Black Dahlia

Produktionsnotizen

?Ich schaute hoch und spürte einen kalten Schauder, mein Atem ging stoßweise. Ich wurde an den Schultern und Armen angerempelt und hörte ein Stimmengewirr: ,Nicht ein verdammter Tropfen Blut.? ? ,Das ist das schlimmste Verbrechen an einer Frau, das mir in meinen 16 Jahren untergekommen ist.? ...? (James Ellroy, ?Die schwarze Dahlie?)

Seit fast 60 Jahren geistert eine Story wie ein Schreckgespenst durch die Stadt. Dutzende von Journalisten, Schrifsteller und Drehbuchautoren fühlten sich inspiriert, über die diabolischen Triebkräfte zu reflektieren, denen Menschen ausgesetzt sind. Die Geschichte diente vielen naiven Starlets als Warnung, wenn sie in die Traumfabrik kamen, um ihr Glück zu suchen. Und sie begann mit einem durchschnittlichen Mädchen, das unbedingt ein Star werden wollte.

Sie hieß Elizabeth ?Betty? Short: die 22-Jährige stammte von der Ostküste und wollte Schauspielerin werden. Sie trug eine zarte Blüte im rabenschwarzen Haar, und die Menschen erlebten sie sehr unterschiedlich: als gute Freundin, geliebte Schwester, entfremdete Tochter, wechselnde Gefährtin und angebliche Prostituierte.

Am 15. Januar 1947 fand man sie brutal ermordet auf einem unbebauten Grundstück in der Nähe des Leimert-Parks im Zentrum von Los Angeles: nackt, an der Taille in zwei Teile getrennt, die inneren Organe entfernt und völlig ausgeblutet ? ihr kleiner Körper war derart grausig zugerichtet, dass kaum ein Foto an die Öffentlichkeit drang. Ihr Mörder hatte sie niedergeknüppelt, anal vergewaltigt und ihr den Mund von Ohr zu Ohr zu einem grässlichen Grinsen aufgeschlitzt. Falsche Beschuldigungen und Geständnisse gab es zuhauf, und der Mord an Betty zählte zu den entsetzlichsten ungeklärten Verbrechen in der Geschichte der Stadt der Engel.

Mit ihrem Tod bekam sie einen neuen Namen ? als Schwarze Dahlie bleibt sie unvergesslich. 40 Jahre nach dem Mord schrieb Krimi-Autor JAMES ELLROY (?L.A. Confidential?, ?Ein amerikanischer Thriller?) den Bestseller ?The Black Dahlia? (Die schwarze Dahlie) mit dem Mord an Betty als Zentralmotiv vor dem explosionsartig wachsenden Los Angeles der damaligen Zeit. Indem er Obsessionen, Doppelgänger und die von der fixen Idee des brutalen Mordes besessenen Ermittler zu einer Story kombininerte, hoffte Ellroy sich seine eigenen Dämonen von der Seele zu schreiben, die ihn seit der Erdrosselung seiner eigenen Mutter im Jahre 1958 nicht schlafen ließen.

Jetzt verfilmte Meisterregisseur BRIAN DE PALMA, dem wir Krimi-Klassiker wie ?The Untouchables?, ?Scarface? und ?Carlito?s Way? oder auch Thriller wie ?Carrie?, ?Dressed to Kill? und ?Blow Out? verdanken, Autor JOSH FRIEDMANs (?Krieg der Welten?) Drehbuch nach dem Ellroy-Klassiker. De Palma ist für seine vielschichtigen Sujets voller hemmungsloser Leidenschaften, Doppelgänger, drastischer Gewalttätigkeiten und zerstörerischer Obsessionen bekannt ? darin ähnelt er Ellroy, und deswegen lag es nahe, dass er diese blutrünstige Tragödie auf die Leinwand brachte.

?Black Dahlia? erfindet eine Geschichte von Leidenschaft, Liebe, Korruption, Habgier und Laster, beruft sich dabei aber auf den wahren und bis heute nicht aufgeklärten Fall eines hoffnungsvollen Hollywood-Starlets, dessen brutale Ermordung 1947 ganz Amerika schockierte und faszinierte. Im Film lernen wir Betty Short in dem brodelnden Los Angeles der Nachkriegsjahre kennen. Korrupte Politiker manipulieren skrupellose Cops, die kaltblütigen Gangstern helfen, zwielichtigen Filmemachern ihre Projekte zu finanzieren, die wiederum junge Schauspielerinnen ausnutzen, die sich verzweifelt ihren Platz in einer Traumwelt erkämpfen wollen.

Auftritt zweier Ex-Boxer und Polizisten, Lee Blanchard (AARON ECKHART) und Dwight ?Bucky? Bleichert (JOSH HARTNETT), Aushängeschilder des Los Angeles Police Department der 1940er-Jahre. Der erste Mordfall der frischgebackenen Partner beginnt mit einem Anruf ihres Vorgesetzten Detective Millard (MIKE STARR): Sie sollen im Mordfall der ehrgeizigen B-Film-Aktrice Betty Short (MIA KIRSHNER) ermitteln, nachdem sie gerade eine tödliche Schießerei überstanden haben.

Blanchard und Bleichert sind wie der Rest der Stadt von der Welt des Lasters fasziniert, in der die Dahlie erblühte. Während Blanchard sich so intensiv in den Sensationsfall verbeißt, dass seine Beziehung zu Kay (SCARLETT JOHANSSON) darunter leidet, fühlt sich sein Partner Bleichert von der rätselhaften Madeleine Linscott (gespielt von der zweifachen Oscar-Preisträgerin HILARY SWANK) angezogen: Sie stammt aus einer sehr prominenten Familie und hatte zufällig ein anstößiges Verhältnis mit der Dahlie (der sie sehr ähnlich sieht).

Wie besessen versucht Blanchard den Fall zu lösen, weil er Bettys Fall als Chance erkennt, all das gut zu machen, was er bei den anderen Frauen in seinem Leben bisher versäumt hat.

Auch Bleichert beginnt seine bisherigen Werte zu überdenken, weil er zwischen zwei grundverschiedenen Damen hin- und hergerissen wird: der scheinbar unschuldigen Kay und der bewusst verführerischen Madeleine, deren durchgedrehte Mutter Ramona (FIONA SHAW) in mehr als einer Beziehung zur Schlüsselfigur in diesem mysteriösen Fall wird.

