Snow Cake

Produktionsnotizen

Es ist April 2005. In den Gesichtern der Produktions- und Aufnahmeleiter zeigt sich immer häufiger Unruhe, wenn nicht gar Panik. Noch ist es kalt, aber ein Blick aufs Thermometer und durch die Fenster nach draußen macht unweigerlich klar, dass die Schneeschmelze eingesetzt hat, und es absehbar ist, dass die weiße Pracht, wegen der das Team von SNOW CAKE überhaupt nach Wawa gekommen ist, bald dahin sein wird.


Bei einer Krisensitzung spricht schließlich Alan Rickman, der die Rolle des Alex spielt, den befreienden Satz aus: ?Aber schaut doch, letztlich geht es bei diesem Film gar nicht um Schnee. Wir haben den Schnee zwar im Titel, aber ist es nicht einfach eine Charakterstudie zwischen Menschen an diesem Ort hier, und kann man nicht das große Tauwetter als eine Allegorie dessen sehen, was den Figuren im Film widerfährt? Vielleicht wird uns hier etwas gegeben, was wir im Augenblick nur noch nicht richtig zu schätzen wissen.?

Immer wieder hatte das Schicksal in der Geschichte dieser Produktion eine nicht unerhebliche Rolle gespielt, und wiederholt wurden logistische Probleme oder gar ein drohender Zusammenbruch der rationalen Planung aufgefangen durch sich zufällig ergebende Alternativen, die sich schließlich wie glückliche Fügungen für das gesamte Vorhaben erwiesen.

SNOW CAKE ist das erste Drehbuch der Autorin Angela Pell. Die Tatsache, dass es einen Schauspieler wie Alan Rickman begeistern konnte ? der eine ?unmittelbare und instinktive Reaktion? auf die Story empfand -, spricht natürlich mehr für Pells Begabung, als für ein positives ?Karma? des Manuskripts, aber immerhin besitzt auch das Glück eine Energie eigener Art.

Nachdem sie sich über ein Jahrzehnt lang an Komödien versucht hatte, einfach weil dies das Genre war, das sie am meisten mochte, erkannte sie irgendwann: ?Ich bin leider nicht (so) komisch.?

Danach entschied sie sich, über das zu schreiben, was sie kannte. Ausgehend von ihrer Auseinandersetzung mit dem Autismus ihres siebenjährigen Sohnes schrieb sie über eine autistische Frau (Linda Freeman, gespielt von Sigourney Weaver). Alex Hughes (Alan Rickman), ein britischer Großstädter und Kosmopolit, aber auch ein geistig Heimatloser, den der Tod zweier Menschen belastet, kommt nach Wawa, freundet sich mit Linda an und hat Sex mit deren Nachbarin (Maggie, gespielt von Carrie-Anne Moss). In der Begegnung mit Linda durchläuft er selbst einen therapeutischen Prozess, wobei man auf den ersten Blick glaubt, seine Gastgeberin habe Heilung viel dringender nötig.

Dazu Angela Pell: ?Ich haben mich auf meine eigenen Erfahrungen verlassen, denn ich mußs mich ja selbst mit den Mechanismen von Autismus auseinander setzen. Es ist eine solch wundervolle, surreal anmutende Erfahrung, Tag für Tag, und ich dachte mir, jemanden in eine solche Situation zu versetzen, würde eine großartige Story darüber abgeben, wie sich ein ?Fisch auf dem Trockenen? abstrampelt.? Sie schrieb den ersten Entwurf des Drehbuchs innerhalb von zwei Tagen.

Andrew Eaton von der britischen Produktionsfirma Revolution Films (u.a. In This World, The Road to Guantanamo) erhielt Angela Pells Manuskript zu Weihnachten 2004. Da sie befreundet waren, entschied sich Eaton, das Skript für ein paar Wochen beiseite zu legen: ?Wenn du von Freunden ein Drehbuch bekommst, macht dich der Gedanke, es zu lesen, nervös. Denn es könnte ja auch sein, dass es furchtbar ist, und dann mußs man das eben auch sagen?. Doch Pells Buch war alles andere als furchtbar: ?Ich las es in einem Zug und dachte, es ist hervorragend. Direkt danach habe ich sie angerufen, um ihr ehrlich zu sagen? dass ich es großartig fand, und ich war auch sicher, dass das für uns ein gutes Projekt sein würde.?

