Absolute Wilson

Produktionsnotizen

?Manchmal fragt man sich ?Was soll ich als nächstes tun?? ... und man überlegt, was das Richtige wäre. Doch oft sollte man sich eher überlegen ?was wäre das Falsche, was sollte ich nicht tun?...und genau das dann in die Tat umsetzen.? - Robert Wilson

Robert Wilson zählt zu den ungewöhnlichsten Künstlern unserer Zeit, er ist ein herausragender Vertretern der zeitgenössischen Avantgarde und als kreativster Kopf des neueren Surrealismus bekannt. Der Film ABSOLUTE WILSON würdigt nicht nur das kreative Genie dieses außergewöhnlichen Menschen, sondern nimmt den Zuschauer mit auf eine Erkundung der geheimnisvollen Kraft der Kreativität selbst.

Dabei spielt die Lebensgeschichte Robert Wilsons, mit ihren prägenden Ereignissen, eine wichtige Rolle als Quelle seiner Inspiration: Er wuchs als schüchterner, lern- und sprachbehinderter Außenseiter im engstirnigen und konservativen Waco, Texas auf und entwickelte sich trotz aller Widerstände zum Schöpfer zahlreicher revolutionärer Werke der Bühnenkunst.

Seine Theaterstücke, Opern, Ballettaufführungen und Performances werden internationale Erfolge, aber auch seine Beiträge zur zeitgenössischen Malerei und seine Designentwürfe sind Meilensteine, welche die Ausdruckskunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt haben. Wilsons Werke, darunter sensationelle internationale Erfolge wie ?Deafman Glance? (1970), ?Einstein on the Beach? (1976), ?Black Rider? (1991) und ?The CIVIL WarS? (1983), setzen sich über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg, erschaffen Bilder von erstaunlicher Schönheit, alptraumhafter psychologischer Komplexität, sprühendem Geist und bewegenden Emotionen.

Viele rühmen ihn als hypnotisierendes, visuelles Genie, andere verurteilen seine Produktionen als extravagant und kostspielig. Umstritten, beeindruckend, widersprüchlich, nicht zu klassifizieren ? das alles trifft auf Wilson zu. Robert Wilson ist ein sehr verschlossener Mensch und so war es für die Autorin, Regisseurin und Produzentin Katharina Otto-Bernstein die größte Herausforderung, einen persönlichen Zugang zu Wilson aufzubauen. Dazu setzte sich sich zunächst intensiv mit seiner Biografie, seinen Erfahrungen und Gedankengängen auseinander.

Doch immer wieder gab ihr Wilson neue Einblicke und so konnte Otto-Bernstein schließlich präzise herausarbeiten, wie die ungewöhnlichen Werke dieses Künstlers aus seiner Lebensgeschichte heraus entstehen konnten. Das Ergebnis ist ein bewegender und äußerst aufschlussreicher Film. Es ist die Geschichte eines Kindes, das im fundamentalistischen und von Rassendiskriminierung geprägten Waco, Texas, aufwuchs und dessen Kindheit von seiner Lernschwäche und seiner Sehnsucht nach der Liebe des Vaters geprägt war.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Befreiung in der Kunstszene des New Yorks der sechziger Jahre fand. Und es ist die Geschichte eines Visionärs, welcher der verbalen Kommunikation misstraut, von Autisten und geistig behinderten Menschen fasziniert ist und von seinem Verlangen angetrieben wird, immer wieder neue Wege der Kommunikation zu suchen, um sich der Umwelt mitzuteilen.

Katharina Otto-Bernstein kreiert mit ABSOLUTE WILSON ein humorvolles, dynamisches und vor allem einzigartiges Portrait, in dem sie Originalinterviews mit Wilson und Archivfilmmaterial seiner Werke verknüpft. Dabei wechselt sie stetig zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So entsteht eine eng verwobene Geschichte aus Hauptmotiven und verspielten Zwischenstücken, die schon als ?Wilsonesque? bezeichnet werden können.

