Der Mann auf dem Quai

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Titel Deutschland: Der Mann auf dem Quai
Titel Frankreich: L'Homme sur les quais
Genre: Drama
Farbe, Frankreich, Kanada, Deutschland, 1993

Kino Frankreich: 25. August 1993
Kino Deutschland: -
Kino Schweiz (D): -
Kino Österreich: -
Laufzeit Kino: 106 Minuten, FSK -



Inhalt Haiti, zu Beginn der sechziger Jahre. Die sechsjährige Sarah beobachtet vom Balkon ihres Elternhauses aus eine Gewaltszene. Ihr Pate Sorel wird vom späteren Kommandanten Janvier wegen angeblicher subversiver Tätigkeit unter Aufsicht ihres Vaters, einem Militärhauptmann, misshandelt.

Zwei Jahre später, Sarah und ihre Schwestern werden von Nonnen versteckt, nachdem die Eltern aufgrund der politischen Situation das Land verlassen haben. Großmutter Camille Desrouillère will die Kinder mit Hilfe eines befreundeten Geschäftsmanns außer Landes bringen. Zuvor nämlich war ein bestochener Busfahrer gefoltert und sie selbst der Subversion bezichtigt worden.

Aber Hauptmann Janvier vereitelt die Flucht. Eine von Präsident Papa Doc erlassene Amnestie gestattet den Mädchen, sich wieder etwas freier zu bewegen. Wenig später schon erweisen sich allzu große Hoffnungen auf Veränderung als trügerisch: Die verdächtige Familie steht nach wie vor unter strenger Beobachtung durch das Militär.

Zusammen mit einem gleichaltrigen Mädchen, dessen Vater ebenfalls "verschwunden" ist, macht Sarah Ausflüge ans Meer. Als Janviers arrogante Frau im Geschäft der Großmutter ihre gebrauchten Schuhe umtauschen will, bricht ein neuer Konflikt aus.

Tage später wird Frau Desrouillère von der Straße weg "abgeholt" und taucht nicht mehr auf. Selbst Bittgänge und Bestechungsversuche der Familie zeigen keine Wirkung. Bei einem Ausflug ans Meer werden Sarah und ihre Freundin von Hauptmann Janvier verfolgt.

Als jener sich an ihrer Begleiterin vergehen will, zückt Sarah die Pistole ihres Vaters. Janvier bricht nach einem Schuss zusammen. Doch die tödliche Kugel wurde von Sorel, dem Mann von den Quais, abgefeuert. Er war den Mädchen in einer Vorahnung gefolgt.


Darsteller & Stab Darsteller (Rolle): Jennifer Zubar (Sarah), Toto Bissainthe (Großmutter Camille Desrouillère), Patrick Rameau (Gracieux Sorel), Jean-Michel Martial (Janvier), Mireille Metellus (Tante Elide), Magaly Berdy (Mirabelle), Johanne Degand (Jeanne), Douveline Saint-Louis (Sabine), François Latour (François Jansson, Vater), Aïlo Auguste-Judith (Gisèle Jeansson), Albert Delpy (Geschäftsmann Assad), Michèle Marcelin (Frau von Janvier)

Stab: • Regie: Raoul Peck • Produktion: Pascal Verroust • Drehbuch: Raoul Peck, André Graill • Vorlage / Buch zum Film: - • Filmmusik: Amos Coulanges, Dominique Dejean; Supervisor: - • Kamera: Armand Marco • Spezialeffekte: Tonio Vidosa • Visuelle Effekte: - • Ausstattung: Gilles Aird, Silvano Lora • Schnitt: Jacques Comets • Kostüme: Chantal Bourigot • Maske: Make up: Michèle Dion; Frisuren: - • Ton: Jean-Pierre Laforce • Ton(effekt)schnitt: - • Stunts: - • Casting: -


Filmkritiken Dirk Jasper FilmLexikon: Der Mann auf dem Quai (im Kino unter dem Titel Der Mann auf dem Quai zu sehen) ist eine Allegorie auf menschliche Beziehungen. Sarahs Erinnerungen an die Kindheit, an den Schmerz der Trennung von den Eltern - sie korrespondieren mit der kollektiven Situation eines Landes, das im Prinzip für ganz Lateinamerika und seine politische Instabilität steht. Das Opfer, der einzelne erliegt dem Druck der Realität und will das Geschehene nur noch vergessen.

Südwestpresse: Raoul Pecks Film verfügt über jene Eigenschaften, die dem protzigen europäischen Kino derzeit völlig abhanden gekommen sind: geduldiges Hinsehen, Liebe zu den Alltagsdingen, sorgfältig komponierte Einstellungen. Es ist ein Film der Stille, aus lauter Kleinigkeiten, aus einer verschreckten kindlichen Wahrnehmung heraus.


Zum Weiterlesen Der Mann auf dem Quai basiert auf einer wahren Geschichte, die dem haitianischen Regisseur und Drehbuchautor Raoul Peck erzählt wurde, auf umfangreichen Recherchen und seinen persönlichen Erinnerungen an die Zeit der Diktatur von Papa Doc.

Der Filmemacher musste die Dreharbeiten in die Dominikanische Republik verlegen, weil in Haiti gerade ein Putsch stattgefunden hatte. Mittlerweile hat sich vieles verändert; Regisseur Raoul Peck wurde danach sogar zum Kultusminister seines Heimatlandes gewählt.

Sein Film Der Mann auf dem Quai nahm 1993 als offizieller Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen in Cannes teil und gewann den ersten Preis beim Afrikanischen Filmfestival in Mailand. Die Jury der Evangelischen Filmarbeit wählte ihn 1994 zum "Film des Monats".

Raoul Peck über seinen Film: "Es ging zu allererst darum, das kollektive Gedächtnis eines Volkes wieder herzustellen, bevor es verloren geht - natürlich für alle Haitianer, aber auch für alle, die diese Art von Willkür erleiden, die die menschlichen Beziehungen beeinträchtigt, Familien zerstört und Gesellschaften destabilisiert: in Jugoslawien, in Südamerika und sogar in der Pariser Metro."

So erinnert sich Sarah, die erwachsene Frau, Jahrzehnte später in Bruchstücken, in widersprüchlichen, schockierenden Sequenzen an die Vorgänge in ihrer unmittelbaren Umgebung. Der Versuch, die Vergangenheit zu verstehen, zu rekonstruieren, scheitert manchmal auch an ineinanderfließenden Zeitebenen und unterschiedlichen Wahrheiten.


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