Babel

Produktionsnotizen

?We talk about the border as a place only, instead of an idea. I believe that the real borders are the ones that exist within us.? (Alejandro González Iñárritu)


Ein überlebensgroßer Film Wohl selten zuvor trafen Realität und Fiktion so zusammen wie bei BABEL, Alejandro González Iñárritus zeitgemäßer Version des biblischen Mythos, der als Ursprung aller menschlichen Kommunikationsprobleme gilt.

Der Film entstand über die Dauer eines Jahres auf drei Kontinenten ? mit einer vielsprachigen Besetzung, zu der neben Stars wie Brad Pitt, Cate Blanchett, Gael García Bernal und Kôji Yakusho auch viele nicht professionelle Darsteller aus Marokko, Mexiko und Japan gehörten. Für alle Beteiligten wurde BABEL dabei nicht nur zu einem physischen, sondern auch zu einem psychologischen Trip, der mit der Reise der Filmcharaktere durchaus Gemeinsamkeiten aufweist. Während der Film die Geschichten von Menschen erzählt, die durch kulturelle und sprachliche Unterschiede aus der Bahn geworfen werden, mussten der Regisseur und sein Team sich ganz ähnlichen Herausforderungen stellen, und das bereits lange vor Drehbeginn.

González Iñárritu, der sich selbst als ?Regisseur im Exil? bezeichnet, führt die Idee zu BABEL zuallererst auf sein eigenes Nomadenleben der letzten Jahre zurück. ?BABEL beantwortet nicht mehr die Frage ?Woher komme ich??, sondern eher die Frage ?Wohin gehe ich??? Dieser sehr persönliche Ansatz ging so weit, dass BABEL in der Anfangsphase ein selbstfinanziertes Projekt des Regisseurs war.

Im Unterschied zu seinen beiden vorherigen Filmen, die in Ländern, an Orten und unter Drehbedingungen entstanden, die dem Regisseur vertraut waren, bedeutete BABEL für González Iñárritu eine größere emotionale und intellektuelle Herausforderung und eröffnete ihm gleichzeitig die Möglichkeit, mit seiner bislang komplexesten Filmproduktion andere Kulturen und Weltsichten zu erkunden. Das Aufeinanderprallen einer Vielzahl kultureller Unterschiede auf allen Ebenen veränderte dabei nicht nur seine persönliche Perspektive, sondern auch den kreativen Prozess.

Eines der Hauptziele Iñárritus war es, bei der Erzählung den Blick des Außenseiters zu vermeiden. Dafür ging er nach der Methode ?Beobachten und Verinnerlichen? vor. Er verfolgte aufmerksam die alltäglichen Gewohnheiten der Einheimischen und entschied sich dafür, mit Laiendarstellern aus den jeweiligen Regionen zusammenzuarbeiten, was ihm ungeahnte Einblicke in kulturelle Eigenarten ermöglichte. Viele der Darsteller hatten nie zuvor eine Kamera gesehen.

Das Einstudieren sehr emotionaler Szenen in fremden Sprachen, das Suchen nach der perfekten Kameraposition in einer endlosen Wüste, aber auch in einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt ? dies und vieles mehr ließen die Kernaussage von BABEL nicht nur im Drehbuch, sondern auch im wirklichen Leben wahr werden: ?Barrieren und Grenzen sind nicht immer physisch und sichtbar?, sagt Iñárritu. ?Die Trennlinien sind in uns, in unseren kulturellen Settings gibt es Vorurteile. Doch ebenso können sie durchbrochen werden.?

Das Herz des Films Im Zentrum von BABEL steht das Thema, das unser Leben im 21. Jahrhundert bestimmt: der Mangel an ? erfolgreicher ? Kommunikation. ?Oberflächlich betrachtet kann man sagen, dass es in BABEL um das Scheitern von Kommunikation geht. Für mich geht es darüber hinaus auch darum zu zeigen, wie verletzlich wir als menschliche Wesen sind. Wenn eine Kette reißt, liegt das nicht am schwächsten Glied, sondern an ihrem Gesamtzustand.? Damit meint er keineswegs nur die nahe liegende Definition der Sprachbarriere. ?Man muss sich nicht in der marokkanischen Wüste oder mitten in Tokios Shibuya-Bezirk verlaufen, um sich isoliert zu fühlen. Die schrecklichste Einsamkeit und Isolation ist die, die wir in uns selbst und in unseren Familien erleben. Auch davon erzählt der Film?, erklärt Iñárritu. Mit BABEL wollte er den Widerspruch zwischen zwei weit verbreiteten Wahrnehmungen untersuchen: Einerseits leben wir durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten in einer immer ?kleineren? Welt, andererseits verstehen wir uns oft nicht mal in den grundlegendsten Fragen.

