Urmel aus dem Eis

Produktionsnotizen

Galten einst die Zeichentrickfilme als Meilensteine der Kinotechnik, sind es inzwischen die digital hergestellten Animationsfilme, die selbst erwachsene Zuschauer ins Staunen versetzen: Was heutzutage alles möglich ist ...! Und so war es klar, dass URMEL AUS DEM EIS nur nach einem einzigen Maßstab für die Leinwand geboren werden konnte: mittels der besten und perfektesten Methoden, die 2006 zur Verfügung stehen.

Doch bei aller Modernität galt es, die wesentlichen Bestandteile des beliebten Kinderbuchklassikers auch für das Kino zu berücksichtigen und diese möglichst aktuell ? dramaturgisch wie technisch ? einzubetten. Angefangen beim tierischen Personal. Allen voran natürlich das Urmel: Es ist klein, grün, süß und frech, wie es Max Kruse einst erfand. Doch der Urzeitsaurier kommt auch ganz ?cool? daher: Nicht nur, dass er aus tiefstem Herzen rülpst, er kann im Kino richtig gut Fußball spielen und sogar auf wilden Flusswassern surfen.

Die anderen Schüler seines Ziehvaters Professor Tibatong sind zwar weniger sportlich, haben aber all die Macken, die Kinder (und ihre Eltern) aus dem Unterricht kennen: Schusch spricht zu breit und die meisten Vokale falsch aus, Ping lispelt zuweilen und kann kein ?sch?, und Seelefant spricht nicht nur durch die Nase, sondern mußs an seiner Artikulation überhaupt noch ziemlich arbeiten ? sein Motto: ?Eule mit Weule?. Wobei sich Tibatongs Lehrstunden zum Alphabet äußerst vergnüglich gestalten ? bitte sprechen Sie nach: ?Zwanzig Ziegen ziehen zur Zisterne.? Na? So haben wir doch alle einmal angefangen ...

Darüber hinaus blieben die Charaktere der Tiere komplett erhalten: Wutz mimt Urmels resolute, aber durchaus herzige Ersatzmama, die sogar Gute-Nacht-Geschichten vorliest. Ping gibt die helfende Seele und Schusch den aufgeweckten Kumpel (?Mach? hin!?), während Wawa über das Leben philosophiert und der singende Seelefant selbiges melancholisch auf einem Felsen im Meer tut ? mit erschütternd-traurigen Balladen. Wie sagte ?Urmel?-Erfinder Max Kruse so schön: ?Das sind Menschenkinder im Kostüm der Tiere, jedes hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Sprache.?

Viel Vergnügliches bietet sich dem Zuschauer mit dem einen oder anderen Seitenhieb auf uns allen Bekanntes: Urmel etwa endet bei seinem Surfausflug dank vieler abgerissener Blattdekorationen als lebende Freiheitsstatue. Der gefährliche Riesenkrebs in der Vulkanhöhle gibt erst einmal eine Ballettvorstellung. Und zum guten Schluss twistet Tibatongs tierische Truppe zu Sister Sledge ab: ?We Are Family!? Damit nicht genug: Wer tanzt, braucht auch eine Choreografie, und die erinnert an Genesis und ?I Can?t Dance?. Das hält die Fische zwar noch im Meer, aber selbst die können nicht anders, als dazu rhythmisch mit den Flossen zu ?klatschen?. Weshalb sich dann auch der Zuschauer beim Wippen im Kinosessel ertappt ...

Soviel auf den ersten Blick zum optischen und akustischen Erlebnis, das die ?Urmel?-Geschichte als Kinounterhaltung vom Feinsten garantiert. Um all diese Komik und Originalität auf die Leinwand zu zaubern, waren hinter den Kulissen unzählige Fachleute am Werke. Insgesamt drei Jahre ? von den Rechteverhandlungen über Buchentwicklung, Character Design und Set-Aufbau bis hin zu Finanzierung und Postproduktion ? dauerte die Arbeit an den gut 85 Leinwandminuten von ?Urmel aus dem Eis?.

