Wicker Man - Ritual des Bösen

Produktionsnotizen

Oscar-Preisträger Nicolas Cage und der gefeierte Regisseur Neil LaBute sind beide seit langem Fans des britischen Films ?The Wicker Man?. Die Produktion entstand 1973 mit Edward Woodward, Christopher Lee und Britt Ekland in den Hauptrollen ? Regie führte Robin Hardy. Beim Kinostart war das Echo eher gering, doch in den folgenden Jahren begeisterte der Film eine stetig wachsende Fangemeinde, die ihm Kultstatus verschaffte.


Cage sah den Film erstmals im Haus des verstorbenen, legendären Punk-Rockstars und Filmfans Johnny Ramone. Er erinnert sich: ?Der Film war völlig anders als alles, was ich bisher gesehen hatte. Ich war tief geschockt. Wenn einem Film das gelingt, dann mußs er wirklich gewaltiges Potenzial mitbringen.?

Dazu Produzent Norm Golightly, Cages Partner in der Firma Saturn Films: ?Viele kennen den Titel, haben den Film aber nie gesehen. Aber es gibt eine eingeschworene Gemeinde, die ,The Wicker Man? sehr verehrt.?

?Die Atmosphäre ist so gruselig und unheimlich, wie sie meiner Meinung nach bisher kein anderer Film beschwören konnte?, fügt Produzent Boaz Davidson hinzu.

1980 arbeitete Autor/Regisseur Neil LaBute in einem Arthouse-Kino, als er erstmals den Trailer und das Plakat des Originals sah ? der Film war etliche Jahre nach dem britischen Start auch in den USA angelaufen. ?Er zählte zu jenen Filmen, die die Leute entweder auswendig oder überhaupt nicht kennen?, erinnert er sich. ?Ich fand die Story und vor allem das Ende toll.?

Als Filmemacher, der sich auch als Theaterautor profiliert hat, ist LaBute wie geschaffen für eine zeitgenössische Variante der ?Wicker Man?-Story. ?Neil hat sich im Theater und mit künstlerischen Filmen einen Namen gemacht?, sagt Produzent Randall Emmett. ?Mir kam der Gedanke: ,Wow, auf diese Weise bekommen wir einen künstlerisch integren Genre-Film.??

?Neil schätzt Schauspieler sehr?, fügt Cage hinzu. ?Er mag die dynamische Atmosphäre, die sich im Spannungsfeld zwischen Regie führen, Schauspielen und Schreiben ergibt. Er ist sehr zugänglich und schätzt die kreative Arbeit. Entsprechend hat es mir sehr viel Spaß gemacht, diesen Film mit ihm zu drehen.?

LaBute hat sich seinen Ruf mit schonungslosen Analysen der Beziehung zwischen den Geschlechtern gemacht, zum Beispiel mit seinen Filmen ?In the Company of Men? und ?Your Friends & Neighbors?. Begeistert nahm er die Gelegenheit wahr, die Grauzonen weiter auszuloten, wenn auch auf höchst unkonventionelle Weise: ?Mit diesem Film begebe ich mich in eine Welt, die wahrscheinlich eher wieder meinen früheren Werken ähnelt, denn wieder erkunden wir, wie Männer und Frauen miteinander umgehen, wie unterschiedlich sie Macht einsetzen.?

In seinem Remake zu ?The Wicker Man?, das er über 30 Jahre nach dem Original in Angriff nahm, entschied sich LaBute für einen Rollentausch der Geschlechter, der vom heutigen Publikum eher akzeptiert wird: Es sind nicht mehr die Männer, sondern die Frauen, die die Gesellschaft auf der geheimnisvollen Insel namens Summersisle kontrollieren.

Noch nie hat LaBute die Rollen bestimmten Schauspielern auf den Leib geschrieben. Aber er war begeistert, wie leicht sich Cage die Rolle des Edward Malus aneignete. ?Aus seinem Mund klingt der Dialog absolut überzeugend ? als ob er speziell auf ihn zugeschnitten wäre ? aber so habe ich das nie gesehen?, sagt der Regisseur. ?Ich habe immer nur an die Rolle gedacht, denn ich kenne Nics Stärken, seine Chamäleon-Fähigkeit, sich in jede beliebige Figur zu verwandeln. Nicolas Cage macht aus Edward eine sehr menschliche Figur.?

