Ich bin die Andere

Produktionsnotizen

Möglicherweise spielte ganz einfach der Zufall eine große Rolle bei der Produktion von ICH BIN DIE ANDERE. Produzent Markus Zimmer traf Autor Peter Märthesheimer bei einer Jubiläumsvorführung von R. W. Fassbinders ?Die Sehnsucht der Veronika Voss?, wo ihm Märthesheimer von seinem neuen Roman ?Ich bin die Andere? erzählte. Markus Zimmer las ihn und fand die Geschichte faszinierend, gab das Drehbuch in Auftrag. Sofort nahmen Märthesheimer und Pea Fröhlich, ein eingespieltes Team, die Leinwandadaption in Angriff.

Im Großen und Ganzen folgt das Drehbuch dem Roman, auch wenn aus dramaturgischen Gründen Kürzungen unvermeidlich waren und einige Nebenfiguren wegfielen. Die Frage nach der Regie erledigte sich fast von selbst: ?Wir hatten kurz vorher ROSENSTRASSE fertiggestellt, die Entscheidung für Margarethe von Trotta lag auf der Hand. Wir entschlossen uns schnell, dieses Projekt gemeinsam auf die Beine zu stellen. Jeder ihrer Filme birgt immer wieder eine Überraschung. Sie ist eine großartige Filmemacherin?, äußert sich Zimmer.

ICH BIN DIE ANDERE ist ein Melodram mit Thriller-Elementen, zwei unmögliche Liebesgeschichten, die aufeinanderprallen, ein idealer Stoff für diese europäische Regisseurin von Weltrang, deren preisgekrönte ROSENSTRASSE in 30 Ländern im Kino lief.

Margarethe von Trotta sagte nach Lektüre des Drehbuches sofort zu. ?Ich war angezogen von der multiplen Persönlichkeit. Carolin ist ein sehr komplexer Charakter. Interessant fand ich, dass sie nicht nur zwei Figuren verkörpert, sondern quasi vier. Sie ist tagsüber Anwältin, eine gut funktionierende Karrierefrau, und sie ist nachts eine ganz andere. Nachts ist sie eine Frau, die ungehemmt ihre Sexualität auslebt. Sie erlaubt sich keine andere Liebe als die zum Vater. Deshalb mußs sie diese unterbewusste Persönlichkeit der Prostituierten annehmen, um Sex zu haben. Sie ist Anwältin, sie ist Prostituierte und sie ist Tochter. Wenn sie mit ihrem Vater zusammen ist, wandelt sie sich zu einer anderen Person ? unsicher, schwach und unterwürfig. Und bei dem Mann, der sie liebt, entwickelt sie sich zum ängstlichen kleinen Mädchen?, definiert von Trotta die Hauptfigur.

Märthesheimer beschreibt die Figur in ihrer Ambivalenz, ohne in eine psychologische Analyse zu verfallen oder sich gar an ein medizinisches Fallbeispiel anzulehnen. Er entwirft eine fiktive Geschichte, die sehr stark an Frauenfiguren wie Fassbinders Veronika Voss, Lola oder Maria Braun erinnert, zu denen er das Drehbuch verfasste.

Carolin / Carlotta steht in der Tradition von Märthesheimerschen Frauen- und Männerfiguren. Wie so oft bei ihm, geht es um eine Frau mit einem Geheimnis oder ein Art von Doppelrolle im Leben, um einen Mann, der der Frau verfällt und alles versucht, die unmögliche Liebe zu einer möglichen zu machen. Und natürlich scheitert.

?Das Motiv der Carolin / Carlotta ist eigentlich ein Doppelgängermotiv, das in der deutschen Romantik und in der frühen deutschen Filmgeschichte, im deutschen Expressionismus, sehr häufig auftauchte,? erklärt Markus Zimmer. Er hofft, mit dieser neuen Margarethe von Trotta ?ein paar Türen aufzustoßen. Auch wenn wir Zuschauer überraschen, die eine andere Art von Trotta-Film erwarten, bin ich sicher, dass die zentrale Frauenfigur mit ihren Ecken und Kanten neugierig macht. ICH BIN DIE ANDERE ist kein braves und fernsehkonformes Kino, sondern irritiert in der Darstellung des Krankheitsbildes wie in der Darstellung der Sexualität und erobert in der Tradition des modernen internationalen Kinos ein Terrain, das bisher Douglas Sirk, Claude Chabrol oder auch David Lynch betreten haben. Und auch Margarethe von Trotta hat keine Angst vor Kontroversen. ?Ich bin daran gewöhnt, dass meine Filme zwiespältig aufgenommen werden. Wenn jemand bemängelt, dass dieser Film meinen vorherigen nicht ähnelt, kann ich nur sagen, ich bin die andere Margarethe.?