Neben Wilson selbst geben auch zahlreiche Mitarbeiter, Weggefährten, Fans, Bewunderer, Familienmitglieder und Kritiker Aufschluss über das Leben und Schaffen von Wilson: Darunter u.a. der ehemalige ?Talking Heads?-Frontmann David Byrne, die Autorin Susan Sontag (in einem ihrer letzten Interviews vor ihrem Tod im Jahr 2004), der Komponist Philip Glass, die Opernsängerin Jessye Norman, der Harvard-Professor Arthur Holmberg, Wilsons Agent und ehemaliger Intendant der Pariser Oper, Charles Fabius, die Künstlerin Cindy Lubar, der Choreograph Andy Groat, Arnold Aronson von der Columbia University, der Dramaturg Maita de Nescimi, Harvey Lichtenstein von der Brooklyn Academy of Music, die Theaterkritiker John Rockwell und John Simon, sowie auch Wilsons Schwester Suzanne.

Katharina Otto-Bernstein über ABSOLUTE WILSON: ?Ich begann mit folgender Voraussetzung: Um Wilsons Werk wirklich begreifen zu können, mußs man zunächst den Menschen Wilson verstehen lernen. Einige Jahre waren erforderlich, viel gutes Zureden, viele Auseinandersetzungen und einige Tricks, bis Bob sich schließlich öffnete. Doch letzten Endes hatten wir ein starkes Vertrauensverhältnis aufgebaut, das uns erlaubte, das scheinbar Unmögliche zu vollbringen. Roberts Arbeit dreht sich immer darum, das Unmögliche zu versuchen, und ich habe mich von diesem Grundsatz leiten lassen.?

?Ein Projekt über Robert Wilson ist natürlich eine unglaublich lehrreiche Erfahrung. Alles, was mit seiner Person zu tun hat, wird monumental, weil er monumental ist. Er denkt stets in Superlativen und strebt immer nach Perfektion. Daher hatte ich bei diesem Film auch den Wunsch, diesen Vorstellungen gerecht zu werden. Gleichzeitig wollte ich aber nicht den Teil beschränken, den ich als das Herzstück des Films und als das fehlende Glied der Geschichte betrachtete: die sehr menschliche Seite seiner Vergangenheit, die so gut wie niemand kennt.?

Wer ist eigentlich Robert Wilson? ?Mein Sohn, es ist nicht nur krank, es ist abnormal.? - Robert Wilsons Vater, nachdem er 1964 Roberts erste Inszenierung gesehen hatte.

In Amerika ist Robert Wilson vermutlich der bekannteste experimentelle Künstler. Was in Anbetracht eines Kulturkreises, der sich überwiegend anderen Entertainment-Möglichkeiten widmet als der revolutionären Kunst, sehr beachtlich ist. Wilson wurde von der New York Times als führender Avantgarde-Regisseur betitelt und war zweimal für den Pulitzer Preis nominiert. In Europa gilt er als Star, der unter den heutigen Künstlern Seinesgleichen sucht. Auf der ganzen Welt wird Wilson als Pionier gesehen, was den neuen und sich gerade im Aufbau befindenden Ansatz der Kunst als Therapieform betrifft. Er hat bereits mit vielen der bedeutendsten und kreativsten Köpfe zusammengearbeitet, von Philip Glass über David Byrne bis hin zu William S. Burroughs und Lou Reed.

Doch kennt irgendjemand den wahren Robert Wilson? Im Verlauf seiner Karriere hat er aus seiner Person ein Geheimnis gemacht und eine mysteriöse Aura geschaffen, die ihn bisweilen als unlösbares Rätsel erscheinen lässt - teils ist er ganz Schausteller, teils undurchschaubar und verschlossen, aber auch provozierend und ernsthaft.

ABSOLUTE WILSON zeigt, was hinter dem Künstler und seiner Arbeit steht: Bei seiner wunderschönen, doch sehr verschlossenen Mutter und seinem ehrgeizigen, stets von ihm enttäuschten Vater ? dem damaligen Bürgermeister von Waco ?, fühlte sich Wilson unverstanden und einsam. Verschlimmert wurde die Situation noch dadurch, dass Wilson aufgrund einer Lernschwäche in der Schule schwer zu kämpfen hatte und seine Lehrer ihn bereits aufgegeben hatten. Sein einziger Freund war der afroamerikanische Sohn eines Angestellten der Familie. Eine Freundschaft, die ihn von seiner Umwelt, die jegliche Beziehungen zu Afroamerikaner verurteilte, noch stärker distanzierte.