Weil Betty Short unbedingt berühmt werden wollte, mußste sie notwendigerweise berüchtigt werden ? als Tote beeinflusste sie weit mehr Menschen, als ihr das zu Lebzeiten je gelungen wäre. Sie träumte von den Filmkameras, die ihr zu Leinwandruhm verhelfen sollten. Stattdessen wurde sie das Pinup-Girl der Autopsie-Fotos in der Regenbogenpresse. Jetzt nimmt sich Regisseur De Palma mit seinem unverwechselbaren Stil und untrüglichem Instinkt der Geschichte an, um uns in die Welt zu begleiten, in der zahlreiche Menschen um das unheilvolle Zentrum Betty Short kreisen.

In der Filmfassung von ?Black Dahlia? verweben sich Wahrheit und Legende. Zu De Palmas renommiertem Team hinter der Kamera gehören Filmkomponist MARK ISHAM (?L. A. Crash?), Cutter BILL PANKOW (?Carlito?s Way?), Produktionsdesigner DANTE FERRETTI (?Unterwegs nach Cold Mountain?) und Kameramann VILMOS ZSIGMOND (?Die durch die Hölle gehen?). Produziert wurde ?Black Dahlia? von ART LINSON (?Fight Club?), AVI LERNER (?The Wicker Man?), MOSHE DIAMANT (?Tristan & Isolde?) und RUDY COHEN (?The I Inside ? Im Auge des Todes?). Der Schwarzen Dahlie auf der Spur: Bettys Weg auf die Leinwand ?Wer sind diese Männer, die andere aussaugen? Was fühlen sie, wenn sie jemandem ihren Stempel aufdrücken?? (Detective Bucky Bleichert)

Elizabeth ?Betty? Short wurde am 29. Juli 1924 in Hyde Park/Massachusetts geboren. Als junge Frau hatte sie wie viele Möchtegern-Schauspielerinnen in der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg einen großen Traum: Sie wollte sich in Hollywoodland einen Namen machen. Mit 19 brach sie nach Kalifornien auf ? über Valleja, die Heimatstadt ihres Vaters, kam sie zunächst nach Santa Barbara und von dort ins südlich gelegene Los Angeles.

Ihr kurzer Aufenthalt in der Stadt liest sich wie die typische Geschichte der Unschuld vom Lande. Sie bewarb sich um etliche Rollen, lebte eine Zeit lang in den Chancellor Arms Apartments, und es hieß, sie habe sich in angesagten Lokalen wie dem Pig & Whistle am Hollywood Boulevard, dem Formosa Café am Santa Monica Boulevard und dem Biltmore Hotel an der Grand Avenue herumgetrieben. Und in eben diesem Hotel war Betty am 9. Januar 1947 angeblich mit einem Freund verabredet. Dort wurde sie zum letzten Mal lebend gesehen.

Weil Betty tiefschwarzes Haar hatte, sich gern schwarz kleidete und eine Blume im Haar trug, bekam sie in Anlehnung an den 1946 gestarteten Film ?The Blue Dahlia? (Die blaue Dahlie) mit Alan Ladd und Veronica Lake ihren Spitznamen, mit dem man sie zu Lebzeiten aufzog und nach ihrem Tod vereinnahmte. Alle Welt war fasziniert von ihrem blutigen Schicksal, das direkt aus einem Roman von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett zu stammen schien. Tatsächlich wollten die meisten, die mit ihrem Fall zu tun hatten, ihren Ruf entweder unbedingt reinwaschen oder endgültig in den Schmutz ziehen.

Die Nachricht vom grässlichen Mord an der jungen Frau verbreitete sich 1947 in Hollywood und im ganzen Land wie ein Lauffeuer. Im Zentrum der Filmbranche regierten Gangsterbosse, schleimige Studiomanager, korrupte Cops und Leute, die junge Frauen rücksichtlos nach Strich und Faden ausbeuteten... und die schlüpfrigen Details einer Mordgeschichte erst recht. Monatelang brachten der L.A. Examiner, die Los Angeles Times und jedes Käseblatt, das eine Story über Betty erfinden oder zusammenschustern konnte, immer wieder Schlagzeilen von ?Wer hat Betty Short umgebracht?? bis ?Schwarze Börse, Schuhe: Heiße Dahlie-Indizien?. Ihre Geschichte wurde als Hollywood-Legende vereinahmt... und sollte die Fantasie eines kleinen Jungen sein Leben lang beeinflussen.

Schon als Kind begann sich der aus Los Angeles stammende James Ellroy mit Betty zu beschäftigen: Er war erst elf Jahre alt, als sein Vater ihm Jack Webbs Verbrechensanthologie ?The Badge? schenkte. Hingerissen las er den zehnseitigen Report, in dem Webb darstellte, wie Elizabeth Short zu Tode kam. Ellroys Mutter Jean Hilliker war wenige Monate zuvor in einem brutalen (und bis heute nicht aufgeklärten) Verbrechen erwürgt worden. Und weil der Junge ihren Tod nicht offen betrauern konnte, wurde die Dahlie zu seiner fixen Idee.

Wie viele vor und nach ihm verbiss sich Ellroy jahrelang in die Geschichte dieser Hollywood-Ikone. Er erinnert sich: ?Ich fuhr mit dem Rad zur Zentralbibliothek. Ich recherchierte alles, was auf Mikrofilm über den Fall der Dahlie zu finden war, und arbeitete mich in diese vergangene Ära von Los Angeles ein: eine Zeitreise von 1959 ins Jahr 1947. Das gegenwärtige L.A. wurde zum damaligen L.A. Ich begann parallel in den beiden Welten zu leben, die bis heute meine Existenz bestimmen.?

Tatsächlich aber wartete Ellroy dann bis 1987, als er seinen siebten Roman ?The Black Dahlia? als ersten seines L.A.-Quartetts schrieb, um zuvor mit den ersten Romanen seine ?Gesellenstücke als Erzähler? abzuliefern: ?Brown?s Requiem? (Browns Grabgesang), ?Clandestine? (Heimlich), ?Blood on the Moon? (Blut auf dem Mond) und ?Suicide Hill? (Hügel der Selbstmörder). Der Schriftsteller gibt zu, dass ?ich mich zunächst für das Leben im Los Angeles des Jahres ?47 stählen mußste?.

