Alfred Hitchcock ?
* 13. August 1899 in Leytonstone, London, England, als Alfred Joseph Hitchcock • ? 29. April 1980 in Los Angeles, Kalifornien, USA • Regisseur, Autor, Produzent • Biografie • Oscars® • Filmografie •
Alfred Hitchcock Biographie Alfred Hitchcock kam im Londoner Stadtteil Leytonstone als Sohn des Geflügelhändlers und Obstimporteurs William Hitchcock und dessen Frau Emma Whelan Hitchcock zur Welt. Alfred offenbarte schon früh einen eigenwilligen, zur Skurrilität neigenden Charakter. Er tendierte zur Eigenbrötelei und zum Einzelgängertum. Die streng katholischen Eltern schickten ihn auf das St. Ignatius College, eine Londoner Jesuitenschule.

Alfred verließ die Schule und absolvierte zunächst ein kurzes Gastspiel bei der School of Engineering and Navigation. Dann wurde er technischer Angestellter bei der elektrische Leitungen fabrizierenden W. T. Henley Telegraph Company. Es war die Zeit des Ersten Weltkrieges, Alfred wurde gemustert, jedoch für untauglich empfunden.

Hitchcock fühlte sich vom Kino angezogen - schon als 16jähriger hatte er begonnen, Filmfachzeitschriften zu sammeln - und sah die Filme von Charlie Chaplin, Griffith, Buster Keaton, Douglas Fairbanks und Friedrich Murnau. 1919 trat er dann bei der Filmgesellschaft Famous Players-Lasky (der späteren Paramount) ein, wo er zunächst Zwischentitel für Stummfilme illustrierte.

1923 erschien Hitchcocks Name erstmals im Vorspann: als Art Director von Woman to Woman. Im selben Jahr inszenierte er einen Film, der allerdings mangels Finanzmasse unvollständig blieb: Number Thirteen mit Clare Greet und Ernest Thesiger in den Hauptrollen.

In der Folgezeit war Hitchcock bei Players-Lasky in vielfältigen Funktionen tätig. Als der Regisseur von Always Tell Your Wife erkrankte, durfte er den Film zu Ende drehen. Für die Bainsborough-Produktionen The White Shadow sowie The Passionate Adventure arbeitete er als Designer, Co-Autor und Regie-Assistent.

Ferner war er an den Realisierungen von The Blackguard und The Prudes Fall beteiligt. Im Jahr 1925 erhielt Alfred Hitchcock dann seine große Chance. Michael Balcon, der die Studios seit 1922 leitete, beauftragte Hitchcock mit der Regie des Filmes The Pleasure Garden. Die englisch-deutsche Co-Produktion entstand in München. Auch Hitchcocks zweiter Film, The Mountain Eagle aus dem Jahr 1926 wurde in Deutschland gedreht, einige Außenaufnahmen fanden in den Alpen statt.

Hitchcock bekam vorwiegend gute Kritiken, sein Produzent Balcon war zufrieden. Seinen ersten durchschlagenden Erfolg erzielte Hitchcock 1926 mit dem Thriller The Lodger - A Story of the London Fog. Der Film enthielt bereits einige der typischen Wesensmerkmale, die später so charakteristisch für seine unverkennbare Handschrift werden sollten: ein Mann wird eines Verbrechens beschuldigt, das er nicht begangen hat. In diesem ersten "richtigen" Hitchcock-Film, einer Bearbeitung des Jack-the-Ripper-Motivs, tauchte Hitchcock auch zum ersten Mal als Statist im eigenen Film auf: er hockt in einer Zeitungsredaktion und spielt an anderer Stelle ein Gesicht in der Menge.

Hitchcock, der am 2. Dezember 1926 die Autorin Alma Reville geheiratet hatte, drehte als nächstes das Melodram Downhill, das sich an der Kinokasse jedoch nicht durchsetzen konnte. Auch die Noel Coward-Verfilmung Easy Virtue kam nicht sonderlich an. Die Ehebruchsgeschichte The Ring (1927), von Francois Truffaut als "dramatische Komödie" bezeichnet, war hingegen wieder erfolgreicher.

Im Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm schuf Alfred Hitchcock 1929 - dem Jahr, in dem seine Tochter Patricia Hitchcock geboren wurde - den ersten Tonfilm Englands. Blackmail erzählt von einem Künstler, der ein Mädchen vergewaltigt und dabei von seinem Opfer erstochen wird.

Im Anschluß inszenierte der mittlerweile wohlhabende, renommierte Regisseur eine Reihe recht unterschiedlicher Filme, darunter das "Musical ohne Musik" (Hitchcock), Waltzes from Vienna sowie Rich and strange und Number Seventeen. Waltzes from Vienna erklärte Hitchcock selbst zu seinem schlechtesten Film.

In den 30er Jahren orientierte sich Hitchcock zusehends auf den Thriller. Es entstanden seine frühen Klassiker wie die erste Fassung von Der Mann, der zuviel wußte, außerdem Die 39 Stufen, Sabotage und Eine Dame verschwindet.

