Ich bin die Andere

Ausführlicher Inhalt

Es ist Sonntag. Und wie jeden Sonntag Morgen, greift Carolin Winter (Katja Riemann) zum Telefonhörer, um ihren Vater anzurufen. Sie erzählt ihm, was in der Woche passiert ist. Wie immer entwickelt sich ein Gefecht mit Worten, bei dem der Mann souverän die Fäden zieht. Er sitzt in einem abgedunkelten Raum im Rollstuhl und sagt, sie langweile ihn nicht mehr als sonst, sie solle sich konzentrieren, nicht ständig abschweifen bei ihren Geschichten von der Freundin Carlotta, die schamlos in einem auffallend roten Kleid auf Männerjagd geht. Aber es scheint ihn dennoch zu interessieren.

Genau diese Carlotta steht mit billiger blonder Perücke in der Lobby eines schicken Frankfurter Hotels und legt sich mit dem Pagen an, der sie hinauswerfen will. Aber Carlotta ist keine, die sich so etwas bieten lässt. Statt zu gehen, behauptet sie, auf einen Freund zu warten und fordert herrisch Feuer für ihre Zigarette. In diesem Moment betritt der erfolgreiche Ingenieur Robert Fabry (August Diehl) die Lobby und rettet die Situation, indem er so tut, als sei er ein alter Bekannter der Wartenden.

Er umarmt die Fremde und verhindert so einen Eklat. Er nimmt sie mit auf sein Zimmer und glaubt tatsächlich, er hätte es mit einer Prostituierten zu tun. Sie wirft sich halbnackt auf sein Bett und überlässt ihm die Höhe der Honorierung. Nach einer leidenschaftlichen Nacht verschwindet sie im Morgengrauen, das Geld allerdings lässt sie liegen. Robert Fabry ist fasziniert.

Der Schock folgt am nächsten Morgen. In der altehrwürdigen Kanzlei des Advokaten Dr. Maiser in Frankfurt trifft er ?Alice? wieder. Im dezenten Kostüm mit ebenso dezentem Makeup erwartet sie ihn als Anwältin Dr. Carolin Winter, um einen Vertragsentwurf durchzusprechen. Distanziert, freundlich, charmant ? ganz geschäftlich eben.

Keine Spur von Wiedererkennen oder Komplizenschaft nach der heißen Nacht. Fabry versucht es mit kleinen Andeutungen, nennt sie ?Alice?, was auf stirnrunzelndes Unverständnis stößt. Trotzdem verabreden sie sich zu einem gemeinsamen Abendessen. Gehobenes Restaurant natürlich, sie macht ihm Komplimente für seinen exquisiten Geschmack. Er versucht sein Glück erneut, doch sie zeigt keine Reaktion. Sie lässt sich zwar dazu bewegen, mit ihm zu tanzen, wehrt allerdings seine Annäherungen ab. Trotzdem wird er so zudringlich, dass sie sich weinend losreißt, ihn von sich stößt und wegläuft. Er versteht ihr Verhalten überhaupt nicht.

Bei einem seiner nächsten Besuche bei Dr. Maiser teilt der ihm unwirsch mit, seine Kollegin sei krank und könne nicht weiter an diesem Vertrag arbeiten. Er macht ihm harte Vorwürfe: Dr. Carolin Winter sei eine sehr verletzbare und schutzlose Person.

Robert Fabry ist wie vor den Kopf geschlagen. Er fährt nach Starnberg zurück, zu seiner Lebensgefährtin Britta (Bernadette Heerwagen), der er von seinem Erlebnis erzählt. Britta fragt sich, wie es denn jetzt mit ihnen weitergehen soll. Roberts Vor­schlag, weiter zusammen zu leben, als sei nichts geschehen, lehnt sie ab. Er mußs die Fremde wiedersehen, er mußs sich entscheiden, er mußs sie finden.

Im Rheingau, inmitten von Weinbergen, spürt er Carolin Winter auf. Carolin begrüßt ihn strahlend wie einen alten Bekannten, auf den sie schon lange gewartet hat. Sie zeigt ihm von der Anhöhe aus, auf der sie sich getroffen haben, ihr Elternhaus, parliert gekonnt über Rebsorten und erzählt von ihrem Vater, einem honorigen Winzer. Dann macht sie ihm plötzlich Vorwürfe, dass er sie nach dem wundervollen Dinner auf der Tanzfläche hat stehen lassen, lächelt kokett und unschuldig zugleich. Robert versteht die Welt nicht mehr.

