Dirk Jasper FilmLexikon

Koreanisches Kino

Südkorea hat in den 90er Jahren tiefgreifende Krisen durchgemacht. Der historisch wichtigste Einschnitt war das Ende der Militärdiktatur 1993, als ein lange erhoffter Demokratisierungsprozeß einsetzte. Mit der politischen Liberalisierung ging eine wirtschaftliche einher, die die südkoreanischen Unternehmen verstärkter Konkurrenz ausländischer Anbieter aussetzte. Auch die einheimische Filmproduktion geriet unter Druck, da sie der Übermacht US-Verleiher nicht gewachsen war.

In dieser Situation war es der Erfolg von Sopyonje, einem Film des renommierten Regisseurs Im Kwon-Taek, der 1994 einen Umschwung einleitete. Der Film schlug alle Kassenrekorde und bewies, dass sich die Koreaner wieder für ihr eigenes Kino interessierten. Die Filmindustrie Südkoreas erstarkte.

Große südkoreanische Konzerne investierten in die Filmproduktion, und eine neue Generation junger Talente konnte vielfältige und kreative Filme schaffen, die in der internationalen Beachtung dem Hongkong-Kino nicht mehr nachstehen.

Das moderne südkoreanische Kino spiegelt die Spannungen zwischen traditioneller Kultur und der Technologiegläubigkeit einer Gesellschaft im Umbruch, die von den Menschen enorme Anpassungsfähigkeiten fordert. Unter Verwendung unterschiedlicher Genres erzählen die jungen Filmemacher auf handwerklich hohem Niveau Geschichten, die der Wirklichkeit des Landes verpflichtet sind.

Ihre Figuren zeigen die Irritationen, Verluste und Chancen, die der tiefgreifende Modernisierungsprozeß Südkoreas für den Einzelnen und die überlieferten Lebensformen bedeutet. Dabei wird immer wieder an die Geschichte des Landes und die kulturellen Wurzeln - vor allem den Buddhismus - erinnert, um deren Bedeutung für die Gegenwart zu überprüfen.

Die Entdeckung des südkoreanischen Kinos im Ausland führte über die Entdeckung des Werks von Im Kwon-Taek. "Man erkannte die eigenwillige Bildsprache und die spezifische Thematik der Filme (...) Im Kwon-Taek hat trotz seiner sehr intensiven Filmarbeit (bis in die 80er Jahre drehte er zumeist mehrere Filme pro Jahr) das künstlerische Niveau seiner Filme erhalten," bemerkte Ulrich Gregor dazu.

3sat stellte im Juni 1998 eine Auswahl seiner Filme und ein Portrait über den Meisterregisseur in den Mittelpunkt der Reihe "Koreanisches Kino". Die Filme repräsentierten zentrale Themen Im Kwon-Taek, die er seit seiner Wende zum Autorenfilm Ende der 70er Jahre immer wieder aufgegriffen hat.

In Ticket geht es um die Stellung der Frau in der südkoreanischen Gesellschaft am Beispiel der Schicksale von Prostituierten. Der Pfad der Erleuchtung erzählt von den Erfahrungen einer Frau, die ihrem perspektivlosen Leben zu entfliehen versucht, indem sie in ein buddhistisches Kloster eintritt.

Das Taebaek-Gebirge schließlich ist Im Kwon-Taeks grandiose Aufarbeitung der jüngeren koreanischen Geschichte: Er schildert die Kämpfe zwischen Rechten und Linken in Südkorea nach dem Zweiten Weltkrieg realistisch und überparteilich, was erst durch die Lockerung der Zensurgesetzgebung ab 1993 möglich wurde.

1989 machte auf den Filmfestivals in Cannes und Locarno ein stiller, aber visuell faszinierender Film Furore, der sich ebenfalls mit dem Buddhismus, einer der wichtigsten kulturellen Wurzeln der Koreaner, beschäftigt: Warum Bodhi-Dharma nach Osten aufbrach? von Bae Yong-Kyun.

Den Auftakt einer 3Sat-Reihe im Juni 1998 bildete Park Jae-Hos Spielfilm Zerbrochene Zweige, ein persönlicher Rückblick auf die Auseinandersetzung mit der autoritären Vätergeneration und der erste koreanische Film, in dem sich die Hauptfigur offen zu ihrer Homosexualität bekennt.

Szenenfoto aus 'Warum Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach'
Szenenfoto aus 'Warum Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach'

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