Departed - Unter Feinden

Produktionsnotizen

Martin Scorseses schnörkelloser Kriminalfilm ?Departed ? Unter Feinden? erzählt von zwei Cops: Der kluge und rücksichtslos ehrgeizige Colin Sullivan macht bei der Massachusetts State Police offenbar eine steile Karriere: Er arbeitet in der Ermittlungsspezialeinheit, die es vor allem auf den mächtigen irischstämmigen Unterweltboss Frank Costello abgesehen hat.


Der hartgesottene Billy Costigan ist auf den Straßen von South Boston groß geworden ? sein Jähzorn kostet ihn die Dienstmarke, und so landet er wieder in seinem Viertel, wo er in Costellos Organisation aufgenommen wird. Doch beide Männer verheimlichen etwas, und während sie unbewusst gegeneinander arbeiten, entwickelt sich ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel, in dem es buchstäblich um alles geht.

Die Handlung von ?Departed? beruft sich auf den Hongkong-Thriller ?Infernal Affairs? (Infernal Affairs ? Die achte Hölle; 2002), der in Asien einen riesigen Erfolg verbuchte und 2004 auch in den USA anlief. Bald darauf bekam William Monahan den Auftrag, das Drehbuch für eine amerikanische Fassung zu schreiben.

Der Drehbuchautor erinnert sich: ?Ich hatte ,Infernal Affairs? nicht gesehen und schaute ihn mir auch nicht an, bevor ich mit meiner Fassung begann. Als Vorlage diente mir eine Übersetzung des chinesischen Skripts. Die zentrale Handlung ist großartig, und um sie herum konnte ich neue Figuren einbauen. Mir gefiel vor allem das Doppelspiel der Hauptfiguren im chinesischen Original, aber thematisch geht es in meiner Version vor allem um die Tragödie, die in Gang gesetzt wird, als die Figuren von ihren Grundsätzen abweichen.?

?,Infernal Affairs? gehört zu den Filmen, die mich zum Fan des Hongkong-Kinos gemacht haben, doch ,Departed? ist kein Remake dieses Films?, sagt Martin Scorsese. ?In Bezug auf die Handlung lassen wir uns von ,Infernal Affairs? inspirieren, doch William Monahan erfindet eine Welt, die sich stark von der Hongkong-Vorlage unterscheidet. Als ich das Skript erhielt, brauchte ich zum Lesen ziemlich viel Zeit, weil ich mir sofort die Action vorzustellen begann und mich in die Handlung und die Figuren hineinversetzte. Mir fiel zum Beispiel auf, wie kompromisslos die Figuren geschildert werden ? was sich auf ihre Weltsicht natürlich auswirkt. Vor allem das bewog mich, die Regie zu übernehmen.?

Dazu Produzent Graham King: ?Man könnte behaupten, dass Martin Scorsese mit ,The Departed? zu Filmen wie ,GoodFellas? (GoodFellas ? Drei Jahrzehnte in der Mafia) und ,Mean Streets? (Hexenkessel) zurückkehrt ? mit diesem Genre wurde er früher immer in Verbindung gebracht. Doch diesmal verwandelt er die Genremotive in etwas Neues, Originelles. Auch dafür ist Marty bekannt.?

?Die Arbeit mit Martin Scorsese war eine ganz besondere Erfahrung?, sagt Monahan. ?Ich durfte miterleben, wie er den Film in seinem Kopf schon zusammensetzte, während wir über das Drehbuch diskutierten. Für mich war das, als ob jeder dieser Tage ganze Jahre der Filmschulausbildung komprimierte.?

Monahan siedelt ?Departed? in einem Milieu an, das er bestens kennt: ?Ich bekam den Auftrag zu einem Zeitpunkt, als ich über meine Bostoner Herkunft nachdachte, über die Menschen, die ich im Laufe meines eigenen Lebens verloren habe. Ich konnte mich also sehr persönlich einbringen.?

Thomas B. Duffy hat 30 Jahre lang für die Massachusetts State Police gearbeitet ? er stand dem Filmteam als technischer Berater zur Verfügung. Und er bestätigt, dass es durchaus der Realität entspricht, wenn der Drehbuchautor den Krieg zwischen den ?Staatsbullen? und den irischstämmigen Gangstern von Boston in den Mittelpunkt stellt. ?Besonders in ,Southie? hat die irische Mafia die Unterwelt der Stadt beherrscht ? zumindest von den frühen 1970er-Jahren bis in die jüngste Zeit. Die Iren waren die Könige des organisierten Verbrechens.?

