Winterreise

Ausführlicher Inhalt

Eine Winterlandschaft in Bayern. Eine Kirche. Man hört den Kirchenchor. Franz Brenningers Stimme sticht heraus. Er singt inbrünstig, forciert und ärgert sich sehr vernehmlich über den "schlappen" Gemeindegesang: ?Das ist eine Schubertmesse und keine Schneckenmesse!?


Franz Brenninger (Josef Bierbichler) lebt mit seiner Frau Martha (Hanna Schygulla) in der Provinz. Er ist Besitzer eines metallverarbeitenden Betriebes und hat es zu Ansehen und Vermögen gebracht ? ein typischer Vertreter des deutschen Wirtschaftswunders. Die Kinder Xaver (Philip Hochmair) und Paula (Anna Schudt) sind längst erwachsen und stehen auf eigenen Beinen. Aber Brenninger eckt überall an: zu stark ist seine innere Unrast. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Wenn es ihm schlecht geht, ist er ganz klein. Aber meistens geht es ihm gut. In diesen Hoch-Phasen kann ihm keiner was, dann wischt Brenninger die Realitäten einfach vom Tisch. So wie die ?Arschlochpost?, von der er immer mehr bekommt: Rechnungen, Mahnungen, Forderungen. Brenningers Firma steht kurz vor der Pleite.

Er lernt die junge Kurdin Leyla (Sibel Kekilli) kennen. Sie will Ethnologin werden: ?Ich will wissen, was passiert, wenn ein Volk einfach verschwindet.? Diese Antwort beeindruckt ihn. Brenninger bekommt Post aus Kenia/Afrika. Er beauftragt Leyla, ihm diese zu übersetzen. Die Geschäftsleute aus Kenia schlagen Brenninger ein Geschäft vor: Sie suchen einen seriösen deutschen Geschäftsmann, auf dessen Konto sie 15 Millionen Dollar ?parken? können. Der, also Brenninger, soll dafür eine stattliche Provision erhalten. Brenninger ist euphorisch und schlägt alle Warnungen in den Wind. Er ist in einer seiner Hoch-Phasen.

Brenningers Frau Martha kennt solche Zustände schon seit langem. Der Ungeduld ihres Mannes begegnet sie mit robuster Sanftmut. Denn sie weiß, dass diesen Hoch-Phasen der Absturz in die Handlungsunfähigkeit und Sprachlosigkeit folgt. Dann versteht auch sie nicht, was in ihrem Mann vorgeht: ?Franz, was ist denn in dir drin? Sag's doch, dann können wir das teilen.? ? ?Alles dunkel, alles Scheiße?, flüstert er.

Aber jetzt ist Brenninger obenauf. Nackt tritt er in die frische Winterluft. Oder er geht ins Bordell. Hört ohrenbetäubend laut Musik. Aber nirgends findet er Erlösung von seiner Unruhe. Nachts im Auto auf der Landstraße hört Brenninger Franz Schuberts Liederzyklus "Winterreise": ?Eine Straße mußs ich gehen, die noch keiner ging zurück.?

Als klar ist, dass Brenningers Firma vor der Pleite steht und die Bank keinen Kredit mehr gewährt, mischen sich die Kinder Xaver und Paula ein und bieten ihre Hilfe an ? vor allem der Mutter zuliebe. Man könne den Betrieb verkaufen. Dann bleibe immer noch das Haus, eine Rente. Aber Brenninger reagiert darauf mit Ignoranz und hält ihnen ihr eigenes ?missglücktes? Leben vor Augen.

Brenningers Unrast wird unerträglich. Da entscheidet Martha für ihren Mann: ?Franz, Du mußst gehen!? Das ist ein Rausschmiss, aber aus der Erkenntnis, dass man den, der bereits auf dem Weg ist, nur helfen kann, indem man ihn seinen Weg gehen lässt.

Brenninger will das Geschäft mit den Kenianern abschließen. Dazu soll er 50.000 Euro als Sicherheit hinterlegen. Das war so nicht besprochen. Das Geschäft platzt. Er kehrt zu Martha zurück. Brenninger kann sehr charmant sein, sogar zärtlich. Man spürt, warum Martha ihn noch immer liebt. Aber Martha ist krank. Sie droht zu erblinden. Nur eine teure Operation kann ihr noch helfen, die von der Versicherung nicht bezahlt wird. Das Geld, dass er von der Bank und seinem Sohn für Marthas Operation bekommt, steckt der impulsive Brenninger dann doch in das Geschäft mit den Kenianern. Wider besseren Wissens und aller Vernunft. Er will Martha helfen und sein Unternehmen retten.

Statt der vereinbarten Provision erhält Brenninger von den Kenianern jedoch nur weitere Zahlungsaufforderungen. Schnell ist klar, dass er betrogen wurde und alles verloren hat. Brenninger steht vor dem Nichts. Er ist wild entschlossen, sich auf eigene Faust das Geld zurück zu holen und beschließt, nach Kenia zu reisen. Leyla soll ihn als Dolmetscherin auf diese Reise begleiten.

In der Fremde kommt sich der selbst fremd Gewordene wieder ein Stück näher. Abends im Hotel setzt sich Brenninger ans Klavier und singt aus Schuberts ?Winterreise?. Ein Gesang, der Leyla berührt. Anschließend ergreift wieder bedrückende Stille Besitz von Brenninger, er fällt in Lethargie und Sprachlosigkeit.

Leyla bittet Friedländer (André Hennicke), einen anderen Deutschen in Kenia, um Hilfe. Denn auch ihn hatte Brenningers Gesang beeindruckt. Er rät Leyla, Brenninger eine Aufnahme der Schubert-Lieder vorzuspielen.

Brenninger hört die Musik aus dem Walkman: ?Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus? und schöpft wieder Kraft. Er will sich sein Geld zurückholen, Marthas Augenlicht retten. Er wird seinen Weg zu Ende gehen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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