Dirk Jasper FilmLexikon

Andrea Leskovec: Alternative zum Mainstream: Fernöstliches Kino im Focus

In der Branche ist man sich schon lange darüber einig: die 90er Jahre gehören unumstritten dem chinesischen Kulturraum, der ständig mit neuen Filmen, Regisseuren und Schauspieler aufwartet und Hollywood endlich die Stirn bieten dürfte. Hierzulande ist es vor allem die "Berlinale", die dem fernöstlichen Phänomen gebührend Beachtung schenkt und in Deutschland für die Verbreitung einer Filmkultur sorgt, die zu unrecht auf das Genre der Martial Arts Movies reduziert wird.

Seit den 80er Jahren hat sich in Hongkong und Taiwan ein am sozialen Realismus orientiertes, sozialkritisches Kino entwickelt, für das insbesondere Namen wie Allan Fong, Edward Young und Hou Hsiao-Hsien stehen, die auch heute noch als die renommiertesten Vertreter des neuen taiwanesischen Films gelten, und in deren Fußstapfen viele junge Regisseure treten.

Das dominierende Sujet der 90er Jahre ist der Moloch Hongkong. Namen wie Wong Kar-Wai und Stanley Kwan repräsentieren eine neue Generation von Regiesseuren, die sich mit dem Alltag der Menschen in der fernöstlichen Metropole auseinandersetzen - von konventionell bis experimentell.

Die breite Palette, die Hongkong als Filmhochburg des chinesischen Kulturraumes zu bieten hat, erklärt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass die Stadt jahrzehntelang als Zufluchtsstätte unabhängiger und systemkritischer Regisseure aus der Volksrepublik China galt.

In erster Linie ein Industrieprodukt, ist der Film in der Metropole Hongkong den Marktgesetzen fast noch extremer unterworfen als andere Produkte. Bei einer Spielfilmproduktion von 200 Stück jährlich, sind die Regisseure und Filmemacher einem enormen Konkurrenzdruck ausgesetzt, den die meisten in den Kommerz abtriften lässt.

Viele Regisseure verpacken ihre soziopolitischen Aussagen in rasant gestaltete Handlungen des Martial Arts Genres, wobei die Message nur zu gerne verloren geht. Diese Art der publikumsorientierten Gestaltung ist unter anderem für die neueren Filme von Ann Hui und Yim Ho charakteristisch, die beide für ihre Arbeit mit dem 'Silbernen Bären' der Berlinale ausgezeichnet wurden.

Besonders vor dem Hintergrund der Vereinigung zwei extremer Gegensätze,des ultramodernen Hongkongs und des konservativen Chinas, scheint die Existenz eines pro-chinesischen und regimetreuen Genres schon fast ironisch. Am der Tag der Übernahme Hongkongs durch die Volksrepublik, startete der Monumentalfilm The Opium War, ein Film, der Bote einer längst vergangenen Zeit zu sein scheint, hinter dem sich aber ein durchaus modernes Genre chinesischer Filmkunst verbirgt: der neue konservative chinesische Film, der in höchsten Tönen ein längst überholtes Regime lobt.

Wong Kar-Wai

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