Lucas der Ameisenschreck

Produktionsnotizen

Eine fantastische, unbekannte Welt in unserem eigenen Garten ? aber nur jemand von der Größe einer Ameise kann sie entdecken

?Man mußs sich das mal vorstellen: Täglich trampeln wir über eine Welt hinweg, von der wir keine Ahnung haben. In unserem eigenen Garten könnte ein quirliges Universum versteckt sein?, sagt John A. Davis, der ?The Ant Bully? (Lucas der Ameisenschreck) geschrieben und inszeniert und zuvor auch schon ?Jimmy Neutron: Boy Genius? (Jimmy Neutron ? Der mutige Erfinder) geschaffen hat. Davis gesteht, dass er seine tollsten kreativen Ideen bekommt, wenn ?ich mich an die Dinge erinnere, die mich als Kind begeistert und unterhalten haben?.

Wenn diese Unterwelt aus den Tunneln und verborgenen Kammern einer geschäftigen Ameisenkolonie besteht, müsste man als Mensch wirklich winzig sein, um sich dort umzuschauen. Und genau das passiert dem zehnjährigen Lucas Nickle, der von einem Rüpel gepiesackt wird und sich dadurch leider selbst in einen Rüpel verwandelt, denn er lässt seinen Frust an den wehrlosen Insekten auf seinem Rasen aus. Gedankenlos bespritzt er sie mit Wasser oder zertritt sie, wenn ihn der Rowdy aus der Nachbarschaft mal wieder zur Schnecke gemacht hat.

?Lucas der Ameisenschreck? demonstriert aus Sicht der Ameisen, welche Katastrophe Lucas mit dem Gartenschlauch in ihrer Kolonie anrichtet: Unter der Erde kommt es ?zu einer gewaltigen Überschwemmung ? die Ameisen rennen um ihr Leben?, sagt Davis. ?Lucas hat allerdings keine Ahnung, was er an Chaos und Verderben auslöst, wenn er die Ameisen bespritzt.? Doch damit ist es jetzt vorbei.

Durch Zocs Zaubertrank wird Lucas auf Ameisengröße geschrumpft, aus seinem Zimmer gekidnappt und tief in den Ameisenhaufen verschleppt, um sich vor Gericht für seine mutwillige Zerstörung zu verantworten. In der Unterwelt nimmt er verblüfft und sehr nervös zur Kenntnis, dass die Ameisen in einer ausgedehnten, komplexen Zivilisation leben, die von Regeln und Verantwortung bestimmt ist: Jedes Einzelwesen übernimmt eine spezielle Aufgabe, um der Gemeinschaft zu dienen.

Fassunglos nimmt Lucas erstmals zur Kenntnis, dass diese zähen kleinen Wesen, die er zuvor als ?blöde Ameisen? abgetan hatte, ebenso denken und fühlen wie er selbst ? und sie können wie er reichlich aufmüpfig sein. Jedenfalls sind sie derzeit absolut wütend auf ihn, den sie ?Lucas den Zerstörer? nennen.

?Als wir die Ameisen anfangs aus Lucas? Sicht erleben, sehen sie wie echte Ameisen aus ? sie sind klein und haben keine individuellen Merkmale ? so wie man sie aus der Distanz eines stehenden Menschen wahrnimmt?, berichtet Davis. ?Doch wenn wir dann auf Augenhöhe mit ihnen sind, erleben wir ihre ausdrucksstarken Gesichter, und langsam ahnen wir genau wie Lucas, dass der Schein oftmals trügt. Dieser Aspekt hat mich vor allem für das Projekt begeistert: Wir schaffen hier ein fremdartiges Reich aus einer völlig alltäglichen Situation, die wir aus ganz neuer Sicht kennen lernen.?

?Sicher denken alle Menschen irgendwann darüber nach, wie die Welt wohl mit den Augen einer Ameise aussieht?, sagt Tom Hanks, der bei ?Lucas? die Produktion übernimmt. ?Ihre Welt hat fast etwas Gemütliches ? wir kennen sie von unserer Spielzeug-,Ameisenfarm?. Und die Gemeinschaft der Kolonie erscheint fröhlich, wenn man menschliche Maßstäbe anlegt. Genau das macht Lucas? Abenteuer mit den Ameisen äußerst attraktiv.?

