Marie Antoinette

Produktionsnotizen

Sofia Coppola ? mit dem Academy Award® ausgezeichnete Drehbuchautorin und Oscar®-nominierte Regisseurin ? schuf mit MARIE ANTOINETTE einen jungen und modernen Film des 21. Jahrhunderts über eine Legende des 18. Jahrhunderts. In Coppolas Vision entpuppt sich die viel verschmähte, leidenschaftlich diskutierte und letztlich missverstandene junge Frau Marie Antoinette (Kirsten Dunst) weder als farblose, historische Furchtgestalt noch als göttliches Idol. Coppolas Marie Antoinette ist eine verwirrte, einsame, jugendliche Außenseiterin, die kurz vor Ausbruch einer Katastrophe gegen ihren Willen in eine skandalöse, dekadente Welt gedrängt wird.


MARIE ANTOINETTE ist der dritte Film von Autorin und Regisseurin Coppola und bei weitem ihr ambitioniertester. Basierend auf Antonia Frasers gefeierter Biographie ?Marie Antoinette: The Journey? verwandelte Coppola die missverstandene Marie Antoinette mit ihrer erfrischend modernen Herangehensweise frei von allen Konventionen des Kostümfilms in eine berührende Geschichte über die Ängste und das Wesen Heranwachsender. Coppolas persönliche Vision und ihr geschickter, visueller Stil sieht Marie Antoinette und den gesamten Hof von Versailles durch die Linse der Popkultur.

?Alles, was wir gemacht haben, basiert auf Recherchen über die Ära. Doch gleichzeitig wird alles auf eine zeitgenössische Art und Weise betrachtet?, sagt Coppola. ?Meine größte Angst lag darin, einen Film mit der Stimmung eines theatralischen Meisterwerks zu machen. Ich wollte keinen trockenen, historischen Kostümfilm mit einer distanzierten, kühlen Aneinanderreihung von Einstellungen drehen. Es war sehr wichtig für mich, die Geschichte auf meine eigene Art und Weise zu erzählen. So wie ich wollte, dass sich Lost in Translation (Lost in Translation, 2003) anfühlt, als hätte man gerade ein paar Stunden in Tokio verbracht, wollte ich, dass dieser Film dem Publikum das Gefühl vermittelt, in jener Zeit in Versailles gelebt zu haben. Ich wollte, dass sich das Publikum in dieser Welt verliert.?

Der Name Marie Antoinette beschwört heute Bilder einer glamourösen Königin herauf, die in Luxus schwelgte und als Reaktion auf das Hunger leidende französische Volks die legendären Worte sprach: ?Dann sollen sie Kuchen essen!? Doch aktuelle historische Forschungen belegen, dass vieles von dem, was wir über Marie Antoinette zu wissen glaubten, nichts anderes als ein Mythos ist ? und dass diese legendären Worte, für die sie so berühmt ist, möglicherweise niemals über ihre Lippen gekommen sind.

In Wahrheit war Marie Antoinette ein naiver und unsicherer Teenager, unvorbereitet auf ihre Rolle als Hauptfigur der turbulenten französischen Geschichte des späten 18. Jahrhunderts. Die in Österreich geborene Prinzessin kam im Alter von 14 Jahren nach Versailles und wurde mit der rigiden Etikette, den brutalen familiären Machtkämpfen und dem gnadenlosen Geschwätz am königlichen französischen Hof konfrontiert. Gefangen in einer leidenschaftslosen Ehe und gezwungen, unter dem unversöhnlichen Blick der Öffentlichkeit zu leben, fand Marie Antoinette in den sinnlichen Vergnügen der Jugend ihre einzige Ausflucht. Doch ihre Frivolität machte sie unbeabsichtigt zum Skandalobjekt, zum Ziel für politische Propaganda und zum willkommenen Sündenbock für die von Armut gezeichnete französische Gesellschaft kurz vor Ausbruch der Revolution. Am Ende stellte sie sich ihren Feinden und akzeptierte ihr Schicksal mit Würde und Courage.

Die junge Prinzessin, deren schicksalhaftes Leben zum Stoff für Mythen und Legenden wurde, wird von Kirsten Dunst gespielt. Die Story beginnt, als die 14-jährige Marie Antoinette abrupt von ihrer Familie und ihren Freunden in Wien getrennt wird und die eitle und dekadente Welt von Versailles betritt, den verschwenderischen, königlichen Hof bei Paris. Marie Antoinette ist lediglich das Pfand in einer arrangierten Ehe, die die Harmonie zwischen zwei Nationen festigen soll. Ihr jugendlicher Ehemann Ludwig (Jason Schwartzman), der Dauphin, ist Erbe des französischen Throns. Doch Marie Antoinette ist schlecht auf die Art von Herrscherin vorbereitet, die das französische Volk herbeisehnt. Unter ihrer glamourösen Oberfläche ist sie eine wohlbehütet aufgewachsene, ängstliche und verwirrte junge Frau, umgeben von Lästerern, Schmeichlern, Puppenspielern und Klatschtanten. Gefangen in den Konventionen ihres Standes mußs Marie Antoinette einen Weg finden, um sich in die komplexe und heimtückische Welt von Versailles zu fügen.

Ihr Leiden wird verstärkt durch die Gleichgültigkeit ihres neuen Ehemanns. Marie Antoinettes Ehe wird erstaunliche sieben Jahre lang nicht vollzogen. Als Liebhaber erweist sich der linkische, zukünftige König als Katastrophe. Das führt zu allgemein zu großer Sorge, dass Marie Antoinette möglicherweise niemals einen Erben produzieren wird.

Überrumpelt und verzweifelt flüchtet sich Marie Antoinette in die Dekadenz der französischen Adelswelt und in eine heimliche Affäre mit dem verführerischen, schwedischen Graf von Fersen (Jamie Dornan). Ihre Indiskretionen sind schon bald Tagesgespräch in Frankreich. Ob sie nun für ihren makellosen Stil idealisiert oder verschmäht wird, oder weil sie unverzeihlich wenig Bezug zu ihrem Amt habe ? die Reaktionen auf Marie Antoinette sind stets extrem.

Doch ihren Weg als Ehefrau, Mutter und Königin beginnt sie langsam mit dem Erwachsenwerden zu finden ? allerdings nur, um tragisch in einer blutigen Revolution unterzugehen, die die Geschichte Frankreichs für immer verändern sollte.

Ein neuer Blick auf Marie Antoinette Mit der Veröffentlichung von Antonia Frasers Biographie ?Marie Antoinette: The Journey? erregte die Lebensgeschichte der Marie Antoinette 2002 einmal mehr weltweit Aufmerksamkeit. Das Buch wurde umgehend für seine akribischen Recherchen gelobt, die eine komplett neue und bezwingende Sicht auf die oft verschmähte Monarchin erlaubten. Fraser zeichnete nicht etwa das Bild einer herrischen Königin, die sich des Elends ihres Volkes nicht bewusst war, sondern das einer einfallsreichen, lebenslustigen Jugendlichen, die von Natur aus warmherzig und einfühlsam war, aber auch unvorbereitet auf die Anforderungen, die das stets unter Beobachtung stehende Leben am französischen Hof von Versailles und die Intrigen der politischen Mächte mit sich brachten.

Ironischerweise fühlte sich Marie Antoinette vollkommen abgesondert und allein, obwohl sie von Tausenden von Schaulustigen und Beobachtern umringt war ? ein junges Mädchen, gefangen in einer Fantasiewelt, die ihr ziemlich wenige Freiheiten ließ.

Diese ungewöhnliche und überraschende Version von Marie Antoinette weckte die Aufmerksamkeit von Autorin und Regisseurin Sofia Coppola. Wie die meisten von uns war Coppola nur mit dem bekannten Bild der berüchtigten Königin vertraut. Durch Frasers Biographie entstand das Bild einer sympathischeren und glaubwürdigeren, menschlichen jungen Frau. Hier wird Marie Antoinette lebhaft, jung und auffallend modern im Umgang mit ihren Problemen ? mit ihrer Einsamkeit, dem Klatsch, der Sehnsucht, der Liebe und dem Heranwachsen dargestellt. Ganz abgesehen davon, dass sich die Konsequenzen ihres Werdegangs auf einer immens großen, historischen Bühne entfalteten.

?Ich kannte die gewöhnlichen Klischees über Marie Antoinette und ihren dekadenten Lebensstil?, sagt Coppola. ?Aber mir war vorher nie klar, wie jung sie und Ludwig XVI. wirklich waren. Sie waren im Grunde genommen als Teenager dafür verantwortlich, Frankreich von dem unglaublich extravaganten, königlichen Hof von Versailles aus durch eine sehr unbeständige Ära zu führen. Das war es, was mich in erster Linie interessierte: Die Idee, dass diese Jugendliche in diese Position kamen, und der Versuch, herauszufinden, wie es dazu kam, dass sie in einer so extremen Situation aufwuchsen.?

