Battle in Heaven

Produktionsnotizen

Das Raskolnikow-Motiv Marcos begeht ein Verbrechen. Er entführt zusammen mit seiner Frau ein Baby, um von der Familie Lösegeld zu erpressen. Das Baby stirbt. Gepeinigt von seinem Gewissen reiht er sich ein in den Pilgerzug zur Jungfrau von Guadalupe, um dort Erlösung zu fi nden. Im Gegensatz zu Dostojewskis Raskolnikow gibt es bei Marcos jedoch eine Dimension, die die Geschichte von der klassischen Situation von Schuld und Sühne unterscheidet. Raskolnikow ist ein bitterarmer, aber überdurchschnittlich begabter Jurastudent.

Diese Mischung aus Armut und Überlegenheitsgefühl läßt ihn eine Theorie des ?außergewöhnlichen Menschen? entwickeln, der aufgrund seiner Außergewöhnlichkeit und zum Zwecke eines allgemeinen menschlichen Fortschritts natürliche Vorrechte genießen soll. Die Außergewöhnlichkeit muß sich jedoch durch Rücksichtslosigkeit erweisen. So drängt sich Raskolnikow der Mord an der alten geizigen Pfandleiherin nicht nur wegen seiner Armut auf, sondern wird zur Probe seiner Überlegenheit.

Doch die nervliche Anspannung ist zu groß und mündet in einem dem Wahnsinn ähnlichen Zustand. So fällt er nach gelungener Tat in einen mehrtägigen fiebrigen Dämmerzustand. Es zeigt sich, dass er seiner eigenen Theorie nicht gewachsen ist. Wenngleich Raskolnikow ein scheinbar perfektes Verbrechen gelungen ist, ist er doch nicht der Mensch ohne Gewissen. Die gläubige, sich für Ihre Familie aufopfernde Prostituierte Sonja, welche er kennen und lieben lernt, rät ihm schließlich, sich zu stellen um für seine Sünden zu ?bezahlen?.

In der Haft in einem sibirischen Arbeitslager folgt die Wandlung Raskolnikows zum Christen. Die Ähnlichkeiten zwischen Marcos und Raskolnikow sind unverkennbar. Doch während Raskolnikow einen bewußten und vor sich selbst gerechtfertigten Verstoß gegen die Norm wagt, weil er deren Gültigkeit bestreitet, ist das Verbrechen, das Marcos begeht, von überraschender Alltäglichkeit. Marcos und seine Frau sind nicht arm. Marcos arbeitet als Chauffeur für einen General, sie haben ein Haus, einen Sohn. Dennoch brauchen sie Geld, das sich schnell nur mit Entführungen verdienen läßt. Sie entscheiden sich für das Baby ihrer verwitweten Freundin Viky.

Der Film zeigt eine Alltäglichkeit und Normalität von Verbrechen und Gewalt, wie sie in Mexiko ? und in Mexiko City insbesondere ? anzutreffen ist: arme Menschen entführen arme Menschen, um das Schulgeld ihrer Kinder bezahlen oder sich ein neues Auto leisten zu können. Die Lösegelderpressung scheitert, als Marcos und seiner Frau das Baby unerwartet stirbt. Hier erkennt Marcos, dass er sich schuldig gemacht hat. Während seine Frau noch dem Geld hinterher trauert, lastet der Tod des Kindes als eine schwere Schuld auf ihm.

Nicht in einem moralischen Sinne, als würde dieses Verbrechen auf seinen Gewissen lasten, vielmehr läßt es ihn körperlich leiden, lähmt ihn, läßt ihn schwitzen, bereitet ihm Schmerzen. Er erzählt Anna von der Entführung, und sie nimmt die Rolle der Sonja an, und fordert ihn auf, sich der Polizei zu stellen. Doch in der gleichen Weise, wie Reygadas die Alltäglichkeit von Marcos Verbrechens gegen die selbstgerechtfertigte Tat von Raskolnikow stellt, so gibt es für Marcos keine Sühne in der Strafe.

Er macht sich auf zur Jungfrau von Guadalupe, auf Knien mit einem Sack über dem Kopf legt er den letzten Weg zurück und stirbt im Moment, wo er den Altar der Kathetrale erreicht. Erlösung fi ndet Marcos erst im Tod, nicht auf Erden.

Eros und Agape Am Anfang des Films sehen wir eine junge Frau, wie sie einen älteren Mann oral befriedigt. Der Raum ist strahlend hell, ein Ort nicht von dieser Welt. Die Szene, unverkennbar eine Art Prolog im Himmel, steckt den metaphysischen Rahmen der Geschichte ab. Sie zeigt einen Mann und eine Frau allein in ihrem Menschsein, losgelöst von ihrem individuellen Sein, und dennoch in einem sehr intimen Akt miteinander verbunden. Trauer und Mitleid ist in dem Blick der Frau, als ihr eine Träne die Wange hinunterläuft.

Diese Liebe steht für die im christlichen Abendland reinste Form der Liebe, die Agape, die sich selbstlos schenkende Liebe. Eine Liebe, die vom Subjekt ausgeht und sich auf den Gegenstand der Liebe richtet und diesen durch die Liebe erhöht. Sie ist nicht an Bedingungen geknüpft und nicht fordernd. In der christlichen Theologie ist die Agape zugleich die göttliche Liebe, als auch die Nächstenliebe, also die Weise, in der der Mensch sich nach dem Gebot der Bergpredigt seinem Nächsten zuzuwenden hat.

Nicht zuletzt deswegen wird die Agape im allgemeinen als ungeschlechtlich dargestellt. Diese Tradition hat allerdings mehr mit der üblichen Identifizierung von geschlechtlicher Liebe und Eros zu tun. Der Eros ist die emporstrebende Liebe, ein Zustand des Bestimmtseins durch etwas, das nicht vom Subjekt selbst, sondern von dem Gegenstand der Liebe ausgeht. Es ist die Anziehungskraft, der sich das Subjekt nicht entziehen kann und als etwas dem Subjekt Äußerliches wahrgenommen wird.

Da diese Beschreibung der Liebe der sexuellen Begierde am nächsten kommt, wird sie gerne mit ihr gleichgesetzt, obwohl sie nur eine Spielart des Eros ist. In der Art, wie Reygadas in «Battle in Heaven» die verschiedenen Sexszenen inszeniert, weisen sie jeweils auf diese verschiedenen Konzeptionen der Liebe.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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