Dirk Jasper FilmLexikon

Russische Filmkunst

1996 wurde das 100-jährige Jubiläum der Russischen Filmkunst offiziell begangen. Im Mai 1896 fand in Petersburg die erste Kinovorstellung statt. 1908 erschien der erste russische Spielfilm "Ponisowaja wolniza".

Zu besonders bedeutenden Regisseuren der russischen Frühfilmkunst wurden Jakow Protasanow und Jewgeni Bauer. Dem ersten klassischen Realisten verdankt der Schauspieler Iwan Mosshuchin seinen Ruhm, der die "Tiefe der slawischen Seele" glänzend gezeigt hat.

Jewgeni Bauer brachte eine andere Vision der Welt hinein: die dekorative, mit der westlichen und russischen Moderne stilistisch verbundene Vision. Er entdeckte das Ideal der Frauenschönheit in Gestalt von Vera Cholodnaja, die berühmteste Legende der vorrevolutionären Kinematographie.

Die Revolution führte zur Umgestaltung der ganzen Struktur der nationalen Kinematographie. Die an die Macht gekommenen Bolschewiki schätzten schnell die Möglichkeiten des Filmwesens als eines Mittels der politischen Agitation ein. Am 27. August 1919 wurde das Dekret über die Nationalisierung der Filmindustrie in Russland unterzeichnet.

Von revolutionärer Bedeutung für die Weltkinematographie war die Tätigkeit des Dokumentaristen Dsiga Wertow und der Meister der sowjetischen "Montageschule", zu deren herausragenden Vertretern Sergej Eisenstein, Wsewolod Pudowkin und Alexander Dowshenko wurden. Die Filme Streik und Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein, Die Mutter von Wsewolod Pudowkin und Erde von Alexander Dowshenko deuteten die gesellschaftlichen Prozesse philosophisch und poetisch.

Zu den Anhängern der "Alltagsprosa" in der Filmkunst gehörte Boris Barnet. Sein Hauptmeisterwerk - den Film Randgebiet - drehte Boris Barnet 1933, es war ein Tonfilm. Und zum allerersten sowjetischen Tonfilm wurde der Streifen Der Weg ins Leben (Regie: Nikolai Eck, 1931) über die Umerziehung von Verwahrlosten.

In den 30er Jahren machte die Kinematographie in der UdSSR eine jähe Wendung von der Kulturideologie zur Kulturmythologie. Die Epoche des Avantgardismus geht ihrem Ende zu, und die Begriffe der "repräsentativsten" und der "besonders populären" Filme verschmelzen sich beinahe. Das sind vor allem Tschapajew der Brüder Georgij Wassiljer und Sergej Wassiljew, die Maxim-Trilogie von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg und Alexander Newski von Sergej Eisenstein. Zu Begründern des sowjetischen Musicals wurden Grigori Alexandrow (Lustige Burschen und Zirkus), der zusammen mit Sergej Eisenstein in den USA gewesen war, und Iwan Pyrjew (Traktoristen und Sie trafen sich in Moskau).

Diese Filme demonstrierten, dass in Russland ein eigenes "Starsystem" entstand. Einige von ihnen erinnerten nach dem Typ an westliche Stars. Zum Beispiel Ljubow Orlowa, die bei Filmen von Grigori Alexandrow mitwirkte. Es mußs auch betont werden, dass der technische Stand der sowjetischen Kinematorgraphie vor dem Zweiten Weltkrieg den internationalen Standards durchaus entsprach. Der erste Farbfilm in Russland (Grunja Kornakowa) erschien 1936 (ein Jahr nach dem ersten US-Farbfilm).

Auch in den schweren Jahren des Zweiten Weltkrieges war die Filmproduktion in Russland produktiv und recht mannigfaltig. Erst die Entwicklung der Filmkunst in den ersten Nachkriegsjahren stieß hingegen auf ernste Schwierigkeiten. Es trat eine Periode ein, da neue Filme so gut wie nicht produziert, aber dafür pompöse monumentale Streifen von der Art Fall von Berlin (1950) von Michail Tschiaureli gedreht wurden. In dieser Periode erscheint jedoch der geniale Film von Sergej Eisenstein, nämlich Iwan der Schreckliche.

