Glück in kleinen Dosen

Produktionsnotizen

GLÜCK IN KLEINEN DOSEN ist ein Film von beachtlicher epischer Größe und thematischer Komplexität: die Geschichte über das Ende der Kommunikation in den amerikanischen Vorstädten, erdacht von einem Drehbuchdebütanten und einem eingewanderten Regisseur, der aufgrund einer Empfehlung von Billy Wilder in die Filmschule der USC aufgenommen wurde.

?Wir denken einfach groß?, sagt Erstlingsregisseur Arie Posin, wenn er auf die erfolgreiche Orchestrierung eines Ensemblefilms mit einer Vielzahl von ineinander greifenden Handlungssträngen und den Wagemut, sich im Ton zwischen absurder Komödie und großem Pathos zu bewegen, angesprochen wird. ?Wenn man sich mit Ideen wie Verdrängung in den Vorstädten und der unüberbrückbaren Distanz zwischen Jugendlichen und Erwachsenen befasst, dann mußs man zwangsläufig auf einer entsprechend großen Leinwand malen.?

GLÜCK IN KLEINEN DOSEN wurde in 30 Tagen an einem halben Dutzend verschiedener Locations und zwei Studiobühnen in der Gegend von Stevenson Ranch, Valencia, eine halbe Stunde nördlich von Los Angeles, gedreht. Das Projekt hatte das Glück, unter der Obhut von zwei der talentiertesten Produzenten von Hollywood zu entstehen: Lawrence Bender und Bonnie Curtis.

Curtis ist eine langjährige Weggefährtin von Steven Spielberg und war Koproduzentin von SAVING PRIVATE RYAN (?Der Soldat James Ryan?, 1998) sowie Produzentin von A.I. ARTIFICIAL INTELLIGENCE (?A. I. Künstliche Intelligenz?, 2001) und MINORITY REPORT (?Minority Report?, 2001). Bender ist Produzent aller Filme von Quentin Tarantino, zuletzt KILL BILL VOL. 1 & 2 (?Kill Bill Vol. 1 & 2?, 2003/2004). Außerdem zeichnet er verantwortlich für die Herstellung von Erfolgsfilmen wie GOOD WILL HUNTING (?Good Will Hunting?, 1997), THE MEXICAN (?Mexican?, 2001).

?Wir haben unser beider Arbeit gegenseitig schon seit langem bewundert, aber hatten niemals die Gelegenheit, gemeinsam einen Film zu produzieren?, erinnert sich Curtis, die gerade einen auf zwei Jahre angelegten First-Look-Deal mit DreamWorks unterzeichnet hatte und auf der Suche nach Stoffen mit niedrigerem Budget für junge Regisseure war, als das Drehbuch von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN auf ihrem Schreibtisch landete. ?Sie schickten das Skript vorbei, das ich mit nach Hause nahm. Als ich es las, konnte ich nicht mehr aufhören zu kichern. Es hatte einen Humor, der einen nicht lauthals loslachen lässt ? man mußs eher still in sich hineinlachen.?

Curtis meint weiter: ?Ich habe 14 Jahre lang mit Steven Spielberg gearbeitet. Er war der einzige Filmemacher, mit dem ich bisher zu tun hatte. Ich bin also etwas verwöhnt, was das anbetrifft. Bei unserem ersten Treffen mit Arie gefiel mir, dass er nicht nur darüber redete, wie sein Film werden sollte, sondern auch eine Vorstellung davon hatte, welche Art von Filmemacher er werden will. Er denkt wie ein echter Filmemacher und verfügt über ein umfassendes Wissen über die Geschichte des Kinos. Am Set wirkte er wie ein erfahrener Regisseur.?

