Das kleine Arschloch und der alte Sack - Sterben ist scheiße

Produktionsnotizen

Eigentlich war es schon lange beschlossene Sache. Nach dem Erfolg von ?Kleines Arschloch? (1996) ? über drei Millionen Zuschauern inklusive Goldener Leinwand (Regisseur Michael Schaack: ?Das ist etwas, wovon man ständig träumt und was nur selten in Erfüllung geht.?) ? sollte möglichst schnell ein zweiter Kinofilm über den respektlosen Rüpel und seinen knarzigen Großvater, den Alten Sack, produziert werden. Allerdings rechneten weder der Regisseur Schaack und der Autor Walter Moers noch die Senator Film Produktion mit dem fast zehn Jahre währenden Hindernislauf, den sie hinter sich bringen mußsten, bevor das Kleine Arschloch erneut die Leinwände stürmen konnte.

Ein Problem, vor dem die Filmemacher standen war zunächst, dass ein Konzept für ein Drehbuch fehlte. Denn als sich die Pläne der Produktionsfirmen für einen zweiten Teil konkretisierten, konnte sich Moers nicht dem Film widmen, weil er mitten in der Arbeit für seinen ersten großen Roman ?Die 13 ½ Leben des Käpt?n Blaubär? steckte. Während der geistige Vater des Kleinen Arschlochs als Fantasy-Schriftsteller reüssierte, legten andere Autoren diverse Drehbuchfassungen vor. Allein: Die fanden nicht Moers? Gnade. ?Was, im Nachhinein betrachtet, durchaus berechtigt war?, meint Michael Schaack. ?Schließlich ist der Humor von Walter Moers nicht umsonst einmalig, das kann man einfach schlecht von jemand anderem schreiben lassen.?

Doch nachdem Walter Moers die Arbeit an seinem Roman beendet hatte, platzte ein Gordischer Knoten: Moers hatte ein Zeitfenster von drei Monaten und, ganz Mann der Tat, packe die Gelegenheit beim Schopf. In diesen drei Monaten schrieb er ein grandioses Skript in typischer Moers-Qualität. ?Innerhalb der langen, fast zehnjährigen Vorgeschichte von DAS KLEINE ARSCHLOCH UND DER ALTE SACK ? STERBEN IST SCHEISSE war das der glücklichste Moment?, erinnert sich Schaack. ?Als dieser Gordische Knoten platzte und Walter Moers sagte: Jetzt habe ich Zeit und Lust.?

Dann, als die Produktion im Jahr 2002 bereits in den Startlöchern stand, tat sich unvermutet ein weiteres, massives Problem auf: die Finanzierung. Erst als die Mitteldeutsche Medienförderung MDM, die Filmförderungsanstalt FFA und das Medienboard Berlin-Brandenburg einsprangen, konnte die Produktion starten. Kurzerhand verlegte die Hamburger Trickompany große Teile der Produktion in das Trickfilmstudio MotionWorks GmbH nach Halle ? davor mußsten allerdings erstmal eine funktionierende Infra- und Kommunikationsstruktur zwischen Hamburg und Halle aufgebaut werden.

Dann waren alle Hürden überwunden, und Mitte 2005 ? neun Jahre nach der Produktion von ?Kleines Arschloch? fiel endlich der Startschuss für DAS KLEINE ARSCHLOCH UND DER ALTE SACK ? STERBEN IST SCHEISSE. Von Anfang an war Schaack, seinem Co-Regisseur Konrad Weise und den anderen künstlerischen Leitern klar, dass das Besondere des Films nicht in einer ausgefeilten Animation, sondern im unvergleichlichen Sprachwitz von Walter Moers bestehen mußste.

Darum wurden die Synchronsprecher sehr sorgfältig ausgewählt und besonderes Augenmerk auf die Sprachaufnahmen gelegt. Michael Schaack: ?Ein besonderer Verdienst dabei gebührt natürlich Helge Schneider ? der kam bei den Aufnahmen für den Alten Sack auch gleich auf die Idee, die Musik zum Film zu komponieren. Sowohl seine Sprachaufnahmen als auch seine Musik glänzen mit dem Schneider-typischen, sparsam eingesetzten Witz.?