Doch für Ellroy kam die Dahlie auch mit Abschluss seines Romans nicht zur Ruhe. 1996 schrieb er einen Roman namens ?My Dark Places? (Die Rothaarige) ? seine Memoiren über den Mord an seiner Mutter im Jahr 1958. ?Ich befand mich auf einer langen Reise und mußste zunächst in ,The Black Dahlia? über Elizabeth Short schreiben, bevor ich mich meiner Mutter zuwenden konnte. Elizabeth Short war immer der romanhafte Ersatz für meine Mutter. Meine Mutter und sie haben sich ineinander verwandelt ? ein ganz irrer Vorgang. Meistens sind sie in meinem Kopf ein und dieselbe Person.?

Drehbuchautor Josh Friedman wurde ursprünglich engagiert, um Ellroys über 300 Seiten starken Roman ?The Black Dahlia? für David Fincher und die Produzenten Rudy Cohen and Moshe Diamant zu bearbeiten. Fincher war 1997 als Regisseur des Projekts vorgesehen. ?David und ich haben jahrelang immer wieder daran gearbeitet?, berichtet Friedman. ?Ich schrieb eine Fassung, wir diskutierten darüber... und dann machten wir zwischendurch andere Filme.?

Schließlich zog sich Fincher zurück, und als Brian De Palma an Bord kam, wirkte er laut Friedman ?wie eine Lokomotive. Brian und Art [Linson, Produzent] bestanden auf einigen wichtigen Änderungen, und schon ging es los.?

Über seine Vorlage sagt der Drehbuchautor: ?Ich sehe das Buch nicht als Genrestoff an, sondern als historischen Roman. Ich erzähle diese mitreißende Geschichte ganz im Sinne von Ellroy... er hat eine ganz besondere Technik, Motive zu verweben. Diese Struktur übernehme ich weitgehend, auch seine Haltung den Romanfiguren gegenüber.?

?James schafft eine umfassende Film-noir-Welt, er erzählt seine Geschichten auf sehr komplexe Art?, fügt Regisseur De Palma hinzu. ?Dabei bedient er sich einer sehr komplexen Sprache. Josh stellt ein sehr gutes Barometer dar: Was in diesem Buch lässt sich filmisch umsetzen, was nicht? Er ist vollkommen in Ellroys komplexes, düsteres Material über ein Jahrzehnt eingetaucht, wobei er Ellroys Eigenarten beibehält und nie den einfachen Weg wählt. Fast ein Jahr lang haben Art und ich mit ihm zusammengearbeitet, bevor das Skript drehfertig war.?

De Palma berichtet, dass es ihm nicht nur um die Story der Dahlie ging ? er wollte den gesamten Lebensraum der fiktiven Buchhelden im Los Angeles des Jahres 1947 ausloten: Welchen Einfluss hatte das Verbrechen auf ihr Leben? Dabei gefiel ihm Friedmans Interpretation des ?Dreiecks zwischen Bucky, Lee and Kay. Bucky und Lee kennen sich schon seit den ,Zoot Suit Riots?, den Zusammenstößen zwischen Soldaten und Latinos (1942), und zu einem ersten Höhepunkt kommt es am Anfang der Geschichte, als Bucky einen Kampf annimmt, um das Geld zu verdienen, mit dem er das Altersheim für seinen Vater finanziert.?

De Palma ist für überraschende Wendungen in seinen Filmen bekannt ? entsprechend freute er sich natürlich darüber, ?dass in der Story niemand die Wahrheit sagt. In den emotional dramatischen Szenen, wenn wir erwarten, dass jemand etwas offenbart, bekommen wir normalerweise genau das Gegenteil von dem zu hören, was er zuvor gesagt hat. Jede Figur macht Kompromisse, und wir erleben mit, wie Bucky in diese Hölle hinabsteigt und von ihr verschlungen wird.?

Nachdem das Drehbuch abgesegnet (und das Projekt durch Verleihgarantien aus Übersee finanziert) war, suchten der Regisseur und die Produzenten nach einem Verleihpartner in den USA. Nach einem Treffen mit Marc Shmuger, dem damaligen stellvertretenden Vorsitzenden (und heutigen Vorsitzenden) von Universal Pictures, war der Deal unter Dach und Fach: Das Studio sicherte sich während des Drehs die US-Verleihrechte.

Produzent Art Linson berichtet: ?Traditionell ist es in Hollywood schwierig, düstere Filme zu machen. Dieser unterscheidet sich von üblichen Mordgeschichten durch die Auswirkungen auf alle Beteiligten. Es geht darin nicht nur um die Suche nach dem Täter, sondern um die Obsessionen, um die Konsequenzen im Leben der Polizisten und der Frauen, die in Beziehung zu diesen Detectives stehen.?

?Es gibt heute nur noch wenige Regisseure, die wirklich beurteilen können, was Film noir eigentlich bedeutet?, fährt Linson fort. ?Doch Brian hat diesen Stoff voll im Griff. Er stattet die Dahlie mit genau der opulenten Optik aus, die hier unbedingt angebracht ist.?

Nachdem die Finanzierung stand, mußsten die Filmemacher also nur noch eine kleine Aufgabe erledigen: Sie brauchten ein Ensemble von hervorragenden Hollywood-Nachwuchsdarstellern, die Ellroys und Friedmans Dialoge überzeugend auf die Leinwand übersetzen konnten... und dabei die Atmosphäre der Film-noir-Ära wieder zum Leben erwecken sollten.

Auftritt fünf junger Darsteller namens Josh, Scarlett, Aaron, Mia und Hilary. Wie besetzt man einen Film noir? ?Sie sieht genau wie die Tote aus. Bist du total pervers? Du endest noch wie Will, lass dir das gesagt sein. Aber ich mache da nicht mit.? (Kay Lake)

Eine interessante Aufgabe: in ?Black Dahlia? sollten junge Schauspieler agieren, denen man einen Film noir abnimmt ? sie sollten sich also im Sinne von Humphrey Bogart/Lauren Bacall und Fred MacMurray/Rita Hayworth in die Thriller der 40er- und 50er-Jahre versetzen, ohne zu Karikaturen der Rollen zu werden, die ihnen als Vorbild dienen. De Palma und die Produzenten setzten entsprechend auf fünf junge, aber bereits etablierte Schauspieler und ein Ensemble erfahrener Darsteller, die sich im Sinne von Friedmans Skript und Ellroys Buch in den zusammengewürfelten Haufen von schweren Jungs, Liebhabern und Schwindlern verwandeln.