Bender erinnert sich noch an seine erste Reaktion auf das Drehbuch: ?Als erstes sollte man über das Drehbuch sagen, dass die Qualität der Schreibe außergewöhnlich hoch ist. Die Figuren sind ausgesprochen komplex und interessant. Es handelt sich um eine Ensemblegeschichte aus den amerikanischen Vorstädten, die aber absolut ungewöhnlich erzählt ist. Die Figuren in dem Film sind weder gut noch böse, hier werden keine einfachen Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens gegeben. Zac und Arie sind beeindruckende Entdeckungen.? ?Finde etwas, wogegen es sich zu protestieren lohnt?? Oder: Hallo, Herr Wilder! ?Aries Vater hat über Kunst immer Folgendes gesagt: ,Finde etwas, wogegen es sich zu protestieren lohnt??, sagt Zac Stanford über Posins Vater Misha, ein russischer Filmemacher, Dissident und Zeitgenosse von Andreij Tarkowski. ?Als wir mit der Arbeit an dem Drehbuch von THE CHUMSCRUBBER (Original-Titel) begannen, fingen wir nicht mit der Geschichte an, sondern stellten zunächst die verschiedenen Themen heraus, denen wir nachgehen wollten. Heuchelei und Selbstbetrug standen ganz oben auf unserer Liste.?

In GLÜCK IN KLEINEN DOSEN versuchen alle Erwachsenen, ein perfektes Leben zu führen. Jeder von ihnen verfolgt ein hehres Ziel, einen heiligen Gral, von dem sie sich Glückseligkeit erhoffen, ein Ideal von amerikanischer Perfektion in einer Welt, in der das Gras immer grün ist und die Bäume immer exakt fünf Meter hoch sind und vier Meter voneinander getrennt stehen. Gleichzeitig merken sie nicht, dass sich ihre Kinder direkt vor ihren Nasen das Leben nehmen, süchtig nach Antidepressiva sind oder Entführungsszenarien entwerfen. Und dennoch werden die Erwachsenen nie als die Bösewichte dargestellt.

?Nichts wäre leichter gewesen, als einige der Figuren einfach so ans Messer zu liefern?, gesteht Posin. ?Aber wir waren immer gezielt darauf bedacht, genau das nicht zu tun. Da ist zum Beispiel die von Rita Wilson gespielte Terri, die so besessen davon ist, die perfekte Hochzeit auszurichten, dass sie nicht merkt, dass ihr Sohn spurlos verschwunden ist. Aber wir haben ihr mit voller Absicht eine Szene gegeben, in der sie an Charlies geschlossener Zimmertür klopft, weil sie vermutet, dass er sich eingeschlossen hat. Damit zeigen wir, dass ihr sehr wohl etwas am Befinden ihres Sohnes liegt und sie weiß, dass er aufgebracht ist wegen der Hochzeit und Lou für ihn immer sein Vater bleiben wird.?

Es mag wie ein Märchen klingen, ist aber tatsächlich wahr, dass Posin in jungen Jahren Freundschaft mit der Hollywood-Legende Billy Wilder schloss. ?Mein Vater hatte ihn in Russland kennen gelernt. Als wir dann nach Kalifornien übersiedelten, nahm sein Manager Kontakt mit ihm auf?, berichtet Posin. ?Ich saß also in meinem ersten Jahr in der Highschool, als mein Vater auftauchte, mich aus dem Unterricht zerrte und mir sagte, ich solle einen Anzug anziehen. ,Du wirst Billy Wilder treffen?, sagte er mir.? Das war der Beginn einer unschätzbar wertvollen, Jahrzehnte andauernden Bekanntschaft, in der sich Wilder entweder als Mentor von Posin hervortat oder aber moserte: ?Was ist heutzutage nur mit den ganzen jungen Leuten los? Alle wollen Filmemacher werden! Was ist so falsch daran, Buchhalter oder Doktor oder Anwalt werden zu wollen??

Wenn es eine wichtige Lektion gibt, die Posin von Wilder, dem wunderbar zynischen Humanisten des amerikanischen Kinos, lernte, dann ist es, dass man seine Figuren niemals verurteilen darf. Das trifft auf GLÜCK IN KLEINEN DOSEN zu: Hier ist der Antagonist nicht eine der Figuren, sondern eine Idee ? ein weiteres Indiz dafür, wie ungewöhnlich und komplex der Ansatz des Stoffes ist. Die Philosophie des Blickwinkels und die Psychologie des Zooms Oder: Kinder gegen Erwachsene ?Ich stellte mir die Kids und die Erwachsenen als zwei Mannschaften vor, als zwei Armeen, als sich gegenüberstehende Teams?, erklärt Standford und merkt an, dass er beginnend mit der ersten Idee für GLÜCK IN KLEINEN DOSEN eng mit Arie Posin arbeitete. ?Sehr früh fassten wir den Entschluss, dass es immer, wenn Kinder und Erwachsene zusammenprallen, zu einem Akt der Gewalt kommen sollte, ob nun auf psychischer oder körperlicher Ebene.? Posin fügt hinzu: ?Wir wollten das Publikum spüren lassen, dass es sich hier um zwei voneinander getrennte Welten handelt, die parallel zueinander existieren.?