Je mehr sie über sie lernte, um so mehr faszinierte Coppola Marie Antoinettes Innenleben. Sie interessierte sich dafür, wie Marie Antoinette in ihrer Jugend komplett entwurzelt und mit einem Mann verheiratet wurde, die ihr weder Wärme noch Zuneigung entgegenbrachte. Sie wurde strengen, prüfenden Blicken unterworfen, willkürlichen Regeln und öffentlichem Gespött ? und gleichzeitig bekam sie die Lizenz, jegliche ihrer Launen zu befriedigen. Coppola fragte sich, wie ein moderner Teenager eine so komplett unwirkliche Situation gehandhabt hätte.

?Ich interessierte mich für die Dinge im Leben von Marie Antoinette, die sich dem menschlichen Level zuordnen ließen?, führt Coppola aus. ?Sie wurde im Grunde genommen in Frankreich als Außenseiterin betrachtet und mußste sich mit Schwiegereltern herumschlagen, die sie nicht akzeptierten, mit einem Ehemann, der sich nicht für sie interessierte und mit dem Hof, der ihr höchst kritisch gegenüber stand. Sie war wie das neue Kind in der Schule ? aber in einer sehr fremdartigen Umgebung. Ich konnte mir vorstellen, wie sie mit ihren Freunden ihre Privatgemächer aufsuchte, um den strengen Regeln der höfischen Etikette zu entfliehen. Ich begann mir auszumalen, wie man sich in dieser Situation fühlen würde. Im Laufe der Geschichte wurde sie als Bösewicht dargestellt, aber als ich über sie las, erschien sie mir viel freundlicher, ein wenig naiv oder wohlbehütet, aber vor allem eine gutherzige, kreative Person, die keine Ahnung von der Welt außerhalb von Versailles hatte.?

Coppola interessierte auch Marie Antoinettes Seite als strauchelnde, junge Ehefrau, die verzweifelt darum kämpfte, ihrem Ehemann zu gefallen, aber unfähig war, ihn glücklich zu machen. ?Mich beschäftigte die Idee, dass sie ihr Interesse am Geldausgeben und an Partys wie zur Ablenkung entwickelte, weil sie so unglücklich verheiratet war ? wie eine moderne reiche Ehefrau in einer lieblosen Ehe. Sie kam nur ungern zu diesem Mann nach Hause, der sie ständig zurückstieß. Also fand sie andere Wege zur Ablenkung?, so Coppola.

Um all diese Ideen zu vermitteln, schlussfolgerte Coppola, dass sie Marie Antoinettes Geschichte auf eine völlig andere Art und Weise schreiben müsste. Anstelle eines typischen, umfangreichen Kostümepos? wollte sie ein intimeres Märchen erzählen, im dem die Energie und die Ängste einer jungen, heranwachsenden Frau steckten. Ihre Marie Antoinette sollte eine Frau mit Fehlern sein, die ihre Anmut erst dann offenbart, als sie unter Beschuss gerät.?

Eine frische Herangehensweise ?Mein Hauptziel war nicht ein großes, historisches Epos?, beschreibt Coppola ihre ursprüngliche Herangehensweise an MARIE ANTOINETTE. ?Ihr Leben ist eine große, historische Chronik. Davor hatte ich Respekt, und so wollte ich die Geschichte aus Marie Antoinettes Perspektive erzählen, die zeigt, wie sie heranwächst und reift. Die meisten der Storys, die wir über sie kennen, stammen aus der Sichtweise anderer. Ich war viel weniger an dem politischen und historischen Blick auf ihr Leben interessiert, sondern mehr an ihrer persönlichen Erfahrung. Lieber als ein stickiges, formales Porträt zu schaffen, wollte ich zeigen, wie sich der Mensch verhalten haben könnte, wenn er hinter verschlossenen Türen stecke.?

Von Anfang an konzentrierte sich Coppola auf eine ikonoklastische Herangehensweise ? nicht nur hinsichtlich der Story, sondern auch hinsichtlich der Präsentation. Sie wählte einen entschlossen modernen, grafischen Stil, in der Hoffnung, aus einem historischen Stoff einen unmittelbaren, emotionalen und tiefgehenden zu schaffen. ?Die Idee war, das Design auf genau die Art und Weise einzufangen, die in meinen Augen dem Wesen von Marie Antoinette entsprach?, erklärt Coppola. ?Die Bonbon-Farben des Films, seine Atmosphäre und die Teenager-Musik reflektieren und sind dazu gedacht zu zeigen, wie ich diese Welt aus Marie Antoinettes Perspektive gesehen habe. Sie lebte in einer Welt aus Seide und Bonbons. Es war bis zum bitteren Ende eine komplette Luftblase.?

Coppola sprach die historische Biographin Antonia Fraser auf die Adaption ihres Buchs zu einem höchst stilisierten Film an. Fraser war sowohl überrascht als auch geschmeichelt von der Idee der Regisseurin, den Mythos, der Marie Antoinette umgab, zu zerstören. ?Ich fand Sofias Enthusiasmus sehr anziehend?, sagt Fraser. ?Wir haben sehr verschiedene Positionen und sie hatte ihre eigene Version von Marie Antoinette und eine wundervolle Intensität.?

?Sofia verstand, dass die Dinge, die Marie Antoinette passiert sind, vollkommen außergewöhnlich waren?, fährt Fraser fort. ?Zunächst einmal wurde sie tatsächlich in die Sklaverei verkauft, um eine französische Prinzessin zu werden. Dann wurde sie auserwählt, um mit 14 Jahren Österreich zu unterstützen. Dann kam sie in diese verrückte, nie vollzogene Ehe, aber es wurde von ihr verlangt, einen Erben zu produzieren. Sofia zeigt sehr mitfühlend, wie Marie Antoinette versuchte, mit dieser schwierigen en Situation umzugehen. Das ganze Geldausgeben, die Extravaganz und Dekadenz waren eine Reaktion auf all die schrecklichen Dinge, die ihr zugestoßen und nicht ihr Verschulden waren. Ich mochte diese Herangehensweise sehr.?

Bei der Entwicklung der Geschichte auf ihre eigene Art und Weise fand Coppola auch in anderen modernen Quellen eine Inspiration ? insbesondere in der Neo-Romantik-Popmusik-Welle der 1980er. Diese war selbst stark von den Idealen des 18. Jahrhunderts von extravaganten Künstlern wie Bow Wow Wow und Adam Ant beeinflusst, die den Glamour, die luxuriöse Mode und den hedonistischen Spaß dieser Ära als eine Art Gegenpol zu der Langeweile des klassischen Rock und der ursprünglichen Wut des Punk feierten. Für Coppola war die Musik die moderne Linse, durch die sie Marie Antoinette sah ? und Songs wie Bow Wow Wows ?I Want Candy? schienen als perfekter, moderner Ausdruck von Marie Antoinettes Drang zu funktionieren, ihre Erfüllung im Vergnügen zu suchen.

?Ich wollte wirklich etwas von dem Neo-Romantik-Geist einbringen, denn ich hatte das Gefühl, dass dieser einen ähnlichen Mix aus Jugendlichkeit, Farbe und Dekadenz hatte?, sagt Coppola. ?Dies ist eine verspieltere Version der Geschichte, die das Leben als Jugendlicher in einer dekadenten Zeit reflektiert. Man hat immer das Gefühl, dass die Revolution schon an der nächsten Ecke wartet, während bis zum Abwinken gefeiert wird.?

Die Suche nach Marie Antoinette Noch bevor Coppola mit dem Schreiben des Drehbuchs für MARIE ANTOINETTE begann, konnte sie sich nur eine Schauspielerin in der Hauptrolle vorstellen: Kirsten Dunst, die sowohl den elfenhaften Geist und das schillernde, blasse Aussehen hatte, für das die französische Königin so berühmt war. Dunst, die ihr Debüt in Woody Allens New York Stories (New Yorker Geschichten, 1989) gab und anschließend einen Golden Globe für Neil Jordans Interview With the Vampire (Interview mit einem Vampir ? Aus der Chronik der Vampire, 1994) gewann, arbeitete erstmals mit Coppola bei dem gefeierten Debüt der Regisseurin, The Virgin Suicides (The Virgin Suicides, 1999), zusammen. Seitdem hat sie ihre Karriere mit Rollen fortgesetzt, die von dem populären Teenagerhit Bring It On (Girls United, 2000) über die Femme Fatale in der Blockbuster-Serie Spider-Man® (Spider-Man, 2002, Spider-Man 2, 2004) bis zu der surrealen Komödie Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Vergiss mein nicht!, 2004) reichen.