Zum dritten Mal übernimmt Leonardo DiCaprio für Scorsese eine Hauptrolle: ?,Departed? ist zwar ein Gangsterfilm, unterscheidet sich aber trotzdem stark von Martys bisherigen Filmen?, sagt er. ?Die Umstände sind völlig andere ? es geht nicht nur um die irischstämmige Unterwelt, sondern auch um die Polizei, um die Korruption im System. Außerdem ist der Schauplatz ein völlig anderer ? eben Boston, nicht New York. Doch im Laufe unserer Arbeit hatten wir immer deutlicher das Gefühl, dass es in der Geschichte um Amerika ganz allgemein geht, um korrupte Systeme in unserem gesamten Land.?

In der Story geht es laut Scorsese ?um zwei junge Männer, deren Leben von bestimmten Einflüssen geprägt wird: die Polizei als Institution und eine kriminelle Bande, die von einem gewissen Frank Costello angeführt wird. Costello nimmt Colin schon als kleinen Jungen unter seine Fittiche und baut ihn scheinbar zur Stütze der Gesellschaft auf, damit er in der Hierarchie der Staatspolizei aufsteigen kann. Tatsächlich ist er aber Costellos Spion. Gleichzeitig erweist sich Billy als sehr geeignet, verdeckt für die Polizei zu arbeiten, denn er stammt aus der Arbeiterklasse von South Boston. Es gelingt ihm, in Costellos Bande aufgenommen zu werden ? in Wirklichkeit aber soll er Costello ans Messer liefern. Billy und Colin fahren praktisch auf parallelen Gleisen? um schließlich trotzdem auf Kollisionskurs zu gehen.?

Cop oder Verbrecher ... Wenn man in die Mündung einer geladenen Knarre schaut - was macht das dann noch für einen Unterschied? Leonardo DiCaprio spielt Billy Costigan, einen vielversprechenden Kadetten der Massachusetts State Police Academy, der für einen gefährlichen Undercover-Einsatz ausgewählt wird, bevor er überhaupt die Gelegenheit hatte, eine reguläre Dienstmarke zu tragen. Laut DiCaprio ging es ihm dabei um mehr als nur um eine weitere Gelegenheit, mit Scorsese zu arbeiten: ?Ich las das Skript und wollte sofort mitmachen. Ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen und sagte zu, ohne eine Sekunde zu überlegen. Die Story erzählt absolut mitreißend von sehr vielschichtigen, überzeugenden Figuren.?

Billy Costigan ist in den Straßen von Boston aufgewachsen, und laut DiCaprio will Billy Polizist werden, um einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zu ziehen: ?Billy ist in der Unterwelt groß geworden, in mehrfacher Hinsicht hat er kaum eine Chance, dem Milieu zu entkommen. Wahrscheinlich will er zur Polizei, weil ihm gar keine andere Wahl bleibt. Er will sich bewusst von seiner Familie distanzieren. Die Ironie liegt darin, dass er den Undercover-Auftrag bekommt und jetzt genau die Existenz vorgeben mußs, der er unbedingt entkommen wollte. Letztendlich versucht Billy, aufrichtig zu sein, will sich von seiner Umgebung absetzen, doch dabei gerät er in eine äußerst gefährliche und undurchsichtige Situation. Oft entgeht er nur um Haaresbreite der Entdeckung ? alle Spitzel-Hinweise deuten auf ihn, das Lügengebäude beginnt einzustürzen.?

?Als Schauspieler kann Leo sehr gut den Konflikt eines jungen Mannes darstellen, der tief im Schlamassel steckt und sich fragt, wie zum Teufel das passieren konnte?, sagt Scorsese. ?Man kann das auf seinem Gesicht, in seinen Augen lesen. Deshalb arbeite ich gern mit Leo ? er weiß, wie man Emotionen ausdrückt, ohne ein Wort zu sagen. Er strahlt das einfach aus. Ein außergewöhnliches Erlebnis, ihm dabei zuzuschauen.?

Colin Sullivan gehört ebenfalls der Massachusetts State Police an, und auch er stammt aus South Boston. Auch er führt ein Doppelleben, wobei Colin wie Billys Spiegelbild wirkt. Der gebürtige Bostoner Matt Damon spielt den jungen Heißsporn Colin, der im Revier bereits zum Sergeant der Ermittlungsspezialeinheit befördert wird, während seine Jahrgangskameraden noch die Uniform tragen. Doch im Gegensatz zu dem Eindruck, den Colin auf seine Vorgesetzten macht, akzeptiert er nur eine einzige Autorität über sich: Mafiaboss Frank Costello.