Doch bald hatte er eine für ihn entscheidende Begegnung mit der Ballett-Lehrerin Byrd Hoffman, die Wilson beibrachte, die Umwelteindrücke, die viel zu schnell auf ihn einprasselten, langsamer zu verarbeiten und wie in Zeitlupe aufzunehmen. Ein Ratschlag, der Wilsons Leben nachhaltig veränderte und der sich später auch in seinen Werken wieder findet. Die präzisen Bewegungen im Zeitlupentempo wurden für seine Inszenierungen charakteristisch.

Nach seinem High School-Abschluss versuchte Wilson zunächst den Vorstellungen seines Vaters gerecht zu werden und studierte Jura in Texas. Doch dann änderte er radikal seinen Weg. Er gestand seinem verständnislosen Vater seine Homosexualität, der daraufhin erklärte, dass man das ja ?heilen? könne - und zog nach New York, wo er am renommierten Pratt Institute Architektur studierte. Das Leben in New York der sechziger Jahre war eine überwältigende und lebensverändernde Erfahrung für Wilson. Hier eröffnete sich ihm eine völlig neue Welt des Designs, Tanz und Theaters, die ihn ansprach, wie nie etwas zuvor.

Besonders angetan war er von den Werken solcher Pioniere wie Merce Cunningham und John Cage, die die bisherigen Grenzen der Kunst neu definierten. Damals herrschte eine berauschende Stimmung in New York City: Eine Gruppe aufstrebender junger Künstler mit idealistischen Vorstellungen glaubte daran, dass ihre Arbeiten die Kunst und das Theater, sogar Amerika selbst verändern könnten ? Wilson war von den Möglichkeiten fasziniert.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Wilson sich in New York als Therapeut für geistig und körperlich behinderte und hyperaktive Kinder ? eine Erfahrung, die seine Beziehung zu Sprache und Bewegung völlig verändern und zu einer Art Katharsis für ihn werden sollte. Nach einer kurzen Rückkehr nach Texas, die er selbst als einen ?Fehler? bezeichnet, und einem verzweifelten Selbstmordversuch, auf den ein kurzer Aufenthalt in einem Sanatorium folgte, merkte er, dass seine wahre Heimat New York war.

Er kehrte zurück und wurde bald schon Mitglied einer wegweisenden Gemeinschaft von Künstlern in Soho, zu der auch die Choreographin Meredith Monk, Regisseur Jack Smith, Komponist Philip Glass und der Künstler Andy Warhol gehörten. Indem er seine Arbeit mit Behinderten weiterhin fortsetzte und sogar Choreografien für Theaterstücke und Tanzperformances für Patienten entwarf, erschloss er ein völlig neues Gebiet: Theater als Therapieform.

Ende der sechziger Jahre gründete Wilson eine experimentelle Theatergruppe, die als The Byrd Hoffman School for Byrds bekannt wurde. Eine Gruppe, die aus professionellen Schauspielern bis hin zu neugierigen Hausfrauen und Behinderten bestand und mit denen er jeden Donnerstag abend bizarre, völlig neuartige und hoch gelobte Avantgarde-Performances bei seinen legendären Open Houses in seinem Loft inszenierte.

Wilsons Geschichte nimmt einen entscheidenden Wendepunkt, als er den taubstummen, afroamerikanischen Jungen Raymond Andrews vor den Misshandlungen eines Polizisten bewahrt. Als er erfährt, dass Raymond in einer Ein-Zimmer Wohnung mit Menschen zusammen lebt, die nicht einmal bemerkt haben, dass er taub ist, adoptiert er ihn. Raymond inspiriert Wilson zu seinem ersten internationalen Erfolg, der siebenstündigen, stummen Oper ?Deafman Glance? (1970).