Der Mann, der zuviel wußte war in England und in den USA ein großer Erfolg und ermöglichte es Hitchcock, in Zukunft seine Stoffe noch freier wählen zu können. Die Spannung erfährt in diesem Film eine weitere Steigerung durch den an mehreren Stellen aufblitzenden lakonischen Humor.

Seine spezifisch britische Form von subtiler Komik umriss Hitchcock mit dem Begriff "Understatement", d. h. "dramatische Ereignisse in einem leichten Ton zu präsentieren". 22 Jahre später sollte er ein Remake von Der Mann, der zuviel wußte drehen, dann mit James Stewart und Doris Day.

Die 39 Stufen, ein Meisterwerk des humorvollen Thrillers, entstand 1935. Die New York Times schrieb: "Hitchcock ist ein Meister des Schocks und des Suspense, des kalten Horrors, des verschlagenen Witzes."

Zum Stichwort "Suspense" erläuterte der Meister einmal: "Man muss dem Zuschauer eine Information geben, die die Figuren des Films nicht haben. Dann weiß er mehr als die Helden und kann sich intensiver die Frage stellen: wie wird sich die Situation auflösen?"

Hitchcock hatte zu diesem Zeitpunkt sein Publikum bereits fest in der Hand. Er wusste es zu dirigieren und manipulieren, wobei er oft raffinierte Montagetechniken einsetzte. Eine Dame verschwindet war Hitchcocks vorletzter Film, den er (vorläufig) in England drehte.

Seinen Abschied gab er ein Jahr darauf mit dem Melodram Jamaica Inn. Hitchcock ging danach nach Hollywood. Dort schloß er einen Vertrag mit David O. Selznick und verfilmte als erstes einen Roman von Daphne du Maurier: Rebecca. Der Film erhielt den Oscar als bester Film des Jahres.

Die Heldin des Films, Joan Fontaine, war die erste typische Hitchcock-Heldin nach Madeleine Carroll aus Die 39 Stufen. Hitchcock setzte bevorzugt die kühlen Blondinen ein, deren Sex-Appeal nicht sofort ins Auge stach. Fiel über Grace Kelly die Bemerkung: "Ein Eisschrank, in dem ein Feuer zu schwelen scheint", meinte Hitchcock über seine Topas-Darstellerin Claude Jade, sie sei "eine ruhige junge Dame, doch für ihr Benehmen auf dem Rücksitz eines Taxis würde ich keine Garantie übernehmen". Weitere Vertreterinnen dieses Typs waren Ingrid Bergman, Grace Kelly, Eva Marie Saint, Kim Novak, Vera Miles und Tippi Hedren.

Auf das brillante Thriller-Stück Foreign Correspondent folgte 1941 die Komödie Mr. und Mrs. Smith. 1942 wurde der erste Hitchcock-Film mit Gary Grant fertiggestellt: Verdacht ist eine hervorragende psychologische Fallstudie: Wie wächst Misstrauen aus Zweifeln, die auf zweifelhaften Indizien basieren?

Die Universal-Produktion Im Schatten des Zweifels bezeichnete Hitchcock als einen seiner Lieblingsfilme. Mord und Gewalt finden hier im trauten Heim statt ... "wohin sie gehören" (Hitchcock).

In Das Rettungsboot porträtierte Hitchcock den psychologischen Konflikt, in den neun Überlebende einer Schiffsversenkung geraten. Der als Parabel auf die damaligen internationalen politischen Auseinandersetzungen gedachte Film wurde kontrovers diskutiert.

Nachdem Hitchcock 1944 zwei Filme für das britische Informationsministerium hergestellt hatte ("Ich fühlte das Bedürfnis, meinen kleinen Beitrag zu den allgemeinen Kriegsanstrengungen zu leisten, und für den Militärdienst war ich zu alt und zu dick.") kehrte er nach Hollywood zurück, um Ich kämpfe um dich zu drehen, eine psychologisch fundierte Mord-Geschichte, in der sich Ingrid Bergman als geradezu ideale Hitchcock-Darstellerin erwies. Schon ein Jahr später, 1946, stand sie erneut für Hitchcock vor der Kamera. Berüchtigt - Weisses Gift war eine perfekte Mischung aus Love Story und erstklassigem Thriller.

Mit Cocktail für eine Leiche inszenierte Alfred Hitchcock 1948 seinen ersten Farbfilm. Neuland betrat er damit gleich in mehrerer Hinsicht. Zwei Jahre zuvor hatte er mit Der Fall Paradine seinen letzten vertraglich vereinbarten Film für Selznick abgeliefert, nun wurde er sein eigener Produzent.

Cocktail für eine Leiche markierte ein gewagtes Experiment. Der Film spielt fast ausschließlich in zwei miteinander verbundenen Zimmern. Hitchcock verzichtete auf Schnitte. Stattdessen hatte jeder Take die Länge einer Filmkassette, also 10 Minuten. Jeweils zu Beginn und Ende der Kassette "schwärzte" Hitchcock das Bild, indem er die Kamera ganz nahe an eine Person oder einen Gegenstand heranfuhr und - nach Einlegung einer neuen Spule - wieder davon zurückwich, so dass der Eindruck eines völlig ununterbrochenen Erzählflusses entstand.