?Matt bringt sich intensiv in die Colin-Rolle ein?, sagt Scorsese. ?Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich beobachte, wie es in seinem Hirn fieberhaft arbeitet, während Colin einen Weg aus seiner prekären Situation sucht, um seine Haut zu retten, und dabei immer tiefer in Schwierigkeiten gerät. So gesehen ist Colins Schicksal noch tragischer als Billys, weil er ernsthaft glaubt, dass er mit seinem Verhalten durchkommt und dass er sich als Advokat des Teufels einen persönlichen Ausweg schafft ? die Oberen Zehntausend im Nobelviertel Beacon Hill und das Parlamentsgebäude mit seiner goldenen Kuppel scheinen zum Greifen nah. Am Anfang des Films erleben wir mit, wie Costello Colin im Sinne der falschen Werte erzieht, und irgendwann hat Colin dann gar keine Werte mehr.?

Dazu Damon: ?In Colins Milieu wirkt Frank Costello überlebensgroß. Jeder kennt ihn, jeder hat Angst vor ihm. Colin ist etwa zwölf, als er Costello kennen lernt ? und diese Begegnungen beeinflussen einen Jungen aus dieser Umgebung natürlich ganz extrem. Costello wird für Colin zu einem Übervater ? wir erleben von Anfang an mit, wie sich diese Beziehung entwickelt.?

Costello kann sich Zeit lassen, wie Damon analysiert: ?Aus Jungen werden Männer, und Costello weiß genau, dass er auf Colins Loyalität zählen kann. Er bringt Colin dazu, bei der Staatspolizei anzufangen, als Spitzel zu arbeiten. Während also der eine als Undercover-Cop in der Mafia arbeitet, arbeitet der andere als Cop undercover FÜR die Mafia.?

?Unsere Figuren sind die beiden Seiten derselben Medaille ? wir kommen sogar aus demselben Viertel?, bestätigt DiCaprio. ?Colin hat einen Weg eingeschlagen, Billy einen anderen, aber ihre Existenz ist untrennbar verbunden, obwohl sie das nie begreifen werden. Daraus entsteht dieses mitreißende Schachspiel aus Information und Desinformation.?

Die offensichtlichste Parallele zwischen Billy und Colin ist ihre jeweilige Verbindung zu Frank Costello, von der sie aber nichts wissen. Costello wird von dem legendären Jack Nicholson gespielt. ?Departed? ist Nicholsons und Scorseses erster gemeinsamer Film. Dabei, so der Regisseur, kennen ?Jack und ich uns schon 30 Jahre. Aus irgendeinem Grund hat es nie mit einem gemeinsamen Film geklappt ? also wollte ich doch mal ausprobieren, ob ihn die Costello-Rolle interessiert. Er ließ sich mit der Entscheidung Zeit, aber das Warten hat sich gelohnt, weil wir bei diesem Film dann viel Spaß zusammen hatten.?

Graham King erinnert sich: ?Als Marty Jack Nicholson ins Gespräch brachte, hielt ich das für einen Wunschtraum, aber er ist tatsächlich Realität geworden. Jack gibt der Costello-Figur eine ganz neue Dimension ? so wie nur er das kann. Ich nenne das die ,Jack-Momente?, von denen es sehr viele in diesem Film gibt ? einfach traumhaft.?

?Jack hat sich die Figur richtig einverleibt?, bestätigt Scorsese. ?Costello hat in seinem Leben alles erreicht ? ihn interessiert überhaupt nichts mehr. Warum auch? Er vereint alle Macht auf sich. Doch mittlerweile wird er leichtsinnig, exponiert sich mit Drogengeschäften. Er weiß genau, dass er das nicht nötig hat. Aber er braucht das, um sich nicht zu langweilen. Costello wird alt, und er weiß letztlich selbst, dass es wahrscheinlich mit ihm zu Ende geht. Es war höchst interessant zuzuschauen, wie Jack den vom Thron stürzenden Costello darstellt.?