Es war Hanks, der Davis auf das Kinderbuch hinwies, das 1999 im Verlag Scholastic Press erschienen ist. ?Mein Sohn kam aus dem Kindergarten mit einem Buch nach Hause, das er in der Bibliothek ausgeliehen hatte: John Nickles ,The Ant Bully??, berichtet er. ?Als wir es zusammen lasen, fiel mir sofort auf, welch wunderbarer Filmstoff darin steckt. Damals war gerade John Davis? ,Jimmy Neutron? angelaufen, und ich merkte gleich, wie perfekt seine Fähigkeiten zu Nickles Story passen.?

In den 2001 angelaufenen 3-D-Animationsfilm ?Jimmy Neutron: Boy Genius? (Jimmy Neutron ? Der mutige Erfinder) hatten Davis und sein Computeranimationspartner Keith Alcorn (der ?Lucas? als Executive Producer verantwortet) mit ihrer in Texas ansässigen Firma DNA Productions ihr ganzes Herzblut investiert. Mit diesem Erstlingswerk wurde Autor/Regisseur/Produzent Davis in der Kategorie Bester Animationsspielfilm für den Oscar nominiert.

Daraus entstand die Nickelodeon-Serie ?The Adventures of Jimmy Neutron: Boy Genius? (Jimmy Neutron), die ebenfalls bei DNA entwickelt wurde. Das Publikum und auch die Kritiker ließen sich von der ungewöhnlichen Optik (die Davis als ?Future-Retro? bezeichnet) verzaubern: Es geht um einen coolen, absonderlichen Außenseiter, der die Welt rettet und in selbst gebauten Raumschiffen umherdüst, wobei seine knallige orangefarbene Haartolle nie aus der Form gerät. Wie in ?Lucas der Ameisenschreck? geht es nicht nur um Spaß, sondern immer auch um das Thema Fairness.

?Tom schickte mir ,The Ant Bully? und wollte hören, ob ich etwas damit anfangen kann?, erinnert sich Davis, der ebenfalls sofort das große Kinopotenzial der Geschichte erkannte. ?Also überlegte ich mir: Wenn ich den Film machen sollte, würde ich folgendermaßen vorgehen?? Er traf sich mit Hanks und dessen Produktionspartner Gary Goetzman: Die beiden verantworteten 2004 in der gemeinsamen Firma Playtone Productions zusammen mit Robert Zemeckis den erfolgreichen, sehr beliebten Weihnachtsfilm ?The Polar Express? (Der Polarexpress).

?Gleich bei unserem ersten Treffen merkten wir, dass John mit seinem Enthusiasmus, seiner Leidenschaft und seinen Ideen der ideale Regisseur für unser Projekt ist?, berichtet Goetzman. ?Und weil die meisten Animationsfilme für Kinder heute vom Erwachsenenhumor geprägt sind, fanden wir es sehr erfrischend, dass John einen unterhaltsamen Familienfilm drehen wollte, der dem Publikum ein fantastisches Abenteuer bietet und es in eine ganz neue Welt entführt.?

Gemeinsam entwickelten die drei Ideen zur Umsetzung der Handlung auf die Leinwand, zur Darstellung der Naturwunder, des Humors und der gefährlichen Situationen, in die ein plötzlich zum Winzling geschrumpfter Junge gerät, der sich in der unendlichen Wildnis seines eigenen Gartens verirrt. Die neue Umgebung bekommt eine surreale Qualität, wenn selbst eine weggeworfene Cola-Dose wie ein dreistöckiges Haus vor Lucas aufragt. Tief fliegende Wespen dröhnen wie Helikopter, und Heerscharen unbekannter Tiere bevölkern die gigantische Graslandschaft um ihn herum.

