7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug

Produktionsnotizen

?Bereits ein halbes Jahr vor Kinostart von 7 ZWERGE ? MÄNNER ALLEIN IM WALD, lange vor dem überraschenden Erfolg des Films im Kino, saßen wir in kleinem Kreis zusammen und stellten fest, dass uns die gemeinsame Arbeit großen Spaß gemacht hatte?, berichtet Douglas Welbat über die Vorgeschichte zu 7 ZWERGE ? DER WALD IST NICHT GENUG. ?Schon die Feinschnitt-Arbeitskopie des Films (mit noch vorläufigem Soundtrack) begeisterte uns derart, dass wir beschlossen: Das bekommen wir vielleicht auch ein zweites Mal hin.?


Daraufhin sprach Welbat alle Agenturen der beteiligten Stars an, um anzufragen, ob sie Lust hätten, ihre Rollen in einem weiteren Film zu spielen. Auch Dirk Lisowsky, Geschäftsführer von Universal Pictures Germany, war wie die Co-Produzenten sofort bereit, wieder mitzumachen. Also stellte sich das bewährte Autoren-Trio Otto Waalkes/Bernd Eilert/Sven Unterwaldt der Aufgabe, eine Geschichte zu entwickeln, die von den neuen Abenteuern der Zwerge erzählt. Gleichzeitig sicherte Welbat das organisatorische Umfeld und die Finanzierung. Es war also alles schon unter Dach und Fach, als der erste Film dann auch noch erfolgreich anlief.

?Niemand hat mit dem Riesenerfolg gerechnet?, sagt Regisseur Sven Unterwaldt. ?Schon als wir die Drei-Millionen-Zuschauer-Marke passierten, hatte ich meine Wette verloren und mußste den Produzenten eine Kiste Champagner spendieren. dass 7 ZWERGE zum Kultfilm avancierte, konnte eben niemand vorher berechnen.?

Damit war überdeutlich, dass das Zipel-Konzept funktionierte ? entsprechend konnten alle Beteiligten bei der Vorbereitung von 7 ZWERGE ? DER WALD IST NICHT GENUG mit viel größerer Sicherheit zu Werke gehen.

?Viele Kinder sprachen uns an: Wie geht?s denn jetzt weiter? Was wird aus den 7 Zwergen? Und aus Schneewittchen mit ihrem Prinzen? Leben sie wirklich wie im Märchen glücklich und zufrieden??, erzählt Autor und Produzent Bernd Eilert. Und Unterwaldt fügt hinzu: ?Kinder sind sehr harte, buchstäblich rücksichtlose Kritiker ? sie urteilen direkt und ohne Hintergedanken, sie sind unbestechlich. Uns hat überrascht, dass sich gerade die Kids den Film vier-, fünfmal anschauten. Und auf der Pressetour, als wir das Publikum im Kino erlebten, merkten wir, dass bestimmte Szenen besonders gut ankamen, von denen wir das gar nicht erwartet und die wir sicher nicht so geplant hatten ? zum Beispiel die Spiele der Zwerge, die sich ständig die Bretter vor den Kopf hauen.? Diese Rückmeldungen nahmen die Filmemacher sehr ernst. Mit dem Wissen, dass den Zuschauern gefiel, was sie selbst auch am meisten mochten, konnten sie das Konzept nun weiter ausbauen.

?Fairerweise mußs ich sagen, dass es eine Desaster-Klausel gab?, sagt Welbat. ?Wir hätten keinen neuen Film gedreht, wenn der erste weniger als zwei Millionen Zuschauer gehabt hätte. Damit wäre er in Deutschland zwar immer noch ein wirtschaftlicher Erfolg gewesen, aber Otto, der im Kino einst mit 14 Millionen Zuschauern pro Film angefangen hat, wird eben mit einer anderen Elle gemessen. Bei einem solchen ,Desaster? wäre uns selbst der Spaß vergangen ? ohne diese Motivation hätten wir also aufgegeben.?

Ein Desaster ist die aufwendige Zipfelmützenkomödie nicht geworden ? im Gegenteil: Jeder einzelne der Zwerge kostete eine Million Euro an Produktionskosten, holte dann aber auch gut eine Million Zuschauer in die Kinos. Erstmals bewiesen die 7 dann, dass der deutsche Humor die Sprachbarrieren überwinden kann: Der Film lief im europäischen Ausland und auch auf dem Tribeca-Filmfestival in New York. Der Variety-Kritiker sah Parallelen zu Monty Python und zeigte schöne Perspektiven auf: ?Die anarchisch-satirischen Verrücktheiten haben das Zeug zum Kultfilm, der international auch abseits der Festival-Wälder die Kinokassen zum Klingeln bringen kann.?

Beim Schreiben des Drehbuchs halten sich die drei Autoren an ein demokratisches Abstimmungsverfahren. Unterwaldt kommentiert: ?Wir hoffen natürlich immer, dass alle drei die Gags einstimmig gut finden. Aber wenn wir mal uneins sind, wird eben abgestimmt. Wir alle sind in Einzelfällen überstimmt worden, und dann halten wir uns an diese Abmachung. Auch produktionstechnische Entscheidungen treffen wir durchweg demokratisch.?

Über den Schreibprozess des Zipfel-Trios sagt Bernd Eilert: ?In der Zusammenarbeit mit Otto und Sven fällt mir die Aufgabe zu, all die in unseren Gesprächen entwickelten Ideen aufzuschreiben und zu gliedern. Jeder hat seine Lieblingsideen, ich weiß also, woran er besonders hängt, was er unbedingt auf der Leinwand sehen möchte. Aus der Fülle der Einfälle müssen wir dann eine Geschichte gestalten, die sich innerhalb von 90 Kinominuten erzählen lässt. Es sind so viele schöne Situationen denkbar ? häufig heißt es also: ,Schade, das hätten wir auch gern noch mit hineingenommen.? Das tut oft sehr weh. Aber aus meiner eigenen Erfahrung als Zuschauer weiß ich: Filmemacher sind gut beraten, wenn sie sich wie beim Fußball an die klassischen 90 Minuten halten. Ideal ist natürlich, wenn es, wie beim Fußball, kaum Leerlauf zwischen den packenden und komischen Szenen gibt.?

?dass Sven von Anfang an am Drehbuch mitarbeitet, zahlt sich auch deswegen aus, weil er das Buch schließlich in Bilder übersetzt ? er hat den praktischen Blick auf die Dinge?, sagt Eilert. ?Er bringt zum Beispiel den Einwand vor, dass eine besonders schöne Szene beim Drehen einen unverhältnismäßig hohen technischen Aufwand erfordert, der das Budget sprengen würde. Als Autor möchte ich widersprechen ? als Produzent mußs ich ihm recht geben.?

Aus den gesammelten Ideen formuliert Eilert eine erste Drehbuchfassung, die den Autoren als Basis für weitere Diskussionen dient. Sie gehen den gesamten Text erneut durch, fügen weitere Ideen hinzu, tauschen andere aus. Und das wiederholt sich von Fassung zu Fassung. ?Die späteren Versionen lesen dann auch die anderen Beteiligten, aber mit jungfräulichem Blick?, sagt Eilert. ?Oft machen sie uns mit Verständnisfragen auf Lücken in der Erzähllogik aufmerksam, die uns bis dahin nicht aufgefallen sind. Das ist sehr hilfreich.?

Nicht alles kann von langer Hand geplant werden ? aber auch die Improvisation ist Eilerts Stärke: ?Die neue Besetzung des Cookie war ja nicht vorgesehen und mußste im Drehbuch irgendwie aufgefangen werden. Ich bin es gewohnt, auf solche äußeren Anregungen schnell zu reagieren, denn ich begleite Otto auch auf seinen Live-Tourneen, und wenn wir abends feststellen, dass ein Teil seines Programms nicht ankommt beim Publikum, dann müssen wir bis zum nächsten Abend für gleichwertigen Ersatz sorgen ? das ist unser täglich Brot. Beim ersten Film ist es in seltenen Fällen sogar vorgekommen, dass wir am Drehtag morgens eine neue Szene geschrieben haben. Wir legen nämlich großen Wert darauf, dass sich die Comedians in ihren Rollen wohlfühlen. Schon bei den ersten Leseproben laden wir sie ein, Einwände zu äußern, wenn ihnen die Dialoge aus irgendwelchen Gründen nicht behagen ? nach dem Motto: ,Wir finden sicher einen Satz, der dir und uns Spaß macht.? Das ist viel besser, als wenn der Darsteller erst am Drehort feststellt: ,In dieser Szene finde ich mich nicht wieder.? Wir besetzen die Comedians wegen ihres spezifischen Talents, das im Film natürlich auch zur Geltung kommen soll. Die Geschichte mußs ihnen also dienen, und im Idealfilm dienen sie auch der Geschichte.?