Mit dieser ?Tour de force?, die Raum und Zeit, Licht und rituelle Bewegungen nutzt, um eine nichtlineare Geschichte von Gewalt und Tragödie zu erzählen, rückt Wilson ins internationale Rampenlicht und wird als neuer Star gefeiert. Als Meilenstein der Theatergeschichte bejubelt, veranlasst das Stück den Vater der surrealistischen Bewegung, Louis Aragon, einen offenen Brief an die Stadt Paris zu verfassen, in dem er schreibt: ?Noch nie habe ich in meinem Leben etwas Schöneres gesehen. Robert Wilson verkörpert das, was wir Surrealisten uns als Nachfolger erhofft hatten.?

Nun war Wilson auf einmal umgeben von einer erlesenen Gesellschaft von Anhängern, u.a. Man Ray, Eugene Ionesco, Jerome Robbins, Marlene Dietrich und dem Schah von Persien und begann diesen Kreis noch weiter auszubauen. Doch die einzige Person, die sich seine Stücke immer noch nicht ansehen wollte, blieb sein Vater. Als nächsten Schritt trieb Wilson das herkömmliche Theater-Format zu neuen Extremen, indem er ein siebentägiges Stück in den Bergen Irans (?KA MOUNTain?, 1972) inszenierte.

Als Wilson jedoch wieder in die USA reisen wollte, wurde er wegen Drogenbesitzes festgenommen. Dank der Bemühungen der internationalen Theater- und Kunstgemeinschaft konnte Wilson, dem eine siebenjährige Gefängnisstrafe im Iran drohte, bald heimkehren. Zurück in den USA traf Wilson 1974 die Person, die in seither am stärksten beeinflusst hat und zu seiner persönlichen Muse wurde: den autistischen Teenager und Poeten Christopher Knowles, der Sohn eines Freundes.

Wilsons Freundschaft mit Knowles und die Faszination für seine abstrakten Gedankenmuster führten schließlich zu solch grandiosen Produktionen wie ?A Letter To Queen Victoria? (1974) und zu Wilsons vielleicht bekanntesten Werk in Amerika, ?Einstein on the Beach? (1976), bei dem er mit dem Komponisten Philip Glass zusammenarbeitete. Mit ?Einstein on the Beach? (1976) durchbrach Wilson rigoros die steifen Strukturen der herkömmlichen Theaterinszenierungen und landete einen Erfolg, der ihn auch dem Mainstream-Publikum näher brachte.

Sein nächstes Werk war zugleich sein ehrgeizigstes und auch tragischste: Der plötzliche Tod seines Vaters und die dadurch ausgelöste emotionale Ausnahmesituation veranlassten Wilson dazu, das Thema Bürgerkriege exzessiv zu verarbeiten ? von ihren Anfängen, die in dem Auseinanderreißen von Familien begründet liegen, bis zu ihrem weltweiten Auftreten im späten 20sten Jahrhundert.

?The Tree is Best Measured When It?s Down: The CIVIL WarS? (1983), war ursprünglich für die 1984 stattfindenden Olympischen Spiele in Los Angeles in Auftrag gegeben worden. Wilson verbrachte fünf Jahre damit, sich ausschließlich der Umsetzung seiner Vision zu widmen: einer enormen, im wahrsten Sinne globalen, zwölfstündigen Performance mit gleichzeitig stattfindenden Inszenierungen in sechs verschiedenen Ländern.

Doch Wilsons Traum sollte niemals wahr werden. Das Olympische Komitee änderte im letzten Moment seine Meinung und weigerte sich, die Inszenierung zu finanzieren, da sie Wilsons radikale Ideen immer mehr beunruhigten und die Sponsoren entsetzt waren über Wilsons Vorschlag, David Bowie die Gettysburg-Rede auf Japanisch lesen zu lassen. Zwar wurden Teile von ?The CIVIL WarS? in verschiedenen Städten zu unterschiedlichen Zeiten aufgeführt, aber die komplette Inszenierung konnte Wilson nie verwirklichen.

Nach diesem künstlerischen und finanziellen, Desaster kehrte Wilson nach Europa zurück, wo er schließlich seinen bisher größten Erfolg feierte: ?The Black Rider? (1991), eine Kooperation mit dem Autor William Burroughs und dem Komponisten und Musiker Tom Waits. Die Inszenierung am Hamburger Thalia Theater wurde ein Kassenschlager. Sämtliche Vorstellungen waren drei Jahre lang in Folge ausverkauft und einer von Wilsons größten Träumen war in Erfüllung gegangen: ein kommerziell erfolgreiches Projekt auf die Beine zu stellen, ohne dabei jegliche künstlerische Kompromisse eingehen zu müssen.