?Wunderbar, wenn man sich auf Anhieb gut versteht?, sagt Davis. ?Wir waren uns einig über die Schwerpunkte: den Abenteueraspekt, die Action, die coole Situation, in der Lucas mit den Ameisen gegen die gigantischen Wespen antritt, und die vielen Schauplätze, die er kennen lernt. Vieles davon ist die Erfüllung eines Kindertraums.?

Davis und Hanks stellten fest, dass sie beide den legendären Trick-Guru Ray Harryhausen grenzenlos bewundern: Harryhausen schuf seit den 1950er-Jahren auf dem Gebiet der Stopptrick-Technik, der Miniaturmodelle und Monstereffekte bahnbrechende Innovationen und inspirierte so die nächste Generation der Filmemacher. Wie alle Harryhausen-Fans kann auch Davis aus dem Stand dessen klassische Filmwerke aufzählen: ?Jason and the Argonauts? (Jason und die Argonauten), ?The Seventh Voyage of Sinbad? (Sindbads siebente Reise) und ?The Beast From 20,000 Fathoms? (Panik in New York).

Dazu der Regisseur: ?Diesen Film widme ich ihm als Hommage in Bezug auf die Perspektive, mit der wir die Schauplätze aus der Sicht des geschrumpften Menschen zeigen, der in die Welt der Insekten kommt und dann sein Elternhaus als Land der Giganten erlebt.?

?Ray Harryhausen hat mit seinen Monstersequenzen Maßstäbe gesetzt?, sagt Hanks. ?John und ich einigten uns darauf, dass wir uns beim Wespenangriff an dem Skelettkampf aus ,Jason und die Argonauten? orientieren wollen. Wenn schon Vorbilder, dann jedenfalls nur die besten!?

Davis hat einst im Bereich der Puppentrick-Technik (im Gegensatz zum Zeichentrick) begonnen ? umso leichter fiel ihm der Wechsel in den digitalen Bereich, wie er erklärt: ?Die Parallelen zur üblichen Kameratechnik sind unübersehbar: Man arbeitet mit Kameras und Kameragerüsten, Kamerawagen und Kranfahrten. Man baut Sets im Computer, und man leuchtet sie wie reale Sets aus, weil die Software die Wirklichkeit nachahmt. Wir haben einen dreidimensionalen Raum zur Verfügung, in dem dieselben mechanischen Gesetze gelten wie auf einem real gefilmten Set. Man kann beim Erzählen der Story also alle Register ziehen und Sequenzen schaffen, in die das Publikum voll und ganz eintauchen kann. Sehr oft verwende ich die subjektive Kamera ? zum Beispiel, wenn Lucas rittlings auf der Wespe fliegt.?

Außerdem ist Davis ein Animator, der den Ausdruck ?Trickfilm? als Synonym für Spaß begreift und als ?Chance, die üblichen Grenzen zu überwinden.? Er wollte bei ?Lucas der Ameisenschreck? durchaus keinen Fotorealismus anstreben, sondern eine stilisierte, fantasievolle Welt, in der, wie er sagt, ?das Design nicht unbedingt realistisch aussieht, aber durch die Liebe zum Detail durchaus real und lebendig wirkt. Als Lucas in das Reich der Ameisen kommt, erscheint alles sehr direkt und unmittelbar ? verschwenderisch ausgestaltete Bilder, ein optischer Eindruck, der uns unter die Haut geht, wie das nur die 3-D-Animation erreichen kann. Die Abenteueratmosphäre wird dadurch deutlich intensiviert.?

Kinder können von Ameisen eine Menge lernen Hanks und Goetzman waren sich einig: Was die Story an Themen präsentiert, was man daraus fürs Leben lernen kann, sollte nicht mit erhobenem Zeigefinger erzählt werden. ?Wenn man den Kindern etwas beibringen will, sollte man das dem Film nicht als Lektion aufpfropfen?, stellt Hanks fest. ?Vielmehr sollte die Botschaft schon in der Story selbst angelegt sein. Was Lucas von den Ameisen lernt (nämlich: Es gibt keinen Ersatz für eine funktionierende Familiengemeinschaft), erfahren wir in ,Lucas der Ameisenschreck?, ohne dass es in eine Predigt ausartet.?

