Taxi Driver

Produktionsnotizen

Travis Bickle - Soziopath oder heroischer Einzelkämpfer? Als John Hinckley, Jr. 1981 ein Attentat auf Ronald Reagan verübt, sagt er, nach seinen Motiven befragt, er habe Jodie Foster beeindrucken wollen und beruft sich auf die Attentatsszene aus Taxi Driver. Er wird später für wahnsinnig befunden und freigesprochen. Der Fall zeigt die Problematik der Gewaltdarstellung in Taxi Driver: Zweifelsohne bietet die Figur Travis Bickle für Psychopathen wie Hinckley breite Identifikationsmöglichkeiten. Es gerät dabei außer Acht, dass Bickle das Attentat auf den Senator nicht ausführt, und es sprechen zahlreiche Anzeichen gegen eine ernsthafte Absicht.

Er erschießt ausschließlich Personen, die gemeinschaftlich an Drogensucht und Prostitution einer 12-Jährigen schuld sind: den Zuhälter, den Rezeptionisten des Stundenhotels, einen Freier und den Mafioso, der hinter dem Ganzen steht. Bickles Bluttat erfüllt nur eins von zwei Kriterien, die einen Amoklauf auszeichnen: Gewiß ist er zu äußerster Gewalt entschlossen, aber er ist keine unzurechnungsfähige Bedrohung für die Gesellschaft. Seine Tat ist gut vorbereitet und wohl überlegt, und er ist von seiner Sache so überzeugt, dass er bereit ist, dafür zu sterben - seine Todessehnsucht geht in einer Märtyrerphantasie auf.

Taxi Driver wurde mit der irreführenden, aber meinungsbildenden Tagline »In jeder Stadt gibt es einen Niemand, der davon träumt, ein Jemand zu sein« ausgestattet. Ende der 90er Jahre stellte Drehbuchautor Paul Schrader in einem Interview den Bezug zum Western »The Wild Bunch« her und sprach von »glorifiziertem Selbstmord«. Damit rückt das Motiv der Geltungssucht in den Hintergrund. Der Film hinterfragt den moralischen Kompaß einer Gesellschaft in der Krise. Der Taxifahrer und ehemalige Soldat hat das Vertrauen in die Justiz verloren und schreitet zur Selbstjustiz, die im amerikanischen Mythos des Wilden Westens verankert ist.

Die häufig verstörend verschwommen Bilder, die sich immer wieder mit kurzen, harten Schnitten und Detaileinstellungen abwechseln, vermitteln die beobachtende Sicht eines Verlorenen, der aus der Einsamkeit seines Taxis in die schmutzigen Ecken einer US-amerikanischen Großstadt blickt. Der Taxifahrer ist Instrument, um einen subjektiven Blick hinter die Kulissen einer Gesellschaft zu schaff en, wo Kinderprostitution, Raubüberfälle und Rassismus ungesehen passieren. Wer diesen Blick wagt, bleibt nicht unberührt.

Western Noir oder New York Gothic? Taxi Driver trägt Merkmale verschiedener filmhistorischer Strömungen. Er trägt Züge des Western und des Film Noir, deutlich sind auch die Einflüsse des New Hollywood. Am treffendsten lässt er sich als Genrehommage Scorseses beschreiben, der für seine New-York-Filme selbst den Begriff New York Gothic als Unterkategorie des Horrorfilms einführt.

New Hollywood war der Ausbruch einer neuen Generation von Regisseuren aus dem System "Big Five", der großen Filmstudios von Hollywood, das Ende der 60er Jahre in die Krise geraten war. Die enge und experimentelle Zusammenarbeit zwischen Regisseuren und Kameraleuten brachte eine Reihe von Neuerungen in der Filmtechnik. In Taxi Driver sieht man in einer Szene, wie Travis beginnt, die Taxigarage zu durchqueren, aber die Kamera schwenkt in entgegengesetzter Richtung. Erst nach mehr als einer halben Drehung fängt sie ihn wieder ein.

Als Travis am Ende wieder durch die Stadt fährt, wird er kurz rückwärts im Zeitraffer gezeigt. Taxi Driver reiht sich mit seinem niedrigen Budget und den authentischen Drehorten in das für das New Hollywood-Kino typische Low-Budget-Produktionsverfahren ein. Die Entstehung von Taxi Driver fällt in die Spätphase dieser Bewegung. Als mit dem Reiz des Neuen der Erfolg der der New Hollywood-Filme verflogen war, wandten sich die Regisseure wieder den klassischen Genres zu, überdachten sie neu und veränderten sie. Martin Scorsese gelang es mit Taxi Driver, Western und Film Noir zu kombinieren und damit beiden Genres neue Aktualität zu geben.

