im gegenseitigen Einverständnis geben sie sich der Lust auf einen anderen Partner hin, die sich im Laufe eines gemeinsam verbrachten Abends plötzlich einstellt.

?All das, woran einer im Verlauf eines opulenten und gut begossenen Dinners wohl denken mag, all diese Blicke, all diese Anspielungen ...?, erläutert Arnaud Larrieu. ?Der Film greift solche Hirngespinste und Phantasien auf und überwölbt damit das Alltägliche. Das erinnert mich an jenes Zitat am Anfang von Godards Die Verachtung: ?Das Kino ersetzt unsere Wahrnehmung durch eine Welt, die unseren Begierden angepasst ist.??

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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