Dirk Jasper FilmLexikon

Andreas Grünberg über Kinder- und Jugendfilme

Entschuldigen Sie, dass ich einfach so hereinplatze. Mein Name ist Andreas Grünberg, und ich suche Gesprächspartner, Gleichgesinnte. Wenn ich Ihnen jetzt sage, es geht um Kinder- und Jugendfilme, werden Sie vermutlich nicht weiterlesen.

Es wäre dies eine Haltung, die insgesamt im deutschen Film- und Fernsehbetrieb vorherrscht (jenseits der heuchlerischen Sonntagsreden). Der Kinder- und Jugendfilm führt ein Schattendasein, das sich auch in der Ausbildung niederschlägt - kaum eine Ausbildungstätte bietet für angehende Regisseure hier Möglichkeiten.

Alle wollen "richtige" Filme machen, also für "Erwachsene", als ginge es nicht vor allem darum, gute Filme zu machen, also gute Geschichten spannend und in faszinierenden Bildern so zu erzählen, dass sie ihr Publikum finden und nicht langweilen.

  • Beispiel 1: Das Münchner Filmfest hat als Anhängsel ein Kinderfilm-Festival, das von höchst engagierten Menschen am Leben erhalten wird und doch abseits vom Festivaltrubel nahezu unter Ausschluss des Publikums und der Presse stattfindet.
  • Beispiel 2: Auch die Berlinale hat ihr Kinderfilm-Festival - immerhin. Nach dem weitgehend trostlosen Programm des Jahres 1995 diesmal mit einigen ganz passablen Filmen. Auch einige Regisseure sind angereist, werden vorgestellt - aber sie bekommen keine Blumen, kein Reporter befragt sie, kaum ein Artikel erscheint in der Zeitung (die voll ist von Artikeln über Filme / Schauspieler / Regisseure der "Erwachsenen"-Berlinale).
Halt - da steht in der Berliner Zeitung vom 16. Februar 1996: "14 Spiel- und 15 Kurzfilme sind beim diesjährigen Kinderfilmfest zu entdecken. Sie führen das Publikum von Island bis nach Afrika, von den Niederlanden bis Neuseeland. Allerdings wird ihm hier nicht die weichgezeichnete Welt Walt Disneys und Co. vorgegaukelt, sondern eine ungeschönte Realität (hier müßte stehen, steht aber nicht: gezeigt), bestimmt von den Problemen, Krisen und Kriegen der Erwachsenen".

Womit haben die Kinder das verdient? Ist die einzige Alternative zur geschönten Realität, sie mit "Problemen, Krisen und Kriegen der Erwachsenen" zu traktieren? Mitnichten! Im Rahmen des Asian Panorama auf dem Kinderfilm-Festival in Hayderabad, Indien, waren beispielsweise einige Filme zu sehen, die ihrem Publikum (Kindern und Erwachsenen) großen Spaß gemacht und dennoch Probleme, Krisen, Konflikte ungeschönt dargestellt haben - aber aus der Sicht der Kinder, gefärbt von deren Sehnsüchten, Phantasien, Erfahrungen, ihrem Spaß und Frust, ihrer ganz eigenen Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen.

Da wird gejammert, dass wieder kein deutscher Beitrag auf dem Kinderfilmfest der Berlinale läuft. Gibt es denn keine deutschen Kinderfilme? Doch, auf ausländischen Kinderfilm-Festivals ... Im Ernst: Woher sollen denn die deutschen Kinderfilme kommen, wenn eher noch eine verdummende (aber billige) Spielshow aufgelegt, eher noch ein Zeichentrickfilm ins Programm geschoben wird, als das Wagnis einzugehen, gezielt den deutschen Kinderfilm zu fördern - also zu produzieren und in den Medien zu besprechen?

dass man mit Kinderfilmen und Kinderfilmern es auch anders umgehen kann, haben wir im November 1995 auf einem Kinderfilm-Festival in Hayderabad, Indien, erfahren. Von der Organisation dieses Festivals, der Präsentation der Filme und Filmemacher könnte man sich hierzulande einige Scheiben abschneiden. Es mußs ja gar nicht sein, dass wie in Hayderabad über ein Kinderfilm-Festival auf den Titelseiten der Zeitungen berichtet wird.

Wenn aber wie in Hayderabad auch auf deutschen Festivals über die gezeigten Kinderfilme ausführlich berichtet und das eine oder andere Interview mit Regisseuren, Produzenten oder Vertretern der verschiedenen Kinderfilm-Organisationen geführt würde, würde das dem deutschen Kinderfilm mit Sicherheit nicht schaden. Natürlich berichten die Medien, worüber sie wollen. Und natürlich stimmt das nicht ganz - sie berichten darüber, was sich verkauft, was die Leute dazu bringt, den Sender einzuschalten, hinzugucken.

Ereignisse verkaufen sich. Ein Regisseur, der irgendwo unter 100 Menschen herumsteht und verloren seinen Kaffee schlürft, ist ein Nicht-Ereignis. Wenn - wie 1995 - der Beitrag Rennschwein Rudi Rüssel von einer leibhaftigen Sau promoted wird, ist das ein Ereignis, mindestens ein Foto und ein kleines Interview wert. Oder wenn - wie in Hyderabad - über einer Spielstätte ein überlebensgroßer Elefant an einem Fesselballon schwebt, ist es unmöglich, ein solches Festival zu übersehen.

Auf einer Diskussion während der Kinder-Berlinale hat eine norwegische Teilnehmerin erzählt, in Norwegen sei es üblich, dass Kinobesucher gezielt und mehrfach norwegische (Kinder-) Filme besuchen, um sie zu unterstützen. So weit mußs man ja gar nicht gehen. Aber wenn einige Lehrer mehr mit ihren Klassen die Möglichkeit nutzen würden, internationale Kinderfilme zu sehen, wäre das schon ein erster Schritt.

Da gibt es im Kinder- und Jugendfilmbereich viele Engagierte, die sich trotz allem darum bemühen, dass Kinder- und Jugendfilme (auch deutsche) ihr Publikum finden, solange die kommerziellen Verleihe diesen Bereich ignorieren. Toll, dass es diese Engagierten gibt. Noch besser, wenn es eine Möglichkeit gäbe, mit anderen Einzelkämpfern Kontakt aufzunehmen.

Möglicherweise gibt es sie ja doch, die Redakteure deutscher Fernsehsender, die Hände ringend nach Drehbuchautoren / Regisseuren suchen für eigene Kinderfilm-Produktionen.

In diesem Sinne

Mit freundlichem Gruß

Andreas Grünberg

Plakat zum Kinderfilmfest der Berlinale 2005
Kinderfilmfest im Zoo Palast

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