De Palma berichtet, warum er auf Spitzenkräfte setzt: ?Großartigen Schauspielern gelingt es nämlich, uns immer wieder völlig zu überraschen.?

Schon seit langem stand Josh Hartnett als jener Bucky Bleichert fest, der den Boden unter den Füßen verliert, als er den Fall übernimmt. Laut De Palma gelingt es dem Schauspieler, Buckys vom Skript vorgegebenen guten Charakter absolut überzeugend darzustellen. ?Selbst in diesem korrupten Sumpf bewahrt sich Bucky seine Anständigkeit?, sagt De Palma. ?Genau wie Bogart in den damaligen Noir-Filmen bildet er eine moralische Instanz.?

?Josh ist inzwischen ein Mann geworden?, sagt Linson. ?Wir haben miterlebt, wie er sich vom Kid in ,Virgin Suicides? fantastisch weiterentwickelt hat ? jetzt ist er ein Detective mit sehr kompliziertem Leben: verliebt in zwei Frauen und besessen von einem Mord.?

Hartnett ließ sich gern auf die schwierige Rolle ein, weil ?es sich eben nicht um eine Moralpredigt handelt. Die Figuren haben alle ihre Schwächen, die sie ausleben müssen ? da gibt es keine Ausnahme.?

Doch nicht nur Friedmans schneller Dialogabtausch im Stil der Zeit forderten Hartnett. Auch seine körperliche Kondition war gefragt: Sieben Monate lang trainierte er täglich vier Stunden lang, um den erfahrenen Boxer Bucky (der sich im Ring Mr. Ice nennt) darstellen zu können, der im Leichtgewicht eine Kampfbilanz von 36-0-0 vorweisen kann.

In De Palmas Filmen gibt es oft Trios oder Quartette, die auf seltsame Weise zusammenkommen. Nummer zwei im Liebesdreieck Bucky?Kay?Lee ist Aaron Eckhart, den De Palma als ?jungen Kirk Douglas? beschreibt. Der Regisseur suchte für ?Mr. Fire? Lee Blanchard einen Schauspieler, der das Manische an der Rolle betont. Er soll den Benzedrin schluckenden Hitzkopf mit einer explosiven Mischung aus Wut und Reue spielen... damit bildet er eine deutliche Parallele zu dem gesetzestreuen Bucky. Während sie im Fall der Dahlie ermitteln, erfahren wir, dass es eine ganze Reihe von Frauen gibt, denen Lee nicht helfen konnte ? dazu zählt auch seine Schwester, die mit 15 Jahren gestorben ist.

Eckhart nahm die körperlich anspruchsvolle Rolle an (Mr. Fires Box-Bilanz: 43-4-2), weil Blanchard ?Sprüche klopft, säuft, einen scharfen Verstand hat, sich von niemandem auf den Arm nehmen lässt ? solche Rollen machen uns Schauspielern viel Spaß.?

Über sein Interesse für die Film-noir-Ära der 40er-Jahre sagt er: ?Das Sprechtempo damals war schneller als heute. Wenn man Cagney oder Edward G. Robinson zuschaut, reden die wie Maschinenpistolen.?

Sein Gesetzeshüter-Kollege Hartnett lacht: ?Der Iago wäre die ideale Rolle für Aaron. Er schreckt auch vor Übertreibungen nicht zurück. Seine starke Persönlichkeit verschafft ihm eine Leinwandpräsenz, die uns tatsächlich überzeugt: Lee würde jeden fertigmachen, der sich ihm in den Weg stellt.?

Nachdem die Testosteron-gesteuerten Rollen besetzt waren, suchte De Palma drei Damen, die mit dem klassischen Klischee von der hilflosen Heroine wirklich überhaupt nichts gemein haben sollten. Über seine Hauptdarstellerinnen sagt der Regisseur: ?Die Girls haben etwas Magisches, Geheimnisvolles. Immer bleibt etwas unausgesprochen.?

Die traumatisierte Kay Lake, mit der Lee sich zusammentut und die Bucky begehrt, sollte laut De Palma eine junge Frau sein, deren Augen ihren Lebensüberdruss verraten. Er lernte Scarlett Johansson bereits vor Jahren kennen, als sie ?The Horse Whisperer? (Der Pferdeflüsterer) drehte. Sie beeindruckte ihn derart, dass er sich vornahm, eines Tages mit ihr zu arbeiten.

Produzent Linson fühlt sich durch Johansson an vergangene Zeiten erinnert ? er erlebt sie als ?alte Seele. Optisch hat sie etwas vom Retro-Look an sich. Sie sieht so aus, dass man sich sofort in die Vergangenheit versetzt fühlt.? Diese Beobachtung wird durch Vilmos Zsigmonds Kamerabilder bestätigt, mit denen Johansson allein durch ihre Körperlichkeit verblüffend an die damalige Zeit erinnert.

Dazu die Schauspielerin: ?Als ich Joshs Skript las, konnte ich Kays Leidenschaft sofort nachvollziehen. Sie ist schrecklich einsam, traurig-romantisch, sie braucht jemanden, der sie beschützt. Sie hat keine Ahnung, dass Bucky sich als das genaue Gegenteil von dem herausstellt, was sie in ihrem Freund Lee sieht.?

Die Kanadierin Mia Kirshner spielt ihre bekannteste Rolle, die Jenny, in den beiden aktuellen Staffeln der Showtime-Serie ?The L Word? (The L Word ? Wenn Frauen Frauen lieben). Zunächst bewarb sie sich für die Rolle der doppelzüngigen Madeleine Linscott. De Palma war so von der Darstellung der Schauspielerin beeindruckt, dass er Kirshner als Dahlie besetzte und Friedman extra für sie die Rolle um einige Szenen erweitern ließ. ?Sie ist wirklich atemberaubend?, kommentiert De Palma. ?Als ich ihre Probeaufnahmen sah, sagte ich: ,Mia, du mußst unbedingt in meinem Film mitmachen. Wir bauen die Figur der Dahlie weiter aus, und du sollst sie spielen.??