?Jack Nicholson ist eine Naturgewalt?, fügt DiCaprio hinzu. ?Vor der Kamera kann er völlig unberechenbar sein ? man mußs sich auf seine Tiefschläge gefasst machen. Was ich meine: Bei manchen Szenen hatte ich wirklich keine Ahnung, was als Nächstes passieren würde. Ich wusste nie genau, welche Seite von Costello er heute zeigen würde. Das gibt mir als Schauspieler richtig Auftrieb, weil ich mich ständig absolut konzentrieren mußs.?

Nur zwei Männer der Staatspolizei von Massachusetts wissen, dass das neueste Mitglied in Costellos Syndikat ein Undercover-Cop ist: Captain Queenan und Sergeant Dignam.

Mark Wahlberg spielt Sergeant Dignam, einen ruppigen Detective, der, wie der Schauspieler sagt, ?ein gemeiner, ruppiger Typ ist und auch gar nicht versucht, das zu verheimlichen. Er ist sehr direkt, dabei aber auch recht anständig.?

?Mark Wahlberg wirkt als Dignam sehr überzeugend?, sagt Scorsese. ?Er stammt aus der Bostoner Gegend, kennt sich in dieser Umgebung also recht gut aus und kann sich in seine Figur bestens hineinversetzen. Dignam ist einfach so. Er lässt sich von nichts und niemandem beeinflussen. Er ist mit allen Wassern gewaschen, lässt sich von niemandem auf den Arm nehmen. Man kann es zwar versuchen, aber er wird immer die letzten beiden Worte haben ? ich brauche sie wohl nicht zu nennen?, lacht Scorsese.

Wahlberg wuchs im Arbeitermilieu von Dorchester auf. Wie selbstverständlich reaktivierte er den heimatlichen Bostoner Akzent. Augenzwinkernd sagt er: ?Ich glaube, Marty hat die Hälfte meiner Dialoge gar nicht verstanden. Er sagt in solchen Fällen: ,Das müssen wir dann wohl untertiteln.??

Wahlberg beschreibt seine Heimatstadt als ?reichlich raues Milieu für einen Jugendlichen? und sagt: ?Boston ist einmalig. Es hat den Ruf als hervorragende Universitätsstadt, aber es gibt auch Viertel, in denen man nur Verbrecher, Cop oder Bauarbeiter werden kann. Dazwischen gibt es praktisch gar nichts. dass ich dort aufgewachsen bin, beeinflusst direkt oder indirekt mein gesamtes Leben. Auf diesen Film mußste ich mich also nicht besonders vorbereiten ? ich kenne solche Typen zur Genüge. Der Unterschied war diesmal nur, dass ich einen jener Cops spiele, die mich damals ständig eingebuchtet haben.?

Den Gegenpol zum aggressiven Dignam bildet der gemäßigte Captain Queenan, den Martin Sheen darstellt. Der Schauspieler gesteht, dass er die Rolle annahm, ohne das Drehbuch überhaupt zu kennen. ?Ich habe praktisch sofort zugesagt, weil ich die Chance bekam, mit Martin Scorsese zu arbeiten. Ich hatte bisher nicht die Gelegenheit, aber er zählte immer schon zu meinen Lieblingsregisseuren. So gesehen konnte ich gar nichts falsch machen. Anschließend habe ich das Skript natürlich gelesen ? eine großartige Story über Loyalität und Verrat im Spannungsfeld zwischen Polizei und Verbrechtertum. Manchmal verwischen sich die Grenzen, Schwarz und Weiß sind kaum noch zu unterscheiden.?

Sheen sagt weiter, dass Queenan Billys wachsende Verzweiflung zwar durchaus nachvollziehen kann, doch er kann es sich nicht leisten, sein Ziel aus den Augen zu verlieren. ?Er begreift, dass Billy seine Identität verliert, als er undercover arbeitet. Außer Queenan und Dignam halten alle Cops Billy für einen Gangster. Und falls Costello erfährt, dass Billy ein Cop ist, ist es aus mit ihm. Die Lage ist äußerst prekär, denn auf beiden Seiten ist sein Leben keinen Pfifferling wert.?

Wer Billy wirklich ist, weiß nicht einmal der Leiter der Ermittlungsspezialeinheit, Captain Ellerby, dargestellt von Alec Baldwin. ?Ellerby ist besessen davon, Costello zu schnappen und sein Syndikat zu zerschlagen?, berichtet Baldwin. ?Er sieht Costello als verkommenes, gewalttätiges Subjekt. Ellerby nimmt also in Kauf, selbst die Regeln zu verletzen, um sein Ziel zu erreichen. Dennoch ist er ein guter Cop.?

