Dirk Jasper FilmLexikon

Europäischer Animationsfilm: Ein Kurzüberblick

Die europäische Animationsszene steht in voller Blüte. Innerhalb der letzten 10 Jahre sind in den Studios zwischen Stockholm und Madrid über 60 Spielfilme produziert worden, die meisten noch im klassischen 2D-Stil, einige wenige wie "Der lebende Wald" (Spanien, 2001), Back To Gaya (Deutschland, 2004) oder Terkel in Trouble aus Dänemark schon im neuen 3D-Look.

Seit dem größtenteils in London produzierten "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" (1988) hat die Renaissance der Animation die weltweite Filmszene umgekrempelt. Mit Filmen wie Arielle, die Meerjungfrau (1989), "Schöne und das Biest" (1991) und Der König der Löwen (1994) brachte dann ein neues Disney-Team nicht nur den Animations-Spielfilm wieder nach vorn, sondern auch nach und nach den Computer als Hilfsmittel ins Spiel.

Eine neue Firma namens Pixar mit dem Disney-Animator John Lassetter an der Spitze brach mit Toy Story (1995) dem computeranimierten Film endgültig die Bahn. Inzwischen haben die großen amerikanischen Trickfilmstudios die Produktion von klassischen Trickfilm im Spielfilmbereich eingestellt, während im TV-Bereich nach wie vor der klassische 2D Trickfilm dominiert, hier haben in den letztem Jahrzehnt "Die Simpsons" und "South Park" neue Maßstäbe gesetzt und Animation insgesamt auch Primetime fähig gemacht.

In England ist die neue Animationswelle losgelassen und auch angenommen worden. Der Fernsehsender Channel Four und seine Animationsproduzentin Claire Kitson gaben in den 80er Jahren vielen kleinen Studios und Künstlern die Möglichkeit Projekte umzusetzen: Jack Lord und David Sproxton von AARDMAN-Studios hatten sich auf Knetanimation spezialisiert und als 1985 der Filmstudent Nick Park zu ihnen stieß, war ihr Erfolg nicht mehr aufzuhalten: "Creature Comforts - Bitte nicht füttern" gewann 1991 den Oscar für den besten Kurzfilm.

Den internationalen Durchbruch erzielten sie mit Nick Parks Schöpfung "Wallace und Gromit", die in drei halbstündigen Filmen für Furore sorgten: Errang ihr Abenteuer "Alles Käse" 1991 lediglich eine Oscar-Nominierung, konnten "Die Techno-Hose" und "Unter Schafen" die Trophäe 1994 und 1996 für sich verbuchen. Der kreative Erfolg des Studios führte zu einem Vertrag mit Dreamworks über fünf Spielfilme: Chicken Run - Hennen Rennen (2001) und Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen (2005) sind die beiden ersten Ergebnisse dieser fruchtbaren Verbindung. "Flushed Away" wird als nächster Spielfilm dann im Knetgummi-Look komplett im Computer produziert werden.

Frankreich ist vermutlich das Land in Europa, in dem Animation auch bei der Bevölkerung den höchsten Stellenwert besitzt. Mit dem Internationalen Animationsfilmfestival in Annecy findet in Frankreich auch das bedeutendste Festival für Trickfilm statt: Jährlich im Juni trifft sich fast die internationale Community für eine Woche und tauscht dort kreative Erfahrungen aus. Jacques-Rémy Girard und sein Studio Folimage haben mit Kurzfilmen wie "Charlie?s Christmas" (1998) und dem Spielfilm "Die Prophezeiung der Frösche" (2003) neue Maßstäbe gesetzt.

Für die größte Überraschung sorgte allerdings Didier Brunner mit seinem Studio Les Armateurs, er gab einem jungen Regisseur namens Sylvain Chomet die finanzielle Rückendeckung für die Produktion eines der ungewöhnlichsten Animationsspielfilme: "Das große Rennen von Belleville" wurde neben vielen weiteren Preisen 2004 gleich für zwei Oscars nominiert. Damit nicht genug, viele weitere interessante Projekte sind in Frankreich in Produktion und werden den Trickfilm bereichern.

Spanien ist das aufstrebende europäische Land im Animationsbereich: Mit "Der lebende Wald" (2001) schufen spanische Animatoren den ersten computeranimierten Trick-Spielfilm Europas, Produktionen wie El Cid - Die Legende (2003), "Pinocchio 3000" (2004) oder "Mitsommernachtstraum" (2005) von aufstrebenden Studios wie Filmax Animation, Dygra Films oder Kandor Graphics beweisen den Aufstieg Spaniens in das Oberhaus der europ äischen Animationsszene.

Deutschland ist der potenteste Partner in Sachen Animation. Viele der europäischen Produktionen werden nur durch deutsche Partner und Produzenten ermöglicht. Produzent und Regisseur Thilo Graf Rothkirch ist aber auch in eigener Sache hocherfolgreich: Mit Tobias Totz und sein Löwe (1999), Der kleine Eisbär (2001) und Lauras Stern (2004) hat Thilo Graf Rothkirch den Sprung an die Spitze der deutschen Animationsszene geschafft, gerade ist sein neuester Streifen Der kleine Eisbär 2 - Die geheimnisvolle Insel erfolgreich angelaufen.

Holger Tappe und Leonard Krawinkel haben mit Back To Gaya ein Zeichen gesetzt, 2004 war er der erste deutsche computeranimierte Spielfilm und bewies eindrucksvoll, dass auch außerhalb Hollywoods die neue Technik erfolgreich angewendet wird. Viele interessante 2D-Filme ließen sich hier weiter nennen: Käpt'n Blaubär - Der Film (1999), die "Werner"-Filme (" Werner - Der Film", 1990, Werner - Das muss kesseln!!!, 1996, Werner - Volles Rooäää!!!, 1999, Werner - gekotzt wird später, 2003), "Das kleine Arschloch" (1997) und "Felidae" (1994).

Glückliches Animationsland Dänemark, hatte es doch 2005 mit Terkel in Trouble, "Strings" und "Little Big Mouth" - gleich drei höchst unterschiedliche Animations-Produktionen - ein großes Trickfilm-Jahr, und eine Reihe von viel versprechenden Projekten in der Hinterhand für 2006. Unangefochten hat sich dabei das Studio A. Film an die Spitze der dänischen Animationsindustrie gesetzt.

Terkel in Trouble schickt sich nun an, Europa zu erobern. Gespannt blickt man jetzt schon auf "The Ugly Duckling and me", eine weitere 3D Produktion aus dem Haus A. Film, und auf die Produktion "Asterix bei den Wikingern" unter der Leitung von Terkel in Trouble-Co-Regisseur Stefan Fjeldmark.

Woher kommt dieser Trickfilmboom bei Deutschlands nordischem Nachbarn? Dänemark besitzt mit gleich drei exzellenten Ausbildungsschulen in Sachen Animation einen großen Vorteil gegenüber anderen europäischen Ländern und blickt zudem auf eine lange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Co-Produzenten und ausländischen Trickfilmstudios zurück.

Auch im Bereich der Computer-Gaming Branche hat Dänemark eine führende Rolle eingenommen und bietet künftigen Animatoren im 3D-Bereich ein weiteres lukratives Betätigungsfeld. Das populäre PC-Spiel "Hitman" und seine Nachfolger sind dänische Exportschlager.

Terkel in Trouble
Back To Gaya
Wallace & Gromit
El Cid
Lauras Stern
Der kleine Eisbär 2
Werner

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