Die Bewohner der Eremitage

Ausführlicher Inhalt

Die Eremitage in Sankt Petersburg hat über 1.000 Räume. Ungefähr 350 sind für das Publikum geöffnet. Menschen aus aller Welt kommen nach Russland, um sich die Kunstschätze anzusehen, die zu einem großen Teil noch aus der Sammeltätigkeit der Zarin Katharina herrühren. Aber auch die Angestellten des Museums haben in der Regel eine besondere und sehr persönliche Beziehung zu dieser Institution.


DIE BEWOHNER DER EREMITAGE ? THE HERMITAGE DWELLERS ist auf der einen Seite ein einfühlsamer Bericht über die Menschen, die in Russlands berühmtestem Museum arbeiten, auf der anderen Seite ein Film über die großartigen Kunstwerke, die in dieser legendären St. Petersburger Institution zu finden sind. Aliona van der Horst stellt uns verschiedene ?Eremitageniks? vor:

Zum Beispiel Olga Bogdanova, die für die Instandhaltung des riesigen Baus zuständig ist, die Ikonen-Expertin Alexandra Kostsova, die Museumswärterin Valentina Barbashova oder den Kunsthändler Vadim Kuptsov, der uns ? wie noch viele andere Protagonisten des Films ? seine ganz persönlichen Gründe dafür nennt, warum er den ehemaligen Palast von Katharina der Großen als »sein Zuhause« bezeichnet.

In Russland wird die Eremitage als kulturelle Pilgerstätte angesehen. Für die Angestellten bedeutet sie aber außerdem auch einen sicheren Hafen im Tumult der vergangenen politischen Ereignisse und in der manchmal schwierigen Lage im heutigen Russland. Tatsächlich kann jede(r) von ihnen erzählen, wie persönliche Probleme und Traumata gelindert werden konnten, indem eine persönliche Beziehung zu einem Lieblingskunstwerk aus dem Museum aufgebaut wurde. Für sie, die sie tagtäglich von Zeugnissen der Schönheit und Erhabenheit umgeben sind, ist die Eremitage ein Ort der emotionalen Heilkraft geworden.

Für Vadim, der seinen Militärdienst in Aserbaidschan geleistet hat und dort Dinge sah, die ihm zuhause niemand glauben wollte, wirkt seine Arbeit wie ein Beruhigungsmittel. Er bewundert Rembrandts DER VERLORENE SOHN, weil es für ihn das Thema der Vergebung versinnbildlicht. Valentina hat als Atomingenieurin gearbeitet und diese Arbeit im Zuge der Perestroika verloren. Mit ihrer Anstellung beim Museum bessert sie ihre magere Pension auf. Sie verbringt viel Zeit in der Nähe von Sweets PORTRAIT EINES JUNGEN MANNES.

Zu ihnen gesellen sich in dem Film die Kuratorinnen, die durch Räume führen, in denen einst Katharina die Große geschlafen hat, die die von ihnen gesammelten Ikonen zeigen, die, obwohl von unschätzbarem Wert, in der Sowjetunion beinahe der Zerstörung anheim gefallen wären, und schließlich die 76jähige Olga, die immer noch mit eiserner Hand das Museum verwaltet.

DIE BEWOHNER DER EREMITAGE verwendet neben der Beobachtung des Treibens im Museum und den Interviews mit den Eremitageniks auch Archivmaterial über die Eremitage im 20. Jahrhundert. Aliona van der Horst kann so deutlich machen, dass die Revolution, der Stalin- Terror, der Zweite Weltkrieg und die Zeit nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes ihre Spuren im Museum hinterlassen haben, obwohl die Institution immer versucht hat, den Einfluss der Geschichte möglichst konsequent außerhalb ihrer Mauern zu verbannen.

Der Film durchstreift das enorme Gebäude, führt die Treppen hinauf und durch die großen Ausstellungshallen, zeigt die Kuratoren bei ihrer Arbeit in Lagerräumen, die bis in den letzten Winkel mit seltenen Kunstwerken gefüllt sind. Er zeigt Touristen und Schulkinder, die staunend vor den Objekten stehen, Angestellte, die dort einen Unabhängigkeitstag feiern und natürlich die Kunstwerke selbst.

Die Eremitage erscheint als ein Ort der Geschichten, des Alltags wie der Flucht vor dem Alltag, der Kunst und Politik, der Vergangenheit und Gegenwart ? und der ruhig beobachtende Blick der Kamera lässt sich viel Zeit, den Momenten nachzuspüren, in denen sich diese Ebenen überlagern.

Die in der Innenstadt St. Petersburgs liegende Eremitage ist eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt, mit einer Sammlung europäischer Kunst, die allenfalls mit der des Louvre oder des Prado zu vergleichen ist. Die Eremitage selbst, als Teil der Innenstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, ist ein Komplex aus mehreren Gebäuden, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind und dessen dominierendes Bauwerk der »Winterpalast« ist, die ehemalige Hauptresidenz der russischen Zaren.

Die Eremitage hat mehr als 1.000 Säle, in denen über 60.000 Exponate ausgestellt sind (im Archiv lagern noch einmal drei Millionen). Neben der Sammlung westeuropäischer Kunst beherbergt das Museum außerdem Ikonen, Juwelen, historische Kostüme, Teppiche, Porzellan, Glas u. a. Die berühmtesten Exponate bildender Kunst sind Raffaels HEILIGE FAMILIE, Rubens BILDNIS EINER KAMMERFRAU, Tizians DANAË, außerdem Gemälde von Rembrandt, Matisse, Gaugin, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Rodin sowie 31 Bilder Pablo Picassos.

Gegründet wurde die Eremitage von der russischen Zarin Katharina der Großen, die 1765 anfing, systematisch Gemälde zu erwerben, schließlich ganze Sammlungen aufkaufte und im Winterpalast unterbrachte. Nach und nach wurden weitere Gebäude gebaut, um die rasch wachsende Sammlung zu beherbergen. Nach deren Neuordnung in nationale Schulen zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Eremitage 1852 teilweise auch für ein öffentliches Publikum zugänglich.

Nikolaus I. kaufte die während der Napoleonischen Kriege entstandene Sammlung, nach der Oktoberrevolution flossen zahlreiche Privatsammlungen enteigneter Adliger in die Eremitage-Sammlung ein. Umgetauft in das »Staatliche Museum« wurde nun auch der Winterpalast öffentlich zugänglich, einige Werke allerdings mußsten an Provinzmuseen abgegeben werden oder wurden gegen Devisen an westliche Kunstsammler verkauft.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Museum durch Bombardierungen schwer beschädigt, die Sammlung zum Teil ausgelagert oder von dort Unterkunft suchenden Menschen beschützt. 1945 wiedereröffnet und durch neue Sammlungen erweitert, mußste erst der Tod Stalins abgewartet werden, um z. B. die neu erstandenen Picasso-Gemälde, die als ?formalistisch? galten, öffentlich zu zeigen. In dieser Zeit fanden auch einige von der Wehrmacht geraubte Werke wieder in die Eremitage zurück, aber auch sogenannte deutsche ?Beutekunst? wurde dort ausgestellt.

Seit 1996 steht das Museum direkt unter der Patronage des russischen Präsidenten. Die schwerwiegenden Finanzierungsprobleme werden z. T. durch das Engagement der UNESCO, aber auch durch Kooperationen mit anderen Museen etwas gemildert.

Derzeit arbeiten 2.500 Angestellte in der Eremitage, jährlich besuchen etwa 3 - 4 Millionen Menschen die Ausstellungen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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