In die samtene Stille tönt ein Geräusch, das die Ankunft des Vaters (Armin Mueller-Stahl) ankündigt. Er fährt im Rollstuhl über zwei gezackte Schienen auf einer eisernen Plattform den Weinberg hoch und begrüßt Robert Fabry jovial mit den Worten ?Ich habe Sie schon lange erwartet?. Im Hintergrund der stumme Gutsverwalter Bruno (Dieter Laser), der mit wachen Augen das Geschehen verfolgt.

Das Abendessen, zu dem Robert Fabry geladen ist, findet in gespenstischer Atmosphäre statt. Der Vater sitzt am Kopf des Tisches, zur linken Seite seine Frau (Karin Dor), ihm gegenüber Carolin, daneben Robert und schließlich der schweigsame Diener Bruno. Die Hausdame Fräulein Schäfer (Barbara Auer) serviert das Essen. Sie habe die zweite Lehramtsprüfung, tuschelt die Mutter. Das Gespräch über Reisen und fremde Städte versandet, die strenge Präsenz des Vaters lastet auf der Runde. Der Alte lässt sich Likör und Zigarren bringen, versucht Robert zu provozieren und als Schwächling hinzustellen. Sein Hinweis, er achte den Willen anderer Menschen, scheint den Vater aufzustacheln, der stolz verkündet, er breche den Willen anderer am liebsten. Eine Bemerkung, die wie eine Drohung klingt. Gleichzeitig ?bietet? die leicht alkoholisierte Mutter ihm quasi die Tochter an, die der Vater aber als sein Eigentum betrachtet.

Robert beendet das unerfreuliche Zusammensein, indem er sich an der nächsten Tankstelle ein Zimmer nimmt. In der mit Fernfahrern bevölkerten Gaststube trinkt er einen Schnaps nach dem anderen, spült so seine Enttäuschung herunter. Er traut seinen Augen kaum: Plötzlich öffnet sich die Tür, hohe Absätze klackern und ?Alice? steht im roten Kleid vor ihm, fragt nach Feuer. Diesmal nennt sie sich Carlotta, macht ihn vulgär an. Robert geht auf das frivole Spiel ein, folgt ihr ins Zimmer, in der Hoffnung, dass sie die Verkleidung ablegt, sich die Show als aufregende Inszenierung entpuppt. Aber sie zieht die Rolle der Nutte erst einmal ohne Wimpernzucken durch. Nach dem Liebesakt jedoch verwandelt sie sich, wirkt wie ein weinerliches Kind und ergreift die Flucht.

Im Morgengrauen verlässt Robert die Absteige und entdeckt plötzlich Fräulein Schäfer zwischen den geparkten Lastwagen. Aus ihr sprudelt es nur so heraus, sie klärt ihn über die Familienverhältnisse und ihr Schicksal auf: Als 15-Jährige habe sie es nach Casablanca geschafft und dort in einer Hafenkneipe Karl Winter getroffen, der sie als Geliebte mit nach Hause genommen und als ?Kindermädchen? engagiert habe. Frau Winter genoss in dieser Zeit eine Affäre mit Bruno.

Aber auch das kann Robert nicht abschrecken. Nach Hause zurückgekehrt, eröffnet er Britta rücksichtslos, dass er vorhabe Carolin / Carlotta / Alice zu heiraten.

Nach einer kurzen Atempause fährt er erneut zum Winterschen Anwesen. Er trifft dort ein, als Carolins Vater sich gerade das Frühstück von Fräulein Schäfer servieren lässt. Kaum zieht die sich zurück, schildert der Patriarch realistisch seine Situation. Niemand außer seiner Tochter will ihn mehr berühren, selbst die Ex-Geliebte nicht. Robert lässt ihn reden und zündet die psychologische Bombe. Er liebt Carolin und will sie zur Frau. Der Vater wendet sich von ihm ab. Fast tonlos antwortet er mit aller Härte, Carolin könne zwar seine Frau werden, aber sie werde ihn nie wirklich lieben können. Sie liebe einen anderen, ihn, den Vater. Ein Satz wie ein Peitschenhieb, dessen Konsequenz Robert verkennt.

Carolin freut sich über seinen Heiratsantrag und küsst ihn zärtlich. Seine Äußerun­gen über die vergangene Nacht fasst sie jedoch als reine Fantasie seinerseits auf. Sein drängendes Begehren macht ihr Angst. Robert fühlt diesen Schatten, der sich auf sein Glück legt, ein Glück, das schnell Risse zeigt. Wer ist diese Frau ? Alice, Carolin, Carlotta? Eine multiple Persönlichkeit?