1992 kehrte Wilson nach New York zurück und gründete das Watermill Center, eine Kunststiftung, die aufstrebenden Künstlern die Möglichkeit für unbegrenzte Kreativität und Inspirationssuche geben soll und gleichzeitig einen starken Fokus auf die Bereiche Unterricht und Therapie legt.

Wilson hat das rasante Tempo, in dem er seine Werke kreiert, keinesfalls verlangsamt. Auch heute noch inszeniert er durchschnittlich zwölf internationale Produktionen im Jahr. Woher nur kommt sein unerschöpflicher Antrieb? Laut ABSOLUTE WILSON ist dieser auf seine Sehnsucht zurückzuführen, neue und stärkere Wege der Kommunikation zu finden, wie radikal, befremdlich oder unerwartet sie auch seien mögen. Ungeachtet dessen, ob es die Kommunikation mit einem Nobelpreisträger oder einer behinderten Person betrifft.

Wie der Harvard Theaterhistoriker Professor Arthur Holmburg bemerkt: ?In vielerlei Hinsicht kann man Bobs Werke als Psychodrama sehen, in dem er die seelischen Traumen seiner Kindheit mithilfe der Kunst als Therapie nachspielt, verarbeitet und überwindet. Der Grund, warum Wilsons Werke die Menschen so tief berühren, ist, dass sie unsere eigenen Erfahrungen ansprechen.?

Wie knackt man das Mysterium Robert Wilson? ?Bob hat so viele traumatische Erlebnisse durchlebt, ein schwächerer Mensch wäre daran zugrunde gegangen. Er kreiert Theater um diese Traumen zu überwinden.? - Theaterhistoriker Arthur Holmberg

?Ich habe mit der Voraussetzung angefangen, dass man, um Robert Wilsons Arbeiten wirklich verstehen zu können, ihn als Mensch verstehen mußs. Es hat viele Jahre gedauert ? einiges an Anspornung, Geschrei und Raffinesse ? um Bob schließlich dazu zu bringen sich mir zu öffnen.? - Katharina Otto-Bernstein

Wie erhält man Einblick in die Seele eines Mannes, der für seine Verschlossenheit genauso berühmt ist, wie für seine Brillianz? Vor dieser Herausforderung stand Katharina Otto-Bernstein, als sie mit der Arbeit an ABSOLUTE WILSON begann. Das Projekt der mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilmerin begann eher zufällig. Den Anstoß gab eine Begegnung mit Wilson, bei der er sie in seine Ideenfabrik, das Watermill Center auf Long Island, New York einlud.

Im Watermill-Center traf Otto-Bernstein Wilson im Hof an, wo er auf dem Rasen an einer Stein-Installation arbeitete und zwei muskulöse junge Männer dirigierte, welche die Steinbrocken vor und zurück, und nach rechts und links schoben, bis er sich für die endgültige Position entschieden hatte. Wilson bat sie zu sich herüber und fragte sie nach ihrem Vorschlag bei der Platzierung der riesigen Steine.

Für zwanzig Minuten wurde Otto-Bernstein selbst Teil eines Wilson Projekts. Zwar wurde ihre Meinung letztendlich nicht berücksichtigt, doch sie war von diesem kurzen Einblick in Wilsons Persönlichkeit fasziniert und auch Wilson selbst schien eine Art kreativer Gleichgesinntheit zu spüren. ?Lass uns was zusammen machen?, meinte er und Otto-Bernstein schlug sofort ein Filmportrait vor. Erstaunlicherweise stimmte er einfach zu und damit begann für Otto-Bernstein ?eine rasante Achterbahnfahrt durch die ganze Welt?.