Über die Voraussetzungen für das neue Abenteuer sagt Sven Unterwaldt: ?Ich bin in Timmendorfer Strand aufgewachsen, nahe der damaligen DDR-Grenze, konnte also zu Hause das DDR-Fernsehen empfangen ? als Kind habe ich die berühmten tschechischen und russischen Märchenfilme geliebt, in denen die Wälder von geheimnisvollen Wesen bevölkert werden. Und die buchstäblich zauberhafte Atmosphäre dieser Klassiker versuche ich auch in den Zwergenfilmen zu gestalten. Denn wir stellten fest, dass dieses Flair für die Zuschauer ganz wichtig ist. Manche erwachsene Zuschauer meinten, dass unsere Gags im Vergleich zu anderen aktuellen deutschen Schenkelklopfer-Komödien doch recht harmlos erscheinen, sie hatten bei unserem Aufgebot von Top-Comedians wohl ein Stakkato von Zucker-Abrahams-Zucker-Scherzen erwartet. Aber gerade diese Harmlosigkeit, die unverfälschte Märchenhaftigkeit kam bei den kleinen Kinogängern besonders gut an.? Auch eine Kunst: Als ob die Ottifanten den Porzellanladen aufmischen, ohne dass es Scherben gibt.

?So debil die Zwerge auch sind ? ihre Gemeinschaft im Märchenwald schafft die Atmosphäre eines selbstbestimmten, freien Lebens, an dem man als Zuschauer gern teilhaben möchte?, sagt Unterwaldt. ?Diese Atmosphäre spielt also auch in 7 ZWERGE ? DER WALD IST NICHT GENUG wieder eine sehr wichtige Rolle.?

?dass wir einen klassischen Kinoprotagonisten in sieben Helden mit jeweils nur einer spezifischen Charaktereigenschaft aufsplitten, bewährte sich bestens und erschien uns ausbaufähig?, berichtet Eilert. ?Jetzt können wir die Erfahrungen vom ersten Film anwenden, um womöglich zu einem noch unterhaltsameren Ergebnis zu kommen.?

?Das Märchen von den 7 Zwergen hatten wir allerdings bereits zuende erzählt?, sagt Unterwaldt. ?Im ersten Film ist das Drehbuch ja eher locker um die Comedians konstruiert. Jetzt beschlossen wir dagegen, eine dynamischere Kinogeschichte im Sinne der klassischen Kinodramaturgie zu erzählen.? Die Zwerge bekommen eine lebenswichtige Aufgabe, sie werden durch das Ultimatum von nur 48 Stunden unter großen Druck gesetzt: Am Anfang mußs die Gruppe wieder zusammenfinden, dann gehen sie gemeinsam auf die Reise, die schließlich in die Auflösung der Story mündet.

?Otto wollte den Bubi gern noch einmal spielen ? wir brauchten daher nur einen starken neuen Gegenspieler, der die Zwerge vor ein neues Problem stellt?, erzählt Eilert. ?Der ließ sich in dem fast unerschöpflichen Fundus der Grimm-Märchen natürlich leicht finden. (Von den etwa 200 Märchen sind ein Dutzend sehr bekannt, zwei weitere Dutzend wenigstens motivisch oder dem Titel nach geläufig.) Rumpelstilzchen kennt jedes Kind ? auch seinen berühmten Spruch: ,Ach wie gut, dass niemand weiß??. Beim erneuten Lesen fand ich, dass es einen böseren Plan gar nicht geben kann, als einer naiven Königin ihr kleines Kind zu entreißen, um es aufzuessen. Im Märchen gibt es im Zweifelsfall nur radikale Lösungen, und unsere Gespräche mit Kindern zeigen, dass sie das völlig normal finden.?

?Rumpelstilzchen ist ein böser Waldgeist, ein Einzelgänger, dem das Gemeinwesen der Zwerge grundsätzlich zuwider ist?, fährt Bernd Eilert fort. ?Er tut nichts lieber, als Gruppen zu entzweien und Unfrieden zu stiften. Als klar war, dass Rumpelstilzchen das zentrale Motiv vorgibt (nämlich seinen Namen in kürzester Zeit herauszufinden), ergab sich die Geschichte fast wie von selbst. Was mir an dem Märchen allerdings nicht gefiel: Die Mutter selbst ist bereit, ihr erstgeborenes Kind gegen einen Schober gesponnenen Goldes einzutauschen. Das wollte ich nicht übernehmen. Aber wer sonst wäre gewissenlos genug, um einen solchen Handel abzuschließen? Natürlich Spliss, der rückgratlose Ratgeber der bösen Königin, der schon am Ende des ersten Abenteuers bei der Machtverschiebung sofort die Fronten wechselte und jetzt aufseiten der guten Königin Schneewittchen steht.?

Über die Funktionsweise der Märchenhandlungen sagt Eilert: ?Aus dem Vertrag mit Rumpelstilzchen kann man wie häufig im Märchen lernen, dass Leistung und Gegenleistung in gar keinem vernünftigen Verhältnis stehen. ,Hans im Glück? ist der krasseste Fall: Am Ende ist Hans mit leeren Händen erheblich glücklicher als am Anfang mit seinem Goldklumpen. Ähnlich verkauft Spliss das Königskind für einen sehr zweifelhaften Gegenwert, aber dem Halbglatzigen ist volles Haar eben wichtiger als alles andere.?

Allerdings eignen sich Märchen nur bedingt für die filmische Dramaturgie. In diesem Moment beginnt dann die Arbeit des Drehbuchautors: ?Der Twist unserer Story ist ja, dass die Lösung des Rätsels von vornherein auf der Hand liegt ? jemand hat sie bereits parat, wird aber nie um Rat gefragt. Im Original-Märchen wird das Rätsel recht lieblos gelöst. Da hat man den Eindruck, der Märchenerzähler habe seine eigene Geschichte nicht ganz zuende gedacht, als er sie zu erzählen begann ? er macht es sich sehr einfach. Deswegen dauert das Drehbuchschreiben etwas länger. Wir denken über solche ungelösten Probleme ausführlicher nach: Es mußs doch irgendeine Möglichkeit geben, die Geschichte etwas interessanter zu erzählen und das Ende überraschender zu machen.?

Interessant ist auch, dass die geschasste böse Königin (Nina Hagen) durch die Einnahme der ?Vergiss-mein-schnell?-Tropfen so benebelt ist, dass sie sich Rumpelstilzchens Namen einfach nicht merken kann. Denn sonst müsste ihn der Bösewicht nicht so unübersehbar in dem Umschlag bei ihr hinterlegen. ?dass Rumpelstilzchen sich diese Blöße gibt, entspricht dann wieder eher dem wirklichen Leben, denn alle Schurken machen irgendwann einen Fehler??, schmunzelt Eilert. ?Ein so dummer ist aber wohl selten gemacht worden. Und obwohl Rumpelstilzchens Pläne praktisch alle scheitern, windet es sich aus jeder Krise wieder heraus und entwickelt sofort neue Listen und Täuschungsmanöver. Es ist also trotzdem nicht zu unterschätzen.?

Andererseits sollte man die Fähigkeiten der Zwerge nicht überschätzen, wie Unterwaldt weiß: ?Besonders interessant wird die Aufgabe der Zwerge natürlich dadurch, dass sie selbst (ganz wie im ersten Abenteuer) überhaupt nichts zur Lösung des Problems beitragen, sondern sie eher noch behindern. Die Auflösung ergibt sich also nicht durch ihre gutgemeinten Anstrengungen, sondern durch Zufall.? Sie lösen das Problem nämlich rein gnominell.

Autognomie ist Illusion: Zwerge müssen zusammenarbeiten ?Ein Zwergenfilm ohne Sven Unterwaldt ist nicht denkbar?, sagt Produzent Douglas Welbat nachdrücklich. ?Bei anderen Filmen verzichtet man notgedrungen auf den Wunschregisseur, wenn er nicht zur Verfügung steht. Das wäre bei einem Zwergenfilm mit diesen Darstellern, dieser Erzählstruktur und diesem Look einfach nicht vorstellbar. Sven entwickelt nicht nur das Buch mit (dabei sehe ich die Beiträge der drei Autoren als gleichwertig an), sondern ist in allen kreativen Belangen direkt involviert. Und weil das neue Abenteuer auch technisch ein sehr aufwendiger, teurer Film geworden ist, benötigten wir unbedingt wieder Svens organisatorisches Talent, das er mit seiner kreativen Kompetenz verbindet. In dieser Klasse gäbe es in Deutschland nur eine Hand voll Regisseure, die so etwas überhaupt leisten können.?

?Meine Arbeit war sehr viel einfacher als beim ersten Abenteuer, weil ich jetzt alle meine Pappenheimer kannte?, berichtet Sven Unterwaldt. ?Ich kam mir vor wie bei einem Klassentreffen. Auch die Comedians waren beim Original-Film natürlich zunächst unsicher, ob das Konzept funktionieren würde, oder ob die Stars sich gegenseitig übertrumpfen würden ? was schließlich niemand mehr komisch gefunden hätte. Diese Unsicherheit hatten sie nach dem Kinoerfolg natürlich endgültig überwunden ? jetzt gingen sie mit einer völlig anderen Einstellung an den neuen Stoff. Wir müssen auch immer bedenken: Unter den 7 Zwergen sind ja nur drei Comedians (Mirco, Otto, Martin) ? die vier anderen sind gestandene Schauspieler (Ralf, Gustav, Boris, Norbert). Diese Mischung haben wir bewusst angestrebt.?