?Ich wollte das gesamte Konzept menschlicher Kommunikation ? ihre Ziele, ihre Schönheit und ihre Probleme ? in einem Wort ausdrücken?, erklärt der Regisseur den Filmtitel, der jedoch erst gefunden wurde, als das Drehbuch bereits geschrieben war. ?Ich habe sehr viele verschiedene Titel erwogen, aber als ich über die Geschichte der Genesis nachdachte, erschien sie mir plötzlich als perfekte Metapher für den Film. Jeder von uns hat seine eigene Sprache, doch ich glaube, wir alle teilen denselben spirituellen Ursprung.?

Die Idee, einen Film mit einer Kakophonie menschlicher Stimmen zu machen, hatte Iñárritu bereits vor dem Dreh von 21 GRAMM. Beim Drehbuch arbeitete er erneut mit Guillermo Arriaga zusammen, um die Trilogie, die im Jahr 2000 mit AMORES PERROS begann, mit ihm gemeinsam abzuschließen. ?Arriaga besitzt außergewöhnliches Talent, er schreibt tiefgründig und kraftvoll. Gemeinsam haben wir vier Geschichten entwickelt, die sich in drei völlig unterschiedlichen Gegenden der Welt entwickeln.? Das in der Beziehung des von Cate Blanchett und Brad Pitt dargestellten Paares angedeutete Paradoxon ist ein Beispiel für die intimere Definition von Fehlkommunikation im Film: ?Von außen betrachtet wirken sie wie ein Paar, das sich in der Wüste verirrt, doch in Wirklichkeit sind sie ein verlorenes Paar, das einander in seiner Einsamkeit findet?, beschreibt der Regisseur ihre Situation. In dem direkt damit zusammenhängenden persönlichen Drama der marokkanischen Hirten geht es laut Iñárritu vor allem um den ?moralischen Zusammenbruch einer muslimischen Familie, die streng ihren religiösen Prinzipien folgt? und mit ansehen muss, wie diese in sich zusammen fallen, als die Ereignisse ihren Lauf nehmen.

Ein zweiter Erzählstrang dreht sich um ein mexikanisches Kindermädchen, das in Kalifornien arbeitet und die verhängnisvolle Entscheidung trifft, zwei amerikanische Kinder illegal über die Grenze nach Mexiko mitzunehmen. Ihre Geschichte steht stellvertretend für die Situation vieler tausender Menschen, die versuchen, die US-amerikanische Grenze zu überwinden und dabei den doppelten Standards beider Regierungen ausgesetzt sind. Sie werden, so der Regisseur, zu ?unsichtbaren Bürgern?, die von beiden Staaten im Stich gelassen werden und für die es keine geregelten Einwanderungsgesetze gibt. ?Für mich, der als Immigrant in den USA lebt, gab es keine Wahl, eine Geschichte über diese Grenze zu erzählen. Es war eine moralische Verpflichtung.?

Der dritte Erzählstrang zeigt einen verwitweten Vater, der in der hektischen Millionenstadt Tokio versucht, eine emotionale Verbindung zu seiner taubstummen Tochter herzustellen. Die Geschichte des Mädchens im Teenageralter, das mit sexuell aufreizendem Verhalten versucht, fehlende menschliche Zuneigung zu kompensieren, drückt letztlich das verzweifelte Bedürfnis aus, eine Sprache zu entwickeln. ?Wenn Worte nicht zur Verfügung stehen, wird der Körper zu einem Instrument, das Waffe oder Einladung sein kann?, so der Regisseur.