Angefangen bei der Idee zum Projekt: ?Die Merchandising-Rechte von URMEL AUS DME EIS lagen bereits bei der Bavaria,? sagt Produzent, Autor und Regisseur Reinhard Klooss von Bavaria Pictures. ?Als wir nach klassischen Family-Entertainment-Rechten Ausschau hielten, lag ?Urmel? daher sozusagen im natürlichen Blickfeld.?

Dazu kam seine eigene, ganz persönliche Vorliebe für den Stoff: ?Ich bin selbst mit ?Urmel? und seinen Freunden aufgewachsen, auch mit der Augsburger Puppenkiste. ?Urmel? war und ist einfach ?Kult?, herzergreifend und zugleich cool.? Und welche Marschroute bedeutete das fürs Kino? ?In seiner einzigartigen Mischung aus Gefühl, Action, Chuzpe, Witz und Exotik trifft schon der Originalstoff von Max Kruse recht genau den Nerv computeranimierter Filme,? so Klooss.

Und damit ergab sich quasi automatisch, dass URMEL AUS DME EIS im Kino in einem CGI-Film-Ei zur Welt kommen sollte. ?Bei der Entwicklung der Charaktere ? die alle erhalten blieben ?, des Designs und des Drehbuchs haben wir uns bemüht, den Charme der Geschichte und der Dialoge von Max Kruse zu erhalten. Gerade weil wir hierin eine hervorragende Voraussetzung sahen, mit einer hoch entwickelten Technik die Welt von Titiwu neu und doch mit großem Respekt vor dem Original entstehen zu lassen,? erläutert Klooss. ?Der Stoff war also ideal für die ?computer generated images?.?

Die Tradition der CGI-Filme ist in Deutschland noch recht jung: ?Back to Gaya? war der erste Streifen dieses Genres aus einheimischen Gefilden, der 2004 auf der Leinwand Premiere feierte. Realisiert hatte ihn das Team von Ambient Entertainment aus Hannover, zu dem Reinhard Klooss schon länger Kontakt hatte. ?Meine Begeisterung für die mutige, engagierte, technisch sowie organisatorisch anspruchsvolle und den Projekten vor allem auch mit viel Herz zugeneigte Art von Holger Tappe und seinen Mitarbeitern hat sich bei meinen ersten Besuchen in Hannover vor vier, fünf Jahren gebildet,? so Klooss. Und so lag es auf der Hand, dass Klooss und Tappe bei URMEL AUS DME EIS zusammenfanden und gemeinsam für Produktion sowie Regie verantwortlich zeichnen.

Finanzierung, Buchentwicklung, Produktionskontrolle, Sound Design, Sprachsynchron, Mischung und Musikkoordination liefen in Geiselgasteig bei München zusammen ? bei Bavaria Pictures, einer Spielfilmtochter der Bavaria Film. Die Bilder entstanden bei Ambient Entertainment in Hannover. Im warmen Santa Monica arbeiteten der Komponist James Dooley und der OSCAR-prämierte Komponist und Produzent Hans Zimmer zusammen.

Die Orchesteraufnahmen wurden in Bratislava eingespielt, die englischen Synchronaufnahmen in New York aufgezeichnet. Der Weltvertrieb sitzt in London, der deutsche Verleih in der Schweiz. Klooss: ?URMEL AUS DEM EIS ist ein deutscher Film, der mit Mitarbeitern aus zahlreichen Ländern international entstand. Da aber in München und Hannover alle Fäden zusammenliefen, hatten wir keinen ?Flickerlteppich?, sondern ein Produkt aus einem Guss.?

So ein ?Guss? liegt auch in der Natur von Animationsfilmen, deren Herstellung eine viel engere Zusammenarbeit der unterschiedlichen Departments verlangt als sonst etwa bei einem Realfilm üblich. Reinhard Klooss und Holger Tappe, die sich im Dezember 2003 über dieses Projekt einig wurden, verständigten sich beispielsweise darüber, dass jeder sowohl als Produzent als auch als Regisseur fungieren sollte. Der Grund: ?Eine klassische Aufgabenverteilung, wie sie bei einem Realfilm viel klarer zu treffen ist, ist bei einem Animationsfilm eher schwierig, weil dort verschiedenste Produktionsphasen parallel laufen müssen ? und zwar über einen bedeutend längeren Zeitraum?, erklärt Holger Tappe.

