Dirk Jasper FilmLexikon

Zensur in Deutschland?

Laut Artikel 5 des Grundgesetzes "findet eine Zensur (in Deutschland) nicht statt". Das heißt, der staatlichen Legislative wie auch der Judikative ist es NICHT gestattet, irgendeine Form der Meinungsäußerung - sowohl künstlerisch als auch politisch - "im Vorfeld" zu unterbinden.

Aber: Eine sogenannte "Nachzensur" darf in der Bundesrepublik Deutschland stattfinden, und zwar wenn es gegen StGB § 131 (Gewaltverherrlichung) oder § 184 (Pornographie) verstößt. Allerdings nur dann, wenn die Äußerung bereits gemacht worden ist.

Das soll verhindern, dass zum Beispiel politische Kundgebungen durch staatlichen Eingriff - nur weil es der amtierenden Regierung nicht passt - einfach unterbunden werden. So weit, so gut - bei Filmen, Büchern, Schallplatten und jeder anderen Art der künstlerischen Äußerung handelt es sich um eine langlebigere Geschichte als einer politischen Kundgebung. Von daher bemerkt man diese Form der Nachzensur viel stärker.

Wer und was ist die FSK? Die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) wurde 1949 ins Leben gerufen, mit der eigentlichen Bestimmung, Filmwerke - ausländische wie inländische - auf ihre politische Intention hin zu überprüfen. Oder anders ausgedrückt: Die FSK sollte ursprünglich darauf achten, dass keine Nazi-Idologie dem deutschen Kinobesucher (erneut?) vermittelt wird. Die FSK besteht aus ständig wechselnden Kommittees, die sich zumeist aus Vertretern von Kirche, Kinobetreibern, Kulturministerien und Privatpersonen bilden. Es gibt einen ständigen Vorsitzenden, der bis Herbst 1994 Joachim von Gottberg war, der September 1994 dann die FSF (Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen) ins Leben gerufen hat. Nachfolger wurde Folker Hönge.

Filmverleiher müssen der FSK gar nichts vorlegen, da diese Einrichtung nicht staatlich, sondern freiwillig ist. Das heißt, der Filmverleiher kann auch die FSK fröhlich umgehen und dennoch seinen Film in den Theatern spielen lassen. Nur: Ein Film, der nicht FSK-geprüft ist, zieht schnell eine Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft nach sich.

Die FSK soll das gleich im Vorfeld ausschließen: Sie prüft die synchronisierte Fassung des Films rund zwei Wochen vor dem Kinostart und entscheidet, ab welchem Alter dieser Film zugänglich gemacht werden kann. Wenn ein Film in einzelnen Szenen gegen StGB § 131 oder § 184 verstößt, dann empfiehlt die FSK die Herausnahme dieser spezifizierten Szene (die Empfehlung wird auf die einzelne Szene genau beschrieben).

Der Verleiher hat nun die Wahl: Entweder schneidet er diese Szenen nach der "Empfehlung" und hat damit die Gewährleistung, dass dieser Film nicht von irgendeiner örtlichen Staatsanwaltschaft angeklagt wird, oder er lässt es bleiben - dann erhält er aber kein "FSK-freigegeben"-Siegel und wird damit automatisch das Interesse der deutschen Juristriktion auf sich ziehen.

Es kann auch passieren, dass ein Filmverleiher einen Film (aus kommerziellen Gründen) ab einem bestimmten Alter freigegeben haben möchte. In diesem Fall prüft die FSK diese Anfrage, und empfiehlt die Herausnahme der Szenen, die für das entsprechende Alter ungeeignet sind. (z. B. wurde die Schmonzette "Ghost" in Deutschland leicht beschnitten, weil der Verleih UIP den Film gerne "ab 12 Jahre" anstatt der ungekürzten "ab 16 Jahre" vertreiben wollte).

Meistens wird aber ein Film vorsorglich von irgendwelchen Mitarbeitern des Verleihs beschnitten, denn die FSK-Prüfung erfolgt recht spät, und bei etwaigen Schnittempfehlungen wird ein zweiter Prüfungstermin angeboten, der dann zumeist nach dem Kinostart liegt. Um das zu umgehen, wird nach dem Motto "lieber ein bißchen mehr, auf Nummer sicher" geschnitten.

Die FSK lässt eine *Menge* durchgehen und ordnet tatsächlich nur Schnitte bei "ab 18" an, insofern sie diese strafrechtlich belangt werden könnten. Vielmehr unternimmt der Verleiher schon vorab Schnitte, um diese Fassung dann später auch als gleichwertige Videofassung anbieten zu können. Roland Emmerichs Film Universal Soldier war ein Beispiel, wo der Film völlig ungekürzt die FSK passiert hatte, weil die FSK nichts an einer Freigabe "ab 18" zu mäkeln hatte. Wäre Regisseur Roland Emmerich persönlich nicht so interessiert an der deutschen Freigabe gewesen, dann hätte der Verleih mit Sicherheit einige Szenen prophylaktisch herausgenommen.

Wichtig ist, das die FSK *keine* Videoindizierungen vornimmt. Dafür ist die BPS (früher BPjS = Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften) zuständig.

Wer oder was ist die BPS? Die BPS wurde zum 1. April 1984, zusammen mit der Neufassung des JÖSchG (Gesetz zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit) auch mit der Prüfung von Videofilmen und Bildplatten betraut. Vor 1984 waren Videofilme (freiwillig von den Herstellern) mit dem quadratischen Sticker "Original Kinofassung FSK freigegeben ab XX Jahren". Ab 1984 lesen wir nun den Sticker "Freigegeben ab XX Jahren gemäß § 7 JÖSchG FSK".