Der Film Die Kraniche ziehen (1957) von Michail Kalatosow, dem der Grand Prix in Cannes zuerkannt wurde, wurde zum ersten Signal des Aufwachens der Filmkunst nach einem langen Schlaf. An die Stelle des hochtrabenden und leblosen Monumentalismus traten die menschlichen, stilistisch frischen Filme über den Krieg: Ein Menschenschicksal von Sergej Bondartschuk, Ballade vom Soldaten von Grigori Tschuchrai und Iwans Kindheit von Andrej Tarkowskij. Diese Regisseure aus den 60er Jahren erwiesen sich tatsächlich als die letzten Romantiker der sowjetischen Periode, die die Prinzipien des "Sozialismus mit dem menschlichen Gesicht" deklariert hatten. Zu ihrem Manifest wurde der Film von Marien Chuzijew: Ich bin 20 Jahre alt.

Dieses ungewöhnlich ersprießliche Jahrzehnt leitete das Schaffen vieler großer Regisseure ein, Eiern Klimow und Larissa Schepitko, Kira Muratowa und Alexej German, Gleb Panfilow und Andrej Kontschalowski, deren erste Filme in einer Periode erschienen, da die Zensur nachließ. Aber bald darauf verstärkte sich die Zensur wiederum.

In den 60er Jahren wird die sowjetische Filmkunst wirklich und nicht formal multinational. Eine nach der anderen entstehen die Schulen des "poetischen Films" (man nannte ihn auch "malerisch") in Georgien, Litauen und der Ukraine. Am Ursprung dieses Prozesses stand der Armenier Sergej Paradshanow, ein großer Kosmopolit des sowjetischen kulturellen Babylon. In der Jugend lebte er in der Ukraine, schloss aber sein kreatives Leben, das für einige Jahre durch die Gefängnishaft unterbrochen wurde, in Tbilissi - Mekka der metaphorischen Filmkunst - ab. Nicht von ungefähr erschien der Film Die Reue eben in Georgien, der den Mechanismus der totalitären Diktatur zeigte und zu einem Vorboten der Perestroika wurde.

Andrej Tarkowskij (Andrej Rubijow, Spiegel) und Sergej Paradshanow erweckten zum ersten Mal nach den Klassikern der 20er Jahre ein langfristiges Interesse für sowjetische Filme in der Welt. Sie widerstanden dem Totalitarismus und Dogmatismus nicht durch Versuche der sozialen Kritik, sondern durch eine universale künstlerische Weltanschauung sowie die Fähigkeit, die Schönheit zu fühlen und zu schaffen. Ein Antipode Andrej Tarkowskijs war Wassili Schukschin, der zusammen mit ihm an der Hochschule für Filmwesen studierte und mit dem Film Kalina Krasnaja (Schneeballstrauch im Herbst) ein reines Muster des Volksmelodramas lieferte.

Einige bedeutende Regisseure - Ilja Awerbach, Wadim Abdraschitow und Nikita Michalkow - zeigten sich in den 70er und 80er Jahren. Damals erfreuten sich bei den Zuschauern die Komödien und Melodramen von Leonid Gaidai, Eldar Rjasanow, Pjotr Todorowski und Georgi Danelija eines kolossalen Erfolges. Weltweit anerkannt wurde die Animation von Juri Norstein und Andrej Chrshanowski.

Nichtsdestoweniger geriet die Kinematographie im ganzen gegen Mitte der 80er Jahre wie auch das ganze Sowjetsystem in den Zustand einer tiefen Krise. Ungehindert konnten nur jene Filmschaffenden arbeiten, die den Machtorganen zuliebe Filme drehten. Die besten Regisseure konnten jahrelang keine Filme produzieren, und andere wanderten ins Ausland ab.