Während ein Realfilm etwa acht bis zwölf Wochen engster Zusammenarbeit beim Dreh auf dem Set erfordert, waren es bei URMEL AUS DEM EIS zwei Jahre, sagt Tappe. Das heißt: ?In unserer Art der Filmherstellung gibt es jede Woche einen aktualisierten Film, der sich Schritt für Schritt weiterentwickelt. Wenn er beispielsweise eine neue Szene enthält, dann existiert zu dieser möglicherweise erst einmal eine Zeichnung ? und ein paar Tage später ist diese dann animiert. Die Figuren bewegen sich dann in einem s/w-Bild. Der nächste Schritt wäre schließlich die Farbe.?

Der Vorteil: ?Die Szenen können laufend optimiert werden. Und so arbeitet man dann auch am Drehbuch, an der Regie, an der Kamera, also an der ganzen Struktur laufend weiter?, erläutert Tappe die Hintergründe. ?Das Drehbuch ist dabei das sichere Fundament, aber man kann ständig das Beste drum herum herausholen.? Klar, dass sich dabei auch die Grenzen zwischen Produktion und Regie auflösen ... Innerhalb der laufenden Feinabstimmung gab es jedoch noch viel mehr Prozesse, die en detail beachtet werden mußsten.

Das betraf zunächst einmal die Hard- und Software. ?Jeder mußs sich irgendwann einen neuen Computer anschaffen, weil die neuesten Programmversionen immer das aktuellste Betriebssystem erfordern und diese wiederum nur auf der aktuellsten Hardware zuverlässig funktionieren ? wir leider auch?, seufzt Tappe. ?Wobei der Vorteil dann natürlich darin besteht, dass wir in Sachen CGI-Technik auf dem Laufenden sind.?

Damit geht einher, dass sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer ändern: ?Wenn man heute frühe CGI-Filme sieht, erscheinen uns die Figuren fast grob, also mußs man an diese Weiterentwicklung anknüpfen, um den Anschluss zu halten.? So entwickeln sich Detailgrad und Look ständig weiter. Darüber hinaus mußs für die Datenverwaltung eine spezielle Software vorhanden sein, die es den Filmemachern ermöglicht, die aktuellen Fassungen ihrer Dateien nicht gegenseitig zu zerstören ...

?Es arbeiten bis zu sechs Kollegen gleichzeitig am selben Datensatz?, sagt Tappe, ?da ist die Gefahr groß, dass der eine die Arbeit des anderen ungewollt in den Servermülleimer befördert.? Und diese Gefahr wird bei 250 Rechnern und 65 Mitarbeitern, die dem Urmel auf die Leinwand halfen, umso größer. Das Kernteam bestand aus mehr als 25 Fachleuten, von denen jeder einen eigenen Bereich leitete ? z.B. war einer für das Modellieren der Figuren verantwortlich, einer für das der Gegenstände, andere fungierten als virtuelle Schneider und Friseure oder beschäftigten sich mit der Interaktion mit Wasser und so weiter. Dazu kamen dann ca. 40 weitere 3D-Spezialisten, die die ganzen Designs umsetzten.

Und wie entstanden dann die einzelnen Bilder? ?Quasi in kompletter Handarbeit, in der sogenannten Key-Frame-Technik. Alternativ gibt es auch die Motion Capture-Technik, eine besondere Unterstützung, die es allen Kollegen leichter ermöglicht, bei den Animationen am selben Strang zu ziehen. Diese Unterstützung fiel bei ?Urmel? aber komplett weg?, erklärt Tappe. Warum dann diese Erschwernis?

?Wir wollten bewusst, dass sich die Figuren ?übertriebener?, also eindeutiger bewegen, weil Kinder mit solchen optischen Elementen leichter umgehen können.? Über diese vielen Wege erwachte das liebgewordene ?Urmeli? nun nach drei Jahren intensiven Brütens zu völlig neuem Leben. Und erscheint dennoch als guter alter Bekannter ? in einem modernen Gewand!

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Falcom Media © 1994 - 2010 Dirk Jasper