Welbat fährt fort: ?Sven kennt das Innenleben jeder einzelnen Figur ganz genau und kann es auch hervorragend ausdrücken. Manchmal habe ich den Eindruck, er könnte den Tschakko genauso überzeugend verkörpern wie Mirco Nontschew. Aber er kann auch genauso lustig entschleunigen wie Martin Schneider. So findet er auch für jeden Künstler die richtige Sprache, um mit ihnen zu kommunizieren. Denn auf die Comedians mußs sich der Regisseur einstellen, um ihr Talent optimal zur Geltung zu bringen. Sie gehen anders an ihre Rolle heran als die Schauspieler. Das sieht man zum Beispiel daran, dass ein Comedian sich auf den Dreh vorbereitet, indem er im Studio möglichst gute Laune hat, singt, herumtanzt und den ganzen Tag aufgedreht ist. Der Schauspieler zieht sich dagegen in den Pausen eher zurück und fokussiert all seine Kraft, um dann in dem Moment, wenn die Klappe fällt, vor der Kamera eine innerlich konzentrierte komische Leistung zu zeigen. Zwischen diesen Arbeitsweisen die Balance zu halten, ist sicher nicht immer leicht. Aber Sven achtet erfolgreich darauf, dass aus dieser dynamischen Mischung kein Pulverfass entsteht.?

Das perfekte Zusammenspiel des Ensembles begründet Unterwaldt so: ?Dadurch, dass wir die schillernden Facetten und Charaktereigenschaften einer normalen Filmfigur aufsplitten und jedem Zwerg nur einen emotionalen Stereotyp zuordnen (väterlich, mütterlich, fröhlich, muffig etc.), kann sich der jeweilige Zwergendarsteller in diesem Stereotyp ausleben, denn den besetzt nur er allein, es gibt keine Konkurrenz. Dieses Konzept hat beim erstenmal bestens funktioniert und war die optimale Voraussetzung für das neue Projekt ? davon mußsten wir niemanden mehr überzeugen. Zum Beispiel war Boris Aljinovic beim ersten Film sehr unsicher, weil alle anderen ihre Possen machten, während nur er allein von mir ständig gebremst und zum Understatement ermahnt wurde. Nachdem die Fans dann begeistert auf seine Szenen reagierten, behält er diesen Stil jetzt natürlich gern bei und vertraut voll auf das Konzept. Für die anderen trifft das genauso zu. Die Annäherung an die Rollen fiel diesmal einfach weg ? wir konnten sofort voll in die eigentliche Arbeit einsteigen.?

?Weil Sven flexibel auch auf die Ideen eingeht, die wir spontan am Set entwickeln, werden oft gerade die Szenen echte Kracher, die vom Drehbuch her gar nicht so angelegt waren?, berichtet Ralf Schmitz (Sunny). ?Wir drehen Varianten, in denen es manchmal nicht so sehr auf den Dialog ankommt, sondern auf einen Blick, eine Wendung, ein Geräusch, einen Stolperer ? all die Kleinigkeiten, die eine Filmfigur abrunden. So etwas ist nur möglich, weil Sven eben nicht die Drehbuchseiten einfach abhakt, sondern immer wach bleibt und sich beim Dreh auf uns einstellt.?

Kommentiert Rumpelstilzchen-Darsteller Axel Neumann: ?Sven hat den Satz geprägt: ,Drehzeit ist Lebenszeit, und die sollten wir uns so angenehm wie möglich machen.?? Und Mirco Nontschew (Zwerg Tschakko) fügt hinzu: ?Unglaublich, was Sven alles neben der Regiearbeit bewältigt: Er ist Therapeut, Kindermädchen, Catering-Assistent, Makeup-Spezialist und Special-Effects-Experte. Ich schlage vor, sein nächster Film sollte heißen: ,Sven ? der Film?.?

?Sven beherrscht den cartoonhaften Inszenierungsstil, mit dem wir unsere Zwergengeschichte erzählen wollen?, sagt Welbat. ?Das ist seine Kreation, seine Handschrift. Er verwendet dabei sehr schnelle Schnitte (mehr als in vielen Action-Filmen), ohne dass sie besonders auffallen. Aber sie prägen seine sehr dynamische narrative Struktur.?

Hinter der Kamera setzt Unterwaldt auf ein Team, das vor allem durch die Zusammenarbeit an seinem vorigen Film SIEGFRIED zusammengeschweißt wurde: Kameramann Peter von Haller, Kostümbildnerin Eveline Stösser, Szenenbildner Thomas Freudenthal und Cutter Norbert Herzner. Ohne ein solches eingespieltes Team ließe sich eine derartige Aufgabe nicht stemmen, denn die Dreharbeiten gestalten sich derart komplex, dass Unterwaldts Austausch mit seinen Mitarbeitern reibungslos funktionieren mußs: ?Wir kennen uns inzwischen sehr gut und wissen, dass uns keine Eitelkeiten im Wege stehen. Wir tauschen uns offen aus, ohne dass sich jemand beleidigt fühlt. Denn alle begreifen, dass hier keine Profilierungssucht im Spiel ist, sondern etwaige Kritikpunkte nur der Sache dienen. Das macht mir die Arbeit als Regisseur deutlich leichter.?

Douglas Welbat ist vor allem für die organisatorischen Aspekte des Projekts zuständig und als Produzent auch im juristischen Sinn für sie verantwortlich. Aufgrund seiner schauspielerischen Erfahrung absolviert er aber auch wie schon im ersten Abenteuer einen Gastauftritt vor der Kamera, und mit seinem sonoren Reibeisen-Timbre übernimmt er außerdem wieder die Rolle des Erzählers, der uns in die Geschichte einführt, während wir auf die Landkarte des Zwergenreichs schauen. (Dabei lohnt sich das genaue Hinsehen: Nicht nur der Regisseur wird durch den ?Unterwaldt? auf der Landkarte gewürdigt ? auch die übrigen geografischen Bezeichnungen beziehen sich auf die Filmemacher und Darsteller.)

Seine Aufgabe als Produzent definiert Welbat durch sein Verhältnis zum Produzentenkollegen Otto Waalkes: ?Ich sorge dafür, dass Otto als Kreativer und als Produzent richtig gewürdigt wird. Bei seinen früheren Filmen ist es vorgekommen, dass Otto mit dem Drehbuch, der Besetzung, dem Schnitt nicht einverstanden war. Wenn man dann gegen ihn entschied und das nicht funktionierte, wurde allein Otto ? als Galionsfigur des Projekts ? dafür verantwortlich gemacht, weil die Öffentlichkeit seine Filme ausschließlich als seine persönliche Kreation wahrnahm. Das war natürlich nicht fair, und heute würde ich diese Interpretation zu verhindern wissen. Allerdings haben wir es bei unseren beiden gemeinsamen Filmen bisher immer geschafft, in bestem Einvernehmen einen gemeinsamen Weg zu finden, den wir alle vertreten können, der aber dennoch Ottos Spirit in allen Entscheidungen widerspiegelt. Das ist mir gelungen ? selbst in einem so komplizierten Organismus wie dieser Filmproduktion.?

Bubi-Kopf: Otto, gnominell gesehen ?Ich glaube nicht, dass ein deutscher Filmkünstler jemals mehr Zuschauer ins Kino geholt hat als Otto: 35 Millionen?, sagt Produzent Douglas Welbat. ?Nur Bully Herbig hat den Ehrgeiz und die Fähigkeit, es ihm gleich zu tun. Otto ist die Eminenz, das Vorbild für alle heutigen Comedians. Aber auf sehr angenehme Weise verzichtet er darauf, die Zwerge für seine Selbstdarstellung zu benutzen. Im Gegenteil: Er setzt seine Kraft, Kompetenz und Authentizität ein, um auf unterhaltsame Weise sechs Kollegen eine Plattform zur Präsentation zu bieten. Er selbst nimmt sich dabei sehr zurück ? das soll ihm erstmal jemand nachmachen!?

Diese Eigenart weiß vor allem Regisseur Unterwaldt zu würdigen: ?Otto ist die gute Seele des Ganzen, aber das kehrt er am Set nicht heraus ? er beschränkt sich wirklich auf seine Rolle als Darsteller und vertraut sich mir an, was mir die Arbeit natürlich erheblich erleichtert.?

?Otto hat Spaß an der Unschuld des Bubi ? er spiegelt darin seine langjährige Beobachtung und seinen Umgang mit Kindern?, sagt Bernd Eilert. ?Wie Pu der Bär demonstriert er, wie charmant das sein kann, wenn man über kein großes Wissen und noch weniger Verstand verfügt.?

?Ich könnte niemand anderen als den Bubi spielen?, betont Otto. ?Denn Bubi bin letztlich ich selbst: Ich habe mich damals in der Schule auch unterlegen gefühlt, ich wurde zu wenig beachtet, konnte das aber mit kleinen Finessen und Begabungen kompensieren.?