1986 wurde zu einem Umbruchsjahr: Die Filmschaffenden wählten auf ihrem 5. Kongress eine neue radikale Führung des Filmschaffendenverbandes mit Eiern Klirnow an der Spitze. Die Filmstudios erhielten wieder ihre kreative und finanzielle Selbständigkeit. Es wurde die Zensur aufgehoben und das Staatsmonopol auf Filmverleih und Erwerb ausländischer Filme beendet. Es entstanden zahlreiche private Filmgesellschaften.

Zum ersten programmatischen Film der Perestroika, der auch den Beginn einer sexuellen Revolution markierte, war der Film von Wassili Pitschul: Kleine Vera. Zugleich war das der letzte große Film der Sowjetperiode, der eine rekordhohe Zuschauerzahl (50 Millionen) sammelte. In der Folgezeit erfreute sich kein einziger inländischer Film einer solchen Massennachfrage.

Das Auseinanderfallen der UdSSR im Jahre 1991 führte zur weiteren Desintergration der Struktur der Kinematographie. Die Jahresproduktion stieg zunächst im Vergleich zur Periode vor der Perestroika (140 bis 150 Filme im Jahr) auf 500 Filme und ging dann - nach dem Zusammenbruch der privaten Filmgesellschaften - auf 20 Filme zurück. Private Investoren finanzieren immer ungerner Filmprojekte und wollten erst recht nicht ihre Mittel in staatliche Filmstudios investieren, die vorläufig nicht privatisiert sind und sich in kläglichem technischem Zustand befanden.

Die Ursache für die Krise liegt darin, dass es auf dem inländischen Filmmarkt beim Fehlen eines normalen Verleihsystems unmöglich ist, Geldmittel zurückzubekommen, die für die Filmproduktion verausgabt wurden. Die russischen Zuschauer, noch vor kurzem mit die aktivsten in der Welt, haben sich abgewöhnt, ins Kino zu gehen, und bevorzugten das Fernsehen und Videofilme.

Nichtsdestoweniger wäre es unverkennbar verfrüht zu erklären, dass die russische Filmkunst tot sei. Trotz alledem lebt sie kreativ fort, und es zeichnen sich neue Prozesse ab. Wollen wir einige Tendenzen nennen. Alexander Sokurow, der noch vor der Perestroika halbillegal arbeitete (Einsame Stimme des Menschen), bleibt nach wie vor ein am originalsten denkender Künstler der russischen Filmkunst gerade deshalb, weil er einer der wenigen ist, die mit den Traditionen der 20er Jahre nicht brechen. Ein anderer überaus originaler Künstler, der sowohl die Stagnation als auch die Perestroika erlebt hat, bleibt Kira Muratowa. Erfolgreich im Westen waren die Filme von Nikita Michalkow und Sergej Bodrow.

Der Film Prorwa (Moskauer Parade)von Iwan Dychowitschny bietet ein interessantes Beispiel des post-sowjetischen Barockstils an. Der Stalinsche Sozialismus ist in diesem Film als festliches mythologisches Ritual (wenn auch mit blutiger Kehrseite) gezeigt. Ein solches Herangehen ist für eine neue Generation der russischen Regisseure kennzeichnend, die nicht mehr in ideologischen Kategorien denkt.

Die Zerstörung der sowjetischen Filmmythologie begann noch in den 60er Jahren, wurde aber durch die Perestroika vollendet. Jene wenigen, die früher von der Ideologie innerlich frei waren, bleiben weiter sich selbst treu. Jene dagegen, die die Kraft hauptsächlich aus dem Widerstand gegen das Regime schöpften, verloren diese Quelle und versiegten kreativ.

Die junge Generation der Filmschaffenden in Russland empfindet heute ein Defizit an Kulturmythologie und ist bereit, lediglich ihre Klischees nachzuahmen. Aber die Erinnerungen an die Vergangenheit sind in der Kultur noch sehr zählebig, und darin besteht das kreative Hauptproblem der postsowjetischen Kinematographie.

Sergej Eisenstein
DVD-Cover zu 'Panzerkreuzer Potemkin'
Andrej Tarkowskij

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