Paul Schraders Affi nität zum Film Noir bezeugen - neben seinen Drehbüchern - seine Veröff entlichungen über das Thema. Sein Held ist so desillusioniert wie die Privatdetektive zwei Jahrzehnte zuvor, seine Methode ist kriminell und wird selbst durch die gute Absicht kaum aufgewogen. Er steuert mit erschreckender Entschlossenheit in seinen eigenen Tod. Aber Travis Bickle überlebt und wird zum Helden. Möglicherweise ist diese Wendung ironisch, oder sie geschieht nur in der Phantasie des Sterbenden Travis.

Es bleiben allerdings Zweifel: Könnte es sich nicht doch so zutragen? Wie würden die Zeitungen der wirklichen Welt auf einen solchen Fall reagieren? Der Film endet in dieser Aporie und sprengt allein damit das klassische Genre. Filmtechnisch erinnert der Einsatz von Licht und von subjektivem Voice-Over an die Tradition des Film Noir. Travis Bickle durchstreift ein mythisches New York wie zwei Jahrzehnte zuvor Ethan Edwards das Monument Valley in John Fords »Der Schwarze Falke« (1957).

Allerdings verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Zivilisation und Wildnis, die die Helden des Westerns verteidigten, in den 70er Jahren inmitten der Gesellschaft. Wenn Edwards wahllos Indianer tötet, tut er das aus Rache für seine Familie.Wenn Travis den Zuhälter Sport erschießt, dessen Erscheinung indianische Herkunft vermuten lässt, hat er verschiedene, aber konkrete Motive - Rassismus spielt dabei keine Rolle.

Improvisation Der filmische Charakter von Taxi Driver ist wesentlich vom Moment der Improvisation geprägt. Paul Schrader lieferte ein Drehbuch, dessen Stoff er aus einer kurz zuvor überwundenen persönlichen Krise zog. Während der Dreharbeiten wurden Struktur, Chronologie und Figuren verändert, der Text wesentlich erweitert. Cybill Shepherd war anfangs beleidigt über ihre "Nothing Role", die Rolle hatte ihr einfach zu wenig Text. Die Figur »Sport« war ebenfalls mit nur wenigen Textzeilen angelegt. Harvey Keitel, der für eine andere Rolle vorgesehen war, bewarb sich nachdrücklich darum und erweiterte sie wesentlich.

Der berühmte Satz »Are you talking to me?« stand nicht im Drehbuch. Die Szene, in der Travis vor dem Spiegel den Gangster mimt, war als stumme Szene angelegt. De Niro benutzte einen Übungssatz aus seiner Ausbildung in einer Weise, die seine Lehrerin entsetzte. Albert Brooks (in der Rolle eines Kollegen von Betsy) war eigentlich Bühnencomedian und improvisierte die Dialoge komplett. Das niedrige Budget zwang die Crew zu einigem Einfallsrreichtum bei der Umsetzung von Scorseses Vorstellungen. Als Stundenhotel nahm die Crew ein abrissreifes Haus. Um die Kamerafahrt nach dem Shoot-Out zu drehen, wurde kurzerhand die Decke zwischen zwei Geschossen in einem breiten Streifen ohne Rücksicht auf tragende Balken entfernt.

Reaktionen Schraders Drehbuch gelangte durch seinen Freund Brian de Palma, dem es zuerst angeboten worden war, in die Hände Martin Scorseses. Der wußte sofort, dass es sich um eine Geschichte handelte, die er einfach verfilmen mußte. Auch Robert de Niro war sofort Feuer und Flamme. Das Thema der ohnmächtigen Einsamkeit berührte alle drei gleichermaßen und vereinte sie in einer beispiellosen Zusammenarbeit. Schrader berichtet im Interview von einem jungen Mann, der aus Seattle nach Hollywood getrampt ist, um ihn zu fragen: »Wer hat dir von mir erzählt?«. Der Mensch fühlte seine Gemütslage im Film so präzise dargestellt, dass er dachte, es könne nicht mit rechten Dingen zugehen. Die psychologische Genauigkeit in der Beschreibung der Einsamkeit ist eine der großen Stärken von Taxi Driver.
Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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