Zwar lies Wilson ihr überraschenderweise völlig freie Hand, um den Film ganz nach ihren Vorstellungen zu gestalten, was aber nicht bedeutete, dass er es ihr leicht machte, ihm zu folgen. Es gibt ein simples, logistisches Problem bei Robert Wilson: Er ist ein Künstler-Nomade und verbringt daher selten mehr als eine Woche in ein und demselben Land, schläft nachts nur wenige Stunden und ist berüchtigt dafür, immer zu spät zu kommen. Doch Otto-Bernstein war darauf vorbereitet, Wilson in alle Ecken der Welt zu folgen und sie bewaffnete sogar seinen Assistenten mit einer Videokamera, damit dieser aus nächster Nähe so viele spontane Aufnahmen von Wilson wie möglich machen konnte.

Neben den logistischen Schwierigkeiten gab es noch ein viel größeres Hindernis, nämlich Wilson dazu zu bringen, über sich zu sprechen. Und zwar nicht nur in einzelnen Anekdoten, sondern seine persönlichsten Erlebnisse und Erinnerungen preiszugeben. Otto-Bernstein merkte schnell, dass genau davon der Erfolg des Filmes abhängen würde, bei den Dreharbeiten war dies aber sehr schwer umzusetzen, da Wilson einfach zu verschlossen war und sich emotional nicht öffnen wollte.

Trotz des enormen Respekts, den Otto-Bernstein für Wilson empfand, fürchtete sie daher bisweilen, das Projekt beenden zu müssen: ?Im Laufe seiner Karriere wurde Robert schon so ziemlich jede Frage gestellt und er hat gelernt, darauf Standard-Antworten zu geben. In der ersten Zeit war es sehr schwer für ihn, sich von diesen Antworten zu lösen, an die er sich so gewöhnt hatte. Und ich war lange Zeit nicht sicher, ob er sich jemals davon freimachen würde. An einem gewissen Punkt versprach Bob mir das Schlüssel-Interview, ich müsste es aber alleine führen.

Ich hatte seit der Filmschule selber keine Lichter mehr gesetzt, aber die Kamera zu führen und Fragen zu stellen, fiel mir inzwischen schon leichter, da das seit einiger Zeit unser modus operandi war. Gegen drei Uhr morgens begann Bob zu erzählen und auf einmal machte alles Sinn ? seine Arbeit, der Film, das Puzzle fügte sich auf magische Weise zusammen. Er hat mich wahnsinnig berührt. Ich werde dieses Interview nie vergessen.?

Schließlich kam er Otto-Bernstein weitaus mehr entgegen, als es bei anderen Interviewpartnern bis dahin der Fall gewesen war und gab einen tiefen und umfassenden Einblick in seine Persönlichkeit. ?Bob trägt so viele Stimmungen in sich, liebenswert, großzügig, warmherzig, exzentrisch, ungeduldig, distanziert, verrückt und brillant und manchmal ist er all das gleichzeitig. Er ist ein lebender Widerspruch, und um zu verstehen wer Robert Wilson ist, mußs man auch diese Widersprüche untersuchen.?

Hatte sie eine bestimmte Strategie? Außer ihrer Hartnäckigkeit und Entschlossenheit verdankt sie es wohl folgendem: ?Es schien eine Art Verbindung zwischen uns zu bestehen. Obwohl er es gewohnt ist, immer alles zu bestimmen, hat er nie versucht, sich in die Gestaltung des Filmes einzumischen. Er wollte ihn nicht einmal während der Nachbearbeitungsphase sehen!?

Parallel zu ihren Bemühungen, von Wilson authentische Antworten zu erhalten, durchsuchte Otto-Bernstein in verschiedenen Ländern diverse Theater- und Museumsarchiven nach Filmund Bildmaterial von Wilsons Inszenierungen: ?Es ähnelte einer Schatzsuche. Ich wusste nie was mich erwarten würde. Ich konnte plötzlich in irgendeinem dunklen Archiv auf einen kompletten Band von ?Einstein on the Beach? stoßen. Es war sehr spannend?, erinnert sie sich.

Außerdem nahm sie Kontakt zu den Menschen auf, die in Wilsons Leben eine entscheidende Rolle gespielt hatten oder immer noch spielen. Sie fand diese auf der ganzen Welt verstreut ? Familienmitglieder, Freunde, Kritiker und Künstler, mit denen Wilson zusammengearbeitet hatte: ?Bobs Freundeskreis besteht aus so ungewöhnlichen und begabten Menschen, dass es sehr interessant war diese aufzustöbern und mit ihnen zu sprechen.?