Davis ist schon lange ein Fan der klassisch-hektischen Warner-Bros.-Zeichentrickfilme. Und immer bemüht er sich, seine Filme auf einem gewissen Niveau anzusiedeln, weil er weiß, dass ?die Kids viel mehr begreifen, als man gemeinhin annimmt. Ich habe als Kind immer gemerkt, wenn man mich von oben herab behandelt hat ? ich fand das schrecklich. In Wahrheit sind Kids nämlich echt schlau, sie haben den Durchblick.?

Diese Maxime nimmt Davis durchaus ernst. Entsprechend lud er während der Produktion immer wieder die Kinder seiner Mitarbeiter ein und zeigte ihnen die bereits fertig gestellten Szenen. Die Reaktionen der kleinen Zuschauer waren sehr wertvoll ? einmal führten sie sogar dazu, dass er das Ende der Story umgestaltete.

?Vor allem geht es natürlich darum, etwas zu schaffen, das unterhält und Spaß macht?, sagt er. ?Aber daneben sollte die ganze Sache auch einen Sinn haben, eine Botschaft, die den Kids und ihren Eltern ein gutes Gefühl mitgibt, wenn sie nach Hause gehen. Alles andere wäre unseriös, und man hätte den Film beim Verlassen des Kinos schon wieder vergessen.? Er spricht nicht nur als Autor, sondern auch als Kinozuschauer, wenn er sagt: ?Es ist immer viel interessanter, wenn sich die Filmhelden im Laufe der Handlung weiterentwickeln, wenn wir erleben, wie sie sich mit einem Problem auseinandersetzen und daraus lernen.?

In ?Lucas der Ameisenschreck? gibt es laut Davis ?etliche ineinander verzahnte Themen, die alle von gleich großer Bedeutung sind. Lucas erfährt durch seine Arbeit mit den Ameisen nicht nur, wie wichtig Teamarbeit, Freundschaft, Mut und der Wert der Gemeinschaft sind, sondern er lernt auch den Missbrauch der Macht kennen und versetzt sich erstmals in die Lage eines anderen. Am Anfang nimmt er die Ameisen nicht für voll, weil sie klein und scheinbar unbedeutend sind ? daher glaubt er, alles mit ihnen machen zu dürfen, was ihm Spaß macht. Erst als er die Konsequenzen seiner Taten erlebt, denkt er darüber nach, dass er vielleicht nicht richtig gehandelt hat.?

Zunächst zieht er bei den Auseinandersetzungen mit Grobian Steve immer den Kürzeren. Und als er dann im Gegenzug seinen Frust an dem Ameisenhaufen auslässt, ist Lucas abwechselnd Täter und Opfer. Es dauert eine ganze Weile, bis er nach einer Reihe interessanter Erfahrungen diese ernüchternde Ironie begreift. Über diesen Moment der Erkenntnis sagt Davis: ?Man könnte, wenn man will, über die Situation des rabiaten Nachbarsjungen und des Zehnjährigen hinausgehen und die Erfahrung auf andere Lebensbereiche anwenden ? denn letztlich ist das Konzept zeitlos. Nur weil man im Augenblick stärker und im Vorteil ist, hat man noch lange nicht das Recht, diese Situation auch auszunutzen.?

Unterdessen ist der winzige Lucas immer wieder verblüfft, begeistert und entsetzt (manchmal auch alles gleichzeitig) darüber, dass der Schein oft trügt. Ameisen haben Gefühle, Frösche, die er gern gejagt hat, erweisen sich als erschreckende Raubtiere, und der ihm so vertraute Rasen im Garten ? früher war er für Lucas nur eine langweilige, dürre Grasfläche zwischen dem Haus und dem Gehweg ? ist in Wahrheit ein quirliges Schlachtfeld, auf dem sich wie im Urwald Dramen auf Leben und Tod abspielen. Wer hätte das gedacht?! Aus der veränderten Perspektive sieht Lucas die vertrauten Dinge seiner Umgebung in einem ganz neuen Licht ? Dinge die er bisher für selbstverständlich hielt.

