Dirk Jasper FilmLexikon

Kriegsende beim deutschen Film

Das Ende des Zweiten Weltkriegs, am 8. Mai 1945 durch die bedingungslose Kapitulation der Deutschen besiegelt, bedeutete auch das Ende der deutschen Filmindustrie, das Ende der UFA, die unter der Herrschaft von Joseph Goebbels - seit 1933 Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Präsident der Reichskulturkammer - zum perfekten Propagandainstrument umfunktioniert worden war.

Die Alliierten rüsteten als erstes die Propagandamaschine der Deutschen ab, die in allen Kinogenres ihre Botschaft mehr oder minder deutlich verkündet und die Realität bewusst verfälscht und negiert hatte. Wie erlebten die Mitarbeiter der deutschen Filmindustrie die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs? Welche Filme begleiteten den Untergang?

Da gab es Durchhaltedramen, opulente Historiengemälde, Krimis, Komödien, Operetten- und Revuefilme - und die Wirklichkeit fand nirgendwo statt: Gefallenenmeldungen, der Wehrmachtsbericht, die katastrophale Versorgungslage, die Lebensmittelkarten, die ständigen Luftangriffe, zerstörte Häuser und Wohnungen wurden in den Kinogeschichten ausgespart. Gerade das letztere machte die Dreharbeiten on location immer schwieriger, unzerbombte Straßenbilder, die im wortwörtlichen Sinn heile Welt, waren kaum noch zu finden.

Die in Berlin zentrierte Filmindustrie mußste vor den Bomben und der vorrückenden Front fliehen, wich nach München, nach Prag und Wien aus. Beim Film zu sein, bedeutete in den letzten Monaten des Krieges noch mehr ein Privileg als sonst. Techniker, Schauspieler und Regisseure aktueller Produktionen waren "u. k." - unabkömmlich - gestellt, konnten also nicht eingezogen werden. Während die Nazis Kinder, Jugendliche und alte Menschen an der Heimatfront verheizten, ließen sie ihre Propagandamaschine UFA weiterlaufen.

Für das monumentale Durchhalte-Epos Kolberg wurden Tausende von Soldaten von der zusammenbrechenden Ostfront abgezogen, für das Medium Film machte Joseph Goebbels Unmögliches möglich. Deshalb haben die Filmschaffenden oft zur Selbsthilfe gegriffen, die Fertigstellung von Produktionen so lang wie möglich hinausgezögert. Zahlreiche halbfertige Produktionen, die nicht den Wehrwillen der Bevölkerung stärkten, wurden gestoppt, ihre Macher eingezogen. Was aber den Wehrwillen der Bevölkerung stärkte, das wusste und bestimmte Joseph Goebbels allein. Es war immer ein gefährliches Vabanquespiel.

Wie mögen sich die Leute gefühlt haben, die dem Publikum in den zerbombten Städten eine heile Welt vorzugaukeln hatten? Wie war wohl die Arbeit in den Studios, wo die Leute bei Tag genauso bedroht waren wie in ihren Wohnungen bei Nacht?

Zerstörtes UFA-Studio
Szenenfoto aus 'Kolberg'
Szenenfoto aus 'Kolberg'
Szenenfoto aus 'Kolberg'

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