Einer der großartigen und subversivsten Witze von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN ist es, dass die Erwachsenen unreif und kindisch sind, während die Jugendlichen emotional gefestigt erscheinen. In einem wunderschön traurigen Moment des Films sieht man die von Allison Janney gespielte Mutter von Dean bei einem Glas Wein im Garten sitzen, und sie sagt zu ihrem Teenager-Sohn: ?Wie wäre es, wenn wir die Rollen vertauschen könnten? Wenn du das Elternteil wärest und ich das Kind? Und du würdest mir sagen, was ich zu tun hätte.?

Die Dichotomie zwischen Eltern und Kindern verleiht GLÜCK IN KLEINEN DOSEN ein zweigeteiltes narratives Element, was Posin mit einer interessanten visuellen Strategie noch verstärkt. ?Die russische Schule des Filmemachens lehrt, dass jede einzelne Einstellung zur Erzählung der Geschichte beiträgt, aber mit unendlich vielen Möglichkeiten aufgelöst werden kann?, betont Posin. ?Ich habe gezielt verschiedene Kamerastile für die Szenen mit Erwachsenen und für die Szenen mit den Kids ausgesucht.?

Die Szenen mit den Teenager-Figuren werden mit einer mobilen, dynamisch eingesetzten Kamera stets leicht von unten nach oben gefilmt (um dem Publikum den Eindruck zu vermitteln, dass die Figuren etwas eindrucksvoller sind, als sie das in der Realität wären). Die Eltern werden dagegen mit einer deutlich starreren, statischeren Kamera von oben gefilmt; Bewegung wird durch Zooms erzielt. Wenn sich der von Ralph Fiennes gespielte Bürgermeister Ebbs im Lauf des Films mehr und mehr auf einen kindgleichen, wundersamen Zustand zurückzieht, reflektiert die Kameraarbeit seine emotionale Reise.

Als überraschende Inspiration für diese kreativen Entscheidungen nennt Posin einen seiner Lieblingsfilme, Federico Fellinis Meisterwerk 8 1/2 (?8 1/2?, 1963). ?Fellini dreht die Traumwelt und die reale Welt und die Rückblenden in verschiedenen Stilen, was es dem Zuschauer erlaubt, zwischen den verschiedenen Welten zu unterscheiden. Das finde ich wunderschön?, erzählt Posin. ?Am Ende des Films gelingt es ihm, die verschiedenen Welten beinahe unmerklich zu verschmelzen und zusammen zu bringen.?

Das Szenenbild von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN orientierte sich auch an den entgegen gesetzten Welten der Erwachsenen und der Kids. Die Welt der Erwachsenen ist paradiesisch, idyllisch, antiseptisch und gnadenlos hell. Die Welt der Kinder dagegen ist farbentsättigt, beinahe monochrom, und unordentlicher. Das Farbschema findet sich auch in den Kostümen ? Dean beispielsweise trägt fast ausschließlich grau.

Dean ist es auch, der sich durch beide Welten navigieren mußs. Sein Name ist nicht von ungefähr angelehnt an einige historische jugendliche Filmaußenseiter wie James Dean in REBEL WITHOUT A CAUSE (?Denn sie wissen nicht, was sie tun?, 1955) oder der von Christian Slater dargestellte J.D. in HEATHERS (?Heathers?, 1989). ?Wir haben nach einer Hauptfigur gesucht, die perfekt in diese prototypische amerikanische Landschaft passt, um sich gegen sie aufzulehnen?, sagt Stanford. ?Als wir uns auf Dean geeinigt hatten, warfen wir einen Blick auf die Tradition des Teenagerfilms und überlegten uns, wie wir dem bereits Bestehenden etwas Neues hinzufügen konnten.?