Dazu Kirshner: ?Als Kind in Toronto habe ich in der Bibliothek gern die alten Filmbücher durchgeblättert, die Fotos mit Vivien Leigh und Hedy Lamarr. Am Samstagabend schaute ich mir mit meinem Vater alte Filme an ? seitdem begeistert mich die Film-noir-Ära.?

Mia Kirshner kannte viele Geschichten über das legendäre Starlet, das sie darstellen sollte, wollte sich aber ein eigenes Bild machen und herausfinden, wer Elizabeth Short eigentlich war. Ihr lag sehr viel daran, Betty als Mensch zu zeigen, denn sie hält ihr tragisches Schicksal für ?eine Warnung an alle jungen Hollywood-Schauspielerinnen. Ich habe wirklich versucht, Elizabeth zu verstehen. Als ich so viel wie möglich über sie gelesen hatte, entdeckte ich in ihr eine sehr sanfte, romantische und intelligente Frau.?

Für die Rolle der ebenso verschlagenen wie verführerischen Madeleine Linscott suchte De Palma eine Schauspielerin, die nicht nur als Femme fatale überzeugt, sondern Mia Kirshner auch ähnelt. Ellroy zeigt in seinem Buch sehr deutlich, dass die Dahlie nicht um ihrer selbst willen ermordet wurde, sondern weil sie einer anderen Frau ähnlich sah.

Die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank hatte gerade ihre Rolle in Clint Eastwoods ?Million Dollar Baby? abgedreht, als sie sich bereit erklärte, die Madeleine zu spielen ? eine Frau, für die ?Gewissen? ein Fremdwort ist. De Palma stand immer schon auf Femmes fatales und hat etliche von ihnen auf die Leinwand gebracht ? für diese Rolle stellte er sich eine Schauspielerin vor, die Madeleine als ?armes reiches Mädchen spielt, die alle Männer zugrunde richtet. Ich halte Hilary für die klassische Spinnenfrau ? sie kann auf der Leinwand unglaublich sensibel wirken, doch dann braucht man nur den Hebel umzulegen, und sofort erscheint sie extrem bösartig.?

Über Swanks Besetzung sagt Drehbuchautor Friedman grinsend: ?Wenn ich eine zweifache Oscar-Siegerin dazu bringe, in meinem Film mitzumachen, obwohl sie nur in einem Viertel der Szenen auftritt, dann geht für mich als Autor ein Traum in Erfüllung.?

Doch unabhängig von dieser Verbeugung war Swank einfach dankbar, endlich das brutale Trainingspensum hinter sich zu lassen, dem sie sich für ihre Rolle als Box-Champion Maggie Fitzgerald unterworfen hatte. ?Madeleine würde nie im Leben Eiweiß zum Frühstück trinken?, lacht die Schauspielerin.

Swank nahm die Rolle an, weil ?Madeleine sich total von allen meinen bisherigen Rollen unterscheidet. Sie stammt aus der reichen Oberklasse, mischt sich unters gemeine Volk und tut ausschließlich, was ihr passt ? ein verwöhntes Gör. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sie große Probleme, sie sehnt sich nach Liebe.?

Die Mutter der merkwürdigen Kreaturen, die sich Familie Linscott nennen, spielt die berühmte Britin Fiona Shaw. Mrs. Linscott changiert zwischen snobistischer Schärfe und opernhaften Alkoholexzessen ? sie erfordert also eine Schauspielerpersönlichkeit, die innerhalb von Sekunden ihre wahnsinnigen Launen wechseln kann.

De Palma erinnert sich an eine bezeichnende Szene des Films, in der Bucky die Linscotts kennen lernt: ?Fiona musterte Josh mit einem angeekelten Blick, als ob sie sagen wollte: ,Was hat ein Polizist in meinem Haus zu suchen?? Mit dieser durchtriebenen Exposition erinnert sie mich an Vanessa Redgrave. Durch sie macht diese Figur richtig Spaß.?

Doppelgänger und Spezialobjektive ? De Palmas Version der Dahlie ?Du bringst es doch nie fertig, auf mich zu schießen. Denk immer daran, wem ich ähnlich sehe. Denn das Mädchen... diese erbärmliche tote Schlampe... die ist doch alles, was du hast.? (Madeleine Linscott)

Der Regisseur ist bekannt für seinen präzisen Stil ? oft tauchen Hitchcock-Motive auf, Doppelgänger, Femmes fatales, opernhaft ausgewalzte Gewalttätigkeiten, komplizierte, lange Kamerafahrten. Dennoch gibt er zu, dass er sich beim Drehstart nie fragt: ?Wie lege ich die Szene an, damit sie mehr nach Brian De Palma aussieht?? Er stellt fest: ?Das passiert völlig unbewusst. Ich weiß nicht, warum mich bestimmte Stoffe ansprechen. Aber irgendwie klickt es, und dann lasse ich mich mitreißen.?

Dennoch sind es bestimmte Themen, die ihn stets aufs Neue faszinieren. Lange Zeit hat er sich mit dem parallelen Schicksal von Doppelgängern beschäftigt ? ob sie sich nun innerlich oder äußerlich ähneln ?, deren gespaltene Persönlichkeit ihre Schuld auf andere projiziert. Von ?Body Double? (Der Tod kommt zweimal) über ?Dressed to Kill? (Dressed to Kill) bis zu ?Raising Cain? (Mein Bruder Kain) erscheint dieses Motiv immer wieder.

De Palma fand es interessant und sehr passend, dass seine Dauerthemen auch in den Trommelfeuer-Dialogen und grellen Begebenheiten der Ellroy-Welt anklingen. Zum Beispiel ist Madeleine besessen von der Idee, eine ihr ähnliche Frau kennen zu lernen (und mit ihr zu schlafen), und sie ahmt Betty nach, imitiert ihre Eigenschaften, um so andere zu verführen. Sie weiß sogar Buckys obsessive Fixierung auf den Fall zu nutzen, um ihn wieder in ihr Bett zu locken.

Doch wie bei allen Romanverfilmungen mußsten wesentliche Teile der Handlung gestrichen werden. Als der Tatort des Dahlienmords erstmals gezeigt wird, lenkt De Palma die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf ein Ereignis (Lees Schießerei mit Baxter Fitch), das sich zur selben Zeit wie die Entdeckung der Leiche zuträgt ? damit baut er genau wie Ellroys Buch einen Gegenpol auf.

