Chanson d'Amour

Produktionsnotizen

Als Xavier Giannoli die Idee hatte, einen Film zu drehen, in dessen Mittelpunkt ein Chanteur de bal stehen sollte, machte er sich auf in die Provinz, in die Auvergne, um vor Ort im Milieu der Tanzhallen zu recherchieren. Rasch lernte er dabei Alain Chanone kennen, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, dass er in Clermont-Ferrand bei Tanztees und Firmenfeiern und bei abendlichen Tanzveranstaltungen als Sänger auftritt.

Chanone ist das, was man eine echte Lokalgröße nennt. Er genießt einen hervorragenden Ruf in seiner Stadt, in der er seit vielen Jahren arbeitet und schätzt an seinem Wirkungskreis vor allem das, was man ? aus Paris kommend ? meistens eher als einen Nachteil zu betrachten gewohnt ist: seine Überschaubarkeit. Nicht Ruhm und die Bewunderung seines Publikums sind sein Ziel; ihm gefällt es vielmehr, die Menschen mit seinen Chansons zu unterhalten, sie zum Tanzen zu animieren und ihnen so einen schönen Abend zu bereiten.

Giannoli begleitete und filmte Chanone bei seiner Arbeit, führte lange Gespräche mit ihm, lernte die Menschen kennen, die sein Umfeld bilden ? und schaffte es auf diese Weise, intime Einblicke in eine ihm bis dahin nur bruchstückhaft bekannte Szene zu gewinnen. Dabei geschah etwas, das er selbst so nicht unbedingt vorhergesehen hatte: Er entwickelte einen tiefen Respekt vor der Lebens- und Arbeitshaltung dieses Sängers und beschloss, ihn für seine Hauptfigur zum Vorbild zu nehmen.

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung Keineswegs ging es dem jungen Autor und Regisseur jedoch darum, das reale Leben dieses Vorbildes abzubilden oder eine Art Milieustudie zu erstellen. Er wollte keinen Film über einen bestimmten Sänger drehen, sondern eine fiktionale Geschichte erzählen: ?Ich wollte keinen Film machen, der einen ?sozialen? Blick auf dieses kleine Universum richtet?, sagt Giannoli. ?Was mich interessierte, war, die Würde und die Schönheit sichtbar zu machen, die diese Welt ausstrahlt.?

Giannoli entwickelte die Geschichte der Begegnung zwischen einem Sänger und einer jungen Frau, die sich ineinander verlieben, die Geschichte einer Annäherung zwischen zwei Menschen, die völlig verschiedenen Milieus entstammen, aber dennoch eine tiefe Zuneigung zueinander entwickeln. Diese geschickte Konstruktion ermöglichte es ihm, beide Perspektiven auf die Welt der Chanteurs de bal zusammenzubringen: die Sicht des Sängers selbst und den anfänglich fremden und durchaus auch befremdeten Blick des Außenstehenden auf dieses kleine Universum, der sich allmählich in einen liebe- und respektvollen Blick verwandelt.

Sag es mit einem Lied ... Von besonderer Bedeutung war für Giannoli ? über diese zentralen Figuren hinaus ? natürlich die Musik, die Chansons selbst. Gesang/Musik und Film bilden für Giannoli ein eng zusammenhängendes Gespann: ?Wir sollten nicht vergessen, dass an der Schwelle zwischen Stumm- und Tonfilm der berühmte ?Jazzsänger? stand. Der Film hat über den Gesang überhaupt erst zu sprechen begonnen. Musik und Film sind die einzigen beiden Kunstformen des 20. Jahrhunderts, an denen die Menschen festhalten und sie sind eng miteinander verbunden. Woody Allen hat überhaupt kein Problem damit, einen Film über Musik zu machen, wohingegen es in Frankreich diese Angst vor dem Pittoresken gibt. Dabei geht die Beziehung zwischen Musik und Film weit über eine einfache Modeerscheinung hinaus.?