Eine realistische Besetzung Um die verschiedenen Charaktere von BABEL zum Leben zu erwecken, war eine internationale Besetzung unabdingbar. Iñárritu begann mit dem amerikanischen Ehepaar, das in den Bergen Marokkos zum Opfer eines Gewehrschusses wird. Diese Rollen besetzte der Regisseur mit zwei der gefragtesten Schauspieler Hollywoods: Kassenmagnet Brad Pitt und Academy Award®-Gewinnerin Cate Blanchett.

Für die Rolle des Richard Jones hatte Iñárritu die Vision einer ?männlichen amerikanischen Ikone?, die sich in der heutigen Zeit in einem muslimischen Land mit großen Problemen konfrontiert sieht. Für den Regisseur war Pitt nicht die offensichtliche Wahl, aber eine sehr interessante. ?Er hat eine solche Rolle bisher noch nie gespielt, und ich spürte ? und Brad tat dies auch ? dass es eine spannende Herausforderung sein würde, ihn in einen mittelalten Mann in einer schweren Krise zu verwandeln. Er hat diese Aufgabe großartig gemeistert und alles aus sich herausgeholt.?

Iñárritu wusste, dass er auch für die Rolle von Richards Frau Susan eine Schauspielerin finden musste, die über großes Können und Tiefe verfügt. ?Ich spürte, dass nur eine Schauspielerin von Cates Klasse und Vielseitigkeit etwas Interessantes aus einer Figur herausholen konnte, die die meiste Zeit schwer verletzt auf dem Boden liegt.? Für Iñárritu setzte Blanchett am Set einen hohen schauspielerischen Standard. ?Sie ist eine Prinzessin mit der Fähigkeit, sich in alles verwandeln zu können, was sie will. Ich konnte mich jederzeit auf sie verlassen. Als Regisseur macht sie einem das Leben einfach sehr leicht?, so Iñárritu. ?Sie bewies, dass es keine kleinen Rollen gibt. Alles hängt davon ab, was man daraus macht.?

Für BABEL arbeitete Iñárritu erstmals mit Laiendarstellern. Es war eine wohl überlegte Entscheidung. ?Die Arbeit mit Laienschauspielern war eine große Herausforderung, aber sie hat gleichzeitig mehr Realismus ermöglicht?, stellt er fest. Iñárritu sieht es heute als wichtigste Entscheidung der gesamten Produktion. ?Als wir mit dem Casting begannen, wurde mir klar, dass Berufsschauspieler in der Wüste Marokkos unweigerlich unecht wirken. Ihre Haut ist zu glatt, ihr Aussehen zu gepflegt.? Stattdessen wurden marokkanische Handwerker, Computerprogrammierer, Kaufleute und viele mehr vom Casting-Team, das aus zwei Franzosen und einem Mexikaner bestand, handverlesen. Wenn das Team in die kleinen Dörfer der Sahara kam, wurden die Casting-Aufrufe von den Moscheen verbreitet, worauf sich Hunderte von Leuten meldeten, mit denen dann Probeaufnahmen gemacht wurden. Für die Rollen der beiden jungen Brüder Yussef und Ahmed, deren übermütige Schießübungen mit einem Gewehr weitreichende Konsequenzen für ihre Familie und ihr ganzes Dorf haben, wurden so Boubker Ait El Caid und Said Tarchani gefunden. Aus einer Menge von mehreren Tausend jungen Marokkanern wurden sie wegen ihrer starken Ausstrahlung und ihrer ausdrucksvollen Gesichter ausgewählt.