?Wenn Otto an etwas glaubt, zieht er das auch eisern und beharrlich durch?, fährt Unterwaldt fort: ?Das ist ihm bei der Vorbereitung des ersten Films gegen viele Widerstände auch gelungen. Otto ist eine Output-Maschine ? wenn er vor Ideen sprüht, mußs man schnell mitschreiben, um diesen unendlichen Strom von Einfällen festzuhalten. Wie weit die einzelnen Ideen später verwertbar sind, ist ihm zunächst gar nicht wichtig. Otto ist da ganz uneitel und besteht durchaus nicht darauf, jeden Gag auch umzusetzen. Wenn er etwas für sehr wichtig hält, sagt er das auch ganz klar.?

Aber nicht nur Ottos Fähigkeiten sind die Propeller der Produktion ? sein Renommee schafft für das Projekt überhaupt erst die Voraussetzungen, wie Unterwaldt genau weiß: ?Natürlich wäre es ohne Otto kaum denkbar, eine so hochkarätige Darstellerriege für unseren Film zu begeistern. Mir gefällt besonders, dass er bewusst darauf verzichtet, ,Otto und die 6 Zwerge? zu drehen, dass er vielmehr einfach den Bubi spielt und sich voll ins Ensemble einordnet.?

Spliss-Darsteller Hans Werner Olm sagt über Otto: ?Obwohl wir uns schon so lange kennen, inspiriert er mich immer wieder neu. Wenn wir zusammensitzen, bekomme ich Ideen, und ihm geht es genauso. Das hängt auch damit zusammen, dass vor allem in musikalischer Hinsicht unser Hintergrund ähnlich ist. Wenn eine Gitarre herumliegt, dann fängt Otto an zu klimpern ? er kennt 5000 Songs, ich nur 2000, aber er spielt sie auch tausendmal besser als ich, und immer mit dem Herzen, nie oberflächlich. Vielleicht mache ich nur deswegen in diesem Film mit ? um mit ihm zusammenzusitzen und Musik zu machen.?

?Sicher steckt in Bubi viel von der bekannten Otto-Figur, und es macht ihm besonders Spaß, als ältester der Darsteller den jüngsten Zwerg zu spielen?, sagt Unterwaldt. ?Sein Instinkt für Timing, für Gags ist aufgrund seiner langen Comedy-Erfahrung unbezahlbar. Auch aus der Endfertigung hält er sich weitgehend heraus, aber wenn er sich eine neue Arbeitsfassung des Films anschaut, reagiert er spontan aus dem Bauch heraus und legt den Finger untrüglich auf die Stellen, die man noch verbessern, im Tempo korrigieren kann.?

?Weder das erste noch das neue Zwergenabenteuer wären ohne Otto vorstellbar?, unterstreicht Welbat. ?Dabei hat er sein Selbstverständnis als Comedian sogar noch perfektioniert. Er ist weiterhin der Motor, die fordernde Kraft, die seine Kollegen inspiriert, aber er kombiniert auch die kreativen Aspekte des Komikers mit dem innovativen Ansatz des Produzenten.?

Physiognomie: Die wahre Größe der Zwerge Es ist also kein Zufall, dass Otto sich die Rolle des Bubi ausgesucht hat. Und genauso wichtige Gründe gibt es für die Besetzung der übrigen Zwerge. Über den Darsteller des Tschakko sagt Drehbuchautor und Produzent Eilert: ?Beim typischen Körpereinsatz von Mirco Nontschew mußs man ihm einen drastischen Anlass bieten: Einen Rattenfänger wie ihn, der schon die Theorie des Rattenfangs zur Aktion werden lässt, hat man noch nicht gesehen.? Dazu Nontschew: ?Tschakko brüllt und kommandiert ständig herum, das kann ich halt ? deswegen wurde ich engagiert? Tschakko versucht immer wieder die Führung der Zwerge an sich zu reißen, aber natürlich hat er keinen Erfolg.?

Und Sven Unterwaldt fügt hinzu: ?Mirco ist ganz einfach einmalig, eine Gattung für sich, die mit den Kollegen nicht vergleichbar ist! Er hat seine ureigene Art, sich zu bewegen und zu spielen ? damit ist er in Deutschland einzigartig. Er ist eine Cartoon-Figur ? seine Geräusche und Bewegungen lassen sich praktisch gar nicht beschreiben. Oft vermutet man, dass seine komischen Sounds irgendwie künstlich zusammengemischt sind, aber er macht sie wirklich alle selber. Insofern bereichert er die Zwerge um eine ganz wichtige Farbe. Ich gebe ihm möglichst viel Freiraum, in dem er sich innerhalb eines lockeren Korsetts bewegen kann. Er variiert sein Spiel ständig, und wir hüten uns, ihn darin zu beschränken. Ich filme ihn deswegen gleichzeitig in zwei verschiedenen Einstellungsgrößen, um später innerhalb seiner spontanen Gags schneiden zu können.?

Warum der gefeierte Schauspieler und Komiker Ralf Schmitz als Sunny zu den torreichen 7 gehört, begründet Produzent Welbat: ?Ralf ist schnell, witzig, beweglich, er hat die Eigenschaften eines Weltklasse-Comedians. Seine unglaubliche Musikalität und Improvisationsgabe kann er in der Szene im Anglerladen voll ausspielen, wenn er von einem Moment zum anderen eine komplette Gebärdensprache erfindet.? Und Sven Unterwaldt fügt hinzu: ?Ralf kommt im neuen Abenteuer viel besser zur Geltung. Er kann sein Können wunderbar demonstrieren, ist sehr präzise, zeigt ungeheuer viele Facetten, hat Mutterwitz, ist ein Erzkomödiant, was er in ,Schillerstraße? immer wieder beweist ? wir werden noch viel von ihm hören! Ihm gelingt die Gratwanderung zwischen Schauspiel und Kabarett. Dabei ist er immer mit großer Begeisterung dabei ? auch nach 20 Takes wird er noch nicht müde!?

?Ich gebe zu, ich bin auch privat nicht gerade ein phlegmatischer Mensch ? nicht umsonst nennen mich meine Freunde ,Flummi??, sagt Ralf Schmitz über sein Verhältnis zum durchweg euphorisch-positiven Sunny. ?Und die Rolle färbt ab, manchmal bleibe ich auch nach Drehschluss noch in ihr drin: Einmal ging ich abends mit Boris essen und hatte immer noch Sunnys Lispeln drauf, als ich meine Pizza bestellte.?

?Das Gegenstück zu Sunny ist Cloudy alias Boris Aljinovic, den ich als Schauspieler sehr liebe?, fährt Unterwaldt fort. ?Er hat es immer sehr schwer, sich von der am Set herrschenden Stimmung nicht anstecken zu lassen. Während er beim ersten Film noch unsicher war, ob sein von mir gefordertes minimalistsiches Spiel ankommen würde, weiß er jetzt um seine Wirkung und fühlt sich in der Rolle richtig wohl. Denn die Lacher hat er mit dieser Art, mit seiner Physiognomie jedenfalls auf seiner Seite.? Das sieht Welbat ähnlich: ?Boris bringt den schlecht gelaunten Cloudy auf reduzierte humanistische Weise auf den Punkt.?

?Mir gefällt die Wirtshausszene mit Sunny und Cloudy als Gastwirten und ,Oberjäger? Christian Tramitz als Gast, weil sie einer ganz einfach durchschaubaren Komikstruktur folgt und auch gar nicht überraschend pointiert ist?, sagt Bernd Eilert. ?Sie würde in einer konventionellen Komödie mit minder begabten Schauspielern nicht funktionieren, weil sie nicht von meinen Autorenideen, sondern ausschließlich von diesen drei Darstellern lebt. So entwickelt die Szene ihren spezifischen Sog ? bei Testsehern kam sie erfreulich gut an.?

?Martin Schneider konnte seine Wirkung als Speedy bereits im ersten Film herrlich entfalten?, sagt Unterwaldt. ?Er schießt gern aus dem Hintergrund, wartet auf seinen Einsatz und trifft die Pointe dann wirklich punktgenau. Ich habe ihn gerade auf der Bühne erlebt ? er hat eine große Fangemeinde. Er ist unglaublich gründlich vorbereitet, zuverlässig und sehr ehrgeizig. Er verzeiht sich selbst nicht, wenn er mal einen Texthänger hat ? was praktisch nie vorkommt. Die Rolle des Speedy ist seiner Bühnenfigur ja durchaus verwandt. Speedy gleicht ein wenig dem Cloudy, beide bleiben im Gegensatz zu den lauteren Zwergen eine Zeit lang im Hintergrund, um dann mit einem zündenden Spruch ins Schwarze zu treffen.? Und Eilert ergänzt: ?Martin wirkt als retardierendes Moment in der buchstäblich brenzligen Situation unseres Drehbuchs natürlich viel überzeugender, als wenn ein anderer Schauspieler das erst erspielen müsste. Bei ihm ist die Langsamkeit fast naturbelassen ? obwohl er stets und steif behauptet, er sei nicht langsam!?