Eaton wandte sich dann an Gina Carter (Heartlands, Bright Young Things), um die Produktion des Films durchzuführen. In der Vergangenheit hatte Carter bereits mehrfach mit Revolution Films zusammen gearbeitet, und sie fand den Stoff ebenfalls auf Anhieb faszinierend. Eaton und Carter erkoren die kanadische Produktionsfirma Rhombus Media zu ihrem Wunschpartner und boten Niv Fichman und Jessica Daniel an, als Co-Produzenten bei SNOW CAKE mit dabei zu sein. Jessica Daniel willigte mit Vergnügen ein: ?Ich denke, wir teilen eine bedingungslose Liebe zum Kino. In Bezug auf die Art der Filme, die wir mögen, gibt es eine perfekte geistige und ästhetischen Übereinstimmung, und sowohl Revolution Films wie Rhombus Media sind von einem Geist der Unabhängigkeit erfüllt, der sich auch auf den Prozess des Filmemachens selbst überträgt.?

Bei der Suche nach einem Regisseur für dieses kleine perfekte Drehbuch kamen die Produzenten schnell auf Marc Evans. Der walisische Regisseur, der mit Filmen wie Resurrection Man (1998), Unsichtbare Augen (2002) und Trauma (2004) internationales Aufsehen erregt hatte war sowohl Daniels wie Eatons erste Wahl.

?Mit der gemeinsamen Vision eines Stoffs steht und fällt ein Projekt?, erklärt Marc Evans. ?Ich fühlte, dass dieses Buch ein wirkliches Geschenk war, und dass ich mich darum kümmern wollte, wie um eine empfindliche Pflanze. Es ist von einer wahrhaftigen Humanität erfüllt.?

Und die Produzentin Gina Carter ergänzt: ?Als Autor schreibst du ein Manuskript mit deiner Vision. Dann übergibst du es einem Regisseur und einer Produktionsfirma, und zu einem gewissen Grad fängst du an zu teilen, was bis dahin nur deine ganz eigene Vision war. Als Marc und ich anfingen, an und mit dem Projekt zu arbeiten, spürten wir beide diese besondere Art der Verantwortung gegenüber dem Stoff und der Autorin.?

?Was ich mit diesem Film bekommen habe, geht weit über das hinaus, was mir vielleicht ursprünglich vorschwebte?, resümiert Carter.

Die Besonderheit des Drehbuchs ?imprägnierte? gewissermaßen den Produktionsalltag und beförderte im gesamten Team einen Sinn dafür, dass man an etwas Großem beteiligt ist ? auch wenn der Film vom Volumen her nur ein kleiner Film sein würde. ?Die Story war so außergewöhnlich, und das Drehbuch wie die Besetzung trugen dazu bei, dass man in der kanadischen Filmszene schon ehrfürchtig flüsterte, dass da etwas ganz Spezielles entstehe. Alle Beteiligten trugen jedenfalls dazu bei, dass dieser Nimbus Stück für Stück und Tag für Tag in die Realität umgesetzt wurde?, erinnert sich Jessica Daniel. ?Marc Evans ist ein engagierter und leidenschaftlicher Filmemacher. Er besitzt eine enorme Sensibilität als Geschichtenerzähler wie als Bildermacher. Er hatte eine starke Beziehung zu dem Material und wusste um die Prioritäten.?

Es war Niv Fichmans Idee, in Wawa zu drehen. ?Was Fargo für Fargo war, wurde Wawa für uns?, sagt der Produzent über die Symbiose von Ort und Geschichte. ?Im Namen Wawa steckt schon ein großer Teil dessen, was seine Mythologie ausmacht. Für mich symbolisiert der Name auf eine Art die Isolation der Figur von Linda aber auch die durchgeknallte Fremdheit, auf die Alex dort stößt. Es gibt in Wawa auch so eine Art Wappentier, eine kanadische Schneegans, die sich gerade in die Lüfte schwingt. Dieses Wappentier hat man auch als Skulptur verewigt, und die ist etwa 10 Meter hoch, was auch etwas komisch anmutet. Es lag auf der Hand, dass wir uns dieses Symbols bedienen wollten, um auch unsere Hauptfigur zu charakterisieren. In diesem Ort wird er ? vielleicht ? wieder fliegen lernen.?

Zum Thema Casting, so Eaton, hatte die Autorin ihre eindeutigen Vorstellungen: ?Als Angela das Drehbuch schrieb, machte sie etwas, das mich normalerweise ärgert?, sagt Eaton. ?Auf das Deckblatt hatte sie ihre Wunschbesetzung geschrieben, und ihre Wunschbesetzung für Alex war Alan Rickman. Wir dachten, warum nicht? Wir haben ja nichts zu verlieren, und so schickten wir ihm das Buch einfach zu.?