?Der Film befasst sich auf höchst interessante Weise mit Jugendlichen und der Drogenkultur?, meint Lawrence Bender. ?Es gibt Millionen von Kids in diesem Land, die mit Ritalin vollgepumpt sind. Da reden all diese Menschen vom Kampf gegen Drogen ? und gleichzeitig ist es den Pharmakonzernen erlaubt, sich für teuer Geld Werbezeit im Fernsehen zu kaufen und ihre Drogen zu bewerben. Wir leben in einer Drogenkultur, wo es keine klare Abtrennung mehr gibt zwischen dem, was legal ist und was illegal.? GLÜCK IN KLEINEN DOSEN greift diese Entwicklung auf, indem der Film zeigt, wie Deans Vater, ein Psychiater, seinem Sohn Medikamente in die Hand drückt, um ihn ?etwas in die Balance? zu bringen, während die Kids in der Schule mit einer Selbstverständlichkeit mit bunten Pillen dealen, als würden sie Baseball-Karten austauschen.

Unbedingt bemerkenswert ist auch Stanfords außergewöhnlich gutes Ohr für die Sprache der Jugendlichen. Die Dialoge sind absolut auf den Punkt, predigen nicht, sind nicht herablassend und entbehren jeglichem aufgesetzten Hipstertums. ?Zac redet mit seiner sechsjährigen Tochter Julia, als wäre sie erwachsen. Er redet mir ihr, als wäre sie einer der Seinen?, erklärt Posin, wenn man ihn darauf anspricht, dass sein Film bei der Darstellung des Lebens von Jugendlichen absolut glaubwürdig ist. ?Und dann mußs man sagen, dass die Schauspieler wahnsinnig gut sind. Jamie Bell ist vielleicht erst 18 Jahre alt, aber er ist sicher kein Kinderschauspieler mehr.?

?Mein Geheimnis ist, dass ich die Jugendlichen so schreibe, als wären sie Erwachsene?, meint Stanford. ?Ich mag danach manche Wörter ändern, aber ich mache sie nicht absichtlich dümmer. Und Kids sind meistens ehrlicher als Erwachsene.? Das letzte Statement findet sich leicht abgewandelt auch in GLÜCK IN KLEINEN DOSEN, wenn Crystal Charlie warnt, niemals zu versuchen, jemand zu sein, der er nicht ist, weil er sonst eines Tages vergessen könnte, wer er ist.

Posin fasste den Entschluss, GLÜCK IN KLEINEN DOSEN auf Super-35MM zu drehen, ein extremes Widescreen-Format. ?Die Frage war, wie man eine etwas banale Welt, die manche im Publikum womöglich aus erster Hand kennen würden, gleichzeitig glaubwürdig und doch ungewöhnlich machen könnte?, erläutert Posin. ?Super-35 verleiht dem Film eine epische Dimension, eine größere, grandiosere, auffälligere Leinwand, die man mit mehr Dingen anfüllen kann.?

Super-35 bietet Filmemachern außerdem manch interessante Möglichkeit. In einer Szene gegen Ende des Films mußs Dean sich entscheiden, ob er seinen Vater zu einer Hochzeit oder seine Mutter zu einer Beerdigung begleiten soll. Während Dean in der Mitte des Bildes eingefroren wird und sich seine Eltern jeweils auf der gegenüberliegenden Seite befinden, fährt die Kamera langsam auf Dean zu und lässt die Eltern langsam aus der Sicht des Publikums und damit den Überlegungen des problemgeplagten Helden entschwinden. Die Kamerabewegung ist organisch sowie gewagt ? einer jener Momente in einem Film, der dem Publikum zeigt, dass es sich in die Hände eines Filmemachers begeben hat, der es versteht, psychologische Umstände mit seiner Kameraarbeit zu verdeutlichen.