Norbert Heisterkamp war als Ralfie im ersten Abenteuer als ?achter Zwerg? noch der Außenseiter, jetzt ist er voll integriert. Mit 1,97 Meter Länge (ohne Zipfelmütze), 130 Kilogramm Lebendgewicht und Schuhgröße 47 bringt er anatomische Idealmaße mit. ?Norbert hat schon mit dem ersten Abenteuer treue Fans hinter sich versammelt ? er ist in der Gruppe das Tüpfelchen auf dem ,i??, weiß Welbat. Dazu Unterwaldt: ?Schon vom Gruppenbild her finde ich ihn sehr wichtig ? er ist das Pendant zu den kleineren Zwergen, hebelt Türen und Gitterstäbe aus: Er ist der Muskelmann mit dem Herz aus Gold ? in der Tradition vieler Filmmonster, die im Grunde ganz liebe Wesen und treue Seelen sind. Mit ihm macht die Arbeit unheimlich Spaß, weil er sich für das Projekt wirklich ein Bein ausreisst!?

?Norbert gefiel uns, weil er ein Hüne ist, aber auch unglaublich gut proportioniert ? kein Bodybuilder, sondern ein ,stattlicher Mensch?, wie Gott ihn in seinen besten Tagen hervorbringt?, sagt Bernd Eilert. ?Das verbindet er mit einem kindlichen Vergnügen an der Welt. Ralfie ist besonders stolz darauf, zu den 7 zu gehören, weil er als letzter dazugekommen ist ? deswegen betont er auch immer wieder, dass es nur 7 geben kann.?

Gustav Peter Wöhler übernimmt die nicht einfache Rolle des ,vernünftigsten? Zwergs Cookie. ?Selbst die abseitigste Gruppe braucht einen Einäugigen, der die Blinden zur Ordnung ruft?, meint Eilert. ?Sonst würden sie ihr Ziel ganz aus den Augen verlieren. Wie Gustav diese Scheinautorität einsetzt, macht seinen persönlichen Charme aus, denn sie könnte ja leicht ins Penetrante umschlagen.?

?Bis zum Schluss haben wir versucht, den originalen Cookie Markus Majowski in unseren Drehplan zu integrieren, aber es ging einfach nicht?, berichtet Regisseur Unterwaldt. ?Wir mußsten fast damit rechnen, dass wir nicht alle 7 Zwerge plus Nina plus Cosma etc. wieder zusammenbekommen würden. Immer wieder haben wir den Drehtermin im Sommer hin- und hergeschoben. Unterbrechungen waren auch nicht praktikabel, weil das technische Team natürlich durchgängig engagiert war. Wir mußsten also 40 Drehtage in einem Stück festlegen. Markus war leider unabkömmlich: Er war vertraglich gebunden, mußste jeden Abend in Hamburg auf der Bühne stehen ? wenn wir das Ganze vorverlegt hätten, wären zwei andere Zwerge ausgefallen. Es gab also absolut keine Lösung, alle Beteiligten des ersten Films wieder zu versammeln. Auch die Drehorte, die Jahreszeit haben uns terminlich eingeschränkt.?

?Allerdings war klar, dass Cookie wieder im Film auftauchen mußs?, fährt Unterwaldt fort. ?Er hat eine gewisse mütterliche Art, gehört unter den Zwergen sicher zu den vernünftigsten ? vor allem, weil Brummboss nicht mehr dabei ist. In der Gruppe mußs es einen Zwerg geben, der auch mal Einhalt gebietet. Die Frage war: Thematisieren wir, dass Cookie jetzt anders aussieht? Zu sehr wollten wir das nicht in den Vordergrund rücken.?

Dieser Frage nahm sich Autor Eilert an: ?Auf das Problem, einen der Zwerge mit einem neuen Schauspieler besetzen zu müssen, konnten wir uns beim Drehbuchschreiben natürlich noch nicht einstellen. Also mußsten wir improvisieren. Die Szene, in der wir auf das ungewohnte Aussehen von Cookie eingehen, ergab sich fast natürlich, weil wir die Zwerge bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im Film in einer normalen, ganz undramatischen Situation zeigen wollten, damit sich die Zuschauer wieder an sie gewöhnen. Weil Gustav Peter Wöhler Brillenträger ist, stellten wir das als das entscheidende Merkmal des neuen Cookie heraus ? ansonsten akzeptieren die Zwerge ihn sofort als einen der ihren.?

Bei der Besetzung gab es keine zwei Meinungen. Dazu Unterwaldt: ?Wir alle sind Fans von Gustav, und er hat meine Erwartungen noch weit übertroffen ? er ist sensationell. Er kann sehr komisch sein, bringt aber die Ernsthaftigkeit eines Schauspielers mit und ist mit seiner Präzision und durch seine langjährige Erfahrung für jeden Regisseur ein idealer Mitarbeiter, der jede Regieanweisung sofort umsetzen kann. Er fügt sich hervorragend in die Gruppe ein.? Und Produzent Welbat fügt hinzu: ?Ich bin sehr froh darüber, dass Cookie jetzt eine Brille trägt und aussieht wie Gustav Peter Wöhler, weil wir mit ihm ein unglaubliches Pfund an schauspielerischer Kompetenz an Land ziehen konnten.?

?Ich hatte vor dem Dreh richtig Bammel, weil ich mir dachte: Die Zwerge sind bereits eine eingespielte Truppe, das wird für mich bestimmt sehr schwierig?, sagt Team-Neuling Gustav Peter Wöhler. ?Aber es kam anders ? ich wurde gleich am ersten Tag liebevoll in die Gruppe integriert. Die Kollegen geben mir das Gefühl, dass ich gern gesehen bin. Mir liegt die Rolle des mütterlichen Cookie sehr, weil ich auch privat ein Organisationstalent bin, von einem Tag auf den anderen eine Geburtstagsfeier für 50 Leute vorbereiten kann. Ich wäre bestimmt ein guter Aufnahmeleiter? Wo ich jetzt darüber nachdenke, sollte ich das mal als alternative Laufbahn in Erwägung ziehen??

Unterwaldt freute sich ganz besonders, dass Nina Hagen als böse Ex-Königin ebenfalls wieder zusagte: ?Sie hat eine derartige Spielfreude entwickelt, dass sie sich überhaupt nicht um ihr Image schert. Sie geht in ihrer Hexenrolle voll auf. Trotz ihres auffälligen Äußeren ist Nina durchaus keine eitle Person ? im Gegenteil, sie ist sich auch für die fiesesten Szenen nicht zu schade, spielt mit Bravour die schusselige Hexe, die nichts mitbekommt. Genau wie ich liebt sie die berühmten Märchenfilme aus den damaligen Ostblock-Ländern. Sie begeisterte sich für das düstere Ambiente des Hexenhauses, die symbolträchtigen Tiere. Die Drehwoche mit ihr war die reine Wonne, und die Hexenszenen liebe ich besonders. Ich finde, sie übertrifft sogar noch ihre Darstellung aus dem ersten Abenteuer.?

Dazu Ralf Schmitz: ?Nina schafft, was den Schurken in Komödien fast nie gelingt: Entweder sind sie grundböse, und das Komische wird nur behauptet, oder umgekehrt. Doch Nina wirkt als sehr witzige, gleichzeitig aber auch sehr gefährliche und unheimliche Hexe absolut überzeugend.?

Und über Cosma Shiva Hagen sagt Unterwaldt: ?Sie stellt das naive Schneewittchen so dar, dass man nie das Gefühl bekommt, sie sei das klassische Dummchen. Viele Schauspielerinnen wären sicher versucht, durchblicken zu lassen, dass sie die Naive ja nur ,spielen? ? was ein Fehler wäre. Cosma dagegen spielt Schneewittchen ganz geradlinig und überzeugend, stellt sich vor der Kamera innerhalb von Sekunden auf das typisch einfältige Stimmchen der Königin um: Schneewittchen glaubt ja mit ihrem rosaroten Weltblick immer an das Gute in den Menschen, die ihr begegnen. Diese Stereotypen sind für Cosma aber überhaupt kein Problem, die Rolle macht ihr einfach Spaß. Wir stellen ja sehr viele Figuren im Film vor, die nicht sehr oft ins Bild kommen können, so dass sie auf eine Charaktereigenschaft reduziert werden müssen. So bekommen sie beim erneuten Auftauchen einen klaren Wiedererkennungswert ? wie es im Märchen übrigens ganz normal ist.?

Die Story verlangt, dass Schneewittchens Ehemann nur am Rande auftaucht. Trotzdem war Comedian Atze Schröder bereit, wieder alle zum Hofnarren zu halten. Bernd Eilert berichtet: ?Da ihn die Geschichte ohnehin als untreuen Ehemann abstempelt, gefiel es Atze ganz gut, dass er nur einen Kurzauftritt zu absolvieren hatte. So stand er uns aus Termingründen nur für einen Drehtag zur Verfügung. Dramaturgisch war es leider unumgänglich, dass das bezaubernde Schneewittchen von ihrem Mann verlassen wird, damit sie erneut hilflos ist und die Unterstützung der Zwerge braucht.?