?In allem, was ich über Marie Antoinette las?, so Coppola, ?stellte ich mir Kirsten vor. Sie hat diese gleiche Eigenschaft einer temperamentvollen, lebenshungrigen Blondine, in deren Kopf mehr vor sich geht, als die Menschen voraussetzen. Sie hat diesen gewissen Mix aus Charme und Tiefe ? und da sie teils Deutsche ist, hat sie auch die perfekte Haut und den perfekten Look für die Rolle. Ich wusste, dass Kirsten Marie Antoinette so zum Leben erwecken würde, wie ich sie mir vorgestellt hatte.?

Die Biographin Antonia Fraser war genauso begeistert von der Besetzung. ?Ich dachte: ,Das ist genau das richtige Gesicht??, erinnert sie den Moment, in dem sie erfuhr, dass Dunst die Rolle übernehmen würde. ?Sie hat genau diese blauen Augen und die Schönheit, die so verführerisch waren. Als ich ihr persönlich gegenüberstand, dachte ich, dass sie perfekt passen würde. Sie hat sogar diese Anmut, für die Marie Antoinette so bekannt war.?

Wie Coppola war auch Dunst begeistert von dem Konzept der Marie Antoinette als lebhafte, süße und doch leicht rebellische Jugendliche, die in einem unglaublichen Luxus und unter permanenter Beobachtung lebte. Sie fand umgehend eine Verbindung zwischen Marie Antoinette und ihrem heutigen Gegenstück ? der verstorbenen Prinzessin Diana, ebenfalls eine junge Außenseiterin, die darum kämpfte, sich unter der erstickenden Last der Berühmtheit und der Krone selbst zu finden.

Für Dunst schwangen auch die Parallelen zwischen Marie Antoinette und ihrem eigenen Leben als Kinderdarstellerin mit. ?Ich konnte mich wirklich mit ihr identifizieren, weil ich mit der Schauspielerei begann, als ich elf war. Seitdem war ich ständig von Erwachsenen umgeben, permanent von Menschen umringt, denen ich zu gefallen versuchte. Deshalb verstand ich die Situation gut, in der Marie Antoinette lebte ? sie verließ ihr Zuhause und kam an diesen Ort, wo sie auf all diese Erwartungen an sie und auf Urteile über sie traf.?

?Wenn dir so viele Menschen so viel Aufmerksamkeit widmen?, fährt Dunst fort, ?kann man sich dadurch sehr isoliert und einsam fühlen. Man fragt sich ständig: ,Benutzt mich diese Person?? oder ,Wie sehen mich die Menschen?? Ich denke, Sofia wollte mich für die Rolle der Marie Antoinette, weil sie sah, dass ich die gleiche Traurigkeit und Einsamkeit in mir hatte.?

Obwohl der Film rund 19 Jahre von Marie Antoinettes Leben abdeckt und von Dunst verlangte, dass sie sich im Laufe der Dreharbeiten in die Zeit zurück begab, war für sie Marie Antoinettes emotionale Entwicklung oft durch die sehr ungewöhnlichen Umstände gehemmt. ?Ich denke, dass sich Marie Antoinette im Laufe der Jahre zu einer Art weises Kind entwickelte?, stellt Dunst fest. ?Sie kam als Teenager nach Versailles, doch dort war sie so isoliert, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens ein Kind blieb. Ihre Tragödie liegt darin, dass sie nicht wirklich sie selbst und erwachsen werden konnte, bevor es zu spät war.?

Für Dunst lag ein Teil der Herausforderung in der Rolle der Marie Antoinette darin, eine Figur zu kreieren, die nicht den leisesten Anflug einer ausgeprägten Persönlichkeit hat. ?Ich mußste mir so viel wie möglich erlauben, mir keine Sorgen um eine fest umrissene Charakterisierung zu machen?, sagt sie. ?Aber das ist der Teil, der mich besonders an Sofias Arbeit interessierte. Dies ist weniger Historienfilm als die Geschichte eines Mädchens, das aus heutiger Sicht sehr menschlich, sehr real und sehr verständlich ist. Die Menschen verhalten sich nicht wirklich oft so, wie man sie in Kostümfilmen sieht, und Sofia wollte etwas Natürlicheres, ohne Akzente. Für mich war das befreiender, und ich glaube auch, dass es den Leuten hilft, zu verstehen, was Marie Antoinette durchgemacht hat.?

Die Gelegenheit, erneut mit Coppola zusammenzuarbeiten, reizte Dunst ebenfalls sehr. ?Sofia ist für mich in gewisser Weise fast wie eine ältere Schwester?, bemerkt sie. ?Das Nette daran ist, dass wir nie die Szenen überanalysieren oder zu viel darüber reden mußsten, weil ich die meiste Zeit ziemlich genau weiß, was sie will. Ich blicke zu ihr auf und bewundere sie, aber sie vermittelt mir auch viel Vertrauen in meine eigene Arbeit. Ich mag es auch besonders, mit einer Regisseurin zusammenzuarbeiten. Die Atmosphäre ist dann immer sehr offen und entspannt.? Um sich auf die Rolle vorzubereiten, vertiefte sich Dunst in Marie Antoinettes bekannte Hobbys: ?Ich nahm Tanzstunden, Gesangsunterricht, Harfenunterricht und Unterricht in Etikette?, sagt sie. ?Ich fühlte mich, als hätte ich ein bisschen davon gelernt, was die Leute während jener Ära so getan haben.?

Dunst mußste auch den berühmten ?Versailles-Gleitschritt? lernen ? die übertriebene Bewegung, mit der Damen in gigantischen Reifröcken scheinbar mit ihren Füßen niemals den Boden berührten.

Dunst begegneten nicht nur emotionale Herausforderungen bei der Darstellung der Entwicklung der Marie Antoinette vom verspielten Kind zur tragischen Königin, sondern auch körperliche Anstrengungen bei der Verwandlung in eine Modegöttin des 18. Jahrhunderts: mit Korsetts, die die Rippen quetschten, wirklich massiv schwerem Haar und dicken Make-up-Schichten, einschließlich großzügig roter Wangen, die sinnbildlich für die französische Aristokratie waren. ?Der tägliche Prozess war ziemlich brutal?, gibt Dunst zu. ?Es gab eine konstante Wolke aus Trockenshampoo und Haarspray um mich herum und es wurde immer mehr und mehr aufgeschichtet. Ich brauchte oft schon nach der Haar- und Make-up-Sitzung eine Pause, weil es so anstrengend war.?

Als es an das Tragen der Korsetts ging, war Dunst erstaunt, dass Frauen dies seinerzeit überhaupt in Kauf genommen haben. ?Es ist in der Kleidung dieser Ära sehr schwierig zu atmen und ein Gefühl für deinen Körper zu bekommen, also versuchte ich es mit so wenig darunter wie ich nur konnte. Ich trug Korsetts in Versailles, aber sobald Marie Antoinette nach Le Petit Trianon kommt, wollte ich, dass sie sich freier fühlt und ich den Stoff auf meiner Haut spüre, um diese Veränderung zu vermitteln. Ich hatte immer das Gefühl, als hätte sich Marie Antoinette wie ein Vogel gefühlt, der stets versucht, aus dem Käfig um sie herum auszubrechen.?

Ein unerwarteter Ludwig XVI. So wie sich Coppola Kirsten Dunst als Marie Antoinette vorgestellt hatte, hatte sie in ihrem Kopf ein ähnliches Bild von Jason Schwartzman als König Ludwig XVI., bekannt als Frankreichs schwierigster, schüchternster und widerwilligster Monarch. Schwartzman, der mit einer viel gepriesenen Darbietung in Wes Andersons Rushmore (Rushmore, 1998) bekannt wurde, war unlängst in Rollen in David O. Russels I Heart Huckabees (I Heart Huckabees, 2004) und Steve Martins Shopgirl (Shopgirl, 2005) zu sehen. Er war eine unerwartete Wahl für einen Kostümfilm ? was Coppola in ihrer Entscheidung noch mehr bestätigte.

?Ich hatte immer das Gefühl, das etwas sehr Sympathisches an Ludwig XVI. war?, sagt Coppola. ?Er sollte eigentlich nie König werden und war nur in dieser Position, weil sein älterer Bruder gestorben war. Ich denke, er quälte sich mit dem Gedanken, dass er unzureichend war ? er war kurzsichtig und soll in vielerlei Hinsicht linkisch gewesen sein. Deshalb hatte ich wirklich das Gefühl, dass Jason, der diese sehr verletzliche und sensible Seite hat, Ludwig berührender und glaubwürdiger machen würde. Ich denke, er hat Ludwig XVI. ein Herz gegeben. Und dann hat Jason noch den Vorteil, dass er wie ein Bourbone aussieht. Wenn man sich diese alten Porträts anschaut, passt er genau in die Reihe, obwohl Antonia Fraser meint ? und ich stimme ihr da zu ?, dass Jason sehr viel attraktiver ist als Ludwig.?

