Winterreise

Produktionsnotizen

Am Anfang standen persönliche Erinnerungen: ?Wie Brenninger war mein Vater Eisenwarenhändler?, erzählt Drehbuchautor Martin Rauhaus über die Entstehungsphase seines bisher persönlichsten Drehbuchs, ?er stand mitten im Leben, war lange erfolgreich. Aber irgendwann konnte er sich nicht mehr so ?benehmen', wie man es von einem ?gestandenen' Mann erwartet.


Jeder kennt Phasen, in denen man super drauf ist, denkt ?Was kostet die Welt?, und auch Perioden, in denen es einem schlecht geht bis vielleicht zu tiefster Bestürztheit. Einer, der aber dauernd zwischen diesen Phasen hin- und her schwankt, ist in der Zivilisation, in der wir leben, nicht vorgesehen.?

Die Hauptfigur des Drehbuchs sollte in weiten Zügen an die Biografie seines Vaters angelehnt sein. Das Portrait eines Mannes mit Ecken und Kanten. Einerseits der typische Repräsentant der Generation, die das Land nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut hat - Patriarchen, die etwas erreicht hatten, etwas galten, zur so genannten guten Gesellschaft gehörten; andererseits aber auch Männer, die keineswegs so stark waren, wie sie sich fühlten und sich in der Öffentlichkeit darstellten; Vätern, deren Autorität zum größten Teil der aufopfernden Rolle der Ehefrau geschuldet war.

Doch dieser ist einer, der irgendwann sein strenges Gleichgewicht verliert und nicht mehr im Sinne der Zivilisation funktioniert. Für Rauhaus ist das ?ein universelles Problem unserer Gesellschaft - und der Familie überhaupt?.

Bei seiner Mutter und seiner Schwester fand Rauhaus Zustimmung zu dem Projekt, obwohl vieles, was er erzählt ? etwa die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Brenninger und seinen Kindern ? wörtlich so stattgefunden hat. ?Da ist das Leben wahrhaftiger und heftiger, als man es erfinden könnte.?

Auch der Produzent für das Drehbuch war schnell gefunden. Zwar wollte Uli Aselmann eigentlich unbedingt eine Komödie von Martin Rauhaus produzieren. Daraus wurde nichts ? dennoch blieben beide in Kontakt, und für WINTERREISE ließ sich Aselmann schnell begeistern. ?Mir hat dieser Mensch imponiert, vor allem seine unangepasste Ehrlichkeit. Der Typ ist imposant. Weil er sich eben nicht ?benimmt'. Wie oft hat man selber Lust, mal richtig loszulegen, aber erlaubt es sich nicht. Brenningers Kraft ? auch seine Kraftausdrücke ? wirken befreiend. Ich habe mich jedenfalls sehr weit mit Brenninger identifiziert. Deswegen wollte ich diesen Film unbedingt machen.?

Eine wichtige Rolle spielte dabei neben dem Interesse am Thema "Väter" der Bezug zu Franz Schuberts Liederzyklus ?Winterreise?: ?Es sind Lieder, die einen unmittelbar ergreifen und Brenningers Welt auf einer sehr emotionalen Ebene eine zusätzliche Perspektive geben?, findet Aselmann, und Rauhaus ergänzt: ?Es geht hier um Seelenzustände. Große Emotionen. Um das Irrationale, das hinter der Realität zum Vorschein kommt, also um den Bereich, der das Leben eigentlich ausmacht, aber in unserer Zivilisation wegökonomisiert wird.?

Ursprünglich sollte die Arbeit an WINTERREISE für Uli Aselmann noch weit über seine Produzententätigkeit hinausgehen. Lange hatte Aselmann überlegt, das Drehbuch auch als Regisseur umzusetzen. Aber gerade für eine Herzensangelegenheit sollten die Produktionsbedingungen optimal sein. ?In der Doppelfunktion als Produzent und Regie-Debütant wäre das nur schwer möglich gewesen. Deshalb entschloss ich mich, einen Regisseur zu suchen, der optimal zu uns und zu diesem Projekt passt?, so Aselmann.

Eher durch Zufall wurde Aselmann fündig ? ausgerechnet auf einer Informationsreise des FilmFernsehFonds Bayern nach Serbien. Dabei lernte er Hans Steinbichler persönlich kennen, den er bereits als Regisseur für seinen Debütfilm HIERANKL schätzte. Eher zufällig kam man in Serbien auf Franz Schuberts ?Winterreise? zu sprechen. Danach war klar: Aselmann würde Steinbichler das Drehbuch antragen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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