Dirk Jasper FilmLexikon

Klassische Filme restaurieren: 'La Grande Illusion'

"Schwarzweißfilme zählen genauso zum Kulturerbe, wie Literatur, Musik oder Malerei. Demzufolge sind wir verpflichtet, die Werke unserer Filmväter zu pflegen und für nachfolgende Generationen zu erhalten", begründet Alain Fux, Leiter des Pay-TV-Senders Cine Classics, das Engagement des Senders für klassische Filme.

"Die Erlöse aus den Abonnements unseres Senders", so Alain Fux weiter, "werden zum Teil in die technische Überarbeitung beziehungsweise in die Restauration der Filme reinvestiert." So geschehen bei dem Film La Grande Illusion, ein Restaurationsprojekt, auf das Alain Fux ganz besonders stolz ist, denn die Originalfassung des Films galt lange Zeit als verloren und hat eine bewegte Geschichte hinter sich.

La Grande Illusion zählt zu den bedeutendsten Werken des Filmemachers Jean Renoir. Im Jahre 1937 begann der Sohn des berühmten impressionistischen Malers Auguste Renoir im elsässischen Colmar mit den Dreharbeiten. Der Film wurde im Zweiten Weltkrieg gedreht, seine Handlung spielt im Ersten Weltkrieg. Mit La Grande Illusion, so sagte Jean Renoir später, wollte er seinen Beitrag zur Bekämpfung des Nationalsozialismus leisten. Damals ahnte er noch nicht, welche Kontroversen sein Film auslösen würde und welche schicksalhafte Odyssee seinem Film eines Tages bevorstehen würde.

Bevor La Grande Illusion erstmals in Frankreich gezeigt werden durfte, mußste sich Jean Renoir dazu verpflichten, zwei Szenen aus dem Film herauszuschneiden. Dennoch blieb der Film brisant. Wie kein anderer Film, der sich der Kriegsthematik annahm, spaltete er Zuschauer und Kritiker in zwei Lager und sorgte bis über die Grenzen Frankreichs hinaus für Diskussionsstoff.

Während die einen manche Szenen in dem Film als zu deutsch-freundlich empfanden, sahen die anderen in La Grande Illusion ein Dokument der Zuversicht und klassifizierten ihn als Antikriegsfilm. Die Deutschen beurteilten ihn indessen als zu deutsch-feindlich und verboten die Ausstrahlung. In Italien wurde der Film erst nach weiteren Zensuren vorgeführt. Doch während sich in Europa noch die Geister an Jean Renoirs Film schieden, wurde er 1938 in Hollywood als erster ausländischer Film in der Kategorie 'Bester Film' für den Oscar nominiert.

In den folgenden Jahren der Kriegswirren sollte sich die Spur der Originalfassung verlieren. Erst in den 90er Jahren gelang es, die Reise des Films zu rekonstruieren. 1940 beschlagnahmten die Nazis das Original in Paris und hielten es im Berliner Reichsfilmarchiv unter Verschluss. Als die Russen 1945 in Berlin einmarschierten, nahmen sie das Reichsfilmarchiv in ihre Gewalt. Kurz darauf trat der Film seine Reise nach Moskau an und wurde im 'Gosfilmofond' aufbewahrt. Jean Renoir war indessen davon überzeugt, dass das Negativ unter den Kriegstrümmern begraben worden war.

Nach Ende des Krieges wurden weitere Zensuren notwendig, ehe der Film 1946 in der politisch korrekten Fassung ein weiteres Mal ausgestrahlt werden durfte. Jean Renoir und Co-Autor Charles Spaak beugten sich dieser Auflage. Sie ließen Szenen, die im Nachkriegsklima brisant erschienen, aus den bestehenden Kopien des Films herausschneiden.

Im Jahre 1958 versuchten Jean Renoir und die Cutterin Reneé Lichtig, die Originalfassung - so gut es eben ging - auf der Grundlage der vorhandenen Versionen zu rekonstruieren.

In den Jahren des Kalten Krieges geschah das, womit niemand mehr gerechnet hatte: Im Zuge eines Filmtauschs zwischen den Archiven der 'Cinémathèque Toulouse' und dem Moskauer 'Gosfilmofond' gelangte La Grande Illusion zurück nach Frankreich. Allerdings wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass es sich dabei tatsächlich um die Originalversion handelte.

Erst als Renée Lichtig den Film in den 80er Jahren sichtete, erkannte sie in ihm die verloren geglaubte Originalfassung von La Grande Illusion wieder. Jean Renoir hat von dieser Wiederentdeckung nichts mehr erfahren - er starb im Jahre 1979 im Alter von 84 Jahren.

1992 schließlich endete die Reise des Films im Filmarchiv des 'Centre National de la Cinématographie' (CNC). Hier wurde der Film in Zusammenarbeit mit einem Labor in minutiöser Feinarbeit komplett restauriert: Schimmelspuren mußsten entfernt, Schrammen und Löcher ausgebessert werden.

Alain Fux freut sich, dem deutschen Publikum die restaurierte Originalfassung von La Grande Illusion 61 Jahre nach ihrer Entstehung mit deutschen Untertiteln in einer deutschen Erstaufführung präsentieren zu können. Der Film - zweifelsfrei ein Meilenstein in der Filmgeschichte - war vom 2. Mai bis zum 8. Mai 1998 im Programm von Cine Classics zu sehen.

"Natürlich werden wir La Grande Illusion auch verschiedenen Festivals und Filmmuseen zur Verfügung stellen und somit den 'Schatz in Schwarzweiß' einem breiteren, interessierten Publikum zugänglich machen", erklärt Alain Fux. Der Film wurde zum Beispiel auf den 'Tübinger Filmtagen' gezeigt.

Außerdem hat das 'Filmmuseum München' bereits Interesse an einer Vorführung von La Grande Illusion bekundet. Darüber hinaus wird sich 'Cine Classics' künftig in Zusammenarbeit mit verschiedenen Filmmuseen finanziell an weiteren Restaurationsprojekten klassischer Filme beteiligen."

Jean Renoir
Filmplakat zu 'La grande illusion'

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