Die BPS kann, da sie eine staatliche Institution ist, nur auf Antrag tätig werden, zum Beispiel durch Jugendämter, aber auch Privatpersonen. In der Vergangenheit war die BPS vorrangig für Zeitschriften und Magazine zuständig, und selbst dort hat man ihre Aktivitäten kaum wahrgenommen. Die BPS tagt nämlich in einem regelmäßigen 12er-Gremium, wo alle Anträge zu Indizierung aufgenommen und genehmigt werden. Dieses 12er-Gremium benötigt für eine Routineindizierung rund 6 bis 8 Wochen. Bis dahin waren die fraglichen Zeitschriften schon seit Wochen nicht mehr erhältlich.

Selbst die "Expressvariante", das 3er-Gremium kann frühstens nach fünf Werktagen eine Indizierung aussprechen, was für Zeitschriften ebenso ungefährlich ist, da nach fünf Werktagen meistens schon die nächste Wochenausgabe erhältlich ist. Bei langfristig ausschöpfenden Medien, wie Bücher oder Videofilmen, sieht das natürlich anders aus. "Tanz der Teufel" wurde bislang als einziger Film im Mai 1984 vom schnellen Gremium aus den Videotheken geholt und am 02.07.1984 durch das AG München, Az: 12 Ns 465 Js 166153/84, beschlagnahmt.

Die BPS nimmt in der Regel eine Sachprüfung vor und stellt fest, ob ein Film indizierungswürdig ist. Indiziert wird nahezu jeder Film, der im Kino ab 18 Jahre freigegeben war, da die Indizierung bedeutet, dass dieser Film "Jugendlichen unter 18 Jahre weder zugänglich gemacht noch für Jugendliche sichtbar beworben werden darf". Eine Indizierung bedeutet für den Verleiher ein gewisses Risiko, da er diesen Film nicht mehr bewerben darf - auch nicht auf anderen Kassetten. Würde eine andere Kassette Werbung für einen indizierten Film enthalten, dann wäre auch diese Kassette Objekt der Indizierung.

Die Firma VPS z. B. hat die Reihe "Masters of Horror", bestehend aus acht Titeln, geschnitten, mit Ausnahme der ersten, um Flüsterpropaganda zu initiieren. Die Trailer dieser Reihe auf anderen VPS-Titeln werben aber nur für "Teil 2 bis 8". VPS hatte vorsorglich den ersten Teil ausgelassen, für den Fall, dass er indiziert wird.

Die BPS nimmt auch *keine* Schnitte vor, allerdings wenden sich Verleiher schon manchmal vorsorglich an die BPS, um abzuklären, ob der fragliche Film der Gefahr der Indizierung unterliegt. In einem solchen Fall empfiehlt die BPS entsprechende Szenen zum Herausschneiden, um später die Indizierung zu umgehen.

Die BPS beschlagnahmt auch keine Filme, das können nur die Gerichte. Der Verfahrensweg sieht im allgemeinen so aus: Die BPS entdeckt in einem Film Elemente, die gegen StGB § 131 oder § 184 verstoßen. Die BPS stellt daraufhin einen Antrag zur Beschlagnahmung an die örtliche Staatsanwaltschaft, und die Staatsanwaltschaft führt dann den Antrag vor Gericht aus.

Zusammenfassung Die ganze Schnitthysterie ist *nicht* die Schuld der FSK oder BPS! (Auch wenn deren Einschätzungen, was nun Gewaltverherrlichung ist und was nicht, nicht immer von mir geteilt werden.) Es liegt an der mangelnden Courage der Verleiher - sie sehen nur das Folgegeschäft wie Videoauswertung und Fernsehrechte.

Bis heute (Herbst 1996) gibt es genau 98 Videofilme und 6 Kinofilme sowie eine (!) Laserdisc, die nach StGB § 131 Gewaltverherrlichung beschlagnahmt, also nicht mehr in der Bundesrepublik erhältlich sind. Sind diese 105 Filme die Ursache, dass die Verleiher die Filme beschneiden? 105 Filme aus Tausenden? Die Chance, mit seinem Videofilm beschlagnahmt zu werden, ist so gering, dass sich diese ganzen Kürzungen eigentlich nicht lohnen.

Und was bedeutet schon Indizierung? Zigtausende von Beate Uhse-, VTO- und Sarah Young-Titeln etc. stehen in den Regalen der Videotheken, alle sind ausnahmslos indiziert, denn Hardcore-Pornofilme verstoßen *jedesmal* gegen StGB § 184! Deswegen sieht man auch nie Werbung für VTO etc. außerhalb von "Erwachsenenzonen". Und dennoch: Videotheken quellen über mit dem Zeug, und die Vertreiber kassieren damit Riesensummen.

Sucht nicht den Sündenbock in der FSK oder BPS, auch wenn deren Entscheidungen oftmals nicht nachvollziehbar sind - der eigentliche Verursacher ist der Filmverleiher, der aus Angst vor einer möglichen Einschränkung der PR-Maßnahmen diese Filme beschneidet.

Warum ist wohl Species leicht gekürzt worden? Damit UIP diesen Schrott an ahnungslose 16-jährige adressieren konnte!

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