Hans Werner Olm ist sehr froh, weiterhin den Spliss spielen zu dürfen: ?Eine Zwergenrolle wäre mir gar nicht so lieb gewesen, denn blödeln mußs ich schon ständig (und sehr gern) in meiner TV-Serie. Lieber ist mir eine Figur wie Schneewittchens Berater, der einen schillernden Charakter hat und nicht durch vordergründige Gags zum Lachen bringt.?

?Hans Werner Olm als Spliss erinnert mich an die Schlange Kaa aus dem ,Dschungelbuch??, sagt Sven Unterwaldt. ?Er ist nicht der Hauptschurke wie Shir Khan, sondern laviert und windet sich als Peripher-Bösewicht an der Seite des Schurken ? ein anderes Beispiel wäre Schlangenzunge aus HERR DER RINGE. Immer steht Wendehals Spliss auf der Seite der Mächtigen, buckelt und wartet auf seine Chance, selbst mehr Macht zu erlangen, ohne eigene Verantwortung zu übernehmen. Diese Rolle spielt Hans Werner mit großer Inbrunst.?

Neu im Team ist Axel Neumann, der als verschlagenes Rumpelstilzchen mit seinen Intrigen die Welt der Guten sehr effektiv aus den Angeln hebt. ?Ich habe das Böse selten so eindrucksvoll erlebt wie in Axels Darstellung des Rumpelstilzchens?, sagt Bernd Eilert. ?Schon bei den Leseproben war klar, dass er gut in das Ensemble passt. Vor allem mit Nina Hagen verstand er sich blendend, was ganz wichtig für die lange Disposition ist, die diese beiden gemeinsam spielen.?

?Rumpelstilzchen ist böse und deswegen interessant. Denn die Rollen der Guten sind langweilig?, lacht Axel Neumann. ?Rumpelstilzchen ist böse und darin ehrlich ? denn auch die Guten sind eigentlich böse, geben es aber scheinheilig nicht zu. Mich reizt der ständige emotionale Wechsel, die Brüche, das Magische. Für mich ist Rumpelstilzchen ein Schamane ? auch die Schamanen verwenden ja Decknamen, damit die Geister nicht wissen, wer sie wirklich sind.?

?Mit Axel habe ich bereits SIEGFRIED gedreht, wo er als Alberich glänzte, als finsterer Assistent von Hagen von Tronje?, sagt Sven Unterwaldt, dem Neumann damals schon gestand, dass Rumpelstilzchen eine Traumrolle für ihn sei. ?Axel ist ein ,Schauspieltier?: Er will alle seine Texte schon vier, fünf Wochen vor dem Dreh einstudieren. Entsprechend kann er den Text dann im Schlaf, wenn es ernst wird. Er verspricht sich nie, obwohl er umfangreiche und schwierige Dialoge bewältigen mußs. Bei den Proben speichert er alles präzise ab, verinnerlicht die Rolle. Für mich gab es also keine Alternative, als wir Rumpelstilzchen besetzten. Er macht zwar laut Drehbuch sehr schräge Sachen, trotzdem müssen wir Zuschauer ihn als Bösewicht natürlich auch ernst nehmen. Deswegen habe ich bei ihm zu Hause in Berlin Probeaufnahmen auf Video gefilmt und die Szene Otto und Bernd Eilert gezeigt, und die sagten auch sofort: ,Der ist es ? da brauchen wir gar kein Casting zu machen?.?

Ergognomie: Auch bei Dauerregen scheint die Sonne Der Wald ist nicht genug: 7 ZWERGE ? DER WALD IST NICHT GENUG führt also wie ein Roadmovie einerseits durch den Unterwaldt und märchenhafte Stadtszenerien im Stil der Grimmschen Ära vor 200 Jahren, andererseits auch an etliche realistischere Schauplätze, die einen viel umfangreicheren Drehplan erforderten als beim ersten Abenteuer.

?Eine Motivation für unsere frühe Beschäftigung mit dem neuen Zwergenabenteuer war unsere Neugier, wie sich die Zwerge wohl draußen an der frischen Luft verhalten würden?, erzählt Produzent Douglas Welbat. ?Dieser sportiven Herausforderung stellten wir uns ganz bewusst.?

Beim ersten Film war der Drehplan derart knapp kalkuliert, dass nicht ein einziger Tag hätte schiefgehen dürfen ? alle Beteiligten waren anschließend bereits anderweitig verpflichtet. Bei der neuen Produktion begannen die Planungen bereits ein Jahr im Voraus, so dass auch Ausweichtage gleich mitberücksichtigt waren.

?Ich wollte diesmal unbedingt draußen drehen?, sagt Regisseur Unterwaldt. ?Denn beim ersten Film hatten wir für den Märchenwald zwar eine riesige Studiohalle zur Verfügung, aber bei den vielen Szenen mußste man doch reichlich tricksen, um den einen Schauplatz immer wieder neu und anders aussehen zu lassen.?

?Der Zauber des ersten Films soll aber erhalten bleiben?, fügt Bernd Eilert hinzu. ?Deswegen sieht der Wald im neuen Abenteuer ähnlich märchenhaft und realitätsfern aus wie damals, obwohl alle Aufnahmen diesmal im tatsächlichen Wald bei Goslar entstanden.? Dazu Produzent Welbat: ?Wir beweisen damit, dass man unsere Märchenwelt im Studio, aber auch an Originalschauplätzen hervorzaubern kann. Die zweite Art ist sicher die richtigere, weil wir jetzt die räumliche Tiefe, den Horizont zeigen können, den es selbst im größten Studio nicht geben kann. Eine Totale mit Sonnenuntergang lässt sich nur in der Natur filmen.?

?Groteskerweise erlebten wir während des ausschließlich im Studio gedrehten ersten Films einen überaus sonnigen und heißen Sommer, während wir beim Dreh des zweiten Abenteuers im Sommer 2005 nur haarscharf an der Katastrophe vorbeigeschrammt sind?, erinnert sich Welbat. ?Nur der großartigen Leistung unseres Kameramanns Peter von Haller ist es zu verdanken, dass wir es trotz Graupelschauern und Nebelschwaden schafften, während des gesamten Films die Sonne scheinen zu lassen, obwohl es sicher an 40 Prozent der Drehtage regnete.?

?Der Dreh an Außensets macht deutlich mehr Spaß als im Studio ? sie inspirieren uns?, weiß Unterwaldt. ?Spannend wird es natürlich durch die Abhängigkeit vom Wetter. Mein Sonnenglück hatte ich offensichtlich bei SIEGFRIED bereits verbraucht. Typisch: Erst im August, als wir die Außensets bereits abgedreht hatten, wurde es wieder schön. Der Regen war also unser ständiger Begleiter, und gerade im Gegenlicht, das für unser Beleuchtungskonzept ausschlaggebend ist, sieht man den Regen im Hintergrund besonders gut. Wir verzichteten deshalb manchmal auf die Bildtiefe und stellten ein paar Tannen in die Nähe, um die Regentropfen zu kaschieren und den Eindruck des Sonnenscheins (per Scheinwerfer) zu gewährleisten.

?Wir waren lange auf Motivsuche im Bayrischen Wald, in Prag und Bratislava, bis wir uns für den Harz entschieden, weil wir dort auch Stadtmotive, die Fachwerkhäuser in der Nähe fanden?, fährt Unterwaldt fort. ?Denn die Zeit für lange Reisen von einem Drehort zum anderen hatten wir nicht. Natürlich ist das Grundmotiv Wald wichtig, aber ob ein Panorama für den Film geeignet ist, müssen wir im Einzelfall immer auch mit dem eingeschränkten Blick der Kamera beurteilen. Und dann bekommt der Ausstatter auch im echten Wald reichlich zu tun, um die typische Märchenatmosphäre des ersten Films wiederherzustellen.

Mit meinem Ausstatter Thomas Freudenthal habe ich bereits an SIEGFRIED gearbeitet ? und ich werde auch noch viele weitere Filme mit ihm machen, denn es gelingt ihm, den echten Wald im Harz so aussehen zu lassen wie den Studiowald beim letzten Mal. Er fügt Pilze, Moose und Knollen hinzu ? ein großer Kraftakt seiner Abteilung. Auch das Lichtkonzept aus dem Studio im richtigen Wald zu rekonstruieren ist ungemein schwierig. Ähnlich viel verdanke ich also meinem Kameramann Peter von Haller, der wie viele bewährte Mitarbeiter von SIEGFRIED wieder dabei ist.?

Sehr zufrieden war Unterwaldt auch mit Eveline Stößer, die die Kostüme entwarf. Dazu ?Sunny? Ralf Schmitz: ?Ich war froh, als man uns erlaubte, bei der Zusammenstellung der Zwergenkostüme mitzureden. Ich wollte unbedingt eine Latzhose tragen, und weil ich das darf, bin ich auch viel schneller in der Rolle drin ? wie ein Schalter, den man umlegt. Zipfelmütze auf, und los geht?s. Das hilft ungemein.?