Coppola war auch beeindruckt davon, wie sich Schwartzman in die Rolle vertiefte und mehr als vierzig Pfund zunahm, um den bekanntermaßen pummeligen Monarchen zu spielen. Und er nahm viele Stunden, um Tanzen und Reiten und das Tragen der Bürde eines Königs des 18. Jahrhunderts zu lernen ? wenn auch auf eine unnachahmlich schräge und kurzsichtige Art und Weise.

Schwartzman war von Coppolas unerschrocken moderner Herangehensweise angetan: ?Ich mochte die Idee, diesen historischen Figuren ein bisschen Mund-zu-Mund-Beatmung zukommen zu lassen und dabei zu helfen, Ludwig XVI. vollständig zum Leben zu erwecken?, kommentiert er. ?Wenn wir an historische Figuren oder irgendjemanden von früher denken, neigen wir dazu, zu vergessen, dass sie Menschen waren, die manchmal genauso Angst hatten und dies oder das manchmal genauso anzweifelten. Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind Amadeus (Amadeus, 1984) gesehen habe und völlig von den Socken war, weil es für mich das erste Mal war, dass ich Menschen aus dem 18. Jahrhundert lachen sah. Ich war so jung, und in meiner Wahrnehmung der Vergangenheit hieß es eher: ,Sie waren alt und kalt und verklemmt?. Dieser Film veränderte mich. Er machte diese Menschen echt und greifbar. Ich fand es so bezwingend, dass der Film die Figuren ernst nahm, ohne je den Blick darauf zu verlieren, dass alle, egal welchen Titel sie trugen oder wie genial auch immer sie waren, am Ende des Tages doch einfach nur Menschen waren. Genau das finde ich auch in MARIE ANTOINETTE wieder. Es ist nicht so, als würde man Menschen auf einem Sockel in weiter Ferne betrachten ? man wird direkt in den Alltag von Marie Antoinette und Ludwig hineinversetzt. Insofern ist es eine sehr intime Geschichte über etwas sehr Großes.?

In Vorbereitung auf die Rolle vertiefte sich Schwartzman in Ludwigs Leben ? ein Prozess, der zu mindestens genauso viel Verwirrung wie Sicherheit führte. ?Mir scheint, dass jeder Historiker Ludwig komplett anders interpretiert hat?, sagt er. ?Selbst seine persönlichen Tagebücher waren nicht sehr persönlich. An dem Tag, an dem er Marie Antoinette begegnet, schreibt er als Jagdprotokoll: ,Traf heute die Dauphine?. Das ist alles. Und in ihrer Hochzeitsnacht, in der sie eigentlich die Ehe vollziehen sollten, schreibt er: ,Nichts passiert?. Mehr nicht. Es ist also sehr schwer, ihn zu erfassen. Am Ende, nach der ganzen Recherche, beschloss ich, ihn auf all dem aufzubauen, was in Antonias Buch und in Sofias Skript steht.?

Schwartzman betrachtete Ludwigs Zwickmühle mit Mitgefühl: ?Ich sah ihn schließlich als einen jungen Mann, der in eine Position gebracht wurde, die ihn überforderte. Er fand sich selbst nicht stark genug, attraktiv genug oder brillant genug, um König zu sein, aber er glaubte wirklich daran, dass Gott dieses Amt für ihn vorgesehen hatte?, sagt er.

Als es um seine junge Ehefrau ging, war Ludwig komplett verloren. Schwartzman erinnert sich an Coppolas Rat für seine Szenen mit Kirsten Dunst: ?Ihre Anweisung für mich lautete: Immer, wenn es eine unangenehme Stille gab, sollte ich nicht versuchen, die Situation für Kirsten angenehmer zu machen, sondern einfach die Spannung halten?, erzählt er. ?Das war wirklich schwierig, insbesondere weil Kirsten so ein netter Mensch ist. Aber ich denke, es hat ganz gut funktioniert, weil man sieht, dass Marie Antoinette sich sehr danach sehnt, von Ludwig gemocht zu werden. Aber er kann einfach keinen Weg finden, es ihr in seiner Gegenwart leicht zu machen.?

Im Schlafzimmer führt der ganze Druck auf Ludwig und Marie Antoinette zu einer unglaublichen, siebenjährigen Dürreperiode ohne Leidenschaft. Obwohl die Theorien über das, was falsch lief, vom Psychologischen bis zum Physiologischen reichten, hat Schwartzman seine eigene Meinung: ?Ich denke, Ludwig hatte Versagerängste ? auf einem hohen Niveau?, meint er. ?Es mußs hart gewesen sein, so jung und auf der Schwelle von so viel Macht zu stehen, mit all diesen Menschen, die dich beobachten und etwas von dir wollen ? und zur gleichen Zeit fühlst du dich wirklich unbehaglich und unwohl in deiner eigenen Haut. Wenn du zwei Menschen in diese Zwickmühle bringst und sie in eine Schlafzimmersituation steckst, kommen alle möglichen, unangebrachten Gefühle hoch.?

Eine weitere Herausforderung bei der Wiederbelebung seiner Figur lag für Schwartzman in den wenigen Dialogzeilen. ?Ludwig ist ein ruhiger Mensch, aber bei Sofia ist Stille niemals wirklich Stille?, erklärt er. ?Wir gingen gemeinsam durch jede einzelne Szene, in der Ludwig einfach nur so dasitzt, und redeten darüber, was dabei wirklich in seinem Kopf vor sich geht. Wir diskutierten all die Dinge, die er wirklich sagen wollte, aber nicht sagen konnte. War das wirklich das, was Ludwig XVI. dachte? Niemand kann das mit Sicherheit sagen, aber ich denke, wir haben eine gute Synthese aus dem Bekannten und Sofias Interpretation gefunden.?

Schwartzman genoss die Arbeit mit Coppola zu jeder Zeit. ?Von der Sekunde an, in der wir den Film starteten, vertraute ich ihr mit Herz und Seele?, sagt er. ?Ich glaube, dass viele von uns am Set ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und sie benutzte viele Erinnerungen, Bezüge und Seiten aus unserem Leben, um für uns alle eine gemeinsame Basis während der Produktion zu schaffen. Sie sagte zum Beispiel ,das ist wie dieser Song? oder ,das ist wie in diesem Film? oder ,das ist wie neulich beim Abendessen? ? und man verstand wirklich, worüber sie redete.?

Viele Seiten der Rolle waren für Schwartzman eine Offenbarung. ?Ich wurde noch nie darum gebeten, ein König zu sein?, gibt er zu. ?Ich habe gelernt, wie man reitet, wie man ein Menuett tanzt und wie man sich der Etikette des 18. Jahrhunderts entsprechend verhält. Ich könnte jetzt an einer Tafel mit der Elite von Versailles sitzen und genau hineinpassen. Das war eine wirklich bereichernde Erfahrung.?

Die Besetzung des Hofes Von dem Moment an, in dem sie in Frankreich ankam, war Marie Antoinette in Versailles von einer vollkommen neuen Kultur und einer chaotischen, geschlossenen Gesellschaft von Adeligen umgeben, die sie entweder verehrten oder verschmähten, ohne sie jedoch überhaupt zu kennen. Bei der Belebung der menschlichen Seite von Versailles wählte Sofia Coppola eine Bandbreite der verschiedensten Schauspieler aus der ganzen Welt, um den Figuren aus dem 18. Jahrhundert, die heute zumeist nichts weiter als Namen in Geschichtsbüchern sind, frischen Atem und Leben einzuhauchen.

?Unsere Besetzung ist eindeutig exzentrisch?, gibt Coppola zu. ?Wir haben Rip Torn, einen texanischen König von Frankreich, Asia Argento, eine italienische Madame du Barry, und Judy Davis eine australische Comtesse De Noailles ? also eine sehr gemischte Gruppe, die mir passend erschien, weil es um sehr exzentrische und dekadente Zeiten ging. Die Besetzung spiegelt diesen Extremismus wider. Ich liebte es, mir diese Schauspieler in diesen Rollen vorzustellen.?

Die Schauspieler fühlten sich aus ähnlichen Gründen von dem Projekt angezogen. Sie schätzten die Gelegenheit, die historischen Figuren mit mehr Farbe, Schwung und menschliche Schwächen zu versehen, als es gewöhnlich im Film verlangt wird. Zu den Schauspielern, die eine besonders gute Zeit bei den Dreharbeiten hatten, gehört Judy Davis, die bereits zweimal für den Academy Award® nominiert wurde und die Comtesse de Noailles spielt, eine Frau, die sogar in ihrer eigenen Familie als ?Madame Etikette? bekannt war. ?Sie ist eine echte Fanatikerin?, sagt Davis, ?und es ist immer sehr interessant und amüsant, solche Figuren zu spielen. Ich finde, es gibt auch ein bisschen Humor an ihr zu entdecken. Marie Antoinettes täglicher Drang war der Kampf gegen das ganze System aus Privilegien, Form und Etikette in Versailles, und meine Figur hegte derweil eine fast religiöse Leidenschaft für dieses System. Es war ihr Leben und ihr Wesen.?