Cage spielt den Highway-Cop Edward Malus, der durchaus damit zufrieden ist, als Streifenpolizist auf einem einsamen Abschnitt einer kalifornischen Landstraße Dienst zu schieben. ?Er gehört zu den Menschen, die mit ihrer Tätigkeit sehr glücklich sind?, sagt Cage. ?Er hat seine Prinzipien, und er glaubt an das Gesetz.?

Edward wird durch eine Katastrophe aus der Bahn geworfen, denn er gibt sich selbst die Schuld am Feuertod einer jungen Frau und ihrer Tochter. ?Durch den Unfall gerät sein Verstand außer Kontrolle?, erklärt Cage. ?Sein Gemütszustand destabilisiert sich zusehends, Edward leidet unter Angstzuständen, gerät in Panik, wenn er an die Ereignisse zurückdenkt, die ihm ins Gedächtnis gebrannt sind. Deswegen schluckt er Medikamente, um seine Probleme in den Griff zu bekommen.?

Das Blatt wendet sich plötzlich, als er einen unerwarteten Brief seiner ehemaligen Verlobten erhält, deren Tochter Rowan vermisst wird. ?Willow ist die unerfüllte Liebe seines Lebens?, sagt Cage. ?Er hat nie begriffen, warum sie ihn verlassen hat. Sie ist einfach verschwunden, und das beschäftigt ihn nach wie vor. Er konnte diesen Verlust nie verwinden ? in seinem Herzen hat sie immer noch ihren festen Platz.?

Natürlich will Edward Willow unbedingt wiedersehen, und er mobilisiert ungeahnte Kräfte, weil er jetzt einen Ausweg aus seiner Krise sieht. Also macht er sich auf und versucht auf die geheimnisvolle Insel namens Summersisle zu gelangen. ?Er kennt Willow von früher ? sie ist plötzlich aus seinem Leben verschwunden?, sagt LaBute. ?Deswegen hat er großes Interesse daran, sie wiederzusehen und herauszufinden, was damals eigentlich passiert ist, denn immerhin waren sie verlobt.?

Edward fliegt von der Küste im Staat Washington über den Puget Sound zu der abgelegenen Privatinsel Summersisle, die mit normalen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen ist. Offenbar wohnt dort ein altmodisches Völkchen, das von der Landwirtschaft lebt ? vor allem stellen die Insulaner Honig her. Anführerin ist die Matriarchin Schwester Summersisle, die von Oscar-Preisträgerin Ellen Burstyn dargestellt wird. ?Seit vielen Jahren leben sie auf dieser Insel fernab von der Zivilisation?, berichtet Davidson. ?Es gibt keine Autos dort, kein Fernsehen, keine modernen Kommunikationsmöglichkeiten. Sie leben ganz für sich und für ihre Religion, ein seltsames, heidnisch angehauchtes Glaubenssystem.?

In diese Umgebung gerät der ganz normale amerikanische Cop. ?Edward ist in der traditionellen Gesellschaft aufgewachsen, die ihn als Mensch und Polizist akzeptiert?, sagt LaBute. ?Aber seine Schusswaffe und die übrigen Kennzeichen seiner Autorität bedeuten den Menschen hier kaum etwas. Er steht unter großem Zeitdruck, wenn seine Suche Erfolg haben soll, aber das interessiert die Inselbewohner nicht. Denn hier steht die Zeit still, und äußerst frustriert nimmt er zur Kenntnis, dass er nichts aus ihnen herausbekommt. Er ist überzeugt, dass er kraft seines Amtes Autorität hat, doch sobald er auf der Insel gelandet ist, hat er keine Möglichkeit mehr, sie zu verlassen. Im Laufe der Handlung werden seine Optionen also immer mehr eingeschränkt.?