Dem Regisseur gefiel die Ironie, die sich daraus ergibt, dass das große Verbrechen fast hinter dem kleineren verschwindet: ?Ich wollte die Entdeckung der Dahlie ganz in den Hintergrund drängen, während vorn alles Mögliche passiert. Einige Handlungsstränge mußsten wir reduzieren, und wir haben uns schließlich auf vier konzentriert. Weil ein Großteil der Handlung indirekt erzählt wird, denkt der Zuschauer natürlich immer: ,Das ist jetzt eine wichtige Sache.? Tatsächlich werfen wir nur ein paar Figuren vom Spielfeld.?

Drehbuchautor und Regisseur legten großen Wert darauf, Ellroys Sprache und die komplizierten Nebenhandlungen in den Film zu übernehmen. Dennoch war klar, dass sie im Film einige Tricks anwenden, die einem Romanautor nicht zur Verfügung stehen. Zum Beispiel schreibt Ellroy, dass Bettys Mörder sich von Victor Hugos tragischem Helden Gwynplaine inspirieren lässt, als er ihr das groteske Grinsen ins Gesicht schlitzt. In Hugos Roman ?L?homme qui rit? (Die lachende Maske) geht es um einen Mann, dem der König ein permanentes Grinsen ins Gesicht schneidet, um sich für den Verrat von Gwynplaines Vater zu rächen. Diese gruselige Figur hat seit Anfang des vorigen Jahrhunderts viele Filmemacher inspiriert (nicht zuletzt diente sie auch Batman-Erfinder Bob Kane als Vorlage für den Bösewicht Joker).

Dazu der Regisseur: ?In Ellroys Buch denkt der Mörder ständig an ,Die lachende Maske?... und die Dahlie wird auf dieselbe Weise verstümmelt.? Also fragt er sein Team: ?Wie stellt man das am besten dar? Ist das mal verfilmt worden? Klar gibt es einen Film.? De Palma stellte fest, dass Bucky, Lee und Kay sich nur Paul Lenis ?The Man Who Laughs? (1928) anschauen müssen, um diesem Motiv eine Richtung zu geben. (Übrigens wurde der Film von Universal Pictures in der Übergangszeit zum Tonfilm produziert, erstmals wurden also gleichzeitig Zwischentitel und Toneffekte verwendet.)

Nur wenige amerikanische Regisseure verwenden eine Farbpalette und komplexe Kamerafahrten, wie sie zu De Palmas Markenzeichen wurden. Bis zur Kampfszene zwischen den beiden Supercops verwendet der Regisseur satte Farben. Dann wechselt er zu starken Farbkontrasten, die die gesamte Haupthandlung prägen, während die Rückblenden von sehr blassen Farbtönen charakterisiert sind. Dazu De Palma: ?Der gesamte Film zeigt im Grunde einen Abstieg in die Hölle. Beim Film noir verwendet man möglichst starke Kontraste, viele Schatten und niedrige Kamerapositionen.?

Um bestimmte Sequenzen im Sinne der Handlung zu gestalten, brauchte De Palma sein gesamtes Team, darunter langjährige Mitarbeiter wie den ehemaligen Opern-Ausstatter und Fellini-Mitarbeiter Dante Ferretti und den berühmten Kameramann Vilmos Zsigmond. ?Ich lese mir die Szene durch und überlege dann, wo die Kamera in diesem Moment am besten stehen sollte?, sagt der Regisseur. ?Dann richte ich die Optik danach aus und passe die Schauplätze den Szenen an.? De Palma ist dafür bekannt, dreidimensionale Modelle seiner Sets zu bauen, um seine Einstellungen schon vor der ersten Klappe ganz genau festzulegen.

Über seinen Regiestil sagt er: ?Wenn mich Filme visuell kalt lassen, interessieren sie mich auch insgesamt nicht. Regie führen ist meist sehr einfach. Wer guten Geschmack hat und Schauspieler inszenieren kann, verwendet entweder Halbtotalen oder Halbnahaufnahmen. Leider sind die meisten mit dem Fernsehen aufgewachsen, und viele Regisseure verwenden bei Dialogen nur Einstellungen mit zwei oder drei Leuten im Bild und Steadicam-Aufnahmen.?

Im Film verbannt De Palma die Dahlie bis zum Schluss in den Hintergrund, ganz bewusst vermeidet er Großaufnahmen der Leiche ? so steigert er in Bezug auf den Zustand der toten Betty die Sensationslust und Erwartung der Zuschauer. Stattdessen stellt er uns eine noch sehr lebendige Betty durch ihre Probeaufnahmen im Filmstudio vor.

De Palma fährt fort: ?Das wirkt, als ob jemand ein groteskes Kunstwerk ausstellt und sagt: ,Schaut, was ich geschaffen habe.? Die Bilder sehen so aus, als ob jemand Fleisch modelliert. Das setzt sich im Unterbewusstsein fest. Mein Konzept sieht vor, dieses Bild bis zum Schluss des Films zu verzögern.?

Produzent Linson stellt fest: ?Brian konzipiert die Sequenzen vom Bild her ? der Dialog ist dann der Zuckerguss oben drauf. Durch die Probeaufnahmen erfahren wir von der Vorgeschichte der Dahlie, und wie Hitchcock tritt er darin sogar selbst auf.?

Die Stimme des hinter der Kamera unsichtbaren Filmemachers, der Betty beim Test Regieanweisungen gibt, gehört tatsächlich De Palma ? ursprünglich war das nur als vorläufiger Soundtrack gedacht, doch dann blieb er in der endgültigen Fassung, weil das Produktionsteam merkte, wie gut Kirshner und der Regisseur aufeinander reagieren. Dazu De Palma: ?Mias Probeaufnahmen waren weitgehend improvisiert. Wir probierten das Wechselspiel zwischen mir als kaltschnäuzigem, grobem Produzenten und Mia als weltfremdem, von Stars träumendem Mädchen. Wir haben gleich eine ganze Serie gedreht, und Vilmos ließ sie schwarzweiß kopieren. Dadurch erscheint Elizabeth Short menschlich überzeugender, und der Film bekommt eine emotional viel prägnantere Note.?