Davis gefiel auch Coppolas Stil am Set. ?Sie ist eine sehr verspielte Regisseurin mit leichter Hand, und das ist sehr erfrischend?, sagt sie. ?Und sie hat ein unverschämt modernes Drehbuch geschrieben.? Dieses Drehbuch erinnerte Davis daran, wie stark die Mythologisierung durch die Jahrhunderte hinweg noch immer unsere Eindrücke beeinflusst. ?Die Macht der Propaganda zeigt sich darin, dass das Gerede über Marie Antoinette aus dem 18. Jahrhundert noch heute Bedeutung hat?, bemerkt sie. ?Es wird interessant sein zu sehen, ob irgendetwas diese Gerüchte entwaffnen kann, die dazu benutzt wurden, sie zu verurteilen, seit sie ein junges Mädchen war.?

Mit seinem Shakespeare-Hintergrund freute sich auch Emmy- und Golden-Globe-Gewinner Rip Torn darauf, in die Vergangenheit zurückzukehren ? aber aus einer modernen Perspektive. Torn spielt König Ludwig XV. als einen reuelosen Genussmenschen, dessen Urteil über Marie Antoinette vor allem an ihren äußerlichen Attributen hängt. ?Sofia sagte: ,Ich möchte dich gerne wieder in Strumpfhosen sehen??, erinnert sich Torn lachend an sein Casting. ?Sie sagte, dass sie sich daran erinnerte, wie ich Shakespeare und Molière spielte und die Kostüme jener Zeit trug, als würde ich in ihnen leben. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich nie wieder eine Gelegenheit bekommen würde, eine solche Rolle zu spielen. Insofern war es eine Art wunderbare, überwältigende Erfahrung für mich.?

Autorin Antonia Fraser zählt die Besetzung von Torn in der Rolle von Ludwig XV. zu den Faszinierendsten des Films. ?Er hat wirklich das Wesen eines alternden Satyrn getroffen?, stellt sie fest.

In der Zwischenzeit übernahm der führende britische Komiker und aufstrebende Leinwandstar Steve Coogan (24 Hour Party People (24 Hour Party People, 2002), Tristram Shandy: A Cock And Bull Story (2005)) die Rolle des Count Mercy-Argenteau, des eleganten österreichischen Botschafters, der den delikaten Auftrag bekam, Marie Antoinette bei ihrer Ankunft in Versailles als Berater zu dienen. ?Count Mercy ist sehr politisch?, so Coogan. ?Er versucht, Marie Antoinette zu schmeicheln und zu lenken, denn er weiß, dass er sie nicht wirklich konfrontieren kann. Er mußs seine Worte immer auf eine Weise verhüllen, die ihre Majestät nicht beleidigt ? obwohl ich denke, dass er ihr manchmal einfach nur in den Hintern treten möchte.?

Wie der Rest der Schauspieler war Coogan überrascht von Coppolas Porträt der Marie Antoinette. ?In dieser Version war Marie Antoinette wirklich das erste Opfer schlechter PR?, lacht Coogan. ?Ich mochte die Tatsache, dass Sofia versuchte, eine Story über sie zu machen, mit der eine junge Generation etwas anfangen kann. Sie hat kein gekünsteltes Drama ohne jeglichen Bezug zu den Menschen von heute gemacht. Sie zieht eine Parallele zu dem herrschenden Starkult, den wir alle sehr gut kennen.?

Die amerikanische Schauspielerin Molly Shannon war im neunten Monat schwanger, als sie hörte, dass sie für eine Rolle in MARIE ANTOINETTE in Betracht käme. Ihr Agent sagte den Film beinahe ab, weil er sich sorgte, dass Shannon vielleicht nach der Geburt lieber eine Auszeit nehmen wollte. Doch Shannon sagte Coppola, dass sie alles dafür tun würde, wenn sie die Rolle spielen könnte. Zehn Tage nach der Geburt war sie am Set in Frankreich, ihr gerade geborenes Baby im Arm. ?Ich glaube, es gibt wenige Regisseurinnen, die etwas Vergleichbares wie Sofia machen, und ich freute mich so sehr darauf, mit ihr zu arbeiten, dass ich mir diese Gelegenheit einfach nicht entgehen lassen konnte?, erklärt Shannon.

Vor allem für ihre Arbeit im Ensemble von ?Saturday Night Live? bekannt, fand Shannon auch ein komödiantisches Element an ihrer Rolle der Tante Victoire, der vorwitzigen Tochter von Ludwig XV. ?Die königlichen Tanten waren an den Vorgängen und den Tratschereien in Versailles beteiligt?, so Shannon. ?Ich glaube, sie waren Frauen, die nie heirateten und in gewisser Weise gelangweilt waren. Sie saßen im Schloss herum und hatten nichts anderes zu tun, als darüber zu reden, wer welchen Fehler begangen, wer mit wem geschlafen hat und so weiter. In dieser Hinsicht waren sie ganz groß.?

Eine weitere Schauspielerin, die eine einzigartige Sicht auf ihren Charakter bietet, ist Popikone Marianne Faithfull, die Marie Antoinettes eisenharte, politisch gerissene Mutter Maria Theresia spielt, die Kaiserin von Österreich. Faithfull wird nicht nur häufig als Rock?n?Roll-Adel betrachtet, sondern ist auch Nachkomme des Wiener Adels. ?Meine Mutter war eine österreichische Aristokratin, und ich nehme achthundert Jahre Hintergrund für diese Rolle in Anspruch?, bemerkt Faithfull.

Der ehemalige Filmemacher und Leinwandstar Danny Huston, der Marie Antoinettes älteren Lieblingsbruder, Kaiser Joseph II. spielt, mochte ebenfalls Coppolas einzigartige Art und Weise der Erzählung dieser legendären Geschichte. ?Sofia erinnert mich an eine moderne Ausgabe anderer großer Regisseure, mit denen ich gearbeitet habe?, sagt Huston. ?Sie hat ein sehr jugendliches Auge, und ich finde es ganz treffend, ihre Version der Marie Antoinette als ,sexy candy? zu beschreiben. Wenn ich das sage, meine ich nicht, dass sie keine Tiefe hat, sondern eher, dass sie einen sehr farbenfrohen Blick auf diese Charaktere wirft, die in einer sehr oberflächlichen Welt gefangen waren. Aber um mit den Worten von Oscar Wilde zu sprechen: ,Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach Äußerlichkeiten.??

Huston stimmt in den Chor seiner Schauspielkollegen ein und genoss insbesondere die enge Zusammenarbeit mit Dunst als Marie Antoinette. ?Sie ist absolut wundervoll in der Rolle?, fasst er zusammen. ?Sie ist wie dieses Kind, das in diesem sehr kunstvollen, goldenen Käfig gefangen ist. Sie ist so schön und zierlich und sympathisch und trotzdem so allein. Immer wenn ich sie ansehe, schlägt mein Herz für sie.?

Die Schlüssel zum Schloss von Versailles Da Sofia Coppola immer ihre eigene, originäre Vision für den Look von MARIE ANTOINETTE hatte, hoffte sie von Anfang an, dass sie diese mit authentischen Locations paaren könnte. Ihr Wunsch wurde gewährt, als ihr die französische Regierung eine besondere Erlaubnis gab, im Schloss von Versailles zu filmen und ihr damit im Wortsinne die gigantischen, eisernen Schlüssel zu den am sichersten gehüteten Räumen des Palasts lieh ? von Marie Antoinettes Schlafzimmer bis hin zu dem legendären Spiegelsaal, in dem Marie Antoinette einmal den jungen Wolfgang Amadeus Mozart spielen hörte. Weil der Direktor des Palasts Coppolas Arbeit zu schätzen wusste, wurde sie die erste Filmemacherin, die jemals weit reichenden Zugang zu dem riesigen, historischen Monument erhielt. ?Ich bekam mehr Zutritt nach Versailles als zum Park Hyatt in Tokio beim Dreh von Lost in Translation (Lost in Translation, 2003)?, bemerkt Coppola.

Als eines der berühmtesten historischen Gebäude der Welt und Symbol für Reichtum, Königtum und Luxus wurde das Schloss von Versailles ursprünglich von König Ludwig XIV. in Auftrag gegeben. Er befahl dem talentierten Architekten Jules Hardouin, den größten Palast in ganz Europa auf dem Grundstück des alten Jagdschlosses seines Vaters zu erschaffen. Der große Komplex war von aufwendigen Gärten umgeben, die von André Le Nôtre entworfen wurden, während der berühmte Maler Charles Brun die Innenräume gestaltete. Die Wände waren mit den Meisterwerken französischer Künstler übersät. Das Ergebnis, das in den frühen Jahren von 1680 fertig gestellt wurde, war ein quasi massiv vergoldetes Gelände, das 20.000 Menschen beherbergen konnte ? so groß, dass Historiker anmerken, dass im 18. Jahrhundert ein bedeutender Anteil des stagnierenden Haushaltseinkommens Frankreichs lediglich zur Unterhaltung des Palasts aufgewendet wurde.