Für die beklemmende Geschichte des Kindermädchens Amelia, einer illegalen Immigrantin, die die Grenze überquert, um bei der Hochzeit ihres Sohnes dabei sein zu können und sich dann im Grenzgebiet der USA und Mexikos verirrt, sah sich der Regisseur hunderte von zweisprachigen Schauspielerinnen an, immer auf der Suche nach der seltenen Kombination aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit, die Amelia verkörpern sollte. Schließlich wies Iñárritus Frau Maria Eladia ihn auf eine Darstellerin aus AMORES PERROS hin. Adriana Barraza schickte ein Band, das sie sofort als die perfekte Besetzung auswies. ?Jede ihrer Szenen trifft mich in Herz und Bauch. Sie strahlt die bedingungslose Hingabe einer liebenden Mutter aus, die gleichzeitig hart im Nehmen ist und viel Schmerz aushalten kann.? Ähnlich wichtig für die Mexiko-Geschichte sind die Kinder, die Amelia mit über die Grenze nimmt: Mike, gespielt von dem Neuling Nathan Gamble, und Debbie, die von Dakota Fannings Schwester Elle gespielt wird. Durch den offenen, vorurteilslosen Blick der Kinder enthüllt Iñárritu dem Zuschauer die unbekannten Seiten Mexikos. ?In der amerikanischen Gesellschaft gibt es eine Reihe von Vorurteilen über Mexiko. Deshalb wollte ich das Land mit den Augen der Kinder zeigen, die von Unschuld und Entdeckungsfreude geprägt sind. Was aus bestimmter Perspektive schmutzig, merkwürdig und arm aussieht, kann, durch die Augen von Kindern betrachtet, verspielt, bunt, ungewöhnlich und fröhlich sein.?

Für die Rolle des Santiago, Amelias Neffen, der sie und die Kinder in betrunkenem Zustand auf eine Odyssee durch die Wüste schickt, wählte Iñárritu Gael García Bernal, den er erstmals als Octavio in AMORES PERROS besetzt hatte und der seitdem zu einem internationalen Star aufgestiegen ist. ?An Gael habe ich von Anfang an gedacht. Ich konnte dieses Triptychon nicht ohne ihn vollenden. Er ist einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler. Als Santiago porträtiert er sehr subtil eine bestimmte Janusköpfigkeit in manchen mexikanischen Männern, die liebevoll, freundlich und enthusiastisch sein können, die aber, wenn sie etwas getrunken haben, oft wütend, hasserfüllt und unverantwortlich handeln?, kommentiert der Regisseur. ?Außerdem repräsentiert er die Einstellung, die manche mexikanischen USA-Pendler gegenüber den US-Behörden haben. Der Grund für Santiagos Wutausbruch liegt nicht in den Ereignissen dieser Nacht oder seiner Trunkenheit allein, sondern in der Summe der jahrelangen Erniedrigung und Ablehnung, die er immer wieder erlebt hat und die sich über lange Zeit in ihm aufgestaut haben.?

Die vielleicht intimste Geschichte BABELs entfaltet sich in den Menschenmengen, dem Chaos und der Großstadthektik Tokios. Für die Rolle von Yasujiro, einem Vater, der keinen emotionalen Zugang zu seiner Tochter findet, castete Iñárritu mit Kôji Yakusho einen der renommiertesten Schauspieler Japans. Obwohl es sich um eine kleine Rolle handelte, wusste Iñárritu, dass er einen Darsteller finden musste, der ihr in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeitspanne auf eindrucksvolle Weise seinen Stempel aufdrücken würde. An Yakusho bewundert Iñárritu vor allem die ?Ökonomie seiner Bewegungen.? Im Dezember 2004 begann Iñárritu nach einer passenden Besetzung für die komplexe Rolle von Yasujiros Tochter zu suchen, der zornigen, sexuell suchenden Taubstummen Chieko. Als die 24-jährige Rinko Kikuchi zum Vorsprechen erschien, war Iñárritu nach eigenen Worten ?überwältigt von ihrem Talent, aber zögerlich angesichts der Tatsache, dass sie nicht taubstumm war.? Kikuchi war so entschlossen, die Rolle zu bekommen, dass sie, aus eigenem Antrieb und obwohl sie keine Zusage für die Rolle hatte, neun Monate lang Zeichensprache lernte. Iñárritu sah sich über Monate hinweg weitere taubstumme Teenager an, ohne zu finden, was er suchte. Schließlich entschied er sich für Rinko. ?Es war eine sehr mutige und kluge Entscheidung?, kommentiert der Regisseur ihren Entschluss, Zeichensprache zu erlernen. ?Manchmal entstehen die Magie und die Kunst einer Performance durch Verwandlung.?

