Dirk Jasper FilmLexikon

Iranisches Kino

Jeder Film, der im Iran entsteht, durchläuft einen dreistufigen Zensurprozess: vor Drehbeginn müssen Drehbuch, Stab und Darsteller genehmigt werden, die Schnittfassung wird auf Übereinstimmung mit islamischen Idealen überprüft, und zuletzt entscheiden die Zensoren mit einer A-, B-, oder C-Wertung, ob der Film im staatlichen Fernsehen beworben und in welchen Kinos er zu welchen Zeiten gezeigt werden kann.

Vor allem die Darstellung von Frauen und ihren persönlichen Beziehungen ist strikt reglementiert. Auch des Erbes aus der 'vorrevolutionären Zeit' haben sich die Zensurbehörden angenommen: Von den mehrere tausend Filmen, die im Iran vor 1979 entstanden sind, darf heute nur noch ein kleiner Rest von wenigen hundert Filmen öffentlich gezeigt werden. Außerdem sind seit der Revolution viele hundert Kinos der Brandstiftung durch radikale Gruppen zum Opfer gefallen.

Gleichwohl blüht die iranische Kinoproduktion: pro Jahr entstehen wieder 60 bis 70 Filme, so viele wie vor der Revolution. Die Produktionskosten pro Film liegen bei etwa 150.000 US-Dollar. Fast 300 Regisseure arbeiten aktiv, darunter etwa ein Dutzend Frauen.

Es sind jedoch einige wenige Regisseure, die die enorme internationale Reputation des iranischen Kinos der achtziger und neunziger Jahre begründet heben: Neben Abbas Kiarostami (Wo ist das Haus meines Freundes?) vor allem Bahram Bayzai (Bashu, The Little Stranger), Dahryush Mehrjui (The Cow), Parviz Sayyad (The Mission) und Amir Naderi (The Runner).

Nicht selten sind es Kinder, die iranische Filmemacher in ihren Werken auf eine metaphorische Reise schicken: kleine Helden, die die unmittelbare Lebensrealität immer wieder transzendieren. So wie Amiro in Amir Naderis Film The Runner, aber auch die Kinder in den Filmen und Drehbüchern von Abbas Kiarostami.

In dem Film The Key von Ebrahim Forouzeh (Drehbuch: Abbas Kiarostami) zum Beispiel sucht ein kleines Kind siebzig Minuten lang nach einer Möglichkeit, aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen.

Die internationale Filmkritik feiert das zeitgenössische iranische Kino als eines der interessantesten und faszinierendsten weltweit. Mit ihrer hohen künstlerischen Qualität und ihrem leidenschaftlichen Humanismus haben iranische Filme in der letzte Dekade fast 300 Auszeichnungen und Festivalpreise errungen.

So wurde The White BaloonJafar Panahi 1996 auf den 'Filmfestspielen in Cannes' mit der 'Goldenen Kamera' und vom 'New York Film Critics Circle' als 'Bester ausländischer Film' ausgezeichnet. Ein Jahr später erregte Gabbeh von Mohsen Makhmalbaf internationales Aufsehen, und im selben Jahr erhielt Abbas Kiarostami für Der Geschmack der Kirsche die 'Goldene Palme' in Cannes.

Gerade die Filmkunst von Abbas Kiarostami wird mit ihrer einzigartigen Verbindung zu Malerei, Poesie und Philosophie häufig in einem Atemzug mit den ganz Großen der Filmkunst, etwa Akira Kurosawa oder Ingmar Bergmann, genannt.

Szenenfoto aus 'The Runner'
Szenenfoto aus 'The Runner'
Szenenfoto aus 'The Runner'
Szenenfoto aus 'Der Geschmack der Kirsche'
Szenenfoto aus 'Der Geschmack der Kirsche'
Szenenfoto aus 'Der Geschmack der Kirsche'
Szenenfoto aus 'Der Geschmack der Kirsche'

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