Der Schlüssel zum Geheimnis ist Edwards frühere große Liebe Willow Woodward, dargestellt von Kate Beahan. ?Kate Beahan hat etwas sehr Rätselhaftes?, sagt Cage. ?Man weiß nie, was sie gerade denkt. Vor der Kamera wirkt sie sehr geheimnisvoll. In ihrer Rolle Willow ist sie völlig unberechenbar ? für Kate ist das ein Selbstgänger.?

?Sie haben sich schon lange nicht mehr gesehen, es ist also sehr bezeichnend, dass Edward sofort auf ihren Hilferuf reagiert?, sagt Beahan. ?Bald wird deutlich, dass sie nach wie vor viel füreinander empfinden. Er kommt von sehr weit her, um ihr zu helfen ? deswegen mußs er ihr jetzt vertrauen und alles glauben, was sie sagt.?

?Fast hat man den Eindruck, dass sich hier die Gegensätze anziehen?, sagt Cage. ?Die beiden haben nämlich praktisch gar nichts gemeinsam, aber in ihrem Anderssein finden sie sich attraktiv. Es ist zwar schon acht Jahre her, dass sie ihn verlassen hat, aber dennoch hat er sie nie vergessen ? er hängt immer noch sehr an ihr.?

Doch die Insel stellt eine starke Macht dar, der Edward sich stellen mußs. Die Einwohner helfen ihm nicht, und Willows Beziehung zu ihnen scheint gespannt. ?Am ersten Tag auf der Insel erfährt er, dass Rowan gar nicht existiert; dann hört er, sie sei tot; er hört, die Mutter sei verrückt geworden?, erklärt LaBute. ?Er hat keine Ahnung, wem er trauen kann, und dieser Umstand macht die Situation auch für die Zuschauer so faszinierend. Jeder Insulaner scheint etwas zu verbergen.?

Die einzige Spur zur vermissten Rowan: Edward mußs Willows Bericht glauben. ?Doch je mehr er nachforscht, desto mehr erfährt er über diese Gemeinde ? er bewegt sich zunehmend auf gefährlichem, unsicherem Terrain?, sagt Beahan.

Drei Tage lang geht Edward jeder Spur nach, die zu Rowan führen könnte: Er schaut sich die Grundschule an, in der sie vielleicht den Unterricht besucht hat; er spricht beim Inselarzt vor, der auch als Fotograf arbeitet; er schaut sich an der Anlegestelle und sogar auf dem Friedhof um. Wie schwierig es für jemanden ist, drei Tage lang eine ihm unbekannte Person zu suchen, wird durch die Bilder deutlich, die zeigen, wie Edward durch den Wald rennt. ?Er verfügt natürlich nicht über genügend Polizisten, um eine regelrechte Ermittlung durchzuführen. Aber er ist ein anständiger Mann, ein aufrechter Cop?, sagt LaBute. ?Sein Frust wirkt oft auch komisch, denn diese Leute werfen ihm ständig neue Knüppel zwischen die Beine, und wahrscheinlich liegt es an Nics Sinn für Humor, dass diese Begegnungen lustiger wirken als im Normalfall. Wunderbar, wenn man so die Erwartungen der Zuschauer gegen den Strich bürstet ? die komischen Momente mischen sich mit den Augenblicken sehr realer Angst.?

Als sich das Geheimnis allmählich lüftet, führt Edwards Weg unausweichlich zur Villa, in der die Matriarchin, das geistige Oberhaupt der Insel, residiert: Schwester Summersisle. ?Sie führt die Kolonie, die eine Art vorchristlichen Glauben praktiziert?, sagt die gefeierte Schauspielerin Ellen Burstyn, die diese Rolle übernimmt. ?Die Bewohner leben abseits vom Rest der Welt ? das könnte eigentlich ewig so weitergehen. Die Gemeinde bleibt unter sich. Auf technischen Fortschritt legt sie keinen Wert. Sie führt ein archaisches Leben.?

Nicolas Cage wünschte sich schon lange, mit Burstyn zu arbeiten. ?Immer spielt sie hervorragend, zeigt phänomenale Leistungen mit Kultcharakter?, sagt Cage. ?In ,Der Exorzist? vermittelte sie uns das Gefühl einer sehr realen Stresssituation, und diesmal wirkt sie in ihrer Rolle sehr stark, sehr dominierend.?