Mit ausländischen Laiendarstellern zu drehen, hieß für den Regisseur nicht nur, ihre kulturellen Standpunkte zu dechiffrieren, sondern auch, ihnen erstmals bestimmte Reaktionen auf bestimmte Situationen beizubringen. ?Schauspieler zu führen ist schwierig. Schauspieler in einer Sprache zu führen, die man selbst nur begrenzt spricht, ist sehr schwierig, wie ich bereits seit 21 GRAMM wusste, aber Laiendarsteller zu führen, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen, war die dümmste, unverantwortlichste, herausforderndste und schließlich doch lohnendste Idee, die ich jemals hatte?, sagt er.

Bei der Überwindung dieser Kommunikationshürde halfen ihm glücklicherweise drei wunderbare Frauen, die es dem Regisseur ermöglichten, die Sprachbarriere zu durchdringen und so zu inszenieren, als ob die Sprache gar kein Thema sei. ?In Marokko hatte ich das Glück, mit Hiam Abbass zu arbeiten, die weit mehr als ein Sprachcoach und eine Übersetzerin war. Sie ermöglichte mir, eine emotionale Verbindung zu den arabischen Laiendarstellern aufzubauen. Ohne sie hätte ich das niemals geschafft. Das Gleiche gilt für Mariko und Rieko in Japan. Mariko, unsere Übersetzerin für die Taubstummensprache, ermöglichte mir die Kommunikation mit den taubstummen Mitgliedern des Casts und half mir, den Graben zwischen uns, der so leicht zu Missverständnissen hätte führen können, zu überwinden. Rieko, meine japanische Dolmetscherin, sorgte dafür, dass die Schauspieler mich verstanden, was unter den gegebenen Umständen keine leichte Aufgabe war.?

Der Look von BABEL Anders als bei seinen früheren Filmen suchte Alejandro González Iñárritu für BABEL nach einer Kombination aus hyperrealistischer Ästhetik und einer eher traditionellen Kinematografie, die das Innenleben der Figuren darstellen sollte.

Eine Schlüsselrolle kam dabei dem Academy Award®-nominierten Kameramann Rodrigo Prieto zu: ?Wir wollten die emotionalen Reisen der Charaktere durch den Einsatz unterschiedlicher Filmmaterialien und Formate visualisieren. Wir spürten, dass subtile Unterschiede in der Bildqualität jeder Geschichte, wie die Textur, die Körnigkeit, die Farbsättigung des Films und die Hintergrundschärfe die Erfahrung verschiedener geografischer und emotionaler Orte verstärken würden?, sagt Prieto. ?Zum Schluss kombinierten wir die verschiedenen Formate digital in einem Negativ, genauso wie all diese verschiedenen Kulturen und Sprachen in einem Film zusammen kommen.?

Während es in den Wüsten Südmarokkos und Mexikos an technologischem Support mangelte, warf das hypermoderne Tokio aus genau entgegengesetzten Gründen viele Probleme für die Produktion auf. ?Es war eine der härtesten Erfahrungen meines Berufslebens, aber auch eine der unvergesslichsten und wertvollsten?, sagt die Produktionsdesignerin und Academy Award®-Gewinnerin Brigitte Broch. ?Vom Arbeiten in der faszinierenden Landschaft Marokkos bis zur Erfahrung der merkwürdigen gesellschaftlichen Mischung Tokios hat dieser Film mich viel über die Menschheit gelehrt. Wir entschlossen uns, die verschiedenen Länder in verschiedenen Rot-Tönen zu malen: orangefarbene Erdtöne für Marokko, ein lebhaftes, elektrisierendes Rot für Mexiko und ein subtiles Purpurrot für Japan?, erzählt Broch.

Für Regisseur González Iñárritu liegt die größte Leistung darin, diese visuellen Entscheidungen so in den Film integriert zu haben, dass sie für die Zuschauer ?unsichtbar? sind. Dazu gehörte auch, sich nicht von den ästhetischen Reizen der faszinierenden Drehorte verführen zu lassen.