Gina Carter fügt hinzu: ?Marc und ich hatten uns ausgemalt, dass er uns vielleicht eine Stunde geben würde, um sich das ganze zu überlegen, und bestenfalls hätten wir dann zähe Verhandlungen mit Managern und Agenturen vor uns. In Wirklichkeit war es so: Wir trafen uns mit ihm und waren nach fünf Minuten fertig. Er sagte: ?Wenn dies ein Haus wäre, würde ich euch bitten, es vom Markt zu nehmen.? Es war klar, er war an Bord. Den Rest der Stunde plauderten wir!?

Rickman war es dann auch, der Sigourney Weaver von der Figur der Linda Freeman erzählte. Die beiden Schauspieler hatten zusammen für Galaxy Quest in Green River, Utah vor der Kamera gestanden und eine amüsante Zeit gemeinsam verbracht. Sigourney Weaver erinnert sich: ?Alan erzählte mir die Story und ich sagte: ?Wow. Ich bin nur sicher, dass sie bei dieser Rolle niemals an mich denken?. Darauf er: ?Lass doch deinen Agenten dort anrufen.? So kam ich zu diesem Drehbuch und fand bestätigt, was mir Alan davon berichtet hatte. Diese Story hat solch eine wunderbare Balance, ist Komödie, Romanze und Drama, ohne je leichtfertig zu sein, wenn es darum geht, etwas Wahres über ein Thema zu erzählen, mit dem man sich nicht so gern und deshalb auch nicht so oft beschäftigt ? den Autismus. Für mich ist Alan einer der größten Schauspieler weltweit, und es gibt nichts, was er nicht spielen könnte. Er kann eine überwältigende Vielfalt subtiler Abstufungen darstellen, und er hat einen wunderbar differenzierten Sinn für Ironie ? ich fühle mich verwöhnt, wieder mit ihm arbeiten zu können. Was zwischen Alex und Linda entsteht, ist deshalb so vielschichtig, weil er durch die Welt gestreunt ist und sie dagegen immer in diesem kleinen Bungalow in dieser kleinen Stadt gewesen ist. Aber ich denke, auf eine ungewöhnliche Weise überraschen sie sich und geben einander so viel. Sie lernt viel von Alex, und er viel von ihr.?

Das letzte fehlende Stück im Besetzungspuzzle war die Rolle von Maggie, und wieder ergaben sich dabei eine Reihe glücklicher Zufälle: Der Produzent hatte das Drehbuch zu Callum Keith Rennie geschickt, der in dem Film die Rolle des John Neil spielt. Dessen Agentin, Elizabeth Hodgson, war begeistert von dem Drehbuch und sah in der Figur von Maggie eine perfekte Rolle für Carrie-Anne Moss, die sie ebenfalls vertrat.

Niv Fichman erinnert sich: ?Das sind magische Momente, wenn man einen Anruf von Carrie- Anne Moss? Agentin bekommt und sie dir sagt, ihre Klientin würde gern diese Rolle spielen. Du gehst einen Tag lang wie auf Wolken. Und dieses Glück hatten wir nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal. Drei herausragende Darsteller, extrem generös, wunderbare Menschen und große Künstler.?

Das Leben im Filmbetrieb ist indes keine Autobahn, auf der die guten Nachrichten einander ständig überholen. Die Finanzierung des Films erwies sich als eine Aneinanderreihung von Herausforderungen und die konstante Verschiebung des Drehbeginns bedeutete auch, dass die Schneesaison in Wawa zu Ende ging. Aber solche Bedenken versuchten die Produzenten mit aller Kraft von Team und Darstellern fernzuhalten. Fichman: ?Mir scheint, unsere Rolle als Produzenten besteht darin, sicherzustellen, dass der Kern des Films, das heißt das Drehbuch und die Vision des Stoffes, nicht angegriffen werden von alltäglichen Störungen, finanziellem Chaos und unvorhersehbaren Turbulenzen, die im Zusammenhang eines solchen Vorhabens zwangsläufig entstehen. Ich denke, wir müssen garantieren, dass die Künstler möglichst optimale Möglichkeiten, geistigen und emotionalen Raum bekommen, um sich so frei wie möglich zu fühlen. Denn was sie zu tun haben, ist ohnehin schon schwierig genug.?