Tatsächlich macht Frank Costello seinem Brutalo-Ruf alle Ehre, aber er hat sich selten persönlich die Hände schmutzig gemacht. Stattdessen verlässt er sich auf eine Bande gewalttätiger Gorillas, unter denen sich vor allem ein gewisser Mr. French hervortut. Der Brite Ray Winstone spielt Costellos rechte Hand ? er beschreibt seine Rolle als ?einen unzugänglichen Typen ? er traut niemandem, mag niemanden? wahrscheinlich nicht mal sich selbst. In seinen Augen ist jeder ein Verräter. Als Schauspieler versuche ich immer die Gefühle meiner Figuren zu analysieren, ihre Schwächen und Stärken. Doch sehr schnell habe ich kapiert, dass French keine Gefühle hat. Ihn kann nichts erschüttern, er kennt keine Angst, aber wer sich ihm in den Weg stellt, den bringt er ohne zu zögern um. Nur Costello kann auf ihn zählen.?

Eine einzige Hauptfigur in ?Departed? ist weder Cop noch Gangster ? und sie ist die einzige Frau. Vera Farmiga spielt die Psychiaterin Madolyn, die sich auf Problemfälle beiderseits des Gesetzes spezialisiert hat. Wie das Schicksal es will, bildet sie unwissentlich eine weitere Verbindung zwischen Colin, in den sie sich verliebt hat, und Billy, der ihr Patient wird. Dazu Farmiga: ?Madolyn hat den Eindruck, dass Colin die Situation voll im Griff hat. Er bietet ihr Sicherheit, engagiert sich für sie, während Billy eher für Intimität und Leidenschaft steht. Er scheint zwar ziemlich kaputt zu sein, aber dennoch fühlen sie sich zueinander hingezogen.?

Dazu DiCaprio: ?Madolyn ist der einzige Mensch, dem er seine Gefühle offenbaren kann. Nur ihr kann Billy sich anvertrauen, wenn auch nur sehr begrenzt, weil er nichts von sich und seiner Tätigkeit verraten darf. Zunächst versucht sie ihn zu beraten, doch dann entwickelt sich zwischen ihnen eine intensivere Beziehung.?

?An Madolyn gefällt mir, dass sie als Psychiaterin zwar Intuition hat, aber nicht ihren Instinkten folgt. Diesen Widerspruch finde ich sehr schön?, sagt Farmiga.

Weitere Hauptdarsteller in ?Departed?: Anthony Anderson und James Badge Dale als Polizisten Brown und Barrigan, die dann in die Ermittlungsspezialeinheit aufgenommen werden; sowie David O?Hara und Mark Rolston als Fitzy und Delahunt, zwei von Costellos Gorillas.

?Zu den schönsten Erlebnissen bei einem Scorsese-Film gehört die Besetzung?, sagt Produzent Graham King. ?Marty sucht immer die erstaunlichsten Schauspieler aus, und dieser Film bildet da keine Ausnahme.?

Dazu Matt Damon: ?Man kann sich als Schauspieler kaum etwas Schöneres vorstellen, als mit Martin Scorsese zu arbeiten. Nur dadurch, dass ich ihm zuschaue, lerne ich bei diesem Film jede Menge. Er hat ein untrügliches Auge für Verhaltensweisen, er merkt sofort, was echt ist und was nicht. Viele der wunderbaren Momente, die wir ihm verdanken, haben mit der Auslotung der Charaktereigenschaften zu tun. Wir Schauspieler beschäftigen uns liebend gern mit solchen Momenten ? deswegen wollen wir auch alle in seinen Filmen mitspielen.?

?Wie dreht man einen Film?? fragt Scorsese. ?Dafür stehen sozusagen verschiedene Instrumente zur Verfügung. Die Story, die Sprache, das Milieu, die Leute, die die Rollen übernehmen ? alle sind Instrumente. Im Kanon all dieser außergewöhnlichen Elemente verlasse ich mich beim Erzählen der Geschichte vor allem auf die Darsteller. Es war etwas ganz Besonderes, mit all den Schauspielern zu arbeiten, die uns für diesen Film zur Verfügung standen.?