?Ellen ist eine hervorragende Wahl für die Bienenkönigin dieser Gemeinde?, sagt LaBute. ?Sie ist eine sehr kraftvolle Schauspielerin, die es unglaublich gut versteht, eine derart starke, aber auch schüchterne Person darzustellen, die kaum etwas von sich preisgibt. Was sie sagt, kann man auf drei oder vier verschiedene Arten interpretieren, und in einer Szene kommt es zu einer Art Katz-und-Maus-Spiel: Wer sagt die Wahrheit, wer bestimmt über wen??

Die Situation wird ungleich komplizierter, als Edward endlich begreift, dass Rowan seiner und Willows sehr kurzer Beziehung vor acht Jahren entstammt: Sie ist Edwards Tochter. ?Jetzt kapiert er plötzlich: ,Sie ist mein eigen Fleisch und Blut, und ich werde dafür sorgen, dass ihr nichts passiert. Niemand wird ihr etwas antun, und wenn es mich das Leben kostet??, sagt LaBute. ?Bei der Suche und der Rettung des Mädchens geht es von nun an um sehr viel mehr. Dieser Spannungsbogen bietet dem Schauspieler Nic eine schöne Herausforderung: Anfangs weiß Edward sehr wenig, worum es eigentlich geht, doch dann verwandelt er sich in einen Mann mit sehr geradliniger, urwüchsiger Motivation.?

Die Hauptdarsteller werden von einem sehr facettenreichen Ensemble unterstützt, darunter Leelee Sobieski, Molly Parker, Frances Conroy und Diane Delano. ?Die Besetzung erwies sich als sehr schwierig?, sagt Randall Emmett. ?Denn wenn der Film für Spannung und Angst sorgt, dann aufgrund der starken Schauspielerleistungen. Wir können uns glücklich schätzen, diese Darsteller gefunden zu haben.?

?Ein wunderbarer Nebeneffekt dieser matriarchalischen Gesellschaft sind die vielen mitreißenden Frauen am Set?, fügt Beahan hinzu.

Burstyn stimmt ihr zu: ?Unser Ensemble besteht aus fantastischen Schauspielerinnen. Es bringt Spaß, in einer derart interessanten, begabten und kreativen Gruppe zu arbeiten.?

Leelee Sobieski wollte unbedingt in ?The Wicker Man? mitwirken und wagte deshalb die schwierige Gratwanderung, in Vancouver gleichzeitig auch in einem anderen Film aufzutreten. ?Neil ist ein unglaublicher Autor?, sagt sie. Sie beschreibt das Drehbuch als ?spannend, gruselig und sadistisch. Ich habe erst gar nicht kapiert, was da abgeht. Mir gefallen Filme, die immer neue Fragen aufwerfen.?

Die Dreharbeiten zu ?The Wicker Man? begannen in Vancouver/British Columbia und dauerten 45 Tage. Neben etlichen anderen Schauplätzen konzentrierte man sich auf das westlich von Vancouver gelegene Bowen Island, das die ländliche Insel Summersisle doubelt.

Während der Originalfilm von 1973 auf einer abgelegenen schottischen Insel spielt, wurde die Handlung des Remakes in die Vereinigten Staaten verlegt. Die Filmemacher suchten nach geeigneten Schauplätzen an der Ostküste, in Georgia und etlichen Gegenden mit Inselgruppen, bevor sie sich für die Pazifik-Region im Nordwesten entschieden.

Eine geeignete Filminsel zu finden war doch etwas komplizierter, als die Filmemacher zunächst angenommen hatten. Denn dort sollte es mit wenigen Ausnahmen so zugehen wie vor hundert Jahren. Auf Summersisle gibt es zwar Strom und sanitäre Anlagen, aber keine Autos, keine Motorboote, keine modernen Kommunikationsmöglichkeiten. ?Wir mußsten eine ganze Anzahl Motive finden und kombinieren, um dieses Konzept überzeugend bebildern zu können?, erklärt Norm Golightly. ?Denn sogar in recht abgelegenen Gegenden sind die Straßen meist gepflastert ? aber auf unserer Insel käme niemand auf die Idee, eine Straße zu asphaltieren.?

