Dirk Jasper FilmLexikon

Alexander Grünberg über das "Filmfestival Laon"

Es gibt Festivals wie in Cannes, München, Berlin, auf denen AUCH Kinder- und Jugendfilme gezeigt werden - entsprechend gering ist das öffentliche Interesse, das ganz bei den "richtigen" Filmen liegt, also bei denen für Erwachsene und ältere Jugendliche.

Es gibt andere Festivals, etwa in Gera, in Hyderabad oder wie das vom 25. März 1996 bis zum 4. April 1996 in Laon, das 14. Festival International de Cinéma Jeune Public, auf denen stehen Kinder- und Jugendfilme im Mittelpunkt des Interesses. Und es gibt Filme, bei denen man völlig vergisst, ob sie nun für oder über Jugendliche, Kinder- oder Erwachsenenfilme sind - weil sie eine Geschichte zu erzählen haben, die fasziniert, auf eine Weise, die das Publikum in ihren Bann zieht.

dass Kinder- und Jugendfilme dieses Interesse mehr als verdient haben und es längst überfällig ist, sie aus ihrer Nische zu befreien, haben die Wettbewerbsbeiträge dieses Festivals erneut bewiesen, deren allgemein hohes Niveau von der internationalen Jury anerkennend hervorgehoben wurde. Somit fiel die Auswahl schwer, und doch mußste sie getroffen werden.


Die Preisträger Großer Preis der internationalen Jury More Time, Spielfim, Simbabwe 1993, Regie: Isaac Mabhikwa

Ein junges Mädchen, Thandi, entdeckt die Liebe und stößt auf den Tod. In der Nachbarschaft stirbt ein Kind an Aids, in Afrika keine Seltenheit. Dennoch beharrt Thandi auf ihrem Recht auch auf körperliche Liebe auch gegen die Vorurteile der älteren Generation, die sie noch für zu jung halten und angesichts der Gefahren zu Enthaltsamkeit raten. Doch Thandi setzt sich durch und geht den Weg der Vernunft: Safer Sex.

Ein Film, der sein schwieriges Thema mit viel Charme und Witz angeht und so für sich einnimmt. Der Preis ist mit 70.000 FF dotiert.

Spezialpreis der internationalen Jury The Song Spinner, Spielfilm Canada 1995, Regie: Randy Bradshaw

In dem mythischen Land Shandrilan herrscht die Stille - alle lauten Geräusche sind verboten, auch die Musik. Niemand kennt mehr die Lieder oder ist in der Lage, Musik zu machen, bis auf eine alte Zauberin. Sie erzählt ihre musikalischen Geheimnisse der zehnjährigen Aurora und gibt ihr eine Maschine, die schöne Klänge erzeugen kann - den Song Spinner. Mit Hilfe der Zauberin und dieser Maschine gelingt es ihr in diesem poetischen Film, die auf dem Land lastende Stille durch fröhliche Musik zu vertreiben.

Lobende Erwähnung durch die internationale Jury Belma, Spielfim, Dänemark 1994, Regie: Lars Hesselholdt

Belma (15) kommt mit ihrem Vater aus dem vom Krieg zerrissenen Jugoslawien nach Dänemark, wo sie sich in Rasmus verliebt, einen gleichaltrigen Jungen. Rasmus hat nur Augen für seine Computerspiele, bis ihn die Vorgänge auf dem Wohnschiff der Asylanten mit der Wirklichkeit konfrontieren. Überraschend zieht ein Mann auf das Wohnschiff, der in Jugoslawien zahlreiche Gefangene gefoltert hat. Er wird wiedererkannt, einige jugoslawische Asylanten beschließen, ihn zu töten. Belmas Vater will das im letzten Moment verhindern, gerät jedoch selbst unter Mordverdacht und wird verhaftet. Obwohl es dem Liebespaar gelingt, ihn aus dem Gefängnis zu holen, gibt es kein Happy End - Belma kehrt mit ihrem Vater zurück nach Jugoslawien.

Preis der internationalen Kinderjury Clockwork Mice, Spielfilm, England 1995, Regie: Vladim Jean

Steve tritt seinenen ersten Job als Lehrer an einer Schule für schwer erziehbare Kinder an, die ihrem Ruf alle Ehre machen - schon in der Eingangssequenz geht der 2 CV eines Lehrers zu Bruch. Besonders mit einem der Schüler, Conrad James, gerät der Junglehrer heftig aneinander, bis es ihm gelingt, sich auf die Kinder richtig einzustellen. Doch doch der Tod des Vaters von Conrad James stellt all das Erreichte erneut in Frage ...

Der Preis ist mit 20.00 FF dotiert.