?Wir alle haben am selben Strang gezogen?, betont Stanford, der sich an jedem einzelnen Drehtag am Filmset befand, und lobt damit die Produktionscrew, die mit vollem Einsatz daran arbeitete, dass der Drahtseilakt von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN, eine tonale Balance von Drama und Komödie zu schaffen, auch funktionierte. ?Als wir uns daran machten, die Crew zu versammeln, war es Arie wichtig, sein Traumteam zu finden?, sagt Curtis. ?Er redete stundenlang mit den unterschiedlichsten Kameramännern, Schnittmeistern und Szenenbildnern. Ich bin fest davon überzeugt, dass er das Team gefunden hat, mit dem er auch seine künftigen Filme realisieren wird.? Eine Hochzeit und ein Todesfall Oder: Alles passt zusammen Die eigentliche Struktur von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN sieht es vor, Eltern und Jugendliche in ihrer Vorstadtwelt in zwei verschiedenen Universen parallel existieren zu lassen. Doch beim Finale leisten sich Stanford und Posin einen gewagten Coup: Dean, der zu Beginn des Films heimlich eine Party verlässt, ohne jemanden davon zu informieren, dass sein bester Freund Troy Selbstmord begangen hat, führt ein langes Gespräch mit Troys Mutter über ihren toten Sohn.

?Es ist die erste Szene im gesamten Film, in der ein Erwachsener und ein Jugendlicher wirklich Kontakt zueinander aufnehmen?, sagt Posin über diesen reinigenden Moment, an dem Mrs. Johnson ihren Sohn, den sie niemals wirklich kannte, erstmals wirklich wahrnimmt. ?Es ist bezeichnend, dass sich dieser Moment zwischen den beiden Figuren zuträgt, die am meisten gelitten haben.?

Nachdem man die Vorstadt der Erwachsenen und die Vorstadt der Jugendlichen bislang säuberlich voneinander getrennt hatte, lässt das Ende von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN die beiden Welten förmlich miteinander kollidieren. Die Hochzeit von Terry Bratley und Bürgermeister Ebbs findet in der selben Sackgasse am selben Tag statt, in der auch der Trauerdienst für Troy abgehalten wird ? und Billy pendelt zwischen beiden. ?Luis Bunuel ist einer meiner liebsten Filmemacher?, sagt Posin. ?Ich liebe diese Art von absurder Komödie.? Auf ewig verdorben Oder: Ralph Fiennes redet über Delphine ?Es liegt in der Natur eines Ensemblestoffs, dass man bei der Besetzung eine beachtliche Tiefe erzielen kann?, sagt Posin über den phänomenalen Cast von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN. ?Keiner der Schauspieler mußs den Film tragen, niemand mußs erschütternd viel Zeit auf die Arbeit verwenden. Wenn es also eine Kleinigkeit gibt, das sie an der Geschichte oder den Figuren anspricht, dann fällt es ihnen recht leicht, ja zu sagen.?

?Lawrence und ich machten es möglich, mit gewissen Agenten, gewissen Schauspielern und gewissen Produktionsleuten in Kontakt zu treten?, berichtet Curtis über den Prozess, eine Besetzung auf die Beine zu stellen, die der eines Films von Robert Altman in nichts nachsteht. Bender stimmt der Kollegin zu: ?Bonnie und ich öffneten Arie sozusagen die Tür. Aber er war es, der durch sie schreiten mußste. Er war es, der alles möglich machte. Um es ganz einfach zu sagen: So eine tolle Besetzung kriegt man nicht zusammen, wenn man kein ausgezeichnetes Drehbuch vorweisen kann.?

Besonders auffällig an GLÜCK IN KLEINEN DOSEN ist, wie selbst die bekanntesten Darsteller komplett gegen den Strich besetzt wurden. Das Publikum wird Ralph Fiennes noch nie in einer derartig sanftmütigen und beseelten Rolle gesehen haben. Als sexy Mom, die sich im stetigen Wettstreit mit ihrer Teenager-Tochter befindet, zeigt Carrie-Anne Moss ein gewaltiges Verlangen und großes Pathos, obwohl ihre Performance zunächst sehr komisch angelegt ist. Und Glenn Close verwandelt eine Figur, die zunächst so wirkt, als könnte sie auch in Stepford leben, mit einer einzigen wunderbaren Szene mit Jamie Bell in das emotionale Zentrum des gesamten Films.?