?Ich liebe es, mit Alejandro zu arbeiten, denn er ist gnadenlos?, sagt der Cutter und Oscar®-Preisträger Stephen Mirrione über den Schnitt des Films. ?Er ist nicht zufrieden, bevor dich nicht jedes einzelne Bild des Films etwas fühlen lässt. Für die Montage von BABEL bedeutete das, in jeder Szene jedes noch so kleine Detail unter die Lupe zu nehmen. Mehr als 2.500 verschiedene Kameraeinstellungen wurden gedreht, das gab uns eine überwältigende Bandbreite von Bildern und Tönen zur Auswahl. Es gibt rund 4.000 Schnitte im Film. Ähnlich wie bei einem riesigen Mosaik, das aus winzigen Kacheln zusammengesetzt ist, wurde mir erst deutlich, was wir gemeinsam erreicht hatten, als ich einen Schritt zurücktrat und das Ganze aus der Distanz betrachtete. Ich entdecke immer noch bei jedem Sehen neue Details, neue Verbindungen und neue Bedeutungsebenen.?

Sound Designer Martín Hernández, ein enger Freund Iñárritus, arbeitete erstmals vor 22 Jahren mit ihm zusammen, als beide bei einem Radiosender in Mexiko City angestellt waren. ?Wenn es nichts zu hören gibt, gibt es nichts zu verstehen; wenn wir aufhören zu verstehen, ist unsere Sprache nutzlos geworden, schlimmer noch, sie wird uns am Ende nur trennen. BABEL ist eine sehr detaillierte Beschreibung dieses Themas auf der einzigen Ebene, die wirklich universell ist: der menschlichen Ebene. Der Film ist angefüllt mit einigen sehr subtilen und einigen sehr direkten Charakteren, alle sind auf kraftvolle Weise visuell und tönend. Als ich vor Ort versuchte, für BABEL die Klänge jedes Schauplatzes aufzunehmen, glaubte ich, ich sei dort, um zu hören. Ich habe mich geirrt. Jetzt, wo ich hier bin und vor Alejandros letzter Schnittversion sitze, höre ich wirklich zu. Ich habe gelernt, dem zuzuhören, was er hört, und nun bin ich in der Lage, ihn zu verstehen. Dieser Film verlangt dieselbe Aufmerksamkeit, die jeder Mensch für sich verlangt. Es geht um sie, die ?Anderen?, um die scheinbar Fremden, und damit letzten Endes um uns selbst?, sagt Hernández.

Den final touch an Gefühl und Tiefe erhielt der Film durch einen weiteren langjährigen Partner Iñárritus: den Komponisten Gustavo Santaolalla, der in diesem Jahr den Oscar® für seine Musik zu BROKEBACK MOUNTAIN gewann. ?BABEL ist der dritte Film, bei dem ich mit Alejandro González Iñárritu zusammenarbeiten konnte. Seit AMORES PERROS und danach bei 21 GRAMM haben wir eine besondere musikalische Sprache entwickelt, die uns hilft, die zutiefst menschliche Essenz seiner Filme zu unterstreichen. Die Herausforderung bei BABEL war es, für vier Geschichten, die an drei verschiedenen Orten auf der Welt stattfinden, einen Sound, ein bestimmtes Instrument zu finden, das alle Charaktere und Orte miteinander verbindet, das eine Identität schafft, ohne nach der Musik einer National Geographic-Dokumentation zu klingen. Diese Stimme fand ich im Oud, einem bundlosen arabischen Saiteninstrument, das ein Vorläufer der spanischen Gitarre ist, aber auch an die japanische Koto erinnert. Dieser Sound, kombiniert mit anderen Instrumenten, wurde zur klanglichen Textur von BABEL?, sagt Santaolalla.

Prieto, Broch, Santaolalla und Hernández gehören zum hochkarätigen Team, mit dem Iñárritu seit seinem Debütfilm AMORES PERROS zusammenarbeitet. Die künstlerische Verbindung, die dadurch zwischen ihnen bestand, machte die Erfahrung der BABEL-Produktion noch intimer und faszinierender. Sie sind, so Iñárritu, ?meine engste kreative Familie? und unverzichtbar bei dem Prozess, eine Lebenserfahrung in die universelle Sprache des Films zu übertragen.

?Im Verlauf des Produktionsjahres zogen wir gemeinsam rund um die Welt wie eine Zirkustruppe. Auch wenn ein Film ein sehr persönliches Zeugnis sein kann, bleibt er doch immer ein riesiges gemeinschaftliches Abenteuer, eine kreative Orgie, in der jeder alles gibt, wozu sein Talent ihn befähigt. Die besten und befriedigendsten Momente im Film und auch außerhalb habe ich meinen Partnern und meinem Team zu verdanken. Ohne sie wäre es undenkbar gewesen, auch nur einen Zentimeter Film zu drehen?, sagt der Regisseur.