Kannst du dir in der nächsten Szene bitte vorstellen, du seist eine Ameise, die von einem Frosch verschluckt wird? Um dann wieder herausgewürgt zu werden? Danke. Davis übernimmt zwar den Charme und die Botschaft des Kinderbuchs von John Nickle und ?bleibt der Struktur des Buchs treu?. Aber natürlich erweitert der Film die Bandbreite von Lucas? Abenteuern, stellt weitere Figuren und Beziehungen, Hindernisse und Motive vor.

All diese unterschiedlichen Figuren ? Menschen wie Insekten ? brauchen unverwechselbare Stimmen. Als DNA Productions damals anfing, sprachen die Firmengründer (und zunächst einzigen Mitarbeiter) John Davis und Keith Alcorn alle Rollen in ihren kurzen Animationsfilmen selbst.

Diese Zeiten sind vorbei: Für die amerikanische Fassung von ?Lucas der Ameisenschreck? verpflichteten die Filmemacher hochkarätige Stars wie Oscar-Preisträgerin Julia Roberts (?Erin Brockovich?) als Hova; Oscar-Preisträger Nicolas Cage (?Leaving Las Vegas?) als Zoc; die zweifache Oscar-Gewinnerin Meryl Streep (?Sophie?s Choice?/Sophies Entscheidung; ?Kramer vs. Kramer?) als Ameisenkönigin; als Kammerjäger Stan Beals Oscar-Kandidat Paul Giamatti (?Cinderella Man?/Das Comeback), der bereits in der Animationskomödie ?Robots? (Robots) zu hören war; als Kreela Regina King (?Ray?), Image-Award-Preisträgerin und Kandidatin für den Preis der Schauspielergewerkschaft, die aktuell erstmals mit der Sprechrolle in der Animationsserie ?The Boondocks? wesentliche Erfahrungen für ihre ?Lucas?-Mitwirkung sammeln konnte.

Als Fugax Bruce Campbell, der Genrefans als Ash in der ?Evil Dead?-Trilogie (Wiege des Bösen) begeisterte; als Mommo die zweifache Tony-Preisträgerin, Grammy-Gewinnerin und Oscar-Kandidatin Lily Tomlin (?Nashville?); und als Ratsvorsitzenden den von der Schauspielergewerkschaft für sein Lebenswerk ausgezeichneten Ricardo Montalban. Zach Tyler Eisen (Serie ?Avatar: The Last Airbender?/Avatar ? Der Herr der Elemente) spricht den Lucas Nickle, seine Eltern sind Cheri Oteri (?Scary Movie?), Larry Miller (?Pretty Woman?) und Lucas? Schwester ist Allison Mack (?Smallville?).

Davis betont: ?Bei der Animation kommt es vor allen auf eins an: Die Leistungen der Sprecher bestimmen die gesamte Produktion und stellen für die Animatoren das entscheidende Ausgangsmaterial dar ? zu diesem Zeitpunkt gibt es von den Figuren meist noch nicht viel mehr als ein paar Skizzen.? Doch über den Dialog hinaus transportieren die Schauspieler mit ihrer Stimme unzählige Nuancen durch ihren Ausdruck, ihre Stimmung, ihre Modulation und prägen so den Look und die Haltung der Figuren.

?Es ist üblich, die Tonaufnahmen auf Video zu filmen?, erklärt Davis. ?Dabei geht es nicht so sehr darum, wie der Schauspieler sich bei dem jeweiligen Satz bewegt, um dies dann exakt zu kopieren, sondern die Animatoren erhalten durch die Videos eine allgemeine Orientierungshilfe, ein Gefühl für die Eigenarten der Schauspieler, für ihre Darstellung. Dadurch lassen sich die Konturen der jeweiligen Darstellung besser herausarbeiten.?

Im Film taucht erstmals auch Zocs Freundin auf, die immer fröhliche und liebevolle Pflege-Ameise Hova, die in der deutschen Fassung von Barbara Schöneberger gesprochen wird. Als Einzige in der gesamten Kolonie gelingt es Hova, Zoc aus seiner mürrischen Laune herauszukitzeln ? und zwar wortwörtlich.