Ein paar Tage später ist Carolin verschwunden, von ihr fehlt plötzlich jegliche Spur. In seiner Verzweiflung wendet er sich an Dr. Maiser, der ihm verrät, dass Carolin oft nach Casablanca flieht und womöglich dort zu finden ist.

Für Robert bricht eine Welt zusammen. Er nimmt den nächsten Flieger und versucht im brodelnden Getriebe der marokkanischen Hafenstadt, die Frau seines Lebens wiederzufinden. Dabei hilft ihm ein einheimischer Polizist. Robert zieht durch Bars, Hotels und Imbisse, keine Spur von Carolin. Bis er sie ganz zufällig entdeckt ? mit rotem Mantel und Perücke in einer Hafenkaschemme. Sie fallen sich in die Arme, als wenn nichts gewesen wäre.

Fern vom dominanten Vater kommen sie sich wieder näher. Doch auch hier wird Carolin von Alpträumen aus ihrer Kindheit und Jugend geplagt, von dunklen und lang verdrängten Erinnerungen.

Sie schlägt Robert einen Trip in die Wüste vor. Gemeinsam fahren Carolin und Robert in die Weite, ein Ausflug, wie ihn Liebespaare machen. Plötzlich halten sie mitten in der Wüste. Sie springt aus dem Auto, läuft eine Düne hoch, winkt dann plötzlich Robert zu sich, der im Auto sitzen geblieben ist. Sekunden später explodiert der Geländewagen, Carolin wirft sich schützend über den Geliebten. Die Wucht der Detonation verstreut Autoteile über hunderte von Metern hinweg.

Robert wacht im Krankenhaus auf, erinnert sich nur schemenhaft an das schreckliche Ereignis und kann auch dem ermittelnden Polizisten auf seine bohrenden Fragen keine genaue Auskunft geben. Es war ein gemeinsamer Ausflug, wie ihn viele Touristen machen, sonst nichts. Dennoch will der Beamte die Details wissen, wer die Idee zu der Fahrt in die Wüste hatte, auf wessen Name der Leihwagen ausgestellt war, wer mit welcher Kreditkarte bezahlt hat, warum sie sich so weit vom Wagen entfernt haben, usw. Und dann noch eine letzte Frage: Kennen Sie eine Carlotta? In der Hotelpost habe sich ein Brief von eben dieser Carlotta an einen Karl Winter gefunden. In diesem Brief schreibt sie ihm, sie wolle sich von ihm trennen, weil ein anderer Mann in ihr Leben getreten sei. Der Brief nenne ihn, Robert, als Rivalen. Robert ringt um Fassung.

Carolin befindet sich in einem anderen Krankenhaus-Trakt, sie hat weitaus schwerere Verbrennungen erlitten als er. Die Krankenschwester bringt ihm einen Zettel auf dem geschrieben steht, ?habe gelernt, dich zu lieben?. Robert schöpft wieder neue Hoffnung und fasst neuen Mut auf eine Zukunft zu zweit. Bei ihrem ersten Wiedersehen fragt sie ihn, ob er sie auch mit ihren Verletzungen noch als seine Frau haben will. Welch eine Frage! Im Hotel gesteht er ihr erneut seine Liebe. Das mysteriöse Unglück hat sie nur noch enger zusammen geschweißt.

Zurück in Deutschland laufen die Hochzeitsvorbereitungen. Frau Winter besucht Carolin, um sie zum Kauf des Hochzeitskleides abzuholen. Sie sieht sich neugierig in der Wohnung um und entdeckt dabei zufällig im Kleiderschrank der Tochter äußerst auffällige Dessous, die diese aber peinlich berührt einer Freundin zuschreibt. In einem exklusiven Modesalon wählen die beiden das Kleid aus. Zur Überraschung der Schneiderin äußert Carolin, dass dieses Brautkleid ja eigentlich für den Vater sei, bis zur Hochzeit gehöre eine Tochter zum Vater, erst danach dem Bräutigam.

In einem Gespräch ?unter Männern? kommt es zur Konfrontation. Karl Winter weist seinen zukünftigen Schwiegersohn in die Schranken: ?Der erste Mann im Leben einer Frau ist immer der Vater, das hat die Natur so eingerichtet?. Er, Robert, bekomme nur eine Fälschung.

Dann naht die Stunde der Trauung, die in einem romantischen Pavillon in den Weinbergen geplant ist. Auf dem kleinen Hügel mit Blick über das idyllische Rheintal fiebert Robert der Ankunft seiner Braut entgegen ...

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Dirk Jasper FilmLexikon

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