Von Trotta und Märthesheimer hatten beide mit R. W. Fassbinder in den 70er Jahren zu tun, aber noch nie direkt zusammen gearbeitet. Für Markus Zimmer gibt es einen direkten Bezug: ?Märtesheimer war früher Produzent und Drehbuchautor von Fassbinder, von Trotta Darstellerin in drei Fassbinder-Filmen?.

Von Trotta passte nie in das Raster der Fassbinder-Frauen und verkörperte andere Figuren, während Märthesheimer die ?typischen? Fassbinder-Frauen erfand.

Und dass Armin Mueller-Stahl, der in ?Lola? und ?Die Sehnsucht der Veronika Voss? auftrat, die Rolle des Vaters übernahm, ist eine kleine Verbeugung vor den beiden Filmemachern.

Peter Märthesheimer recherchierte die Psychologie und das Krankheitsbild, das als Folie dient, um eine Obsession zu schildern, eine Obsession, die auf der einen Seite von der schillernden Frauenfigur ausgeht, auf der anderen Seite wechselseitig von den Männern. Die ewige Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern, ein Machtdreieck. Margarethe von Trotta, die sich mit Katja Riemann in das Thema ?hineinkniete?, konstatiert eine multiple Persönlichkeit bei Frauen UND Männern: ?In jedem von uns schlummern mehrere Persönlichkeiten. Meistens erkennen wir selbst die Verhaltensänderungen. Hier ist es eine Art von Krankheit, wie sie schon 1957 in `The Three Faces of Eve` mit Joanne Woodward dargestellt wurde. In ICH BIN DIE ANDERE verliebt sich ein Mann und versucht der Geliebten zu helfen. Erst denkt er, sie spielt ein Spiel mit ihm, dass sie nur vorgibt eine andere zu sein. Am Ende akzeptiert er ihre multiple Persönlichkeit und will sie auch nicht mehr ändern. Vielleicht träumt jede Frau davon, dass ein Mann sie in all ihren Sehnsüchten und Facetten akzeptiert, in ihrer Schwäche und ihrer Stärke?.

Robert Fabry ist für die Regisseurin Sinnbild eines modernen Mannes, der sich in die Arbeit stürzt und irgendwann realisiert, dass ihm etwas fehlt im Leben und der die Möglichkeit entdeckt, seine geheimen Wünsche mit dieser anderen Frau erfüllen zu können. Karl Winter empfindet sie als Patriarchen, wie man ihn in vielen Familien findet, als einen Mann der sich alles erlaubt. ?ICH BIN DIE ANDERE handelt von Liebe, Obsession und Leidenschaft. Die Erotik kommt nicht nur aus der Körperlichkeit, sondern aus der Anziehung der weiblichen multiplen Persönlichkeit?, so von Trotta. Sie ließ sich im Stil von Klimt inspirieren, lange vor dem Filmkonzept besuchte sie eine Ausstellung in Paris mit dessen erotischen Zeichnungen.

ICH BIN DIE ANDERE wartet mit einer hochkarätigen Besetzung auf. Die Hauptrollen standen von Anfang an so gut wie fest. Katja Riemann, die Carolin / Carlotta, hörte von dem Projekt, vertiefte sich in das Drehbuch und war sofort von der Rolle überzeugt. An August Diehl lassen sich, als Ingenieur Robert Fabry, ganz neue Seiten entdecken. ?Wir sind froh, mit ihm einen Repräsentanten des jungen deutschen Kinos engagiert zu haben,? freut sich Produzent Zimmer, der zugibt, mit Margarethe von Trotta von Anfang an schon auch an Armin Mueller-Stahl als herrischen Vater Karl Winter gedacht zu haben. ?Armin Mueller-Stahl ist sehr charmant und professionell, ein begnadeter Schauspieler, der sehr klar sein Terrain absteckt und weiß, welches Standing er hat?, erinnert er sich. Nach den Vorgesprächen mit der Schauspieler-Ikone in Kalifornien, sagte dieser sofort zu, seine erste deutschsprachige Rolle seit ?Die Manns?.