?Ein bisschen ist es, als hätte man den Hauptpreis in der Lotterie gewonnen?, gesteht Drehbuchautor Stanford im Hinblick auf die Besetzung. ?Ich hatte nie gedacht, dass es mir gelingen würde, einen Weg in die Filmindustrie zu finden. Also habe ich THE CHUMSCRUBBER (Original-Titel) einfach nur für mich geschrieben. Als ich dann am ersten Mal auf dem Set stand und Ralph Fiennes über Delphine reden hörte, war das gleichzeitig surreal und wunderbar.?

?Mein größtes Problem mit dieser Besetzung ist?, lacht Posin, ?dass ich auf immer und ewig verdorben bin.? Der Regisseur bereitet sich vor Oder: Helfer Nummer 1 ?Bevor ich anfing, hielt ich ein ganz persönliches Filmfestival ab?, erinnert sich Posin. Er sah sich etwa 20 Erstlingsfilme von Regisseuren an, die er schätzt, darunter Mike Nichols (WHO?S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF?), George Lucas (THX-1138), Steven Spielberg (DUEL und THE SUGARLAND EXPRESS), Ang Lee (THE WEDDING BANQUET) und andere. ?Das war eine gute Übung. Da sieht man, wie hoch die Latte liegt, wie viel man noch lernen mußs. Und man ist gezwungen, wirklich groß zu denken.?

Man kann fragen, wen man will. Jeder wird sagen, dass sich Posin penibelst auf seinen ersten Film vorbereitete. Wie ein geborener Filmemacher ging er das Drehbuch in Hinblick auf jede einzelne Produktionsabteilung durch.

?Er ist ein richtiger Regisseur und betrachtet das Material auf zahlreichen Ebenen?, sagt Bender. ?Er überdenkt das Drehbuch auf emotionaler und intellektueller Ebene und überlegt gleichzeitig, wie man die Szenen visuell interessant auflösen kann. Und er macht sich Gedanken darüber, wie man Budget und Drehplan nicht überzieht.? Curtis stimmt zu: ?Was Arie mit Steven Spielberg gemein hat, ist etwas, was einen großen Regisseur ausmacht: Er ist auch ein großartiger Produzent. Er versteht, wie man einen Film auf die Beine stellt.?

?Es gibt einen Moment für einen Filmemacher, wenn er das Drehbuch als Autor beiseite legen und den Film in seinem Kopf als Regisseur durchspielen mußs?, erklärt Bender. ?Man mußs eine Drehabfolge der Szenen festlegen und sich überlegen, ob sich der Film wirklich machen lässt. Arie tat das. Und mehr. Er hat ein umfassendes Wissen, was das Material anbetrifft.?

Posin legte die Szenenabfolge fest und fertigte von schwierigen Sequenzen detaillierte Storyboards an. Gleichzeitig arbeitete er sich noch einmal akribisch durchs Drehbuch, Szene um Szene, Seite um Seite. Zuerst ging er das Skript ganz allgemein thematisch durch: Was bedeutet diese Szene? Warum spielt dieser Moment eine Rolle in der Geschichte? Im Anschluss betrachtete er jede einzelne Szene durch die Augen der einzelnen Abteilungsleiter: Welche Requisiten könnten helfen, eine Szene besser verständlich zu machen? Welche Kostüme würden dazu beitragen, die Bedeutung einer Szene besser herauszuheben?

?Wenn man bei einem Spielfilm einen Fehler macht, dann mußs man bezahlen?, meint Posin, wenn man ihn auf sein Maß an Vorbereitung anspricht. ?Der Fehler lässt sich nicht einfach ignorieren, er wird nur immer größer.? Posin, der den legendären polnischen Filmemacher Krzysztof Kieslowski und ganz besonders dessen DREI FARBEN-Trilogie als großen Einfluss nennt, zitiert sein Vorbild: ?Die Aufgabe des Regisseurs ist es, am Set Helfer Nummer eins zu sein.?