Mit mehr als 700 Räumen, 2.000 Fenstern, 1.250 Kaminen, 67 Leitern und einem etwa 100 Hektar großen Park gesäumt von Fontänen, Statuen und Gartenanlagen, bot Versailles eine unnachahmliche Location für die Dreharbeiten. ?Es war aufregend, im Palast zu drehen, wo viele der Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben?, sagt Coppola. ?Sie gaben uns bemerkenswert viele Freiheiten. Sie ließen uns sogar unsere LKWs direkt vor dem Palast parken und unsere Kameraausrüstung in Marie Antoinettes Schlafzimmer aufbewahren.?

?Wir durften Marie Antoinettes Hochzeit in der echten Kathedrale drehen, in der sie wirklich geheiratet hatte?, fährt sie fort, ?und am Ende des Films konnten wir die Szene drehen, in der sie auf den Balkon hinaustritt, den Mob unter sich, dort, wo es wirklich passierte. Es war eine sehr unheimliche und einzigartige Erfahrung, diese bemerkenswerten Momente an den wirklichen Orten des Geschehens nachzuspielen.?

Diese Herausforderungen waren dennoch sehr reeller Natur. Ausstatter KK Barrett erkannte schnell, dass Versailles eine genau so tückische wie inspirierende Location war. ?Als ich hörte, dass wir beispiellosen Zugang zu Versailles bekommen würden, war ich sehr aufgeregt. Allein was die Ausmaße angeht und den Reichtum, den der Palast aufwies, wäre er fast unmöglich nachzubauen gewesen?, sagt er. ?Doch in Wahrheit ist Versailles ein Museum, eine Art eingefrorene Version der damaligen Dinge, und wir mußsten einen Weg finden, alles lebendig darzustellen. Nach und nach erlaubte man uns, die Räume zu betreten und zu dekorieren und Nahrungsmittel, Requisiten und Stoffe hineinzubringen, um ein Gefühl davon zu vermitteln, dass Tausende von Menschen dort lebten.?

Aus Gründen des Denkmalschutzes gab es zahlreiche Regeln, die befolgt werden mußsten. ?In einigen Räumen konnten wir die Fensterläden nicht öffnen, weil allein das Sonnenlicht die Farben in den Stoffen zerstören oder den Zerfall in Gang setzen könnte?, erklärt Barrett. ?Wir konnten außerdem keines der Möbelstücke in Versailles benutzen, was wir umgehend respektieren. Doch dies bedeutete, dass wir die Aufgabe hatten, unsere eigenen Möbel zu finden und herzubringen ? Dinge, die mit den Ausmaßen dessen, was schon dort war, mithalten konnten. Das war ziemlich einschüchternd.?

Trotz der Intimität des Films gab Versailles Barrett die Möglichkeit, wilder Zurschaustellung zu frönen. ?Es gab ein Bild des Reichtums und des Luxus? und der Dekadenz in Versailles, und das nahmen wir uns zu Herzen und zur Grundlage unserer Arbeit, während wir gleichzeitig die sorglose Unschuld und Naivität, die Marie Antoinette charakterisierten, aufrecht erhielten?, sagt er. ?Es ist nicht die Alte Welt Frankreich, die wir sehen. Stattdessen betrachten wir alles durch die rosarote Brille unserer Marie Antoinette.?

Als die Schauspieler in Versailles eintrafen, wurden auch sie von der Pracht des Palasts überwältigt. ?Man führte uns herum und zeigte uns geheime Wohnungen und geheime Treppen und all diese kleinen Räume und Gebäude, die sonst niemand betreten durfte, und es war wirklich erstaunlich, so viel Zugang zu der Vergangenheit zu haben?, sagt Schwartzman. ?Eine Sache, die ich unglaublich fand, waren die Ausmaße. Wenn ich jetzt durch London gehe und den Buckingham Palast sehe, denke ich: ,Der ist ja klein?.?

Was den Dreh kompliziert machte, war die Tatsache, dass Versailles nebenbei auch eine Haupt-Touristen-Attraktion ist und die meiste Zeit während der Produktion für die Öffentlichkeit zugänglich war. Einmal wanderte Schwartzman in seinem kompletten Ludwig-XVI.-Kostüm durch die Gärten von Versailles und versuchte, sich für eine kommende Szene in seine Figur hineinzudenken, als eine Gruppe von Touristen um eine Wegbiegung kam und ihn überraschte. Coppola: ?Er sagte mal, dass er seine Figur nie loslässt, also frage ich mich, ob es an jenem Tag irgendwelche Berichte darüber gab, dass der Geist von Ludwig gesichtet wurde.?

Die "Bonbons und Kuchen"-Welt der Marie Antoinette Trotz der Dreharbeiten in Versailles und an anderen atmosphärisch dichten, historischen Originalschauplätzen in Frankreich, machte sich Sofia Coppola auf den Weg, ihren eigenen unverwechselbaren Erzählstil einzubringen. Sie hatte immer eine starke Vision davon, wie der Film aussehen und sich anfühlen sollte ? inspiriert von den Sinnesfreuden der Farben, die den Mund wässrig werden ließen, und der dekadenten Mode, die Marie Antoinette Trost spendete. Lange vor Beginn der Dreharbeiten schuf sie Collagen-Bücher, die die filmische Ästhetik widerspiegelten.

?Ich wollte definitiv nicht den standardmäßigen, genretypischen Kostümfilm-Look mit den üblichen, geliehenen Kostümen?, erklärt sie. ?Ich wollte alles auf meine Art und Weise machen, mit Frisuren, Make-up und Kostümen speziell für diesen Film.?

In Zusammenarbeit mit Kameramann Lance Acord, Ausstatter KK Barrett und Kostümdesignerin Milena Canonero entwickelte Coppola eine Palette, die dem gewöhnlichen düsteren, trüben Blick in die Vergangenheit trotzt ? mit Explosionen, Licht, Sorbet-ähnlichen Farben und regelrechter Mod-Fotografie. Als Marie Antoinette heranwächst, Mutter wird und ihren künstlerischen Rückzug nach Le Petit Trianon antritt, wechselt der Stil zu naturalistischeren Tönen und Lichtsetzung. Alles wird im letzten Kapitel des Lebens von Marie Antoinette in Versailles ein wenig dunkler und strenger, als sich die Revolution abzeichnet und Marie Antoinette den Mut findet, erwachsen zu werden.

Ihr Gesamtkonzept beschreibt Coppola so: ?Es war vor allem eine Mädchenfantasie ? jeder Bildausschnitt war mit schönen Blumen gefüllt, riesigen Kuchen, Seide und Klunkern.?

Antonia Fraser, die Jahre mit den Recherchen über das Leben von Marie Antoinette verbrachte, war überrascht von der Vollständigkeit von Coppolas Vision. ?Ich liebe den Look des Films?, sagt sie. ?Ich finde ihn magisch schön. Dem Film gelingt etwas, das ich nie tun konnte. Ich kann eine Seite nach der anderen über die Schönheit von Versailles und die Anmut von Marie Antoinette schreiben, aber im Film ist das alles so viel stärker.?

Kameramann Lance Acord, der nach Lost in Translation (Lost in Translation, 2003) wieder mit Coppola zusammenarbeitete, reizte die Herausforderung, etwas Neues und Innovatives aus einem gewöhnlich gesetzten Genre herauszuholen. ?Sofia und ich redeten viel darüber, wie man einen Kostümfilm machen könnte, ohne den Konventionen des Kostümfilms gehorchen zu müssen?, sagt er. ?Von unseren ersten Diskussionen an waren Sofia und ich uns einig, dass wir es vermeiden wollten, Gemälde zu schaffen, und anstelle dessen eine sehr fantasievolle, persönliche und lebendige Story innerhalb der realen, historischen Gegebenheiten kreieren wollten.?

?Bei der Lichtsetzung konzentrierten wir uns auf helle, pastellfarbene Töne?, fährt er fort. ?Oft sind die Locations, Möbel und Kostüme in Filmen, die in einer vergangenen Ära spielen, düster, die Stimmung ist dunkel, kalt und trostlos. Marie Antoinette lebte in einer Welt der Luxusgüter. Alles, von ihren Möbeln angefangen über ihre Garderobe bis zu ihrem Bettzeug, war frisch und neu. Die Farbpalette war von Ladurée-Makronen inspiriert. Wir waren von der Idee begeistert, dass wir diese Welt öffnen und sie heller, poppiger machen konnten.?