?Die Motivsuche war eine Riesenaktion?, sagt Emmett. ?Wir sind mit Wasserflugzeugen und Helikoptern losgeflogen? Ich kam mir schon vor wie bei einer Reportage für National Geographic. Wir schauten uns eine Insel nach der anderen an und überlegten: ,Wie können wir das Team täglich hierher bekommen?? Bowen Island erwies sich als wunderschön und echt spektakulär.?

Die Fähre zwischen Bowen Island und Vancouver braucht nur 20 Minuten. Alle Anforderungen der Produktion wurden hier ideal erfüllt. ?Die Insel ist ein Paradies?, sagt Frances Conroy, die Dr. Moss darstellt. Über das gruselige Drehbuch sagt sie: ?Ich fand, es wäre angebracht, einen Segen über das Land auszusprechen, nachdem wir fertig gedreht haben. Es gibt im Film nämlich etliche sehr unheimliche Szenen, und wir dürfen wohl dankbar sein, dass der Himmel dabei nicht aufgerissen ist.?

Dazu Leelee Sobieski: ?Manchmal hilft die Landschaft sehr, in die richtige Stimmung zu kommen. Ich erlebe es hier genauso, wie ich es mir beim Lesen des Drehbuchs vorgestellt habe.?

Die Filminsel Summersisle besteht aus 40 verschiedenen Schauplätzen, die man teils auf der Insel, teils auf dem Festland fand ? es war dann an LaBute und seinem Team, die Puzzle-Teile sinnvoll zusammenzusetzen. ?Das ergab sich aus dem Konzept, Edward möglichst zu isolieren?, sagt der Autor/Regisseur. ?Es gibt also kein zentrales Dorf, in dem er sich ständig bewegt. Stattdessen leben die Bewohner von Summersisle wie vor 150 Jahren überall verstreut. Einen typischen Dorfplatz gibt es dort nicht unbedingt.?

Der Ort lebt von Bienen und ihrem Honig, und auch dies forderte die Filmemacher heraus. Aber sie profitierten auch davon. ?Bienen können einem Allergiker mindestens einen Tag, wenn nicht sogar das ganze Leben ruinieren?, sagt LaBute. ?Als ich das herausfand, habe ich mir die gesamte Analogie der Bienenvölker näher angeschaut ? was wiederum unser Design, den Look unseres Films beeinflusste. Die Macht verteilt sich also auf eine Bienenkönigin und alle Frauen, die Arbeitsbienen. Die Männer sind eher Drohnen und haben kaum etwas zu sagen.?

Nach dieser Analogie richten sich auch die Filmkostüme und das Produktionsdesign, und auch bei den Kameraeinstellungen war sie stets präsent.

Optisch orientieren sich die Filmemacher an den Gemälden der Präraphaeliten, des Viktorianismus, aber auch an aktuellen Bildern von Matthew Barney, an alten Horrorfilmen, und dem klassischen Drama ?Black Narcissus? (Schwarze Narzisse) von Pressburger & Powell.

Mit Kostümbildnerin Lynette Meyer hat LaBute bereits mehrere Filme gemacht, aber mit Produktionsdesigner Phillip Barker und Kameramann Paul Sarossy arbeitet er erstmals zusammen ? beide haben bereits viele Filme mit dem von den Kritikern gefeierten kanadischen Regisseur Atom Egoyan gedreht.

?Es hat ihnen echt Spaß gemacht, sich in dieser Welt auszutoben, weil wir sie uns praktisch von Grund auf selbst bauen konnten?, sagt LaBute. ?Sie schufen uns eine Welt, die es nicht gibt ? es gab also keine Einschränkungen. Sie mußsten sich nicht danach richten, wie es vor Tausenden von Jahren in Ägypten zuging, oder wie man in einer Amish-Gemeinde lebt. Hier sind wir auf Summersisle ? die Insel existiert nicht, also können wir alle Möglichkeiten durchspielen. Das hat uns alle wohl ganz besonders gereizt ? wir konnten die Zügel locker lassen. Wir haben als Team sehr gut zusammengearbeitet.?