Mit seiner perfekten Vorbereitung überraschte Posin auch die Filmveteranen am Set von GLÜCK IN KLEINEN DOSEN. ?Wir waren so beschäftigt und frenetisch, den ersten Drehtag überhaupt möglich zu machen, dass wir während der ersten Drehwoche nicht sicher wussten, ob wir überhaupt filmen könnten?, sagt Curtis. ?Wir hatten bereits eine Woche hinter uns gebracht und kamen in der zweiten Woche nach dem dritten oder vierten Tag erstmals dazu, uns die bereits gefilmten Muster anzusehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich regelrecht panisch war, ob wir uns nicht vielleicht geirrt hatten. Also setzte ich mich mit Arie vor den Monitor, während er arbeitete, und sah mir an, was er machte. Ich merkte sofort, dass er voll im Rhythmus war und genau wusste, was er wollte, wie akribisch und detailliert und entschlossen er am Set war. Mir fiel ein Stein vom Herzen.? ?Man weiß es nie, wenn man nicht fragt? Oder: James Horner und sein Chumscrubber-Walzer James Horner ist einer der berühmtesten Filmmusikkomponisten. Er ist bekannt für seine Scores für epische Blockbuster, vielfach Oscar®-nominiert, ein regelmäßiger Wegbegleiter von Filmemachern wie Ron Howard oder James Cameron. Unter anderem schrieb er die Musik für Klassiker wie TITANIC (?Titanic?, 1997), ALIENS (?Aliens ? Die Rückkehr?, 1986), DIE HARD (?Stirb langsam?, 1988), GLORY (?Glory?, 1989), BRAVEHEART (?Braveheart?, 1995), APOLLO 13 (?Apollo 13?, 1995), RANSOM (?Kopfgeld ? Ransom?, 1996), THE PERFECT STORM (?Der Sturm?, 2000), A BEAUTIFUL MIND (?A Beautiful Mind ? Genie und Wahnsinn?, 2001) oder TROY (?Troja?, 2004).

Wie kam Produzentin Bonnie Curtis darauf, dass ausgerechnet diese Ikone der Filmmusik Interesse haben könnte, ein Lowbudget-Projekt wie GLÜCK IN KLEINEN DOSEN zu unterstützen? ?Man weiß es nie, wenn man nicht fragt?, gibt sie schulterzuckend zur Antwort und lobt Horners Beitrag zum Film im gleichen Atemzug über alle Maßen. ?James sah sich den ersten Schnitt des Films an. Er war nicht einfach nur begeistert, er verstand auch sofort, worauf der Film hinauswollte. Er verstand die verschiedenen Ebenen, was vor allem Arie ungemein wichtig war. Und als er den Auftrag angenommen hatte, steckte er sein gesamtes Herzblut in den Film.?

Curtis berichtet, dass Horner und Posen sich fünf Tage in eine Studiohalle zurückzogen, wo der Komponist mit dem Regisseur daran feilte, die richtigen musikalischen Arrangements für GLÜCK IN KLEINEN DOSEN zu finden. Dabei spielte er das Keyboard selbst. Das Ergebnis ist ein Gänsehaut machender Score, der völlig anders ist als alles, was Horner bisher komponiert hat.

?Die Musik für THE CHUMSCRUBBER (Original-Titel) ist sehr hip und merkwürdig und schön?, erklärt Curtis. ?Ich würde sagen, die Balance zwischen Schönheit und Merkwürdigkeit ist perfekt.? Posin selbst beschreibt die Musik als ?dramatisch mit einem gewissen Augenzwinkern und gewinnenden Lächeln?, während Lawrence Bender anführt, dass eines der musikalischen Hauptthemen, der Walzer, ihn an Musik erinnert, ?die eine Post-Brecht-Qualität hat und die man im Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg gehört hätte?.

Eine besondere musikalische Überraschung erwartet den Zuschauer während der Schlusstitel: Elliot Smiths unvergessliche (und bislang unveröffentlichte) Coverversion von ?Figure Eight? aus dem in den USA legendären 70er-Jahre Lehrcartoon ?Schoolhouse Rock?. ?Es hat was, wenn ein Erwachsener ein Kinderlied spielt, es aber mit einer traurigen Schwere interpretiert. Das war genau richtig für unseren Film?, sagt Posin.

Szenenfoto
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