Schaack und Schneider setzten voll und ganz auf Schneiders einzigartigen musikalischen Stil ? trotz zahlreicher Bedenken. ?Die leicht swingende Jazzmusik von Helge Schneider passt wunderbar zu den teils doch relativ drastischen Texten?, findet Michael Schaack. ?Helges Musik macht das Böse ein bisschen leichter und sorgt zwischendurch immer wieder für ein Schmunzeln.? Der Einsatz der musikalischen Stücke gestaltete sich für den Regisseur allerdings etwas ungewöhnlich: ?Ich habe von Helge einfach eine CD mit Musik bekommen ? ohne Angaben, welches Stück für welche Szene gedacht war. Ich mußste dann selbst schauen, welche Musik zu welcher Stimmung und zu welcher Szene passt?.

Bei der Animation der Geschichte galt ein simpler, aber herausfordernder Grundsatz: Einfache, klare Bilder und eine stimmige Atmosphäre sollten die Witze perfekt transportieren. ?Detailreiche Hintergründe und ausgefeilt animierte Figuren wird man in diesem Film nicht finden?, gibt Michael Schaack zu Protokoll. Das liegt freilich an der künstlerischen Vorlage von Walter Moers: ?Walters Qualität liegt unter anderem darin, durch Weglassen viel auszudrücken, und darum galt auch bei uns, was die Grafik angeht: weniger ist mehr.?

Nach dieser Ansage wurden vor der eigentlichen Animation das Graphic Design geschaffen, Sets und Charaktere gestaltet. Beim Design war es ein gewaltiger Vorteil, dass die Filmemacher auf das Material von ?Kleines Arschloch? zurück greifen und als Anschauungsmaterial für das Team von DAS KLEINE ARSCHLOCH UND DER ALTE SACK ? STERBEN IST SCHEISSE verwenden konnten. ?Meine Aufgabe als Regisseur war es dann aufzupassen, dass die Zeichnungen nicht ?überanimiert? oder zu detailreich wurden?, grinst Michael Schaack.

?Ich war sozusagen der Streichmeister.? Der Alte Sack erwies sich für die Character Designer übrigens als größter Spaß, weil sich sein Design durch seine vielen Falten und Beulen leicht von allen anderen Figuren abhebt.

Anschließend wurden die Model-Sheets erstellt, in denen anhand von Hilfslinien die Proportionen der Figuren definiert werden und auf die Studien der Figuren aus allen Perspektiven darstellen. Diese Sheets wurden allen Zeichnern und Animatoren in die Hand gegeben, damit Proportionen und Design der Figuren einheitlich gestaltet werden konnten. Darüber hinaus wurden aufgrund des Drehbuchs, des Set Designs und des Graphic Designs die Storyboards angefertigt. In dieser Produktionsphase arbeiteten die Zeichner bereits mit skizzierten Hintergründen und lösten die Szenen bereits in Zeichnungen auf.

Das Storyboard diente grundsätzlich als unmittelbare Vorlage für alle weiteren Produktionsschritte: Hier wurden Einstellungen festgelegt, Figuren bereits ?gespielt?, und aus den Storyboard-Sequenzen die Leica Reel erstellt, für die sämtliche Storyboards abgefilmt und im Computer montiert werden. So hatte man hat bereits eine Rohfassung des Films vorliegen, anhand derer man Timing, Dialoge etc. festlegen konnte. Im Gegensatz zum Designer, der für das Aussehen der Figuren, der Hintergründe oder Requisiten verantwortlich ist und einen einheitlichen Stil festlegt arbeiteten die Storyboard-Artists bereits inszenatorisch und mit visuellem Erzählen und legten Close-ups und Kamerafahrten fest.

Neben dem Storyboard wurde unter der Leitung von Fabrizio Acquisto das ?Workbook? zusammen gestellt, ein Handbuch für Layout-Artists und Animatoren sowie die Abteilungen für Beleuchtung und Kolorierung, in dem alle wichtigen Informationen über Animation, Lichtgebung, Perspektiven, Farben, Schattierungen und Special-effects etc. festgehalten wurden ? laut Acquisto ?ein unverzichtbares Regelwerk für alle Fragen, die während der Produktion auftauchen können?.

Als nächster Schritt nach dem Storyboard überwachte Alexander Pierschel das Key Posing: In dieser Vorstufe der Animation wurden die Szenen bereits en detail ?ausgespielt? ? bis auf Lippenbewegungen und leichte Bewegungsabläufe, die erst in der Feinanimation bestimmt wurden. Durch fünf bis dreißig Posen pro Szene kann man in dieser Produktionsphase bereits präzise erkennen, was in der entsprechenden Szene genau passiert.