Zoc und Hova sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, und als Lucas auftaucht, tritt dies umso deutlicher zutage. Als die Königin Lucas im Prozess zum Leben mit den Ameisen verurteilt, meldet sich Hova freiwillig als Betreuerin des Jungen, weil sie an das Gute in allen Lebewesen glaubt ? sie will Lucas in seiner Entwicklung helfen, damit er seine Aufgabe im Leben findet. Zoc behauptet jedoch, dass Menschen nicht in der Lage sind, die Werte der Ameisengesellschaft wie Teamarbeit und Freundschaft zu verinnerlichen. Er fürchtet, dass Hovas Sicherheit durch die Anwesenheit des unberechenbaren Menschen gefährdet ist.

Weil Hova sich mit Lucas bald gut versteht, während Zoc weiterhin unerbittlich an dem Jungen zweifelt, kommt es zwischen dem Paar immer wieder zum Streit. Aber gerade dieser Beziehungsstress dürfte bei den erwachsenen Zuschauern für die meisten Lacher sorgen ? vor allem wenn sich Zoc in einem aufopferungsvollen Moment, der nur durch seine Liebe zustande kommt, von dem Frosch verschlucken lassen will, um ihr das Leben zu retten. Als der Frosch ihn ins Visier nimmt, hört man den armen Zoc murmeln: ?Keine Beziehung ist so etwas wert.?

Im Endeffekt profitiert der kleine Lucas sehr von diesen Streitigkeiten und der Gemeinschaft der umfangreichen Insektenfamilie, denn er braucht ihre Hilfe nötiger, als ihm bewusst ist: Zunächst könnte er ohne sie gar nicht überleben, und später hilft sie ihm, die Persönlichkeit zu entwickeln, die er sich wünscht.

Davis legte großen Wert darauf, jede Szene in mehreren Versionen aufzunehmen. ?Natürlich halte ich mich an den Dialog, aber ich improvisiere gern auch mal?, sagt Davis. ?Ich bin begeistert, wenn die Schauspieler mit dem Text spielen und ihren Spaß dabei haben, was aber bedeutet, dass ich das ganze Spektrum der Varianten aufzeichnen mußs. Die Variationen müssen immer so angelegt sein, dass sie zu den Sätzen des Szenenpartners passen, die ich vielleicht erst einen Moment später aufnehme. Der Partner spricht dann seinen Dialog vielleicht so, dass die Antwort darauf etwas ruhiger ausfallen mußs. Die Tonlage mußs also in jedem Fall kompatibel sein. Schließlich mußs ich das alles so zusammenschneiden, dass ein organisches Ganzes entsteht.?

Bis ?Lucas der Ameisenschreck? animiert war, haben wir uns vier Jahre lang krummgelegt. Verzeihen Sie uns also, wenn wir die Arbeit als Riesenspaß bezeichnen. ?Für ,Lucas der Ameisenschreck? haben wir unsere Rechner völlig entrümpelt und ganz neu aufgebaut ? wir haben keine Programme benutzt, die bei ,Neutron? zum Einsatz kamen?, berichtet Davis, der sich die 3-D-Animation mit in jedem Laden erhältlicher Software selbst beibrachte und so seine ersten Kurzfilme produzierte.

?In Bezug auf Render-Qualität, Detailreichtum und Komplexität der Figuren mußsten wir die Messlatte diesmal deutlich höher legen. Davon war das gesamte Team natürlich begeistert, aber es hat uns auch zwei Jahre gekostet. Wir hatten nämlich kein Jahr Zeit für Recherchen und Entwicklung ? alles passierte auf einmal, und es war dann nur unserem eisernen Willen, Blut, Schweiß und Tränen zu verdanken, dass wir den Film am Ende in dem Look, den ich mir vorgestellt hatte, innerhalb des Budgets und des Zeitrahmens ablieferten.?

