Dirk Jasper FilmLexikon

"Western" - ein Film-Traum

Cowboys sind keine Traumgestalten, sie existieren wirklich; manch einer ist dem Zuschauer sogar begegnet. Heute arbeiten noch rund 20.000 Männer in diesem Beruf, in dem sich, vom Einsatz von Hubschraubern einmal abgesehen, die Arbeitsbedingungen nicht wesentlich verändert haben.

Die 'Kuh-Jungen' tragen immer noch die gleichen Lederstiefel und die gleichen Stetsons wie ihre Vorfahren, während der Western-Film heftig bedrängt in Agonie liegt. In den Westen ziehen, das hieß nichts anderes als den Weg zum Paradies auf Erden einschlagen, das war die Verwirklichung aller Träume und Hoffnungen; der Ritter ohne Furcht und Tadel gehörte zum Alltag, ein Volk kämpfte geschlossen für die gerechte Sache, und die Liebe triumphierte.

Die Mythologie eines Teils der US-Geschichte aufnehmend, spiegelte die US-Filmindustrie kollektive imperialistische Aktionen wieder, ohne Kritik zu üben. Im Laufe der Jahre hat sich das Schema selbstverständlich verändert. Die Operetten-Cowboys haben mit dem Aufkommen des Tonfilms nuancierter dargestellten Abenteurern Platz machen müssen.

Trotz seiner archetypischen Elemente wächst der Western wie ein Kind heran. Zunächst stammelt er und macht zwischen 1910 und 1920 seine Pubertätskrise durch. Er ist in der Lage, alles zu integrieren (oder zu verschlingen). Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigt er sich besonders mit den Indianern: Ist es wirklich richtig, dieses Volk - erst ab dieser Zeit spricht man von indianischen Völkern - systematisch niederzumetzeln? Zwischen 1950 und 1965 entsteht ein Meisterwerk nach dem anderen und nichts deutet auf das baldige Ende des Genre hin.

Zum Ende der 60er Jahre wird der Western 'entmythologisiert'. Die kapitalistische Komponente des Westerns wird angeklagt, und ein aus Italien importierter Stil lässt die Gewalt im Western in ganz anderem Licht erscheinen. Besonders unter Sergio Leone (Spiel mir das Lied vom Tod) wandelt sich auch die Szenerie: die weiten Horizonte werden durch Zooms und Großaufnahmen, die Canons und Ebenen durch hämisches Grinsen oder heimtückische Blicke ersetzt. Beim Western der siebziger Jahre haben sich Form wie auch Inhalt geändert: Er ist viel politischer angelegt, übernimmt Verantwortung ist nicht mehr auf den Geist der us-amerikanischen Pioniere beschränkt.

Es ist, alles in allem, völlig bedeutungslos, dass der Western nichts anderes als eine Travestie des Westens war, eine lyrische, codierte Darstellung des harten, schweren und brutalen Lebens. mußs man wirklich um historische Genauigkeit besorgt sein? Wirklich wissen, dass sich die Cowboys praktisch nie wuschen und sicher nicht nach Rosen dufteten? dass die einzigen Frauen, die sie umarmten, Prostituierte der billigsten Sorte waren? Der Western regt unsere Phantasie an, lässt unsere Probleme verblassen und entführt uns in die Welt des Abenteuers. Genau darin liegt seine Stärke.

Wildwest in Babelsberg Der Western als ein typisch US- (und das heißt kapitalistisches) Kinogenre war in der DDR Walter Ulbrichts ein ungeliebtes Kind. Dennoch begann Mitte der 60er Jahre eine Produktion von über zehn "Indianerfilmen" als eine Art Gegenwestern, die ihren Wilden Westen in Georgien, in der rumänischen Steppe oder auch, wie die westdeutschen "Winnetou"-Filme, im jugoslawischen Karst fanden.

Die Berge standen in Georgien, die Steppe war rumänisch und das Personal kam von der DEFA. So sah der "Wilde Westen" - hausgemacht in Osteuropa - zu DDR-Zeiten aus. Gleich der erste sozialistische Western, Die Söhne der großen Bärin, 1965 von Josef Mach inszeniert, machte den Hauptdarsteller Gojko Mitic, einen bulgarischen Weltklasse-Athleten, zum Star.

Zwölf Indianerfilme produzierte die DDR als Ersatz für fehlende Westimporte: antikapitalistische, oft belächelte "Anti-Western", die zu umwerfenden Publikumserfolgen wurden. Die DEFA-Indianerfilme richteten sich bewußt an ein großes Publikum und machten Gojko Mitic zum umschwärmten Star. Sie boten eine oft im DDR-Kino vermißte Spannung und Exotik und wurden, vor allen in den Anfangsjahren - liebevoll und ethnographisch ausgestattet.

Stempelten die Hollywood-Western jener Jahre zumeist die Indianer zum Bösewicht, so fanden die DDR-Produktionen sie unter den Weißen, den Siedlern und Cowboys. Einer der prominentesten "Bösen" war der Charakterschauspieler Rolf Hoppe, der besonders vom jugendlichen Publikum regelrecht verabscheut wurde. Vor allem seine Tochter Josephine, so erinnert er sich, hatte unter diesem Image zu leiden.

Historisches Cowboy-Camp
Cowboy bei der Arbeit
John Wayne-Collection
Filmplakat
Die Söhne der großen Bärin
Gojko Mitic: Erinnerungen

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