Acord und Coppola, die ihre eigene, besondere Kommunikation für ihre Zusammenarbeit entwickelt haben, setzten die Entwicklung ihrer Partnerschaft bei MARIE ANTOINETTE fort. ?Wir haben noch nie mit konkreten Storyboards gearbeitet. Normalerweise proben die Schauspieler und wir nehmen die Emotionen ins Drehbuch auf, die Location, das Licht und entscheiden dann, wie wir die Szene drehen?, erklärt Acord. ?Es ist ein eher intuitiver Prozess des Beobachtens und des Entdeckens von Dingen, die sich vor unseren Augen abspielen. Sofia hat auf ihre eigene ruhige Art und Weise ein sehr klares und künstlerisches Verständnis davon, was sie will, und vertraut mir dabei, ihr bei der Verwirklichung zu helfen.?

In der Zwischenzeit sah Ausstatter Barrett, der ebenfalls mit Coppola und Acord an Lost in Translation (Lost in Translation, 2003) gearbeitet hatte, seine Rolle in der Erschaffung einer Art endlosen, pastellfarbenen Luftblase oberflächlicher Schönheit um Marie Antoinette herum. Er war ebenfalls erfreut über Coppolas frische Art, Geschichte neu zu erfinden. ?Es war von Anfang an klar, dass Sofia eine sehr impressionistische Herangehensweise wählen würde?, sagt er. ?Der Fokus liegt nicht auf dem, was die Menschen um sie über Marie Antoinette dachten, sondern auf dem, wie sie persönlich die Welt um sich herum aufnahm, und so soll das Publikum den Film wahrnehmen. In gewisser Weise ist dies eine sehr straff fokussierte, persönliche Story ? genau wie The Virgin Suicides (The Virgin Suicides, 1999) und Lost in Translation.?

Von Anfang an ließ Coppola Barrett an eine ?Bonbons- und Kuchen-Welt? denken. ?Sie stellte ein Referenzbuch zusammen, das mit Makronen-Farben gefüllt war, mit minzefarbenem Grün und Magentatönen und Kanariengelb, anstelle des königlichen Blau und Burgunder, das man erwarten würde?, erinnert sich Barrett. ?Wir trafen die Entscheidung, uns von allen Braun- und Beigetönen fernzuhalten, um dieses Sepia-Klischee zu vermeiden, das dem Zuschauer sagt: ,Du befindest dich in einer anderen Zeit?. Wir wollten das Gefühl erzeugen, dass wir Marie Antoinettes Welt fotografierten, dass wir zufällig in der Lage waren, es zu dokumentieren, bevor alles mit der Zeit verblasste. Die Idee ist, dass man wirklich da ist ? mit Unmittelbarkeit und jugendlicher Dynamik.?

Barrett hatte besondere Freude daran, Marie Antoinettes private Welt bei ihrem Rückzug nach Le Petit Trianon nachzubilden. ?Ihre dortige Welt war heller, farbenfroher, natürlicher, fantasievoll und entspannt ? und hing viel weniger an dem Gewicht der Historie und des Protokolls. Zurück in der königlichen Welt von Versailles sehen wir die Steifheit, die Vergoldung, die mythischen Proportionen.?

Weil es so viele Restriktionen beim Drehen in Versailles und Le Petit Trianon gab, nutzte die Produktion außerdem mehrere andere Schlösser aus der Ära, um die Schlafzimmer des Königs und der Königin nachzubilden sowie Marie Antoinettes ländliches, an einem Weiher gelegenes Zuhause, bekannt als das ?Hameau?, das sie in Le Petit Trianon bauen ließ. ?Wir fanden ein paar Schlösser, die wundervolle, auf die Ära bezogene Details hatten, aber zu großem Teil baufällig waren?, erklärt Barrett. ?Wir waren in der Lage, einzelne Elemente und Äußerlichkeiten einzubeziehen, aber auch neue Wände zu schmücken oder zu verändern, Fenster zu verschließen oder hinzuzufügen, Kamine zu bauen, gebogene Decken ? wir konnten ziemlich viel machen. Aber was auch immer wir taten, es gab immer die Richtlinie für uns, uns nicht zu sehr festzulegen, kontinuierlich daran zu denken, es sehr lebendig zu lassen und nicht steif und ruhig zu werden.?

Von allen Sinnen, die in MARIE ANTOINETTE stimuliert werden, ist Geschmack der stärkste ? und einer der ungewöhnlichsten in einem Film. Im gesamten Design des Films sind die Geschmacksvorlieben im Frankreich des 18. Jahrhunderts großzügig dargestellt. Die Kreation der Platten mit aufgetürmten Essen, von denen Marie Antoinette und Ludwig speisen, war Coppola besonders wichtig.

?Einer der großen Vorteile für den Film, den die Arbeit in Frankreich mit sich brachte, war die Möglichkeit, Menschen zu finden, die tatsächlich darauf spezialisiert sind, Lebensmittel nach den Vorstellungen des 18. Jahrhunderts zuzubereiten?, sagt sie. ?Es gibt sehr viele Traditionen der Zubereitung von Essen zu jener Zeit. Es war alles so raffiniert, so übertrieben. Es war für mich als Regisseurin wirklich lustig, eine komplette ,Kuchenabteilung? zu haben, die nur damit beschäftigt war, Makronen und alle diese lächerlich süßen, pinkfarbenen Gebäckstücke herzustellen, mit denen wir die Sets dekorierten. Während des gesamten Films ging es in gewisser Weise immer um ,Kuchen und Kekse?.?

Ein Blick aus dem 21. Jahrhundert auf die Mode des 18. Jahrhunderts Mit ihrer unbändigen Jugend und der Schönheit ihrer blassen Haut, ist Marie Antoinette in der Erinnerung eine der stylishsten Trendsetterinnen der europäischen Geschichte. Sie kam zu einer Zeit extremer modischer Extravaganz unter den Adeligen nach Frankreich und sie frönte den riesigen Reifröcken und langen Schleppen der berühmtesten Modehäuser von Paris. Es war außerdem die Ära der ?Belle Poule? ? der berühmten Frisur, die meterhoch auf dem Kopf getürmt und mit Früchten, Spielzeug und Federn dekoriert wurde und die Marie Antoinette zu einem extremen Grad kultivierte. Später führte Marie Antoinette nichtsdestoweniger eine wichtige Wandlung in der Mode an und Frankreich in Richtung einer Ära der einfacheren, fließenderen, natürlicheren Kleider, die eine Zeit erheblicher Umbrüche ankündigten.

Für Coppola waren die Kostüme für MARIE ANTOINETTE immer der zentrale Teil ihrer mutigen Vision für das Design des Films. Sie wusste, dass sie einen Designer brauchen würde, der sowohl ein historisches Verständnis für die Stile des 18. Jahrhunderts besaß als auch die grenzenlose Kreativität, diesen ein merklich modernes Gespür zu verleihen.

Diese Person war eindeutig Milena Canonero. Canonero hat bereits zwei Academy Awards® gewonnen für Chariots of Fire (Die Stunde des Siegers, 1981) und Barry Lyndon (Barry Lyndon, 1975) und wurde fünf weitere Male nominiert. Sie zählt damit heute zu den gefragtesten Kostümdesignerinnen. Sie entwickelte schnell eine starke Affinität für Coppolas unkonventionelle Herangehensweise an einen Film über die Vergangenheit. ?Sofia ist mir in der Hinsicht ähnlich, dass sie vor allem an den Gefühlen interessiert ist, die ein Kostüm dem Publikum vermitteln kann?, sagt Canonero. ?Insofern sind einige unserer Arbeiten in MARIE ANTOINETTE symbolisch, einige sind stylisch und andere sind psychologisch. Es gibt immer einen Grund für ein bestimmtes Gewebe oder eine bestimmte Farbe.?

Sobald sie an Bord war, präsentierte Coppola Canonero eine starke Grundlage für ihre Arbeit. ?Als ich mich das erste Mal mit Sofia traf, hatte sie bereits ein paar Monate in Frankreich recherchiert und sie erzählte mir von ihren Ideen mit den Makronen-Farben ? das gewagte Pink, das goldene Gelb, das Pistaziengrün?, erinnert sich Canonero. ?Also fingen wir damit als Inspiration an, dann widmeten wir uns grafischen Streifen und Blumenmustern.?

?Sofia wollte nicht, dass der Film den erwartbaren Look vergangener Zeiten hat?, fährt sie fort. ?Dies ist keine klassische Version von Marie Antoinette, sondern Sofias persönliche Vision von ihr. Der Film ist ein sehr moderner Blick auf ihr Innenleben und insofern mußste auch die Kleidung diese Sprache sprechen. Wir nahmen das Wesentliche der Dinge und stilisierten es. Wir wollten, dass mehr Wärme und Menschlichkeit zum Vorschein kam, also sollten die Kleider zugleich reich und einfach sein ? eine moderne Vision.?