?Bei der Software und der Kodierung kommt es weniger auf die verwendeten Tools als auf die Arbeitsweise an ? also darauf, wie man das Problem einkreist und löst?, fügt er hinzu. Die Entwicklung und Produktion von ?Lucas der Ameisenschreck? dauerte vier Jahre. Dazu Davis: ?Unsere Leidenschaft war im Entwicklungsprozess der Animation also der Gradmesser ? wir waren immer nur mit einem Spitzenergebnis zufrieden. Deswegen machten wir Überstunden ohne Ende, denn jede Stunde bedeutete ein besseres Resultat ? bis es schließlich fertig war und uns aus den Händen genommen wurde.?

Über den gewaltigen Aufwand sagt der für die Gestaltung zuständige Michael Comet: ?Wir haben über 150 Figuren für den Film animiert ? die meisten waren Ameisen. Jede Ameise hat sechs Beine ? das ist viel komplizierter als die Gestaltung eines Menschen, bei dem wir nur zwei Beine zu berechnen haben. Die Arbeit vervielfacht sich automatisch.? Comets Team wird oft als ?die Knochen-und-Gelenke-Crew? bezeichnet ? es entwickelte Programme, um den Figuren eine funktionale Grundstruktur zu verpassen. Anschließend wurden sie von den Animatoren bearbeitet: Die bewegten Arme, Finger, Augenbrauen, Fühler und jede Menge Beine ? entsprechend den Emotionen und Aktionen, wie es die jeweilige Szene erfordert. Das Verfahren ging hin und her: Wenn die Animatoren manchmal besonders ausdrucksstarke Bewegungen oder Mimik brauchten, wurde das Programm auf diese Anforderung eingestellt ? von ?nett und subtil? bis zum ?komischen Extrem?.

Die Animatoren benutzen zunächst ein ?animatic?, das heißt eine vorläufige Sequenz, bei der die Sprachaufnahme des Schauspielers unter eine Serie von Standbildern gelegt wird, die wie ein Storyboard den Ablauf der Szene ergeben. Manchmal half es den Animatoren auch, die Szene selbst durchzuspielen und den Figuren und Aktionen so Leben einzuhauchen. ?Wir richteten einen Schauspielraum ein?, berichtet Davis. ?Oft benutzen ihn die Animatoren, um einen Auftritt vor dem Spiegel zu üben und sich gegenseitig vorzuspielen, um die Interaktionen korrekt zu gestalten. Das wird mit der Videokamera aufgenommen, und diese Aufnahmen dienen bei der Arbeit als Orientierungshilfe.?

Im Bereich des Set-Design konzentrierte sich das kreative Team auf das, was es augenzwinkernd als ?Grasbändigung? bezeichnet. Der Film zeigt einen an sich ganz normalen Rasen nämlich in der Größe vom Präriestaat Nebraska (so erleben die Ameisen ihn), und die Grashalme sind entsprechend riesig ? von den Steinen, Blättern und gelegentlichen Gartenzwergen ganz zu schweigen. Jedes Objekt ist mit einem Menü ausgestattet, das Manipulationen der Bewegungen, Größe, Rundumansicht oder des Schwerkraftverhaltens erlaubt.

Die Modellierung, die Oberflächenstruktur und die Schattierungen werden von entsprechenden Abteilungen gestaltet ? sie tragen entscheidend zum realistischen Eindruck des Bildes bei. So erhalten Requisiten wie der Kühlschrank oder das Telefon in der Küche der Nickles die Farbe, Oberfläche und die Schattierung, mit der man den realistischen Eindruck einfallenden Lichts simuliert ? genau so, als ob sie auf einem real existierenden Filmset stehen würden.

Die Endbearbeitung der Figuren wird auch als die ?Stoff und Haar?-Phase bezeichnet. Dazu Davis: ?Scheinbar einfache Einzelheiten wie die Falten eines Hemdes müssen sorgfältig ausgearbeitet werden. Mit solchen Details steht oder fällt der Gesamteindruck, denn wenn sie nicht realistisch gestaltet sind, fällt das unangenehm auf ? es lenkt den Zuschauer im falschen Moment ab.?