Die Stadtszenen der Märchenwelt entstanden vor den historischen Fachwerk-Häuserzeilen in Goslar, Quedlinburg und Wernigerode. In Quedlinburg befindet sich der Marktplatz, auf dem Feuerwehrmann Speedy Dienst schiebt. Beim Dreh an den Originalschauplätzen hatte die Ausstattungsabteilung unter Thomas Freudenthal alle Hände voll zu tun, um moderne Elemente im Straßenbild möglichst kunstvoll und unauffällig hinter Bretterzäunen und Ähnlichem zu verbergen. Die Außenfassade des ?Gasthaus zu den drei Zipfeln? fand man in Wernigerode, während alle Innenaufnahmen der Wirtsstube auf einem gebauten Set im improvisierten Studio auf einem Bundeswehr-Fliegerhorst in Goslar gefilmt wurden.

Das Hexenhaus baute das Ausstattungsteam im echten Wald bei Goslar als kompletten Set: Nicht nur die Außenansichten wurden dort gedreht, sondern ? das ist außergewöhnlich ? auch die Innenszenen. Das Finale im Schloss drehte das Team in einem real vorgefundenen Saal in Braunschweig. Der Look des Schlosses unterscheidet sich völlig vom düsteren Studiogemäuer des ersten Films, das die Form eines riesigen Vorhängeschlosses hatte. ?Geblieben ist noch der schlüssellochförmige Eingang?, sagt Eilert. ?Aber ansonsten hat Schneewittchen total umgebaut, nachdem sie Königin geworden ist: Alles ist jetzt bunt und schön.?

Die verkehrsreiche Straßenkreuzung für die Ankunft der Zwerge in der modernen Welt fanden die Filmemacher auf dem Hamburger Rödingsmarkt. Die Drehgenehmigung war nicht einfach zu bekommen ? erlaubt wurde die Sperrung der Kreuzung ausgerechnet an dem Wochenende, an dem auch Tausende von Harley-Davidson-Bikern zu einem großen Fest in Hamburg einfielen.

Hamburg stand im Wettbewerb mit anderen Großstädten. Ursprünglich planten die Filmemacher, in Berlin an der Joachimsthaler Straße / Ecke Kurfürstendamm zu drehen ? mit dem Hintergrund der gigantischen Videowand an der Hausfassade. Die dortigen Behörden waren auch bereit, den normalen Verkehr für zwei Tage umzuleiten, verlangten aber, dass für die 15 Buslinien weiterhin ein Fahrstreifen freiblieb ? das ließ sich mit den Filmaufnahmen nicht vereinbaren. In Hamburg mußste das Drehteam nur einen Linienbus in bestimmten Abständen passieren lassen.

Die Kreuzung wurde an einem Wochenende gesperrt, weil es unmöglich war, im normalen Verkehr zu drehen. Daran ist seit der Popularität der Zwerge nicht mehr zu denken: Ständig würden die Autos anhalten, viele Fahrer begeistert Otto zuwinken. Das bedeutete: Solange die Zwerge auf der Verkehrsinsel vor der Kamera agierten, mußsten im Hintergrund Komparsenfahrer in Filmautos den Verkehr darstellen. Mit zehn Autos ist es dabei nicht getan ? die wären in wenigen Sekunden vorbei gefahren. Um eine einminütige Einstellung zu drehen, sind also 300 Autos nötig! An diesem Drehtag waren sogar 400 Autos im Einsatz.

Doch wie hält man den Film-Autoverkehr auf der gesperrten Kreuzung in Fluss? Schon am Wochenende vorher sperrte das Team die Kreuzung zu Probezwecken ab und probierte mit ein paar Privatautos aus, wie man auf den Fahrbahnen eine Art Kreislauf an der Kamera vorbei und um sie herum inszenieren kann, den auch ?normale?, nicht als Stuntfahrer ausgebildete Komparsen so bewältigen könnten, dass der Verkehr ständig im Fluss bliebe, niemand bremsen müsse, weil bei der Menge der Fahrzeuge sofort ein Stau entstehen würde. Das war durch die Straßenführung am Rödingsmarkt besonders kompliziert und bereitete dem ersten Regieassistenten schlaflose Nächte. Unterwaldt verließ sich am entscheidenden Drehtag auf fünf Regieassistenten und Praktikanten, um die Logistik in den Griff zu bekommen. Jede Kameraposition erforderte einen anderen Verkehrskreis, um die Autos kameragerecht hinter den Zwergen vorbeizudirigieren.

Ganze zehn Minuten dauerte es, bis der arrangierte riesige Kreis von Komparsenautos sich tatsächlich bewegte und fließenden Verkehr erzeugte. Ebenso schwierig war es, die Autos wieder zum Stehen zu bringen. Immer wenn die Wagenkolonne sich gerade vorschriftsmäßig bewegte, meldete einer der 400 Fahrer an, er müsse jetzt auf die Toilette? Nach einer Stunde in den Autos hielten es viele Fahrer nicht mehr aus. Schon das Catering und die Toiletten für 400 Mitwirkende lässt erahnen, was die Filmemacher an diesem Tag geleistet haben, ohne dass dies im fertigen Film besonders auffällt, weil das Straßenambiente ja wie ganz normaler Alltag wirkt.

Unterwaldt nahm diesen immensen Aufwand aber gern in Kauf, weil er für seine Darsteller eine optimale Arbeitsatmosphäre schaffen wollte. Er vermied dadurch frustrierende Situationen wie: ?Danke, der Satz kam jetzt sehr gut, aber im Hintergrund fuhr gerade kein Auto ? also das Ganze nochmal!? Der Regisseur konnte sich so ganz auf die Schauspieler konzentrieren, denn der Hintergrund zeigte immer optimalen Straßenverkehr.

Eine Schlüsselszene spielt im Bahnhof: Dort finden die Zwerge den hilfreichen Spiegel, der ihnen den Dimensionensprung zurück in den Unterwaldt ermöglicht. ?Mit Unterstützung der Bahn suchten wir in ganz Deutschland nach einem Bahnhof, in dem wir zwei Tage lang drehen konnten, während gleichzeitig der Zugverkehr weiterging?, berichtet Unterwaldt. ?Das war fast unmöglich, nicht zuletzt weil die überaus populären Zwerge, wo immer sie heute auftauchen, großes Aufsehen erregen. Im Film können wir es uns natürlich nicht leisten, dass Passanten im Hintergrund ständig in die Kamera schauen und winken. Deshalb mußsten wir sehr viele Komparsen einsetzen.?

In Bremen genehmigte man dem Zipfelmützenteam die Sperrung eines Bahnsteigteilstücks. Auch der Zugverkehr ließ sich so umleiten, dass nur alle halbe Stunde ein Zug auf dem Gleis durchfuhr, dann aber außerhalb der Halle hielt. Ausstatter Thomas Freudenthal fügte auf dem Bahnsteig einige Mauern und Türen hinzu, um den Anforderungen des Drehbuchs zu genügen.

?Jeder war froh, als diese Drehtage vorbei waren, denn auch akustisch gestalteten sich die Aufnahmen sehr schwierig, weil von den anderen Gleisen Lärm herüberdrang?, erzählt Unterwaldt. ?Der Aufnahmeleiter studierte ständig den Fahrplan, um abzupassen, dass beim Drehen nicht unerwartet ein Zug einlief. Die Szene ist aber sehr wichtig, insofern bin ich froh, dass sie uns gelungen ist. Doch wenn ich heute nur das Wort Bahnhof lese, durchzuckt es mich immer noch heiß und kalt.?

Das Metrognom oder: Eine Frage des Takts ? Joja Wendt tickt goldrichtig! ?Ich habe von vornherein die Bedingung gestellt, meine Musik mit großem Orchester einzuspielen ? was natürlich kostspielig ist, aber dem Film sehr zugute kommt?, sagt der gefeierte Pianist und Filmkomponist Joja Wendt. ?Denn der Zuschauer soll die Musik als Filmelement zwar nicht bewusst wahrnehmen, aber der Soundtrack trägt ganz wesentlich zur Stimmung des Films bei. Ich bin immer für ein reales Orchester, weil man den Unterschied zum Synthesizer natürlich deutlich hört ? der würde eindeutig ,billiger? klingen. Aber nicht jede Produktion kann sich ein umfangreiches Symphonieorchester leisten ? wir waren diesmal glücklicherweise dazu in der Lage, denn Otto legt großen Wert auf seriöse Musik, damit die Fallhöhe zu den Gags umso größer wird. Innerhalb des ernsthaften musikalischen Rahmens wirken die Comedians deutlich besser.?

?Ich schätze Joja Wendt, weil er filmisch arbeitet?, sagt Regisseur Unterwaldt. ?Er versucht nie, die filmischen Gags durch Micky-Maus-Effekte noch komischer zu machen, sondern er unterstützt die Atmosphäre, kommentiert sie, unterstreicht die dramatischen Elemente. Denn wenn Joja ganz ernsthafte Musik zum Beispiel zu Rumpelstilzchens komischen Eskapaden unterlegt, wirken diese noch viel lustiger.?