?Viele unser Kostümen standen in Bezug zu dem Song ,I Want Candy??, sagt Canonero. ?Wir wählten Farben und Stoffe, die einen an Dinge erinnern, die man gerne essen möchte. Es ging von sehr blass über weich bis zu grelleren Tönen. Man kann sagen, dass wir stark von der Ära beeinflusst waren, aber wir zeigen keine klassische Sichtweise. Wir machen eher ein ,fashion statement?. Bisweilen war das sehr Rock and Roll.?

Canonero verwendete eine Mischung aus authentischen Stücken der Ära und Original-Designs und importierte meterweise Tüll, Organza, Taft und Seide aus darauf spezialisierten Häusern in Italien und England sowie Tausende von Federn, um eine Regenbogen-Palette königlicher Kostüme zu kreieren. Sie brachte Hutmacherinnen dazu, Hunderte von Hüten zusammenzunähen und endlose Stunden damit zu verbringen, diese mit Knöpfen zu besticken. ?Knöpfe sind ganz wichtig für den Look des 18. Jahrhunderts?, erklärt sie.

Was die Schuhmode angeht, eine der Leidenschaften von Marie Antoinette, nutzte Canonero die Designs des heutigen, trendsetzenden Designers Manohlo Blahnik, der stilisierte Versionen der Schuhe des 18. Jahrhunderts schuf. ?Sie sind nicht zu einhundert Prozent Retro, doch sie fühlen sich so an?, sagt sie.

Bei den Kostümen von Dunst arbeitete Canonero eng mit Coppola zusammen. ?Sofia wollte Reichtum und Frische für Marie Antoinette und ihre Kleider sollten ihre Entwicklung von einem jungen Mädchen zu einer mondänen Frau zeigen?, sagt sie. ?Man sieht an ihren Kleidern, wie sie mehr Selbstvertrauen gewinnt und selbst ihr Dekolleté wird stärker betont.?

Obwohl viele Frauen zur Zeit Marie Antoinettes Perücken trugen, wählten Canonero und Coppola einen natürlicheren Look für Dunst und benutzten häufig Haar-Puder im Stil des 18. Jahrhunderts, aber erlaubten Dunst auch, ihr Haar natürlich zu lassen. ?Die Frisur entspricht nicht dem, was wir häufig mit Marie Antoinette verbinden, doch wir suchten nach dem, was Kirsten am besten in den intimeren Momenten stehen würde?, bemerkt Canonero.

Dunsts Make-up war extrem und hielt sich sehr an die Faszination des 18. Jahrhunderts für starkes Rouge. ?Wenn überhaupt irgendetwas, war der wirkliche Look dieser Zeit noch kühner?, erklärt Canonero.

Während allein die Roben für Marie Antoinette ihr Team für Monate hätten beschäftigen können, entwarf Canonero gleichzeitig eine lange Reihe von Kostümen für Marie Antoinettes Hof ? und jede Figur erhielt ihren eigenen, einzigartigen Look.

Neben Marie Antoinette waren Canoneros weibliche Lieblingsfiguren die Comtesse de Noailles, die von Judy Davis gespielt wird, und Madame du Barry, gespielt von Asia Argento. ?Sie sind einzigartige Frauen?, sagt Canonero. ?Für die Comtesse de Noailles wählten wir einen sehr eleganten und markanten Look ? sie trägt viel Gelb, Zitrone und Limone, um ihre säuerlichen Eigenschaften zu zeigen. Madame du Barry ist wie ein exotischer Vogel, beinahe ein Papagei. Sie ist ein wenig übertrieben, mit vielen Juwelen, Turbanen und Federn.?

Was Schwartzmans Ludwig XVI. angeht, wandte sich Canonero erneut von den standardisierten Klischees ab. ?Ich wollte ihn nicht in Stickereien hüllen, so wie man ihn auf Gemälden sieht, also versuchten wir ein bisschen mehr Einfachheit?, erklärt sie. ?Dies war der Höhepunkt französischer Dekadenz, aber wir wollten betonen, dass Ludwig XVI. einer neuen Generation angehörte und seine Kleidung eine Vorwärtsbewegung markierte. Wir benutzten einen maßgeschneiderten Look, auffällig gemustert, mit teuren Materialien und helleren Stickereien. Aber er trägt viele der Lieblingsfarben von Ludwig XVI. ? sanfte Blau- und Grau-Töne.?

Schwartzman fand, dass die Kleider bei der Reise in die Vergangenheit durchaus dabei halfen, den Mann darzustellen. ?Die Kostüme waren eine große Hilfe für mich. Da ist irgendetwas beim Anziehen dieser Outfits, das dich körperlich verändert. Schicht für Schicht beginnt man, in die Zeit zurückzureisen. Man nimmt eine andere Haltung an. Der Rücken wird gerader, die Schultern fester, und man geht und sitzt auch ganz anders. Das ist sehr hilfreich dabei, in die Vergangenheit zu reisen.?

Während des ausführlichen Prozesses arbeitete Canoneros Team Tag und Nacht, um die komplette Besetzung des Hofs in frische und unkonventionelle Outfits zu kleiden. Canonero präsentierte Coppola ständig ihre Entscheidungen, um sicherzugehen, dass ihre Vorstellungen übereinstimmten.

Coppola war begeistert von Canoneros Arbeit. ?Es war erstaunlich zu sehen, was sie tat und wie sie den Film sah, denn wir betrachteten die einzelnen Kostüme separat in ihrem Studio. Aber als alle Schauspieler am Set zusammenkamen, konnte man sehen, wie all die verschiedenen Farben und unglaublichen Details etwas sehr Reiches und Schönes kreierten?, sagt sie. ?Es war sehr aufregend zu sehen, was passierte ? zu sehen, wie unsere Vorstellungen zum Leben erweckt wurden.?

Die strenge Etikette von Versailles Marie Antoinette schrieb einmal an ihre Mutter: ?Ich trage mein Rouge auf und wasche mir die Hände vor den Augen der ganzen Welt.? Sie übertrieb nicht. Weit davon entfernt, dem König und der Königin von Frankreich ein gemütliches Nest zu sein, war Versailles ein kompliziertes Universum für sich, in dem Tausende Adelige und ihre Bediensteten lebten und mit begeisterter Aufmerksamkeit über jede Bewegung wachten, die die Monarchen machten, wie trivial auch immer diese war. Es ist schwierig, sich dies im 21. Jahrhundert vorzustellen, doch das Leben von Marie Antoinette, ihr Körper und ihre Aktivitäten wurden nicht als ihre wahrgenommen, sondern als gehörten sie der französischen Nation und dem gesamten königlichen System. Sie wurde von anderen angezogen, von anderen geschminkt und sie nahm ihre Mahlzeiten unter den Augen der Öffentlichkeit ein, und von jedem Wort, das sie äußerte, wurde erwartet, dass es in Übereinstimmung mit dem königlichen Benimmkodex stand. Ein Privatleben war unmöglich. Selbst in ihrer Hochzeitsnacht waren Marie Antoinette und Ludwig weit davon entfernt, allein zu sein. Ihr Hochzeitsbett mußste öffentlich gesegnet werden und als sie es zum ersten Mal bestiegen, waren sie von einer beachtlichen Menge umringt. Später mußste Marie Antoinette, sogar vor den Augen neugieriger Schaulustiger ihre Wehen ertragen.

Es war Ludwig XIV., der erstmals viele der ungeheuer komplizierten Etiketteregeln von Versailles etablierte, um eine bessere Kontrolle über die Machtkämpfe unter den Adeligen zu haben. Das Protokoll deckte so gut wie jeden Aspekt des Verhaltens und der Kleidung ab und bezog auch strenge Definitionen ein, wer wem übergeordnet war. Was Marie Antoinette anging, war das Protokoll ganz besonders intensiv und fing bei den morgendlichen, ausführlichen Ankleide- und Pflegeritualen an. Höchst spezifische Regeln besagten, wer Marie Antoinette die Unterwäsche reichen und wer ihr die Seife geben durfte, wer ihr Rouge auftrug, bis hin zu der Regel, wer das Privileg genießen durfte, ihre Haut beim Baden zu berühren. Zwischenzeitlich wurde jedes Detail ihrer Existenz, vom Banalen zum Beschämenden, von ihrem Sexleben bis zu ihrem Menstruationszyklus für die ganze Welt schriftlich festgehalten.

Alles war unglaublich kompliziert und die bemerkenswerte Szene in MARIE ANTOINETTE, in der eine nackte Marie Antoinette zitternd vor zahlreichen Besuchern sitzt, die das Recht weitergeben, der Dauphine ihre Unterwäsche zu reichen, stammt direkt aus Antonia Frasers Recherchen. Die Ironie an der Sache ist: Obwohl sie von Tausenden von Beobachtern und Dienern umringt war, fühlte sich Marie Antoinette völlig abgesondert und allein ? ein junges Mädchen gefangen in einer Fantasiewelt, die ihr herzlich wenig Freiheit ließ.

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Dirk Jasper FilmLexikon

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