Dirk Jasper FilmLexikon

Katastrophenfilme

Wirbelstürme in Twister, Vulkanausbrüche in Dante's Peak und in Volcano (mit Tommy Lee Jones und Anne Heche), Schiffsunglücke wie das der Titanic und Überschwemmungen in Hard Rain, das Starvehikel für Christian Slater und Morgan Freeman. Dazu jede Menge Schiffe, die ohne Kapitän in die Katastrophe rasen, und Flugzeuge, die ohne Piloten abzustürzen drohen.

Hollywood hat Geschmack am Katastrophenfilm. Spektakuläre Zerstörungsszenen, dramatische Rettungsaktionen, packende Bewährungsproben, ein schier aussichtsloser Kampf gegen Technik, Natur und Schicksal. Katastrophenfilme besitzen alles, was einen guten Action-Reißer ausmacht: visuelle Schauwerte und eine einfach gestrickte Dramaturgie.

Dabei braucht es kein Fünftes Element, um einen handfesten Katastrophenfilm zu produzieren. Die vier vorhandenen reichen vollkommen aus, um die spektakulärsten Desaster-Szenarien heraufzubeschwören. Die Unberechenbarkeit von Wasser, Erde, Luft und Feuer offenbart immer wieder neue Facetten, eine immer wieder noch größere Zerstörungskraft.

Die Handlung spult sich stets nach dem gleichen Muster ab:

  • Die Katastrophe zeichnet sich ab.
  • Die Warnungen werden nicht gehört, nicht beachtet - mal aus Ignoranz, oft aus finanziellem Kalkül.
  • Die Katastrophe ist da, Panik bricht aus.
  • Einander bislang fremde Menschen sind plötzlich aufeinander angewiesen: Gruppendynamik und Bewährungsprobe!
  • Ein paar Nebenfiguren und einige der "Bösen" sterben.
  • Die Helden retten die Welt und schließen ihre Liebsten in die Arme.
  • Eine wunderbar bewährte Dramaturgie, die Roland Emmerich in seinem Sci-Fi-Mega-Knaller Independence Day ebenso befolgte wie Tim Burton in seiner Komödie Mars Attacks!, Steven Spielberg in Jurassic Park und Wolfgang Petersen im Virus-Thriller Outbreak. Doch schon Alfred Hitchcock mit seinem Krimi Die Vögel und Steven Spielberg mit Der weiße Hai vertrauten dieser Wunderformel der Kino-Unterhaltung. Denn wenn die Katastrophen selbst heute dank digitaler Tricktechnik auch spektakulärer denn je in Szene gesetzt werden, sind Katastrophenfilme an sich ein alter Hut.

    Schon 1936 erlebte San Francisco im gleichnamigen Film ein auf Spannung und Effekte hin inszeniertes Erdbeben. Seine Blütezeit hatte das Desaster-Genre in den 70er Jahren. Die Höllenfahrt der Poseidon, Flammendes Inferno, Die Flut bricht los, die Airport-Reihe, Blutiges Inferno, Mörderbienen greifen an markieren Meilensteine des Abenteuerkinos, Darsteller wie Charlton Heston und Karen Black avancierten zu seinen Ikonen.

    Den Boom lösten insbesondere vier Filme aus: Airport mit einem für damalige Verhältnisse beinahe unverschämten Einspielergebnis von 45 Millionen Dollar und zehn Oscar-Nominierungen, Höllenfahrt der Poseidon, Erdbeben und Flammendes Inferno. Doch auch damals schon unterlag der Katastrophenfilm Moden und Modifizierungen.

    Je populärer diese Filme wurden, desto offensichtlicher wurde auch, dass das Publikum seine Helden durchschnittlicher wünschte. Wer flog damals schon über den Atlantik oder übers Bermuda-Dreieck? Wer konnte sich die Passage auf einem Luxusdampfer leisten? Wer wurde zur Eröffnung eines noblen Wolkenkratzers geladen? Und selbst ein Erdbeben schien exotisch: Eine von Universal in Auftrag gegebene Studio erbrachte 1974, dass von den zum damaligen Zeitpunkt 74 Millionen Erdbebenopfer gerade einmal 1.200 US-Amerikaner waren.

    Die Zuschauer verlangten nach Alltagserfahrungen, vor allem nach Alltagsgesichtern, nach Leuten wie du und ich, die sich unter Stress als Helden bewähren (Jan de Bont erinnerte sich dieser Erkenntnis, indem er in seinen Erfolgen Speed und Twister statt auf Mega-Stars auf damals eher unbekannte Gesichter setzte). Jeder kann sich das Szenario ausmalen, wenn ein U-Bahn-Zug plötzlich nicht mehr bremsen kann (Silver Creek), wenn in einem Zug eine Virus-Epidemie ausbricht (Cassandra Crossing), oder wenn ein vollbesetzter Schulbus droht, die 'Golden Gate Bridge' hinunterzustürzen, wenn Panik in einem Autokino ausbricht oder man in einem Fahrstuhl gefangen ist.

    Und das alles im beruhigenden Bewusstsein, dass ein pragmatischer Steve McQueen (oder Jeff Goldblum oder Bill Pullman) uns schon retten wird. Frauen und Kinder natürlich zuerst, ungeachtet der Hautfarbe und gesellschaftlichen Stellung. Die, die sich dem Teamgeist nicht unterordnen, die sich vordrängeln oder querschießen, werden ohnehin ihr Leben lassen. Insofern sind Katastrophenfilme sogar "moralische" Erzählungen.

    Nachdem 1980 mit Airport '80 - Die Concorde noch ein Blockbuster das Publikum begeisterte, läuteten in den 80er Jahren zwei Faktoren das Ende des Katastrophenfilm-Booms ein: Parodien, allen voran natürlich Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug, und der Aufstieg heroischer Einzelgänger à la Sylvester Stallone, Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger.

    Filmplakat
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