Das Chanson ?Quand j?étais chanteur? von Michel Delpech war es, der Xavier Giannoli dazu inspirierte, einen Film über einen Sänger zu machen. Chansons, Opern und Volkslieder begleiten den Regisseur seit seiner frühen Kindheit, und es reizte ihn, mit den Mitteln des Films einmal der faszinierenden und begrifflich schwer zu fassenden Wirkung nachzugehen, die ein gutes Chanson seiner Meinung nach entwickelt. Ein Chanson kann sehr vieles zugleich sein; es erzählt mit einfachen Worten und einer eingängigen Melodie von Dingen, die im Leben jedes Menschen eine Rolle spielen, bringt Gefühlslagen, die jeder aus eigener Erfahrung kennt, auf den Punkt, eröffnet neue Sichtweisen und will vor allem eins sein: leicht und unterhaltsam. Dieses breite Spektrum findet sich auch in Giannolis CHANSON D´AMOUR wieder, einem Film, in dem viele Dinge, die ungesagt bleiben (müssen), sich dem Zuschauer über Gesten, Blicke ? und eben die Liedtexte und Melodien vermitteln.

Drei Schauspieler auf ungewohntem Terrain ? die Besetzung Chanteur de bal ? Gérard Depardieu als Alain Moreau ?Ich freue mich sehr, so eine zarte, schöne Rolle gefunden zu haben. Dieser Mann versucht ganz einfach, seine eigene Wahrheit auszudrücken. Solche Rollen sind sehr rar gesät. Ich brauchte hier gar nichts anderes zu tun, als ich selbst zu sein und Freude daran zu haben.? So schwärmte der Hauptdarsteller in Cannes von seiner Rolle. Schon beim Schreiben der Geschichte hatte Xavier Giannoli ganz klar vor Augen, mit wem er CHANSON D´AMOUR drehen wollte. Mit Gérard Depardieu zu arbeiten war schon immer sein Wunsch, ja sein Traum gewesen, und bereits während der Entstehung des Buches wurde ihm klar, dass es sich bei der Figur des Alain Moreau um eine Rolle handelt, die es Depardieu ermöglichen würde, noch einmal eine neue Facette seines Könnens zu zeigen. Er bot sie ihm an, und Depardieu griff sofort zu. ?Er wusste, dass ich mich nicht für ihn als Superstar, sondern als Schauspieler interessierte. Das ist die einzige Art, wie man ihm seinen Respekt erweisen kann. Ich wollte den Leuten nicht den Depardieu geben, den sie schon kennen ? ich wollte, dass sie ihn wieder ganz neu sehen, dass sein schauspielerisches Genie zum Tragen kommt. Aus meiner Sicht hat mit Gérard das moderne Kino begonnen, und ich wollte, dass er mir hilft, auf meine Art Dinge auszudrücken, die mir sehr wichtig sind. Dieses ganze Thema, dass ein Star jemanden ganz Unbekannten spielt, ist in meinen Augen völlig belanglos. Das war nicht das, worauf es mir ankam.?

Dass Depardieu kein ausgewiesener Sänger ist, sprach keineswegs gegen seine Besetzung. Schließlich steht in diesem Film nicht die Sangeskunst eines großen Vokalkünstlers im Vordergrund, sondern die Tätigkeit eines Chanteur de bal, eines Ballhaussängers, der sich mit seinen Auftritten keineswegs selbst profilieren möchte, sondern eher im Ensemble mit seiner Band wahrgenommen wird und vor allem dazu da ist, durch seine Chansons eine beschwingte Atmosphäre zu verbreiten. ?Mit Playbacks zu arbeiten, stand für uns nie zur Debatte. Ich wollte nicht, dass Gérard wie Pavarotti singt, sondern ich wollte einfach eine gute, professionelle Singstimme. Darum geht es ja in dem Film. Wir gingen ins Studio und probierten eine Reihe von Liedern durch. Bei einigen von ihnen war sofort klar, dass wir sie nehmen mussten. Wenn er Shumans ?Save the Last Dance For Me? singt oder Serge Gainsbourgs ?L?Anamour?, dann schlüpft er geradezu in diese Lieder hinein, er bewohnt sie und füllt sie aus. Sie passen ihm wie angegossen. Ich habe ihn gebeten, wie ein Ballhaussänger zu singen und auf Show ganz zu verzichten. Und er sah so gut aus mit seinen blonden Strähnchen und hat diese einzigartige Stimme.?