?Mit den großen Budgets der weltweit ausgewerteten Hollywood-Filme können wir uns in Deutschland nur selten messen, hierzulande ist solch ein Soundtrack Luxus. Dank Otto haben wir den Erfolg, der eine solche Arbeit möglich macht?, freut sich Wendt, der im Sommer eine Konzerttournee rund um die Welt absolviert hat. ?Das betrifft nicht nur die Musik ? in den anderen Abteilungen dieser Produktion wird genauso aufwendig und handwerklich sorgfältig gearbeitet: im Sounddesign, der Nachsynchronisation, in der optischen Überarbeitung der Kamerabilder, in den Computeranimationen der visuellen Effekte.?

Auch Produzent Douglas Welbat kann auf Wendts Mitwirkung nicht verzichten: ?Wieder belegen wir, wie man mit einem großen Orchester-Score eine Komödie musikalisch unterstützen kann. Das verdanken wir allein Jojas großer Kreativität und Kompetenz ? nicht zuletzt auch durch seine gute Zusammenarbeit mit Otto, der ja heute noch gern erzählt, dass er eigentlich Musiker werden wollte. Wie Joja Ottos Anregungen umsetzt, ist vorbildlich. Joja ist ein Virtuose, sein Markenzeichen als Pianist sind ja die sprichwörtlich ,sehr schwer zu spielenden Stücke?. Also konnten wir auch für die Musik einen der Besten an Bord holen.?

Über den Unterschied zu seinem ersten Soundtrack für 7 ZWERGE ? MÄNNER ALLEIN IM WALD sagt Wendt: ?Die Arbeit am neuen Film war für mich einfacher, weil ich das Team bereits gut kannte und natürlich auch Themen aus dem ersten Film wieder aufgreifen kann. Ich weiß inzwischen, was Otto und Sven Unterwaldt erwarten. Wie im ersten Abenteuer gibt es am Anfang eine auch musikalisch beeindruckende Sequenz, als die Kamera die Landkarte abfährt und dann durch die Lupe in das Zwergenreich taucht. Das variieren wir diesmal, denn jetzt ist der Wald nicht mehr fröhlich, sondern eine finstere Welt.?

Erneut ordnet Wendt jedem Zwerg ein bestimmtes Musikinstrument zu. Der zackige Tschakko wird von der militärischen Snare-Trommel begleitet, der verspielte Bubi von der Flöte, Cookie von einem einsamen Cello. Sunny und Cloudy werden von Klarinette und Oboe charakterisiert, der träge Speedy von der Posaune. Und die fahrige, vergessliche Ex-Königin/Hexe erhält ein mystisch entrücktes Harfenthema.

In 7 ZWERGE ? MÄNNER ALLEIN IM WALD gab es nicht nur optisch, sondern auch musikalisch die Trennung zwischen der Zwergenwelt (leichte, fröhliche Flötenthemen) und dem düster-bedrohlichen Schlossambiente (militärischer Blechbläser-Einschlag), also ein klarer Schwarzweiß-Kontrast, der erst im Finale durch Zusammenführung der Welten aufgehoben wird. Diesmal mischen sich die Elemente schon viel früher, denn Bösewicht Rumpelstilzchen spielt eine zentrale Rolle ? er verwandelt sich immer wieder und wird entsprechend durch den gesamten Film von Variationen seines Musikthemas begleitet, das ein Kontra-Fagott spielt. Dazu Wendt: ?Weil der Böse den Zwergen ständig auf unterschiedliche Weise begegnet, erscheinen ahnungsvoll-sinistre Motive in der Umgebung der Zwerge ? diese Überlagerung der musikalischen Themen stellt für mich als Komponist eine größere Herausforderung dar.?

Die meisten Stücke werden nicht vor dem Dreh geschrieben, sondern direkt der fertig geschnittenen Szene angepasst, es geht also nicht nur um musikalische Ideen, die die Handlung kommentieren, sondern auch um ganz konkret mathematische Fertigkeiten: das Tempo, das Auszählen der Sekunden, wenn Wendt das Geschehen untermalt. Über seine Arbeitsweise sagt der Komponist: ?Mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg habe ich auch zuvor schon meine CDs als Pianist eingespielt ? seit vielen Jahren pflegen wir ein gutes professionelles Verhältnis. Auch ein sehr gutes Studio mit hochwertigem Equipment steht uns dort zur Verfügung. Es reicht durchaus nicht, dass ich mich hinsetze und Melodien komponiere ? man verkennt oft, wie viele Leute an der Filmmusik beteiligt sind. Ein Techniker hilft mir während der gesamten Arbeit mit den mathematischen Aspekten, dem Auszählen der Szenenlängen ? das geht heute nicht mehr ohne Computer. Im Filmorchester Babelsberg gibt es den Hauptmischer und zwei Computer Operators, dann 60 Musiker im Orchester ? hinzu kommen extra gebuchte Instrumentalisten, die es in normalen Orchestern nicht gibt, also Kontra-Fagott, Celesta, Sousafon und Harfe. Außerdem der Dirigent, der Orchestrator, der die Musik als Einzelstimmen auf die verschiedenen Instrumente verteilt. Das heißt: Den von mir komponierten Streicher-Akkord verteilt er auf die Violinen, Violas, Celli und Kontrabässe. Und der Kopist erstellt und vervielfältigt für jede Instrumentengattung die spezifischen Noten. Bei den dabei anfallenden Notenbergen wird er von mehreren Assistenten unterstützt. All diese Mitarbeiter dienen dem einen Ziel, dem lebendigen Orchestersoundtrack. Das hört man, das zahlt sich aus.?

Die Musikaufnahmen dauerten vier Tage ? Wendt buchte aber einen Tag mehr, falls im letzten Moment noch Änderungen nötig sein sollten. Insgesamt ist die Zeit knapp bemessen. Denn früher enthielt ein 90 Minuten langer Spielfilm ? über den Daumen gepeilt ? etwa 45 Minuten Musik. Doch über seine Zwergenabenteuer sagt Wendt: ?Im ersten Film verwendeten wir 70 Minuten Musik, und jetzt sogar 75 Minuten. Die Kinogewohnheiten haben sich im Lauf der Jahre dahin entwickelt.?

Sven Unterwaldt freut sich: ?Für mich gehört zum Kino das große Orchester, und Joja übertrifft hier noch seine Musik zum ersten Film.?

Ende gut: Die Anagnomie der torreichen 7 ?Wir machen einen Gute-Laune-Film?, sagt Sven Unterwaldt abschließend. ?Ich hoffe, dass 7 ZWERGE ? DER WALD IST NICHT GENUG die Zuschauer für 90 Minuten aus ihrem Alltag herausholt ? sie tauchen ein in eine andere Welt und gehen mit dem Bewusstsein nach Hause, dass sie sich dort richtig wohl gefühlt haben. Filmgeschichte wollen wir mit unserem Film gar nicht schreiben. Zum Glück ist diese Art Kino heute auch in Deutschland hoffähig. Früher wurde ich häufig gefragt: ,Wollen Sie nach ihrer Komödie jetzt auch mal einen richtigen Film drehen?? Das passiert inzwischen nicht mehr so oft. Mein größtes Ziel dabei: Die Kinder sollen ihren Spaß haben. Deswegen vermeiden wir alles Derbe, Verletzende und alles, was unter die Gürtellinie zielt. Wir möchten beweisen, dass man heute auch noch mit ganz unschuldigem Humor Erfolg haben kann.?

?Ich finde es überhaupt nicht erstaunlich, dass Otto derzeit wieder so ungeheuer populär ist,?, fügt Douglas Welbat hinzu. ?Denn er verkörpert auf der Leinwand nicht den smarten Typ, der schlauer sein will als die anderen, sondern einen Normalbürger, ,einen von uns?. Er wirkt glaubwürdig, weil er eher Fragen stellt als clevere Antworten gibt. Genau das macht seinen Appeal aus, denn wenn wir ehrlich sind, stellen wir in unserem Leben alle sehr viel mehr Fragen, als wir beantworten können. Das macht Otto zu einem hochgradigen Sympathieträger, und diese Kraft überträgt er auf den Film, denn genau darin besteht die Stärke der Zwerge.?

?Natürlich ist die Leistung des Ensembles unabdingbar, natürlich tragen die vielen Cameo-Auftritte zum Gelingen bei?, fährt Welbat fort. ?Aber ohne den ,Spirit? der Zwerge würde das Ganze auseinanderfallen. Der Spirit besteht darin, dass die 7 Zwerge der Welt beweisen: ,Du mußst nicht reich, klug oder besonders schön sein ? es reicht, wenn du ein Zwerg bist, auch als Blödel bekommst du eine Chance.? Selbst auf dem falschen Weg kommt man zum Ziel. Die Zwerge zeigen uns, dass die Blödel eine Existenzberechtigung haben, mit Spaß und guter Laune ihr Glück finden. Und weil dieser Spirit das erste Abenteuer zum Erfolg gemacht hat, glauben wir auch an das zweite.?

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Dirk Jasper FilmLexikon

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