Die Besetzung der Mutter mit Karin Dor erwies sich als glückliche Fügung. Markus Zimmer bemerkte auf einer Autobahnraststätte am Nebentisch ?eine wunderschöne und faszinierende Frau. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich Karin Dor. Ich habe mich nicht getraut sie anzusprechen, aber sofort Margarethe von Trotta angerufen und gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Karin Dor kennen zu lernen. Und das sechs Wochen vor Drehbeginn. Die Chemie zwischen den beiden stimmte auf Anhieb.?

Es kommen unterschiedliche Generationen an deutschen Schauspielern zusammen. Jeder der Hauptdarsteller steht für eine andere Zeit im deutschen Kino ? Armin Mueller-Stahl als Top-Star in der DDR der 60er und 70er Jahre, der dann Karriere im Westen machte, zur gleichen Zeit galt Karin Dor als eine der populärsten Darstellerinnen in Westdeutschland, Katja Riemann ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Film: Eine Star-Schauspielerin, die Ende des Dezenniums erfolgreich den Ausbruch ins internationale Kino wagte, August Diehl dagegen einer der bekanntesten Vertreter des jungen deutschen Kinos.

Margarethe von Trotta genoss die erneute Zusammenarbeit nach ROSENSTRASSE mit Katja Riemann, ?die hier sehr verletzlich ist und einen viel schwierigeren Part spielt?. Die diffizile Darstellung diskutierten Regisseurin und Schauspielerin schon lange im Vorfeld. ?Wir fragten uns, wo sind die Momente, in denen die Persönlichkeit kippt, zeichneten die Punkte, an denen sie sich abrupt von einer Frau in die andere verwandelt. Sie sollte wirklich urplötzlich die Andere sein, dass selbst ihr Geliebter, den sie von einer Sekunde auf die andere wie einen total Fremden betrachtet, sie nicht wieder erkennt?.

Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Zehn Tage reiste das Team nach Marokko, um in Casablanca und in der Wüste bei Erfoud zu drehen. Marokko ist für viele Spielfilme inzwischen ein begehrter Drehort, nicht nur wegen seiner relativen politischen Stabilität, sondern auch wegen der hochprofessionellen Teams vor Ort und der guten Infrastruktur. Ursprünglich spielten die Szenen in Alexandria, aus Sicherheitsgründen wurden sie verlegt. Die Auflagen für einen Dreh in Ägypten hätten die Freizügigkeit von Szenen mit Katja Riemann eingeschränkt, der Kampf um Genehmigungen die Dreharbeiten verzögert.

In der Finanzmetropole Frankfurt fanden die Außen- und Innenaufnahmen der Anwaltskanzlei statt, in Eltville die Innenaufnahmen der düsteren Familienvilla mit dem gespenstischen Abendessen und auch die Außenaufnahmen des Hofes. Am Rhein im idyllischen Assmannshausen wurde der für die Handlung so wichtige Pavillon auf einer Anhöhe mit Blick auf endlose Weinberge gebaut (den die Gemeinde übernahm und der inzwischen als Touristenattraktion gilt). Ein Teil der Innenaufnahmen wurde in München gedreht. Das wunderschöne Architektenhaus, in dem Robert Fabry mit seiner Partnerin lebt, steht eigentlich am Ammersee.

Am Set herrschte eine entspannte Stimmung, eine Atmosphäre der Kreativität, in der die Dreharbeiten glatt und reibungslos verliefen, und auch der Wettergott meinte es gut mit der Produktion. Margarethe von Trotta arbeitete hier mit einem für sie fast komplett neuen Team, von der Kostümbildnerin bis zum Komponisten - eine willkommene Herausforderung.

Erstmals arbeitete sie auch mit Kameramann Axel Block zusammen, der eine ganz neue Ästhetik in ihre Arbeit bringt. Gemeinsam entwickelten die beiden die außergewöhnliche Farbdramaturgie, vor allem den differenzierten Einsatz der Farbe Rot.

Die Handlungsorte ? allen voran der Rheingau und die Finanzmetropole Frankfurt - wurden bewusst als sehr ?deutschlandtypisch? ausgewählt.

Tragisch, dass der im Sommer 2004 verschiedene Autor Peter Märthesheimer die Dreharbeiten nicht mehr verfolgen und den Film sehen konnte. Er starb in einem Moment, in dem es so schien, als würde das Projekt wegen mangelnder Förderzusagen nicht zustande kommen. Sein Tod war für alle Beteiligten ein besonderer Ansporn, den Film in seinem Sinne zu verwirklichen. Das ihm gewidmete fertige Werk ist das Vermächtnis eines der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Nachkriegsfilms.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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