In Die rote Lola verstieß Hitchcock gegen eine der ungeschriebenen Regeln der Filmgrammatik: er zeigte eine Rückblende, in der er die Zuschauer belog. Das Publikum fühlte sich auf unfaire Weise in die Irre geführt. Mit seinem nächsten Film Verschwörung im Nordexpreß / Der Fremde im Zug bügelte er diesen Ausrutscher wieder zur Zufriedenstellung des Publikums aus. Alfred Hitchcocks zentrales Thema der Austauschbarkeit von Schuld fand hernach Eingang in Ich beichte / Zum Schweigen verurteilt, einem sehr langsamen, ernsten Film.

Bei Anruf Mord mit Grace Kelly in der weiblichen Hauptrolle, präsentierte sich 1954 als konventioneller Thriller, der zwar in 3-D gedreht, meist jedoch zweidimensional vorgeführt wurde.

Ebenfalls 1954 fiel die letzte Klappe zu Das Fenster zum Hof, in dem James Stewart einen voyeuristischen Presse-Fotografen mimt. Heiterkeit war in Über den Dächern von Nizza angesagt. Grace Kelly als blonde Hitchcock-Heroine und Cary Grant als "Katze" sind die Stars dieser munteren, clever gebauten Krimi-Romanze, die in einer verwegenen Verfolgungsjagd mündet.

1955 nahm Hitchcock die Produktion seiner noch heute berühmten TV-Serie Alfred Hitchcock presents auf. Die zunächst halbstündigen, später sechzigminütigen Kurzfilme verblüfften am Schluß mit raffinierten, unerwarteten Pointen, den sogenannten "Hitchcock-Auflösungen". Alfred Hitchcock fungierte als Produzent, nur in unregelmäßigen Abständen saß er auch selbst auf dem Regiestuhl.

1956 kam das Remake von Der Mann, der zuviel wußte und die schwarze Komödie Immer Ärger mit Harry ins Kino. Gegen Ende der 50er Jahre legte Hitchcock dann drei seiner besten Filme vor: Vertigo, Der unsichtbare Dritte und Psycho. In Vertigo ist James Stewart von der Idee besessen, eine Tote zu lieben. In Der unsichtbare Dritte wird der Werbefachmann Cary Grant von einem feindlichen Spionagering versehentlich für einen Agenten gehalten. Höhepunkte sind der Doppeldeckerangriff auf Cary Grant und das grandiose Finale auf dem Mount Rushmore.

Psycho war Hitchcocks wohl brutalster Film. Er irritierte sein Publikum: Janet Leigh, die vermeintliche Heldin, stirbt nach dem ersten Drittel. Für die damaligen Verhältnisse war der Mord unter der Dusche sehr drastisch und grausam in Szene gesetzt. Mit Die Vögel ging Hitchcock noch einen Schritt weiter. Er zeigte ausgehackte Augen und blutbeschmierte "unschuldige" Schulkinder.

Marnie (1964) gleicht inhaltlich Ich kämpfe um dich. Der zerrissene Vorhang erzählt eine Spionagestory aus dem Kalten Krieg. Ein weiteres Spionage-Drama legte Alfred Hitchcock 1969 mit Topas vor.

Nach 20 Jahren drehte Hitchcock 1972 erstmals wieder in England: Frenzy wurde mit Lobeshymnen überschüttet. "Hitchcock ist wieder da und in guter Form", notierte die New York Daily News. In der wohl grausigsten Passage dieses Filmes versucht der Mörder (Barry Foster) der in einem Kartoffelsack verborgenen Leiche eines Mädchen die Finger zu brechen, da diese eine Diamanten-Krawattennadel umklammern, die ihn einwandfrei als Mörder identifizieren würde.

Einen weiteren, abschließenden Coup landete Hitchcock 1976 mit seinem letzten Film Familiengrab, bei dessen Dreharbeiten er bereits einen Herzschrittmacher trug. Doch selbst dieser Umstand vermochte seinen verschrobenen Humor nicht zu bändigen. Am Drehort witzelte er: "Meine Batterien sind voll aufgeladen."

Am 29. April 1975 fand ihm zu Ehren ein Gala-Abend statt, an dem zwei Stunden lang Ausschnitte aus seinen Filmen vorgeführt wurden. Alfred Hitchcock kommentierte: "Es wird behauptet, dass einem Ertrinkenden blitzartig noch einmal das ganze Leben vor Augen steht. Ich habe Glück, dass ich gerade eben dieselbe Erfahrung machen konnte, ohne nasse Füße zu bekommen."

Alfred Hitchcock verstarb 1980 in Los Angeles. Er hatte nie einen Oscar erhalten, wurde aber sechs mal dafür nominiert (für Rebecca, Das Rettungsboot, Ich kämpfe um dich, Das Fenster zum Hof und Psycho). 1967 wurde er von der US-Filmakademie mit dem Irving Thalberg-Preis ausgezeichnet. Außerdem war er Inhaber mehrerer Ehrendoktortitel.


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