Preis der C.I.F.E.J.-Jury (Internationale Kinder- und Jugendfilm-Organisation)

Clockwork Mice, Spielfilm, England 1995, Regie: Vladim Jean

Preis der Provinz Hainaut (Belgien) The Song Spinner, Canada 1995, Regie: Randy Bradshaw

Der Preis ist dotiert mit 150.000 F.

Preis der Stadt Laon Leni ... mußs fort, Spielfilm, Deuschland 1994, Regie: Leo Hiemer

Ein Kind wird geboren und mußs versteckt werden - die Mutter ist Jüdin, der Vater Nazi, wir schreiben das 1937 in Deutschland. Bauern nehmen es zur Pflege an, auf einer Alm wächst Leni auf. Doch der pflichteifrige Bürgermeister findet heraus, wer die Mutter ist. Mit Händen und Füßen wehren sich die Bauersleute dagegen, dass ihnen das Kind genommen und den Nationalsozialisten ausgeliefert wird. Als der Bürgermeister sie vor die Wahl stellt, den geistesschwachen Bruder des Bauern oder Leni abzuholen und die Kirche zusichert, Leni in einem Waisenhaus zu betreuen, schicken sie Leni zu den Nonnen. Als Lenis Koffer zurückkommt, macht sich der Bauer, misstrauisch geworden, auf den Weg nach München, um Leni zu besuchen. Doch er findet nur noch ein leeres Kinderzimmer vor - die Kinder sind auf dem Weg nach Ausschwitz.

Der eindringliche Film beruht auf einer wahren Geschichte aus der Heimat des Regisseurs, die jahrzehntelang verdrängt und verschwiegen und von Leo Hiemer vor dem Vergessen bewahrt wurde. Ein wichtiger Film. Der Preis der Stadt Laon ist dotiert mit 30.000 FF.

Lobende Erwähnung Laurenz Grimm für seine Darstellung des "Nebelläufers" in Der Nebelläufer, Spielfilm, Schweiz 1995, Regie: Jörg Helbling

Ein 14-jähriger Junge versucht herauszufinden, wie sein Vater gestorben ist. Doch er stößt auf eine Mauer des Schweigens. Die Auseinandersetzungen mit seiner Mutter eskalieren. Schließlich begeht der Junge einen Selbstmordversuch, der jedoch misslingt. Nach einigen Umwegen wird ihm schließlich bewusst, dass es genau dies ist, was ihm verschwiegen werden sollte - dass auch sein Vater Selbstmord begangen hat.


Das Festival in Laon hat einen Eindruck bestärkt, der sich schon auf anderen Festivals angedeutet hatte - dass im Ausland der Kinder- und Jugendfilm wesentlich ernster genommen wird als in Deutschland, wo andererseits der Jammer groß ist, dass es keine deutschen Kinder- und Jugendfilme gäbe. In Laon lief dagegen noch ein zweiter deutscher Film, der Ende März in der ARD zu sehen war und auch in Laon beim Publikum sehr gut ankam, jedoch als no-budget-Produktion gegenüber den finanziell unvergleichlich besser ausgestatteten Filmen im Wettbewerb ohne Chance war: "Paul IV." von der Berliner Regisseurin Cornelia Grünberg, die mit diesem Spielfilm ihr Studium an der DFFB abschloß.

Dieses Ernstnehmen von Kinder- und Jugendfilmen zeigte sich in Laon an atmosphärischen Kleinigkeiten, die keine Kleinigkeiten sind: Die Eröffnung und die Preisverleihungen wurden in Laon als Fest zelebriert, es wurden Gelegenheiten zu - im Filmgeschäft so wichtigen - Begegnungen geschaffen. Die angereisten Regisseure, Produzenten, Vertreter anderer Festivals, Kritiker, kurz: die Professionals wurden immer wieder zusammengeführt. Man traf sich beim Eröffnungsbuffet, speiste für die Dauer des Festivals gemeinsam im Maison des Arts, wohnte Tür an Tür im Hotel.

Das engagierte und charmante Festival-Team - an der Spitze der Festival-Präsident Raymond Lefevre, Film-Enthusiast und anerkannter Filmkritiker - sorgten für eine herzliche Atmosphäre, in der Begegnungen selbst über Sprachgrenzen hinweg möglich wurden. So wurde der Kinder- und Jugenfilm nicht nur finanziell gefördert und dadurch, dass Filme, die bisher noch nicht das große Publikum und einen Verleih gefunden haben, die Chance bekamen, das zu ändern.

Festivals wie in Laon oder Hyderabad fördern den Kinderfilm auch durch die positive Stimmung, die diese Festivals trägt und sich den Filmemachern mitteilt als Impuls, sich durch das Schattendasein des Kinder- und Jugendfilmes nicht entmutigen zu lassen. Was zählt, ist der nächste Film.

Festivalplakat
Festival-Szene
Festival-Szene
Filmplakat zu 'Leni ... mußs fort'

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