Dirk Jasper FilmLexikon

Phänomen Bollywood

1. Indien boomt! Liest man Zeitschriften oder läuft einfach durch eine Einkaufspassage, so kommt man nicht darum herum: Indien ist in! Ob in Filmfachblättern, Tageszeitungen oder Frauen- und Lifestyle-Magazinen, Indien und der indische Film sind der neue Trend. Die einflussreiche Modezeitschrift Elle widmete dem Phänomen im August 2002 gar ein ganzes Special. Mode, Accessoires, Möbel, Musik - überall kommt der Orient zurück.

Die neue Welle macht auch vor dem Film nicht halt: Hier kam Bollywood (Bombay + Hollywood), wie das populäre indische Kino im Volksmund genannt wird, auf Umwegen. Über die Musik zum Beispiel: Sampler mit indischer Filmmusik wie DoobDoob O'Rama erweisen sich plötzlich als Kassenschlager oder Panjabi MC der mit seinem Hit Mundian To Bach Ke die sogar die deutschen Charts eroberte.

Ein guter Indikator ist auch Hit-Garant Andrew Lloyd Webber, dessen Musical Bombay Dreams in London läuft. In Terry Zwigoffs Independent-Filmhit Ghost World sieht man dann schon Hauptdarstellerin Thora Birch gleich zu Beginn vor dem Fernseher zu dem Hit Jan Pachechan Ho von Mohamed Rafi tanzen, und auch Hollywood hat erkannt, woher der Wind weht: vor kurzem lief in den deutschen Kinos Super Guru, in dem Heather Graham in bester Bollywood-Manier die Hüften schwingt.

Deutlich zu spüren ist der Bollywood-Einfluss auch in Baz Luhrmans farbenfrohen Musicalfilm Moulin Rouge und ebenfalls das britische Kino schwimmt mit Kick It Like Beckham auf dieser Welle.

Doch was ist Bollywood eigentlich?

2. Masala-Movies dass das populäre indische Kino in Europa bislang wenig bekannt ist, obwohl Filmkritiker schon seit einigen Jahren überzeugt sind, dass "Bollywood" der neue Renner wird, liegt sicher auch daran, dass es ganz andere Regeln befolgt als das gewohnte Hollywood-Mainstream-Kino. Bollywood-Filme werden oft mit der Gewürzmischung eines Currys verglichen.

Wie bei jedem "Masala" kommt es auf die richtige Mischung an, die Zutaten dagegen bleiben meistens gleich. Aus diesen werden stets dieselben drei oder vier Geschichten variiert, die um das Konzept der romantischen Liebe als Mittelpunkt kreisen, ein Ideal, für das Indiens vom Kastenwesen geprägte Gesellschaft kaum Raum bietet.

Eine typische Geschichte ist z. B. die vom reichen, jungen Mann, der sich in ein schönes, leider armes Mädchen verliebt, aber von den Eltern standesgemäß verheiratet werden soll, wie in Sometimes Happy Sometimes Sad. Dieser Topos geht zurück auf eine der beliebtesten mythologischen Erzählungen Indiens, in der sich der Gott Krishna in das einfache Hirtenmädchen Radha verliebt.

Wichtig für das indische Publikum ist generell nicht die Originalität der Handlung, sondern die Opulenz der Bilder, die Stars (die zum Teil wie Götter verehrt werden) die Musik und die extrem emotionsgeladenen Handlungen, mit vielen verzweigten Subplots. Das Happy End ist im Bollywood-Film obligatorisch.

3. All dancing, all singing Für das westliche Publikum gewöhnungsbedürftig sind die Vielzahl der "Song-and-Dance-Nummern" in den Filmen, sowie die oft abrupten Kostümwechsel und Ortswechsel: Gerade waren die Protagonisten noch auf einem Basar in Bombay, jetzt tanzen sie plötzlich zusammen vor den ägyptischen Pyramiden oder auf einer Schweizer Bergwiese vor der malerischen Kulisse des Matterhorns.

Überhaupt die Schweiz: war sie zunächst nur eine Ausweichkulisse für das Himalaya-Gebirge in der Kaschmir-Region, wo seit den 90ern aufgrund der politischen Situation nicht mehr gedreht werden konnte, hat sie sich inzwischen als eigener Handlungsort etabliert. Immer mehr Klischees wie Seilbahnen, Trachten, Alpenhütten oder Pferdekutschen werden in die Handlung eingebaut - Indiens neuer Okzidentalismus.

Eine wichtige Funktion dieser Tanzszenen, die in ihrer Videoclip-Ästhetik inzwischen deutlich den MTV-Einfluss zeigen, besteht darin, geheime Gefühle wie Liebe oder Begierde auszudrücken. Zwar wurde vor drei Jahren das Kussverbot im indischen Film aufgehoben, aber die explizite Darstellung von Nacktheit und Sexualität ist immer noch verpönt. Statt dessen tragen die Männer hautenge Lederhosen oder Netzhemden und laufen die Darstellerinnen des öfteren durch den Regen oder wälzen sich am Meeresstrand im Wasser, in den beliebten "Wet-Sari-Scenes".

Die mindestens acht Lieder pro Film, die meist schon Monate vor Kinostart in den indischen Musikkanälen laufen, sind im Übrigen oft entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Films am Boxoffice.