Das Gesicht eines Stars ? Cécile de France als Marion Auch die Auswahl von Cécile de France für die Rolle der Marion war für Giannoli naheliegend: ?Sie ist einfach zauberhaft. Wirklich, diese Frau besitzt magische Fähigkeiten. Ich kannte sie vor allem aus Komödien, in denen sie junge Frauen spielte. Gewöhnlich wird sie jünger besetzt, als sie ist, aber ich habe gespürt, dass unter dieser Oberfläche etwas verborgen liegt. Da gab es etwas zu entdecken, einen Schatten. Cécile verleiht der Rolle der Marion, die ja eine einsame Figur ist, insgesamt etwas unverhofft Frisches und Glanzvolles. Darüber hinaus sieht sie einfach umwerfend aus. Sie hat so überhaupt nichts Vulgäres, sie hat das Gesicht eines Stars. Ihr Humor und ihr jugendliches Feuer geben den Szenen zwischen ihr und Alain Moreau eine positive Energie.?

Marion blickt zunächst als Außenstehende auf die Welt des Sängers Alain Moreau, zu der sie erst nach und nach einen Zugang findet. Eine Entwicklung, die die Darstellerin auch persönlich nachvollziehen konnte: ?Ich kam mit meinen Vorurteilen einer Pariserin nach Clermont-Ferrand?, sagt sie. ?Diese Tanzlokale waren nicht mein Ding, dachte ich. Aber am Ende fand ich diese kleine Welt ganz wunderbar, all diese Menschen, die miteinander tanzen und eine Art Gemeinschaft bilden, das fand ich sehr schön.?

Der Nebenbuhler ? Mathieu Amalric als Bruno Mit Mathieu Amalric hat der Regisseur bereits bei seinem Kurzfilm ?L?Interview? zusammengearbeitet und auch er stand ihm schon während des Schreibens als Bruno vor Augen. ?Mathieu ist ein ganz exzellenter Schauspieler mit großer Ausstrahlung?, schwärmt der Regisseur, ?und er ist sehr frei und erfinderisch in seiner Arbeit.? Ein wichtiges Kriterium für seine Auswahl war jedoch auch, dass er einen ganz anderen Typ verkörpert als Depardieu: ?Besonders interessant war für uns, dass er mit Gérard um dieselbe Frau konkurriert. Sie entstammen nicht derselben Generation und unterscheiden sich von ihrem Äußeren her radikal, und Mathieu hat diesen Glanz, der nötig ist, um Gérard zu verunsichern. So entstand eine wunderbare Balance zwischen den beiden.? Den Augenblick einfangen ? Giannolis Regiestil ?Was macht es für einen Sinn, ambitioniert mit der Kamera um einen Mann herumzufahren, der Ambitionen eher skeptisch gegenübersteht. Da muss man sich etwas anderes einfallen lassen.? Mit diesen lakonischen Worten beschreibt Xavier Giannoli, weshalb er bei seinem Film eine stilistische Einfachheit anstrebte. Ihm ging es weniger darum, seine Geschichte durch eine besondere filmerische Raffinesse oder spezielle Effekte künstlich aufzuwerten, sondern er wollte sich ganz auf die Figuren und die Atmosphäre zwischen ihnen konzentrieren, darauf, den ?richtigen Moment? einzufangen. ?Mir ist aufgefallen, dass die Art, wie Leute sich ansehen, häufig den Ball ins Rollen bringt und mir hilft, eine Szene oder gar den ganzen Film richtig einzufädeln. Depardieu hat mir häufig eine wichtige Frage gestellt: ?Lebt er??, wollte er wissen. Es geht nicht darum, das Leben abzufilmen, es geht darum, Leben in den Film zu bringen. Harter Naturalismus interessiert mich nicht. Ein Film, der persönlich ist, ist per definitionem nicht stilisiert.
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Prokino © 1994 - 2010 Dirk Jasper