Der ?geistige und emotionale Raum?, von dem Fichman spricht, war von unschätzbarem Wert für alle Beteiligten, insbesondere für Sigourney Weaver. Fast ein Jahr widmete sie sich der Vorbereitung auf ihre Rolle als Autistin und verbrachte Tage an einem Institut, dass auf die Arbeit mit autistischen Personen spezialisiert ist. Sie lebte für eine Weile mit einer autistischen Frau zusammen, um sich mit deren Verhalten vertraut zu machen. ?Ich war ja sogar erleichtert, dass unsere Produktion verschoben wurde?, sagte Weaver, ?denn am Ende hatte ich fast ein Jahr für Recherchen zur Verfügung gehabt, und soviel Zeit brauchte ich auch.?

Sigourney Weaver hat der Versuchung, das Thema Autismus zu generalisieren, bewusst widerstanden: ?Ein wesentlicher Gesichtspunkt war für mich dabei, dass ich die außergewöhnlichen Menschen, denen ich während meiner Recherche begegnet bin, nicht Unrecht tun wollte.? Sie hatte entdeckt, dass Menschen mit Autismus eine breite Spanne von Gefühlen haben, dass jemand mit Asperger-Syndrom mit anderen Leuten in Kontakt kommen möchte, während andere, am anderen Ende des Spektrums, es vorziehen, für sich zu bleiben. Für sie war es von zentraler Bedeutung, dies richtig einzuschätzen, aber es war nicht leicht.

?Oft denke ich, dass, wer mit Menschen aus dem autistischen Spektrum zusammen ist, ganz schnell auf falsche Fährten kommt. Was sie einem zeigen und wie sie einem begegnen, ist sehr verschieden von dem, wie sie sich selbst sehen. Die Frau, die so großzügig war, mir Blicke in ihr Leben zu gestatten, hat mir eben auch diese Doppelseitigkeit des Phänomens offenbart.

Im Fall von Linda manifestiert sich ihr autistisches Verhalten auf unterschiedlichste Weise: Pathologischer Sauberkeitszwang in der Küche gehört ebenso dazu, wie die Angst, den Müll wegzubringen. Und nicht zu vergessen, eine allgemeine Ablehnung anderer Menschen und die Gleichgültigkeit gegenüber Leuten, mit denen sie gerade zusammen ist, auch wenn sie ihr wohl gesonnen sind.

Linda ist bis zur sozialen Unverträglichkeit aufrichtig. Sie ist sehr geradeheraus, wenn es um ihre Einstellung gegenüber Menschen und Dingen geht. ?Ich vermute auch?, räsonniert Sigourney Weaver, ?dass sie auf Personen innerhalb des Normalitäts-Spektrums herabschaut, weil sie sie für Leute hält, die viel zu viel Zeit mit all diesem sozialen Unsinn vergeuden.? Und weiter: ?Lindas Haus war vollständig inspiriert von Temple Grandin, einer sehr bekannten Frau mit Autismus in den Vereinigten Staaten. Sie gab mir sehr wertvolle Verständnishilfen, und von ihr erfuhr ich eben auch, dass viele Autisten von Schneeflocken besessen sind. Für sie war klar: ?Du mußst eine Menge Schneeflocken und glitzernde Dinge herumhängen haben?. Ich gab alle diese Informationen an Marc Evans weiter. Und unser Set Designer Matthew Davies hat das seinerseits aufgesaugt und ein Set mit vielen kleinen glitzernden Details gebaut. Ich bin sicher, dass es für Linda himmlisch war, in dieser Welt zu sein.?

Die Schauspielerin besteht auch darauf, dass die Grenzen zwischen autistischem und sozial kompatiblem Verhalten fließend sind. ?Wir schaukeln alle gern, jeder beißt sich in Extremsituationen auf die Finger. Ich zum Beispiel bin auch ziemlich scheu, und wenn ich lese, dass Linda keine 300 Leute in ihrem Haus ertragen kann, dann kann ich das absolut nachvollziehen! Mir erscheint es fraglos, dass wir uns alle innerhalb des autistischen Spektrums bewegen.?

Sigourney Weaver entwickelte in ihrer Arbeit einen tiefen Respekt für Menschen mit Autismus. Über das Drehbuch sagt sie: ?Am meisten bewegt hat mich, dass das Drehbuch in keiner Weise versucht, die Situation zu simplifizieren. Viele Momente sind lustig und doch wird in keiner Weise die Qual unterschätzt, die es auch bedeutet, an Autismus zu leiden.? Die Autorin Angela Pell drückt es so aus: ?Aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Autismus meines Sohnes, glaube ich zu wissen, dass diese Menschen das Leben auf einer erweiterten Ebene erfahren.? In letzter Konsequenz, so sagt Angela Pell, kann Autismus ?natürlich die Hölle sein. Aber die meiste Zeit ist es wie ein Stück vom Himmel.?