Auch die für den Regisseur typischen langen Kamerafahrten, die den Zuschauer mit einbeziehen, kommen in ?Black Dahlia? zum Einsatz. Als der Zuschauer die Linscott-Villa kennen lernt, blickt Swank direkt in die Kamera und bittet den Zuschauer herein, der hier als Bucky begrüßt wird. ?Das ist eine alte Kriegslist?, sagt De Palma. ?Hier bot sie sich an. Warum soll sie nicht gleich der Kamera direkt demonstrieren, wie irre sie ist ? so reißt sie das Publikum sofort mit.? Ebenso irritierend wirkt der Wechsel: Sobald sich Bucky/der Zuschauer an den Esstisch setzt, nimmt die Kamera wieder die von außen betrachtende Position ein und zeigt alle handelnden Personen.

Von Anfang an wollte De Palma in dieser Szene Ellroys Originaltext verwenden: ?Ich habe meine Inszenierung ganz nach seiner Vorgabe ausgerichtet. Ein verrückteres Essen lässt sich gar nicht vorstellen, aber alle Beteiligten scheinen es für völlig normal zu halten. Erst später bekommen wir mit, welche tödlichen Addams-Family-Qualitäten diese Sippe verbirgt. Aber als wir sie kennen lernen, kommen wir uns vor wie in einer Restaurationskomödie.?

Kamerawinkel aus der Froschperspektive verwendete man, um aus der Position der Leiche in Buckys Gesicht zu blicken, wenn Detective Millard ihn herbeiholt, um die tote Dahlie zu untersuchen. Dann wechselt die Perspektive der Kamera wieder, und durch die subjektive Kamera wird der Zuschauer zu Bucky, als Staatsanwalt Lowe den an seinem Schreibtisch sitzenden Detective anbrüllt.

De Palma und Zsigmond ziehen uns aber noch tiefer in Bettys Welt ? und zwar vor und nach ihrem Tod. Die komplizierten Aufnahmen beim Kampf zwischen Mr. Fire und Mr. Ice waren nicht nur für Hartnett und Eckhart anstrengend, sondern auch für Kameramann Zsigmond. Als Bucky nicht aufpasst, seine Rechte sinken lässt und Lees linken Haken einfängt, dem sofort ein rechter Aufwärtshaken folgt, durch den Bucky seine beiden Vorderzähne verliert, verschmelzen Kamera und Choreografie zu einer wunderbaren Einheit. Nicht nur in dieser Szene verwendet De Palma die für ihn typische Aufteilung der Leinwand in mehrere Bilder und Einstellungen mit Vorsatzlinsen, die zwei Schärfeebenen ermöglichen.

?In einem mit der normalen anamorphotischen Linse aufgenommenen Film sieht man entweder das große Gesicht im Vordergrund scharf oder den Mann in zehn Meter Entfernung, und dazwischen sind beide unscharf?, stellt Kameramann Zsigmond fest. ?Es ist optisch nicht möglich, beide gleichzeitig scharf zu zeigen. Deshalb verwenden wir Objektive, deren Linsen in Teilbereichen unterschiedlich geschliffen sind und die verschiedenen Schärfen in demselben Bild ermöglichen, wobei die Trennung der beiden Bildbereiche unsichtbar ist und das Bild wie aus einem Guss wirkt.? Auch dies gehört zu De Palmas Handschrift ? solche Bilder sieht man in ?The Untouchables?, ?Blow Out? und ?Carrie?.

Was die Dahlie selbst angeht, die zerstückelt auf dem Gelände liegt, auf dem später der Leimert-Park entstand, so beschloss das Filmteam, sie erst am Schluss des Films zu zeigen. Dazu De Palma: ?Wir merkten, dass wir auch eine lebendige Dahlie zeigen müssen. Immer taucht sie nur tot auf ? draußen oder auf dem Obduktionstisch. Wir verwendeten eine sehr realistisch gestaltete Nachahmung der Leiche, aber ich habe die Kamera immer von ihr abgewandt. In ihrer ganzen Pracht ist sie erst in der letzten Szene auf dem Rasen zu sehen.?

Den Zuschauern geht es wie den Filmemachern. De Palma: ?Durch diese Bilder bleibt sie in unserer Fantasie, in unseren Träumen und Albträumen lebendig. Bucky wird ewig von diesem Bild verfolgt, ähnlich wie in meinen anderen Filmen, wenn uns das Unterbewusstsein packt ? so wie Carrie aus dem Grab heraus nach uns greift.?

Hollywoodland entsteht neu: Locations, Kostüme und Filmmusik ?Man sagt mir, ich sei sehr fotogen.? (Elizabeth Short)

Ellroy beschreibt die düsteren Facetten von Los Angeles treffend als ?Sex and Crime in krankhaft übersteigerter Form?.

Um diesen Look in ?Black Dahlia? zu neuem Leben zu erwecken, reiste das Team im April 2005 in die bulgarische Hauptstadt Sofia und baute dort das Hollywood von 1947 nach. Dazu Linson: ?Wunderbar, wie unsere Crew ein Duplikat von Hollywood schuf. Man sieht die Hollywood Hills vor sich, die aber eigentlich die Berge rund um Sofia sind.?

Produktionsdesigner Ferretti baute Hollywood und die Straßen im Lic Pier/Venice-Viertel nach, die während der Unruhen der Zoot Suit Riots zu zweifelhaftem Ruhm kamen... diese Stadtteile gibt es in L.A. nicht mehr. Der Regisseur hatte mit dem so weit vom echten Los Angeles entfernten Drehort keinerlei Probleme: ?Ähnlich wie bei ,Scarface?, bei dem wir auch nur zwei Wochen in Miami drehten, würde man nie vermuten, dass wir uns nicht in L.A. befinden.?

Im Buch verschwindet Lee Blanchard eine Zeit lang nach Mexiko, sehr zu Kays und auch zu Partner Buckys Leidwesen. Um auch diese Storyelemente im Spiel zu behalten, verlegte De Palma Lees Verschwinden nach Los Angeles ? in jene Stadt, die er in Europa nachbaute.

Einige Schlüsselsequenzen wurden am Ende der Dreharbeiten dann tatsächlich vor Ort in Los Angeles gedreht. Im Juni 2005 filmte das Team in verschiedenen Stadtbezirken, die entsprechende Panoramen liefern, wie man sie nur in L.A. findet. Und am Ende konzentrierte man sich auf das Rathaus in der Spring Street im Zentrum von Los Angeles: Hier entstanden die Szenen, in denen die beiden Detectives mit ihren Vorgesetzten darüber streiten, ob sie den Fall weiter bearbeiten sollen oder nicht. Damit waren die Dreharbeiten abgeschlossen.