Verhalte dich entsprechend Schon vor Drehstart begannen etliche Darsteller mit der Vorbereitung auf ihre Rollen, vor allem mit Unterstützung des technischen Beraters Tom Duffy. Duffy hat sich vor kurzem zur Ruhe gesetzt, nachdem er drei Jahrzehnte lang für die Massachusetts State Police tätig war. Einen wesentlichen Teil seiner Laufbahn verbrachte er in der Ermittlungsspezialeinheit, die sich auf das organisierte Verbrechen konzentriert, also auch auf die irische Mafia. Er brachte die Voraussetzungen und Erfahrungen mit, um die Schauspieler und Filmemacher mit unschätzbaren Ratschlägen zu unterstützen.

Executive Producer G. Mac Brown sagt: ?Wenn man einen technischen Berater braucht, weiß man nicht immer, wo oder ob man überhaupt einen findet. Von Tom wussten wir, dass er bei der State Police war, also haben wir einfach mal bei ihm angefragt. Er erwies sich als genau der richtige Mann.?

Duffy wirkte erstmals an einem Spielfilm mit und zeigt sich beeindruckt davon, wie sehr sich Scorsese um jedes Detail kümmert ? vom Polizeijargon bis zur Kleidung. ?Mich hat seine Präzision regelrecht überwältigt?, gibt Duffy zu. ?Wir haben uns unendlich viel Mühe gegeben, alles so authentisch wie nur möglich zu gestalten ? nicht nur die Abläufe der Polizeiarbeit, sondern wir versuchten auch, uns mental in die Cops hineinzuversetzen. Wenn man bedenkt, dass der Film eigentlich unterhalten will, ist er wirklich äußerst realistisch.?

Nicht nur der Regisseur profitierte von Duffys Spezialkenntnissen. Matt Damon bestätigt: ?Ich stamme aus Boston ? die Kultur der Stadt ist mir also bestens vertraut, aber was die State Police angeht, habe ich natürlich keine Ahnung. Für mich war es also eine unschätzbare Bereicherung, von Duffy unter die Fittiche genommen zu werden ? bei seiner langjährigen Erfahrung vor Ort. Duffy beantwortete meine Fragen, führte mich in die Kreise ein und stellte mir die Polizisten vor. Ich habe mehrere Tage mit ihnen verbracht, habe sie ausgefragt, ihnen bei der Arbeit zugeschaut. Ich habe sie begleitet und war bei einer Drogenrazzia dabei. Solche Erfahrungen sind durch nichts zu ersetzen. In solchen Momenten macht mir meine Arbeit am meisten Spaß?, grinst er.

Brown berichtet, dass ihm überhaupt nicht zum Grinsen zumute war, als er von Damons Tuchfühlung mit der Bostoner Unterwelt hörte ? nachdem es bereits passiert war. ?Matt rief an und erzählte ganz begeistert, wie er den Einsatz miterlebte. Ich dachte nur: ,Herzlichen Dank, Duffy??, sagt Brown augenzwinkernd. ?Für Matt mag das ja ganz spannend sein, aber als Produzent mache ich mir natürlich Sorgen, wenn mein Star bei einer echten Razzia mit echten Polizisten und echten Schusswaffen an einem echten Tatort dabei ist. Aber offenbar ist ja alles gut gegangen.?

Für Damon hatte die Erfahrung mit den echten Cops Auswirkungen auf seine Darstellung des Colin, die über das Praktische hinausgehen. ?Ich kam mir unendlich klein vor, als ich miterlebte, mit welchem Engagement und oft erheblichem Risiko sie ihre Arbeit tun?, sagt Damon. ?Als ich Colin analysierte, wurde mir klar, dass er nicht nur Recht und Gesetz abgrundtief verachtet, sondern auch die Polizisten selbst. Wenn man tagtäglich diese selbstlose Opferbereitschaft miterlebt und sie trotzdem unterminieren will, dann sagt das eine Menge über Colin aus. Ich konnte viele Dinge in meine Darstellung einfließen lassen, von denen ich keine Ahnung hätte, wenn ich die Experten nicht begleitet hätte ? es ist unschätzbar, was ich Duffy verdanke.?

Duffy beriet auch Martin Sheen und Alec Baldwin in Bezug auf das korrekte Verhalten der Vorgesetzten innerhalb der State Police. Dazu Sheen: ?Ich habe mich bei meiner Darstellung deutlich an Tom Duffy selbst orientiert. Bei jeder Szene versuchte ich mir vorzustellen, wie Tom wohl reagieren würde? und er war ja immer dabei, um darauf zu achten, dass ich alles richtig machte.?