Für den Film lud Iñárritu außerdem die Produzenten Jon Kilik und Steve Golin in sein Team ein. ?Es war großartig, sich auf die Familie verlassen zu können, mit der ich meine letzten beiden Filme gemacht habe, aber es war ebenso großartig, mit Jon Kilik und Steve Golin zwei neue Partner und Freunde zu gewinnen. Wir haben gemeinsam viel erlebt, und ihr Spirit, ihre Erfahrung und Unterstützung bei diesem Projekt waren unverzichtbar.?

Aus Sicht der Produzenten bot BABEL eine Vielzahl an Herausforderungen, doch die größte von allen war es, die künstlerische Integrität des Films zu bewahren. ?BABEL wurde zur anspruchsvollsten und wertvollsten Herausforderung meiner Karriere als Produzent?, sagt Jon Kilik (ALEXANDER, MALCOLM X, DEAD MAN WALKING). ?Entlegene Wüsten, hoch gesicherte Staatsgrenzen und eine der bevölkerungsreichsten Städte des Planeten stellten uns vor enorme produktionstechnische Schwierigkeiten. Indem wir uns für die Lebens- und Arbeitsweisen Marokkos, Mexikos und Japans öffneten, gelang es uns, eine Ehrlichkeit auf die Leinwand zu bringen, auf die ich sehr stolz bin.?

Produzent Steve Golin (ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND, BEING JOHN MALKOVICH) berichtet von ähnlichen Erfahrungen. ?Es war meine erste Zusammenarbeit mit Alejandro. Sie war nicht nur unvergesslich, sie war auch ganz anders als die Projekte, an denen ich bisher beteiligt war. An jedem Tag hatte ich die Gelegenheit, die verschiedenen Methoden des Filmemachens in einem internationalen Setting zu erleben. Für mich als Produzent war das eine Erfahrung, die mich zugleich forderte und inspirierte. Die Überwindung von Hürden und Grenzen der Sprache, um einen Weg zu finden, miteinander zu arbeiten, trug dazu bei, dass es eine einzigartige Reise wurde.?

Die Idee zu BABEL Jeder Schauplatz in BABEL hat eine Bedeutung im Leben von Alejandro González Iñárritu. Im Alter von 17 Jahren unternahm der Regisseur eine Reise nach Marokko, die sein Leben veränderte. Vom ersten Augenblick an faszinierten ihn die leuchtenden Wüsten und die majestätischen Berge so sehr, dass er sich schwor, irgendwann einen Film in diesem Land zu drehen. In der heutigen, von der Angst vor Terrorismus geprägten Zeit gewann dieser Schauplatz zusätzliche Bedeutung für Iñárritus Geschichte von gescheiterter Kommunikation und falschen Interpretationen.

?Guillermo brachte den Streit zweier marokkanischer Brüder zu Beginn unserer Zusammenarbeit ins Projekt ein. Die Idee war kraftvoll, schön und doch simpel, das machte sie besonders. Zunächst sollte die Geschichte in Tunesien spielen, doch ich wusste, dass ich sie in dieser afrikanisch-mediterranen Region ansiedeln musste.?

In ähnlicher Weise inspirierten Iñárritu seine früheren Reisen nach Japan dazu, eines Tages mit einer Filmkamera zurückzukehren. Auf einer Promotion-Reise für 21 GRAMM nach Japan reiste Iñárritu 2003 zu dem berühmten Berg Hakone, der ihm mit seinen dampfenden Thermalquellen als magischer Ort erschien. Der Anblick eines alten Mannes, der sich bei einer Bergwanderung mit Hingabe um ein geistig behindertes japanisches Mädchen kümmerte, berührte Iñárritu so sehr, dass er daraus die Idee entwickelte, von einer Beziehung zwischen zwei isolierten Personen zu erzählen. Mehrere Begegnungen mit taubstummen Menschen auf derselben Reise und ein erotischer Traum von einem taubstummen Teenager flossen ebenfalls in die Idee mit ein und formten den Kern der japanischen Geschichte.