Kameramann Sarossy ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, das Grauen gerade bei hellem Tageslicht zu beschwören. ?Neil hatte sich ausgedacht, sehr seltsame Dinge auch am Tag geschehen zu lassen?, sagt er. ?In mancherlei Hinsicht können bestimmte Dinge bei Sonnenlicht sogar noch gruseliger wirken, und wenn Edward seine Ermittlungen anstellt und dem Geheimnis Stück für Stück näher kommt, geschieht das bei Tageslicht. Das ist eine faszinierende Umkehrung des üblichen Kinoklischees, schreckliche Dinge in die Dunkelheit zu verbannen.?

Sarossy verwendete vorwiegend natürliches Licht, um die von der Technik weitgehend unberührte Natur der Insel zu betonen. Außerdem spielte er einige sehr unkonventionelle Bildkompositionen durch, die das Drehbuch vorschrieb. ?In die Handlung fließen manche sehr bizarre Bilder ein?, erzählt er. ?In einer Szene flüchtet Nicolas Cage als allergischer Edward vor den Bienen auf ein Feld, und während er wegrennt, fährt die Kamera immer höher, bis wir erkennen, dass das Feld im Bienenwabenmuster angelegt ist, was die Unausweichlichkeit unterstreicht: Er kann den Bienen nicht entkommen. Allein durch den Perspektivwechsel verwandelt sich etwas sehr Friedliches in eine handfeste Bedrohung.?

Eine der schwierigsten Aufgaben der Kostümbildnerin stellten die über 150 Masken dar, die die Schauspieler und Statisten auf dem Höhepunkt des Films während der Fruchtbarkeitszeremonie tragen. Lynette Meyer recherchierte heidnische Religionen und die Bräuche der Kelten und fand heraus, dass den Tieren ein starker Symbolcharakter zugesprochen wurde. Sie forschte nach, welche Bedeutung den einzelnen Tiere zukam: ?Molly Parker mit ihrem schwarzen Haar ist der Rabe, ein sehr bedeutendes Wesen?, berichtet Meyer. ?Frances ist der würdevolle Widder.?

Die von der modernen Gesellschaft abgekapselten Frauen von Summersisle schneidern ihre Kleider selbst ? sehr naturbelassen, organisch und auch sehr feminin, was sich immer auch in der Farbpalette der Kostüme ausdrückt. ?Schon rein physisch ist das ein wirklich wunderschöner Film geworden?, sagt Burstyn.

Kate Beahan mochte ihre Kostüme besonders: ?Sie erinnern mich an ,Die Prinzessin auf der Erbse? oder ,Dornröschen?, an einen Hofstaat im Mittelalter.?

Doch das schwierigste Design-Element bezog sich auf den Weidenkorbmann selbst ? eine riesige Figur, die die verborgensten, abartigsten Ängste der Menschen konkret symbolisiert. ?Ich bin überzeugt, dass die Zuschauer wirklich zusammenzucken werden, wenn sie das Ding sehen?, sagt Cage. ?Es ist so völlig anders als alles, was man erwarten würde. Ein extremer Fall, der völlig außer Kontrolle gerät ? letztlich läuft die gesamte Story auf diesen Fixpunkt zu.?

Mit ?The Wicker Man? möchte LaBute das konkrete Angstgefühl beschwören, das ihn an Poes Werken und an der Horrorfilm-Tradition fasziniert. ?Ich unterhielt mich mit Nic über Poes Genie als Autor ? wir beide schätzen die Gruselatmosphäre, die er evozieren konnte?, sagt LaBute. ?Beim Drehen ging es uns eher um diese Atmosphäre als um die Machart moderner Horrorfilme, die oft deutlicher auf Blut und Schockeffekte setzen. Wir wollten den Grusel allmählich entwickeln, eine im Laufe der Handlung ständig wachsende Beklemmung. Die lässt sich einfach nicht aufhalten und steigert sich bis zum allerletzten Moment. Eine Erfahrung völliger Desorientierung ? hoffentlich nicht nur für Edward, sondern auch für die Zuschauer.?

Und er stellt fest: ?Ein gezielter Schlag in die Magengrube kann doch niemals verkehrt sein.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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