Außerdem gibt es laut Davis ?jede Menge Effekte in ,Lucas der Ameisenschreck?: Flutkatastrophen, Wolken, Luftblasen, Staub. Und Stan der Kammerjäger raucht eine Zigarre, die sehr viel Rauch absondert.? Die Szene, in der Lucas im Bauch des hungrigen Frosches landet, wurde drei Monate lang entwickelt ? inklusive ?schäumender Flüssigkeit, zerplatzender Luftblasen und triefender Tropfen?. Andere Elemente werden subtiler behandelt, zum Beispiel die kleine Staubwolke, die aufwirbelt, wenn Lucas auf den Boden stampft.

Durch den Lichteinfall wirkt dann die gesamte Szene als Einheit. Der bei ?Lucas der Ameisenschreck? für die Ausleuchtung zuständige Ian Megibben fasst das so zusammen: ?Wir übernehmen all die Vorlagen der anderen Abteilungen, lassen sie wie in einem Trichter zusammenfließen und schaffen so das einheitliche endgültige Bild.? Dabei arbeitet er sehr eng mit Davis und Produktionsdesigner Barry E. Jackson zusammen, um für jede Einstellung die Atmosphäre, die richtige Stimmung zu kreieren ? durch Farbgebung und Beleuchtung, durch Intensivierung der Schatten. So entsteht räumliche Tiefe, und die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird auf bestimmte Bilddetails gelenkt, indem man diese vom Hintergrund abhebt.

?Dabei halten wir uns an dieselben Regeln wie ein Kameramann bei Realaufnahmen. Der große Unterschied dabei ist, dass wir uns bei unseren Schauplätzen überhaupt nicht einschränken müssen?, erklärt Megibben. ?Wir können eine Lichtquelle selbst dort anbringen, wo das auf einem realen Set unmöglich wäre: Wir können nämlich Scheinwerfer auch im Innern des Mauls einer Figur platzieren oder einen Lichtstrahl auf die Schuhe einer Figur richten, die Hose aber im Dunkeln lassen. Andererseits müssen wir uns mit Problemen herumschlagen, die ein herkömmlicher Kameramann nicht kennt: Reales Scheinwerferlicht hat spezifische Merkmale, die wir mühsam imitieren müssen: Das Licht reflektiert, wird von Objekten zurückgeworfen: Das mußs man sehr genau untersuchen, um es reproduzieren zu können.?

Zudem werden das Handlungstempo, Lucas? Abenteuer und Lektionen in ?Lucas der Ameisenschreck? durch die spritzige Filmmusik ergänzt und untermalt. Komponist John Debney hat etliche Emmys gewonnen und war vor kurzem mit seinem Score zu Mel Gibsons ?The Passion of the Christ? (Die Passion Christi) für den Oscar nominiert. Bei ?Lucas der Ameisenschreck? arbeitet er erneut mit Davis zusammen ? zuvor war er bereits an ?Jimmy Neutron ? Der mutige Erfinder? beteiligt ? die beiden merkten schnell, dass sie mit der gleichen Energie und dem gleichen Enthusiasmus an die Arbeit gehen.

?Er ist nicht nur ein phänomenal vielseitiger und begabter Komponist?, schwärmt Davis. ?Er möchte auch immer gern schon möglichst früh in die Produktion mit einbezogen werden und Varianten ausprobieren ? zum Beispiel eine Situation aus der Sicht der einen Figur durchspielen und dann auch eine andere Perspektive ausprobieren.?

?Mir gefiel besonders, wie er in ,Die Passion Christi? traditionelle Instrumente der damaligen Zeit einsetzte?, fügt Davis hinzu. Er stellte sich für ?Lucas der Ameisenschreck? eine ähnliche Bandbreite vor, weil der Film ja in der für Lucas praktisch unbekannten Wildnis und in den unterirdischen Höhlen der Ameisenkolonie spielt. ?Ich wünschte mir Stammesklänge, merkwürdiges Schlagzeug und Holzblasinstrumente, um eine exotische, urwüchsige Atmosphäre zu schaffen, wenn Lucas diese unbekannte Welt betritt.?

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Dirk Jasper FilmLexikon

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