Ein weiterer wichtiger Einfluss bei der Konzeption von BABEL war Iñárritus eigener Umzug von Mexiko City in die USA. Iñárritu wusste, dass er eine seiner Geschichten vor dem Hintergrund der oft tödlichen, hoch gesicherten Grenze zwischen den USA und Mexiko ansiedeln wollte. ?Seit ich selbst zum Einwanderer wurde, habe ich eine klarere Sicht auf mich selbst, mein Land und meine Arbeit gewonnen. Ich verstehe jetzt, was es heißt und wie schwierig es ist, als Bürger eines Dritte-Welt-Landes in einem Land der ersten Welt zu leben.?

BABEL ? eine Erfahrung aus erster Hand Die Produktion von BABEL begann im Mai 2005 in Marokko, von dort ging es nach Mexiko und Tokio. In Marokko galt es, einen Drehort zu finden, der für eine kleine Enklave in der südlichen Wüste stehen konnte. Iñárritu fand diesen Ort in dem entlegenen Berberdorf Taguenzalt. Gelegen am Fuß des Atlasgebirges, ist das Dorf in die Felseinschnitte des Draa-Tales gebaut und besteht aus uralten Lehmhäusern, deren Räume um einen Innenhof errichtet sind. ?Es gefiel mir, dass dieses Dorf so bescheiden und real war?, erzählt Iñárritu. ?Die Menschen in Taguenzalt waren sehr freundlich und spirituell. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.?

Trotz der herzlichen Gastfreundschaft der Einwohner waren die Drehbedingungen schwierig. Die Temperaturen erreichten oft 37 Grad im Schatten, und nachmittags wehten Stürme den Sand der Sahara ins Dorf. Doch diese Schwierigkeiten erhöhten nur noch die Authentizität der erzählten Geschichte. ?Die Hitze war brutal, aber genau darum ging es uns. Wir hatten nicht nur Method-Acting, sondern auch Method-Dreharbeiten?, lacht Iñárritu.

Anschließend reiste die Produktion weiter nach Tijuana in Mexiko, wo sich das Team, auch dies eine reale Parallele zur erzählten Fiktion, in einer staubigen, ausgedörrten Wüste und einem kleinen, abgelegenen Dorf wiederfand. Die abgelegene Stadt El Carrizo im Norden Mexikos diente als Amelias Heimatort ?Los Lobos?. Wichtige Sequenzen wurden auch an der mexikanisch-amerikanischen Grenze gedreht, wo Iñárritu den Blick von der mexikanischen Seite einfing ? hohe Zäune, Überwachungskameras, Flutlicht-Beleuchtung und bewaffnete Grenzposten sorgen dort für eine festungsähnliche Atmosphäre. ?Fünf Leute mussten in ein Krankenhaus in der Sonora-Wüste eingeliefert werden. Adriana Barraza erlitt am Set fast einen Hitzschlag. Es war nicht leicht?, berichtet der Regisseur.

Schließlich reiste die Filmcrew nach Tokio, wo neue, ganz andere Herausforderungen auf sie warteten. ?Tokio war gleichzeitig eine wunderbare und eine schwierige Erfahrung?, urteilt Iñárritu. ?Dort geht vieles sehr langsam, und es gibt keine Filmkommission, die einem dabei hilft. Es gibt keine Erlaubnis für Dreharbeiten, deshalb waren wir ständig auf der Flucht vor der Polizei. Wir brauchten Mut und arbeiteten im Guerilla-Stil, immer in Bewegung und bereit zum Improvisieren.?

?Jede Phase der Entstehung von BABEL reflektierte zugleich die Strapazen der Charaktere und veränderte durch die vielen kulturellen Probleme und Lerneffekte die fiktionale Story. Jeden Tag musste ich das Drehbuch verändern und den immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen, je nachdem, wie mich die jeweilige Kultur beeinflusste?, resümiert Iñárritu. ?Das Urteil darüber, ob der Film die Realität geformt hat oder ob es umgekehrt war, sollte man am besten den Zuschauern überlassen.?

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Tobis 1994 - 2010 Dirk Jasper