Eines ihrer Lieblingsinterviews führte sie mit der Autorin Susan Sontag, die mit Wilson bei ?Alice in Bed? (1993) zusammengearbeitet hatte und die nach eigener Aussage ?Einstein on the Beach? (1976) bereits 40 mal gesehen hatte. Über Wilson sagt sie: ?Bob ist ein Mensch von unendlicher Weisheit und mit einem unstillbaren Hunger nach dem Theater. Glücklicherweise ist sein genialer Geist so exzentrisch, dass er wahrscheinlich nie den kommerziellen Erfolg haben wird, den er sich so wünscht.?

Ein besonders interessantes Interview führte sie auch mit der Opernsängerin Jessye Norman. ?Sie war sehr humorvoll und hat sehr offen mit mir gesprochen?, so Otto-Bernstein über die Sängerin, deren wunderbare Stimme so viele Künstler und Musiker inspiriert hat. Auch David Byrne, der bekannte Musiker, Sänger und Gründer der Gruppe ?The Talking Heads?, der mit Wilson an ?The Knee Plays? (1985) und ?The Forest? (1991) zusammengearbeitet hatte, gab bereitwillig Auskunft: ?David war sehr höflich und nachdenklich, feinsinnig und sehr entgegenkommend. Es war eine Freude mit ihm zu arbeiten.?

Aber nicht jeder erklärte sich ohne weiteres zu einem Kommentar bereit. Bei einigen Kandidaten bedurfte es großer Überredungskunst. Wieder andere waren schwer aufzufinden ? insbesondere die früheren Mitglieder der Byrd Hoffmann School, von denen viele sehr unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen hatten, nachdem sich die Gruppe aufgelöst hatte.

Einer der ungewöhnlichsten Interviewpartner war der Theaterkritiker John Simon, der schon oft scharfe Kritik an Wilsons Werken geübt hat. Trotzdem hielt Otto-Bernstein ihn für einen essentiellen Bestandteil der Geschichte. ?Das Interessante an John Simon ist, dass er Robert Wilson nicht einfach nur hasst, sondern ihn mit einer unglaublichen Leidenschaft hasst?, so Otto-Bernstein. ?Die Intensität, mit der er Wilsons Arbeit verabscheut, hat etwas Faszinierendes.?

Doch mit wem Otto-Bernstein auch sprechen wollte, oder welche umstrittenen Themen sie auch anschnitt, Wilson hatte nie irgendwelche Einwände. ?Man mußs ihm wirklich zugute halten, dass jeder seine freie Meinung äußern konnte. Einige waren zunächst sehr zurückhaltend, doch die meisten konnten uns wunderbare und oft auch recht überraschende Geschichten erzählen.?

Mit so einer reichlichen Auswahl an Material konzentrierte sich die Regisseurin zunächst darauf, eine präzise Struktur für den Film zu schaffen. ABSOLUTE WILSON ähnelt dem Aufbau der Wilson-Opern, in denen Vaudeville-Einlagen dazu dienen, in der Zwischenzeit das Bühnenbild zu wechseln. Analog dazu wechseln sich im Film Abschnitte von Wilson und seiner Arbeit in der Gegenwart mit Etappen seiner chronologisch erzählten Lebensgeschichte ab.

?Roberts Leben und seine Arbeit sind so eng miteinander verwoben, dass ich nach visuellen Mitteln gesucht habe, um dies auch im Film deutlich zu machen?, so Otto-Bernstein. ?Für mich ist es viel interessanter zu zeigen, wo der kreative Prozess begonnen hat, als einfach nur zu zeigen, wie er sich entfaltet. Die Vergangenheit ist ein entscheidendes Element, um Robert zu verstehen. Aber auch die Tatsache, dass er niemals müde wird. Er hat eine fast kindliche Neugier, die immer präsent ist und wenn etwas seine Fantasie anregt, dann verfolgt er es. Genau das ist das Faszinierende an ihm ? sowohl an dem Künstler, als auch an dem Menschen Wilson.?

Szenenfoto
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