Obwohl DiCaprio als Billy Costigan im Film selten als Cop auftritt, sondern vielmehr vorgibt, ein Krimineller zu sein, profitierte auch er von Duffys jahrelanger Erfahrung als verdeckter Ermittler. ?Undercover-Einsätze sind nur mit einer bestimmten Mentalität durchführbar?, sagt Duffy. ?Ich habe mich mit Leo lange darüber unterhalten, welche Konsequenzen das langfristig haben kann.?

?Die speziellen Voraussetzungen eines Cops, der unter diesen Umständen arbeitet, das Konzept, das ich mir aneignen mußste, hätte ich ohne ihn niemals so authentisch darstellen können?, bestätigt DiCaprio. ?Er hat uns während des gesamten Drehs ungeheuer geholfen.?

DiCaprio begriff natürlich auch, wie wichtig es war, das Bostoner Milieu kennen zu lernen, bevor er einen Einheimischen überzeugend verkörpern konnte. ?Mir war klar: Ich mußste vor Ort durch Boston gehen und ein Gefühl für die Einwohner bekommen?, sagt er. ?Alle dort haben mich sehr zuvorkommend unterstützt und mir in jeder Hinsicht geholfen. Ich fand jemanden, mit dem ich durch die alten Viertel streifen konnte, der mir den Akzent beibrachte. Umso leichter konnte ich mich in die Rolle versetzen.?

?Leo war bei diesem Film echt benachteiligt?, sagt Damon. ?Das heißt, er mußste sich intensiv vorbereiten, was Mark Wahlberg und ich uns sparen konnten, weil wir beide in Boston aufgewachsen sind. Das Lebensgefühl, die Kultur haben ein ganz bestimmtes Flair, und Leo hat sich das wunderbar angeeignet. Ich war schwer beeindruckt.?

The Big Apple kommt nach Beantown ?Departed? spielt komplett in Boston, während die Dreharbeiten in und um Boston (Spitzname: Beantown) und auch New York stattfanden. Produktionsdesignerin Kristi Zea, die bereits Scorseses ?GoodFellas? ausgestattet hat, meint: ?,The Departed? ähnelt in mancher Hinsicht ,GoodFellas?, aber diesmal spielt die Handlung in Boston. Weil wir bereits zusammengearbeitet hatten, konnte Marty sich auf den damaligen Dreh berufen und sagte dann: ,Weißt du noch, wie wir das damals bei ,GoodFellas? gemacht haben? So ähnlich möchte ich das jetzt auch haben? aber wie sieht das in Boston aus? Dann kratzte ich mir den Kopf und sagte: ,Das weiß ich auch nicht so recht, Marty, aber ich kann?s rauskriegen??, lacht sie. ?Es war toll, wieder mit ihm zu drehen.?

Fast alle Außenaufnahmen des Films entstanden in Boston, zum Beispiel im Boston Common (der ältesten Grünanlage in den USA), im Hafen, in Chinatown, und natürlich in South Boston, das von den Einheimischen ?Southie? genannt wird. Daneben drehte das Team außerhalb in den Vororten Braintree, Quincy und Mark Wahlbergs Geburtsort Dorchester. In New York vermied das Team Aufnahmen in Manhattan fast völlig. Stattdessen drehte man in Brooklyn, das Boston doubelte, vor allem bei Innenaufnahmen.

?dass wir in zwei Städten drehen, ist nicht ungewöhnlich?, berichtet Zea. ?In diesem Fall merkt man die Unterschiede zwischen New York und Boston natürlich sehr deutlich, wenn man durch diese Städte fährt. Außerhalb des Zentrums von Boston gibt es fast nur flache Gebäude, der Himmel ist frei, während der New Yorker Himmel von Wolkenkratzern verdeckt ist. Man findet in New York also kaum Schauplätze, die als Boston durchgehen könnten ? zumindest was die Außenaufnahmen angeht. Deshalb konzentrierten wir uns vor allem auf Brooklyn. In Boston herrscht auch ein spezifischer Neuengland-Baustil vor, den es in New York nicht gibt, zum Beispiel dreistöckige Holzhäuser mit Balkons auf jeder Etage. So etwas findet man besonders in Boston, und natürlich wollen wir das in unserem Film zeigen. Mich fasziniert dort auch ein weiteres Element: der ?brutalistische? Baustil, der Beton-Look, der bestimmte Gebäude in Boston prägt, zum Beispiel das Rathaus und das Hurley Building.?