Alan Rickman hat sich ganz bewusst entschieden, auf ausführliche persönliche Recherchen zum Thema Autismus zu verzichten: ?Ich habe versucht, so unbedarft wie möglich zu bleiben, denn Alex klopft an eine Tür, die von einer Frau geöffnet wird, die autistisch ist. Er kann ihr Verhalten nicht einordnen, bis jemand den Begriff nennt.?

Carrie-Anne Moss übernahm die Rolle der Maggie anderthalb Jahre nach der Geburt ihres Kindes. Es war ihr erstes Projekt seither. ?Ich glaube, bevor ich eine Familie hatte, lebte ich nur für meine Rollen, arbeitete viel und gern auch endlos. Ich konnte es gar nicht abwarten, mein eigenes Leben hinter mir zu lassen, um dieses Filmleben zu führen. Das war wirklich wunderbar und ein riesiges Vergnügen. Seit ich eine Familie habe, mache ich eine komplett andere Erfahrung: ich habe nicht mehr den Wunsch, mein eigenes Leben zu verlassen. Also braucht es etwas ganz besonderes, mich dazu zu veranlassen, wieder an die Arbeit zu gehen. Das bot mir das Drehbuch zu SNOW CAKE.?

Die drei Hauptdarsteller waren sich einig, dass das Buch ein Juwel ist: ?Angela Pell hat einige hochsensible Themen angeschnitten?, sagt Alan Rickman. Die Schauspieler waren aufgefordert, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln ? keine Themenliste, keine übersteigerten Emotionen, nur ?Reales?. Und Reales geht nicht zwangsläufig mit großen Gesten und Gefühlen einher.

Sigourney Weavers eingehende Recherche in die innere Welt des Autismus gab dem Regisseur Marc Evans die Freiheit, sich auf die Beziehungen der Charaktere untereinander zu konzentrieren. Für ihn war es wesentlich, dass sich die Geschichte durch Alex? Augen entwickelt: ?Er ist nicht nur ein Außenseiter, sondern auch ein Engländer, und Leute aus England haben den Ruf, introvertiert, unterkühlt, zurückhaltend zu sein. Trotzdem entsteht im Zusammenhang der Begegnungen der Menschen untereinander ein Schmelzprozess.? Da ist es wieder: das Schnee- oder Schmelzmotiv. ?Wie in der Stadt das Eis schmilzt, so verfolgt man ein langsames Schmelzen seines Charakters. Je mehr er schmilzt, desto mehr wird von ihm freigelegt, in kleinen Stücken. Wawa ist unglaublich, ein beinahe mythologischer Ort. Alex ist nur eine Woche dort, aber als er wieder (weg)fährt ist er ein anderer Mensch.?

Evans fasst den grundlegenden Konflikt des Films so zusammen: ?Zuschauer lieben die Veränderung, wenn dramatische Charaktere getrieben werden, wenn sie sich verwandeln oder Prozesse durchlaufen. Indes ist die zentrale Figur unseres Films, weil sie autistisch ist, eine ewige und gleich bleibende Konstante, denn autistische Personen leben in einer absoluten und immer währenden Gegenwart. Diese Figur wird nun konfrontiert mit einem Mann, der sich mit einer riesigen Vergangenheitslast herumschlägt ? und das ist ein wirklich interessantes Dilemma.?

Und wie ging nun die Geschichte mit dem schmelzenden Schnee in Wawa aus? Sigourney Weaver erinnert sich: ?Ich habe mir Lindas Welt immer wie eine Schneekugel voll mit sauberem Schnee vorgestellt. An Schneemangel wird in dieser Welt niemand leiden. Bei unserem Dreh war es dagegen so, dass uns wirklich nur klägliche Häufchen von Schnee zur Verfügung standen, und davon, dass der sauber war, konnte auch keine Rede sein! Wir haben uns geradezu obsessiv an die kleinen Überbleibsel von Schnee geklammert.

Tatsächlich war es aber so, dass sich mit der Schneeschmelze, gegen die wir uns um jeden Preis stemmen wollten, genau das auch in der Natur ereignet hat worum es eigentlich in diesem Film geht: das Ende der ?Eiszeit? für die beiden Hauptfiguren.? Und Rickman ergänzt: ?Inzwischen bin ich sicher, dass dieser Film in gewisser Weise von unsichtbaren Kräften gelenkt worden ist.?

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Kinowelt © 1994 - 2010 Dirk Jasper