Um die Schauspieler angemessen einzukleiden, brachte Kostümbildnerin Jenny Beavan Kostüme aus London nach Bulgarien mit, vor allem zahlreiche Outfits für Swank, Johansson und Kirshner. Über die Frauen, die die damalige Mode trugen, sagt Beavan kurz und knapp: ?Sie waren der Inbegriff des Glamour... selbst wenn ihr Lippenstift verschmiert war.?

Swank, die gern Alexander McQueen und Giambattista Valli trägt ? und 2005 ihren Oscar sogar in einem rückenfreien Guy Laroche entgegennahm, begeisterte sich schon vor diesem Film für die Mode. Für Calvin Klein ist sie als Unterwäsche-Model aufgetreten. Sie hat einen ausgeprägten Geschmack und mochte Beavans Kostüme besonders: ?Jenny legt auf jedes kleine Detail Wert. Ich fühlte mich durch diese Kleider in die Glamour-Welt versetzt... wie Judy Garland oder Rita Hayworth.?

Der Regisseur betonte die nostalgischen Reminiszenzen an die Glamourwelt, die sich durch seine Hauptdarstellerinnen ergeben. ?Scarlett, Mia und Hilary werden so verführerisch wie nur möglich aufgetakelt?, sagt De Palma. ?Sie sehen im Film so wunderbar aus ? man ist ihnen hilflos ausgeliefert.?

Seidenblumen, schwarze Satin-Kleider und zerrissene Strümpfe wählte Beavan für die Dahlie aus. Als begeisterte ?Modepuppe? steht Kirshner besonders auf französische Couture von Louboutin bis Lanvin.

Johansson stellte fest, welch wirklich erlesene Garderobe Kay besitzt. Mit Blick auf ihre kurzärmeligen Pullover, Perlen und antiken Haarnadeln lacht sie: ?Wie sollte man sich darin nicht sexy fühlen?? Vor allem als Bucky Kay zu Hause besucht, öffnet sie ihm wie ein Engel in Weiß ? im Gegenschnitt zur schwärzlich verfärbten Leiche der Dahlie auf dem Erdboden, die von einer Krähe bedroht wird: Selbst im Tode wird sie weiter attackiert.

Doch auch die Männer vergaß man selbstverständlich nicht: im Zweireiher, mit breiten Krawatten und Hüten im Miller-?Raider?-Stil tragen Eckhart und Hartnett ebenfalls die damals angesagte Mode... obwohl sie schlecht bezahlte Bullen sind. Dazu Regisseur De Palma: ?Das mochte ich so an ,The Untouchables?. Die Anzüge, die Hüte, die Autos und die Sprüche... alles hat Stil.?

Genau wie bei den Schauplätzen und Kostümen legte De Palma auch auf die der Zeit entsprechende Musik Wert. Von den Trompeten, die Bucky und Madeleine während ihrer ersten Liebesnacht begleiten, bis zu den langsamen Jazz-Band-Rhythmen in der Szene, in der Bucky Kay etwas Unangenehmes gestehen mußs, wird die Filmmusik von Komponist und Jazz-Trompeter (und Film-noir-Experten) Mark Isham geprägt.

?Den Ausschlag gibt dabei, dass Mark Isham selbst ein großartiger Trompeter ist?, freut sich der Regisseur. ?Mit diesen traurig anmutenden Filmen assoziiere ich automatisch ein klagendes Trompetenthema. So als ob Bucky zu uns spricht.? Und weiter: ?Woran merkt man, dass man es mit einem wirklich fähigen Komponisten zu tun hat? Er ersetzt die vorläufige Musik auf der Arbeitskopie ? und in dem Moment hat man sie auch schon vergessen.?

Die Musik für die Stammkneipe der Dahlie, Laverne?s, wo sie Drinks ?von den Schwestern? schnorrte, liefert die unverwechselbare Country- und Pop-Belter-Sängerin k.d. lang, die Produzent Linson bat, ?Love for Sale? zum Soundtrack beizusteuern. ?Wir haben eine Art Busby-Berkeley-Nummer inszeniert?, verrät De Palma. ?Die Aufnahmen dauerten die ganze Nacht ? dann war Drehschluss in Sofia.?

Und was wäre ein sexy Underground-Nachtclub in den 40er-Jahren ohne langbeinige Showgirls? Mit der Choreografin Mia Frye hatte De Palma bereits an ?Femme Fatale? gearbeitet ? sie stellte ein Ensemble aus französischen, bulgarischen und englischen Tänzerinnen zusammen, um das Laverne?s in Stimmung zu bringen. ?Die Girls tanzten unermüdlich bis zum Morgen?, lacht der Regisseur.

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Am 30. August 2006 erlebte Brian De Palma seine fünfte Premiere auf dem Filmfestival in Venedig. ?Black Dahlia? eröffnete das Filmfest im Sal Grande des Palazzo del Cinema. 60 Jahre nach dem Mord an der Schwarzen Dahlie hat sie es schließlich doch noch auf die Kinoleinwand geschafft.

Elizabeth Shorts Weg zum Film war dornig. Immer schon hatte sie davon geträumt, als Schauspielerin die Zuschauer zu beeindrucken. Sie konnte nicht ahnen, in welchen Albtraum sie geraten würde. Sie war hübsch, wollte es nach dem Zweiten Weltkrieg in Hollywood zu etwas bringen. Doch ihr Leben erlosch vor der Zeit. Dennoch wird das Echo ihrer Geschichte noch Jahrhunderte zu hören sein.

Abschließend sagt der Regisseur: ?Wie kann ein schönes Mädchen, das man von Pinup-Fotos kennt, derart enden? Wer hat ihr das angetan, und warum? Die Schwarze Dahlie lebt weiter, schon seit Jahrzehnten. Ihr Geheimnis zählt zu denen, die ewig bleiben.?

Wir schließen dieses Kapitel der Legende von der Schwarzen Dahlie mit Ellroys Epilog über Betty und seine eigene Mutter Jean: ?Sie fanden ihre letzte Ruhe als L.A.-Opportunisten, doch ich habe unermüdlich daran gearbeitet, aus ihnen die Unsterblichen von L.A. zu machen.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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