Beim Key Posing arbeiteten die Künstler schon mit den Tonaufnahmen, damit das acting der Figuren so detailliert wie möglich gezeichnet werden konnte. Design-Details wie Augenblinzeln oder Mundpositionen der Figuren wurden ebenso festgelegt wie no gos ? zum Beispiel die Frage: Wie darf die Nase des Kleinen Arschlochs NICHT aussehen?

Nach dem Key Posing war das Color Department dafür verantwortlich, anhand der Farbpalette, die Regisseur und Art Director genau bestimmt haben, Figuren, Props und Effekte zu kolorieren. Da der Animationsfilm seit rund acht Jahren eine kameralose Kinokunst ist, wurden die Zeichnungen eingescannt und per Photoshop im Computer koloriert und montiert.

Gezeichnet wurde unter der Leitung von Michael Schaack in den Studios der Trickompany in Hamburg, bei MotionWorks in Halle, wo Co-Regisseur Konrad Weise wirkte und die Vorgaben aus Hamburg vermittelt und umgesetzt hat, sowie schließlich in China, wo große Teile der finalen Animationen entstanden. Schaack arbeitet bereits seit Jahren mit Trickfilmstudios in Asien zusammen, weil die Zeichner dort über eine immense Erfahrung und Routine verfügen und diese Zusammenarbeit letztlich kurze Produktionszeiten ermöglicht.

Auch wenn DAS KLEINE ARSCHLOCH UND DER ALTE SACK ? STERBEN IST SCHEISSE mit den zwei computeranimierten Flugenten beginnt: Nicht nur aus finanziellen Gründen war von Anfang an klar, dass der Film traditionell in 2D handgezeichnet werden sollte. Schaacks erklärtes Ziel war folgendes: ?Visuell so nah wie möglich an den Ideen von Walter Moers bleiben.? Ein wenig spitzbübisch bricht er eine Lanze für den traditionellen Animationsfilm: ?Wir führen die Zuschauer zurück zum klassischen Zeichentrickfilm, indem wir sie erstmal mit den computeranimierten Flugenten übertölpeln.?

A propos Flugenten: Neben Helge Schneider standen Henni Nachtsheim und Gerd Knebel bereits früh als Sprecher der beiden schrägen Vögel fest, die sich ständig zoffen. Für Schaack die perfekte Wahl: Das seit Jahren eingespielte Comedy-Duo Badesalz sorgt für das Fünkchen mehr Witz, Timing und Authentizität, das er sich für die Figuren der Flugenten vorstellte.

Für alle beteiligten Künstler bestand die größte Herausforderung bei DAS KLEINE ARSCHLOCH UND DER ALTE SACK ? STERBEN IST SCHEISSE ? neben dem Kampf um das Drehbuch und die Finanzierung ? immer wieder in dem eigenwilligen grafischen Stil, den Walter Moers vorgegeben hatte. Für die Zeichner war es überraschend schwer, den minimalistischen Stil von Moers entsprechend umzusetzen, denn er weicht von etlichen Standards über Grafik und Detailreichtum ab, die Zeichner und Animatoren gelernt und längst verinnerlicht haben.

?Es hat einige Zeit gedauert?, erinnert sich Schaack, ?bis alle begriffen hatten, dass ein solcher Film nur mit den von Walter Moers vorgegebenen minimalistischen Mitteln umgesetzt werden kann.? Und weil Animatoren stets viel und detailreich zeichnen wollen, war die größte Hürde für die Künstler, sich zurück zu nehmen und dem subtilen Minimal-Stil von Walter Moers und der Einfachheit seiner Zeichnungen gerecht zu werden.

?Der Humor und die Erzählweise von Walter Moers sind so speziell, dass eine unserer größten Schwierigkeiten darin bestand, das genau einzufangen?, erläutert auch Co-Regisseur Konrad Weise, ein erklärter Moers-Fan. ?Seinen Stil mit filmischer Bildsprache zu vereinbaren war eine echte Herausforderung. Seine Posen ? meist nur drei Striche mit dem Farbklecks in der Mitte ? sind so auf den Punkt? das nachzuempfinden und im Film zu konservieren ist das Schwierige für uns.? Das ist ihm und allen anderen Beteiligten freilich gelungen: ?Walter Moers ist sehr glücklich mit dem Film?, sagt Michael Schaack. ?Und das ist wie ein Ritterschlag für uns.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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