4. Traumfabrik Bollywood Bollywood bietet kein Spiegelbild Indiens im gewohnt realistischen Sinne. Der Lyriker und Drehbuchautor Javed Akhtar nannte das Bollywood-Kino einmal Indiens "nächsten Nachbarn". Es ist eine eigene Welt, mit eigenen Symbolen und Traditionen, nah genug an der Lebenswelt des indischen Publikums, um sich identifizieren zu können, aber fern genug, um für ein paar Stunden die Realität zu vergessen. Definiert man Kino über die Dialektik von Suggestion und Distanz, bieten populäre indische Filme Suggestionskino reinster Prägung, und erweist sich Bollywood als die wahre Traumfabrik.

Diese Faktoren erklären, warum Bollywood-Filme nun auch im Westen so erfolgreich werden. Trotz der meist langen Dauer von über drei Stunden bieten sie einen ungemein hohen Unterhaltungswert, es wird gelacht, getanzt, gesungen und gelitten, meist sehr tränenreich, das alles vor exotischen Kulissen (für das indische Publikum die Schweiz, für uns eben Indien selbst) und auf künstlerisch durchweg hohem Niveau.

Bollywood-Filme sind die wahren Erben des Musicals in unserer Zeit und bieten trotz aller Künstlichkeit eine Qualität, die wir selbst im qualitativ hochwertigen amerikanischen Unterhaltungsfilm nur noch selten finden: Authentizität. Vielleicht lachen wir aus anderen Gründen als das indische Publikum, aber wir weinen, weil wir den Charakteren ihren Schmerz und ihre Trauer glauben.

Am Ende dieses Gefühlsmarathons bleibt man erschöpft, aber beglückt zurück und verlässt beschwingt das Kino, den eingängigsten Song des Films summend.

5. Europa: Ein Markt für Bollywood-Filme? Mit einer Produktion von 800 Filmen pro Jahr ist Bollywood die größte Filmproduktion der Welt (Quelle: Screen International). Mehr als 3 Millionen Zuschauer gehen in Indien täglich ins Kino - Zahlen, von denen selbst Hollywood nur träumen kann.

Die indische Filmindustrie selbst war lange Zeit nicht sonderlich interessiert an Europa als Absatzmarkt. Auf eine lukrative Art und Weise war dieser ja schon erschlossen, nämlich durch die (nur selten öffentlichen) Vorführungen der Filme vor europäischen Indern, ohne Untertitel versteht sich. Alles andere schien den Produzenten lange der Mühe nicht wert. Und auch von europäischer Seite war das Interesse noch Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gering.

Doch nun mehren sich die Anzeichen für einen großen Durchbruch von echtem Bollywood-Kino in Europa und Amerika. Seit einigen Jahren verzeichnen indische Filme große Festivalerfolge: war Monsoon Wedding von Mira Nair, der Gewinner des Goldenen Löwen in Venedig 2001, noch eine deutsch-englisch-indische Koproduktion, so lief mit Devdas im Jahr 2002 das erste Mal ein echter Bollywood-Film in Cannes erfolgreich im Wettbewerb. Ebenfalls 2002 wurde der Bollywood-Hit Lagaan mit Indiens Superstar Aamir Khan für den Auslands-Oscar nominiert und auch 2003 wird es einen indischen Beitrag geben, zur Diskussion steht neben Devdas übrigens auch Sometimes Happy Sometimes Sad.

In England und Amerika sind Bollywood-Filme schon seit einiger Zeit sehr erfolgreich, wobei natürlich England als ehemalige Kolonialmacht Indiens durch die relativ große Zahl indischer Immigranten eine andere Ausgangssituation hat als z. B. Deutschland. Trotzdem erklärt sich allein aus diesem Grund nicht der überwältigende Erfolg einiger Filme: Devdas hielt sich dort wochenlang in den Top 5 und Sometimes Happy Sometimes Sad, der über sechs Monate in den indischen Kinos lief, war sowohl in England als auch in den USA ein Riesenhit.

6. Schauspieler Das indische Kino ist stark geprägt von einem rigiden Starsystem. Schauspieler werden fast ebenso verehrt wie Götter. Sie sind im indischen Alltag allgegenwärtig; ob auf Musiksendern, wo Ausschnitte ihrer Filme als Musikclips rund um die Uhr laufen, oder im Werbefernsehen und Modezeitschriften - man kann ihnen nicht entkommen. Ihre Gesichter zieren ganze Häuserwände, und jeder möchte so singen und tanzen können wie sie; dabei ist es völlig unerheblich dass keiner der angebeteten Stars selber singt, sondern sich lediglich zum Gesang eines Play-Back-Sängers bewegt.

Ein Bollywood-Star der etwas auf sich hält wirkt in bis zu 20 Filmen im Jahr mit, häufig sogar mit den gleichen Schauspielerkollegen. Die sogenannten "Bollywood-Couples" sind maßgeblich am Erfolg eines Films beteiligt. Beliebte Paare sind: Kajol und Sha Rukh Khan, Hrithik Roshan und Kareina Kapoor.

In Sometimes Happy Sometimes Sad sind die absoluten Superstars aus drei verschiedenen Generationen des indischen Kinos versammelt, die alle mit ihrem eigenen Stil eine neue Ära des Bollywood-Films eingeläutet haben.

Plakatmotiv von 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Bild: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
Szenenfoto aus 'Sometimes Happy Sometimes Sad'. Foto: rapideyesmovie
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