Das zementgraue, imposante Hurley Building liegt gleich in der Nachbarschaft der historischen Sehenswürdigkeiten im Zentrum von Boston am Government Square ? es diente als Außenansicht des Hauptquartiers der Massachusetts State Police. Zea und ihr Team bauten dann die Innenräume der Behörde in einer gewaltigen Studiohalle im Williamsburg-Viertel in Brooklyn/New York nach. ?Wir übernahmen das Grau und Braun des realen Gebäudes, was auf den nachgebauten Sets sehr gut aussieht?, sagt sie.

Kameramann Michael Ballhaus ging bei der Ausleuchtung des Polizeigebäudes ähnlich vor: ?In Polizeirevieren besteht die Beleuchtung gewöhnlich aus Neonröhren, was ich aber vermeiden wollte, weil das Licht verwaschen wirkt, keine Spannung erzeugt. Ich benutzte also lieber direktes Licht, das Schatten wirft, um die Atmosphäre interessanter zu gestalten, ihr eine Struktur zu geben.?

Ballhaus hat bereits sechs Filme mit Scorsese gedreht. Er sagt: ?Wir haben wohl noch nie so intensiv über das Licht diskutiert wie diesmal. Der ganze Film ist in gewisser Weise vom Film noir beeinflusst. Wir leuchten ihn fast wie einen Schwarzweißfilm aus, vor allem im Polizeirevier, wo es kaum Farben gibt. Aber selbst wenn Farben nicht dominieren, kann man sie durchaus für dramatische Zwecke einsetzen.?

Kostümbildnerin Sandy Powell verwendet Farben, um Jack Nicholson von den übrigen Figuren abzusetzen: ?Grundsätzlich tragen alle anderen normale Straßenkleidung in neutralen Tönen: Schwarz, Braun, Grau und Beige. Mehr gibt es eigentlich nicht. Zunächst hatten wir vor, Frank Costello genauso zu kleiden, aber als wir uns mit Jack zusammensetzten, äußerte er, dass er sich Costello in Bezug auf Farben und Stil etwas auffälliger vorstellt. Costello ist derart mächtig, dass er tragen kann, was er will ? niemand würde es wagen, darüber ein Wort zu verlieren. Mit Costellos Outfits konnten wir uns also richtig austoben.?

Wenn dann auf den fast farblosen Sets gelegentlich die Farbe Rot auftaucht, war der dramatische Kontrast durchaus beabsichtigt. ?Ganz bewusst gestalten wir Kostüme und Sets fast einfarbig. Marty, Michael Ballhaus und ich beschlossen gemeinsam, dass Rot nur dann auftaucht, wenn es dafür einen spezifischen Grund gibt. So deuten wir unterschwellig an, dass Gefahr im Verzug ist ? natürlich liegt die Assoziation mit Blut nahe.?

Auch der Buchstabe X taucht im Film immer wieder als Symbol auf, weil Scorsese damit Howard Hawks? ?Scarface? (Scarface ? Das Narbengesicht; 1932) Tribut zollen möchte ? Produzent des Films war Howard Hughes. Das X spielt in diesem Gangsterfilm eine ganz bestimmte Rolle. ?Marty forderte uns auf, das X so oft wie möglich ins Bild zu bringen?, berichtet Zea. ?Es taucht also an Fenstern, Wänden und auf Fußböden auf??

?Das X ist ein Zeichen des Todes ? deswegen wollte Marty es verwenden ? manchmal subtil, manchmal ganz offensichtlich?, fügt Ballhaus hinzu, der das X manchmal sogar durch die Beleuchtung in bestimmte Szenen projiziert.

Das Todeskonzept bezieht sich auf den Filmtitel. Dazu Autor Monahan: ?Wir Katholiken bezeichnen die Toten als ,the faithful departed? ? die treuen Verstorbenen. Ich spielte mit dem Begriff, denn im Film geht es ironischerweise um Treulosigkeit. Natürlich sind die Hauptfiguren vor allem ihren Kollegen und Gefährten gegenüber untreu; viel schlimmer aber ist doch, dass sie ihren eigenen Prinzipien untreu werden ? deswegen fand ich den Titel so passend.?

Dazu Scorsese abschließend: ?William Monahan ist Amerikaner irischer Abstammung aus Boston, also hat er seine Figuren in diesem Milieu angesiedelt. Dennoch geht es im Film um Menschen in einer Situation, wie man sie eigentlich in jeder Stadt der Welt vorfinden könnte. Es geht um Vertrauen und Verrat, um Täuschung und Loyalität ? so etwas könnte überall passieren.?

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