Dirk Jasper FilmLexikon

Pioniere des Kinos: Gebrüder Lumière

An der Entwicklung des Kinos haben viele Erfinder in vielen Ländern gearbeitet. Doch erst den Brüdern Auguste Lumière (1862 - 1954) und Louis Jean Lumière (1864 - 1948) gelang es, mit ihrem Cinématographe ein Instrumentarium zu entwickeln, das nicht nur bewegte Bilder produzieren, sondern auch kopieren und auf eine Leinwand projezieren konnte und den Film damit zu einem Publikumsmedium machte.

Die Edison-Erfindung funktionierte nur als "Peep Show" - ein einzelner Mensch schaute durch ein Guckloch in einen Kasten. Erst die Lumières ermöglichten den Massenbesuch, also das Kino. Jahrelang hatten die Fabrikanten für Fotobedarf aus Lyon an der Verwirklichung ihres Traums gearbeitet, bis ihnen 1894 der große Wurf gelang.

Die Brüder waren nicht nur geniale Tüftler und Erfinder, sie waren auch gewiefte Unternehmer mit einem ausgeprägten Geschäftssinn. In wenigen Monaten gelang es ihrem Apparat, die fünf Kontinente zu erobern, die Gebrüder Lumière scheffelten Millionen und Abermillionen, knüpften lukrative Geschäftsverbindungen und ließen in rasanter Geschwindigkeit Filme produzieren, wenn sie sich nicht selbst hinter die Kamera stellten und ihre Familien und Fabrikarbeiter zu Filmdarstellern machten.

Ein Wunder in der an Verlusten reichen Kinogeschichte: Die meisten der 2.000 Filme, die von der Firma Lumière produziert wurden, sind erhalten geblieben. Sie wurden im Filmarchiv in Bois d'Arcy konserviert und restauriert.

Louis Jean Lumière und sein Bruder Auguste Lumière hatten ihren Hang zum Experimentieren, ihre Leidenschaft für das Einfangen von Bewegungsabläufen im Blut. Zur Zeit der Geburt von Louis Jean Lumière im Jahr 1864 führte der Vater im burgundischen Besançon ein florierendes Photoatelier, das er später nach Lyon verlegte. Seine Söhne waren beim Vater noch in der Lehre, als alle Welt von dem "Taschenkinematographen" Linnetts und dem elektrischen Schnellseher für Serienbilder von Anschütz schwärmt.

Vater Antoine Lumière hatte 1881 mit der Produktion von Photoplatten en gros begonnen. Seine Marke "ètiquette bleue" wird ein weltweiter Erfolg, das Atelier Lumière eine veritable Fabrik. Die Söhne arbeiten an der Weiterentwicklung innerhalb der Photographie, melden Patent auf Patent an. Wie besessen aber betreiben sie ihre geheime Forschung an der (Re-)Produktion bewegter Bilder weiter. Sie wollen erreichen, "die lebenden Bilder einer ganzen Versammlung von Personen gleichzeitig vorzuführen, und zwar durch die Projektion der Bilder auf einem Schirm".

1894 kauft Antoine Lumière ein Kinematoscope der Konkurrenzfirma Edison, und auf dieser Grundlage gelingt der endgültige Durchbruch zum Cinématographe Lumière, zugleich Kamera, Kopiermaschine und Projektor. Noch im gleichen Jahr meldet Louis Jean Lumière die Erfindung zum Patent an. Noch einige Jahre nach der Erfindung, die die Welt veränderte, betreiben sie gemeinsam die vom Vater gegründete Firma, dann trennen sich ihre Wege.

Während sich August Lumière auf anderen Wissens- und Forschungsgebieten einen Namen macht, blieb Louis Jean Lumière der Photographie und dem Film treu. So erfindet er 1903 die Antichromplatte, die erste brauchbare Art für Farbraster und damit bahnbrechend auf dem Gebiet der Farbphotographie, später die Entwicklung einer hochempfindlichen Emulsionsschicht für Photoplatten, und immer wieder neue, verbesserte Kamerakonstruktionen.

Paris am 23. Dezember 1895: Im "Grand Café" am Boulevard du Capucine findet die erste Kinovorstellung vor zahlendem Publikum statt. Die Produzenten und Vorführer: die Brüder August Lumière und Louis Jean Lumière. Dieses Datum gilt als Geburtsstunde des Kinos. Wenig später findet dank der regen Geschäftsbeziehungen der Brüder mit dem deutschen Süßwarenfabrikanten Ludwig Stollwerck in der Kantine der Kölner Firma am Augustinerplatz die erste deutsche Vorstellung des Cinématographe Lumière statt.

Kinos schossen überall wie Pilze aus dem Boden und eroberten rasch die fünf Kontinente. Die Geschichte des Films war von Beginn an von Geschäftssinn und Unternehmergeist geprägt. Das neue Medium wurde vor allem als lohnende Investition betrachtet, denn "die Leute schleppen ja das Geld rein ins Haus", wie dies Ludwig Stollwerck kommentierte. Als künstlerische Ausdrucksmöglichkeit wurde es erst später entdeckt, bis heute aber halten die branchenfremden Finanziers das Heft in der Hand.

Gebrüder Lumière

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Archiv © 1994 - 2010 Dirk Jasper