Interview mit Benno Fürmann
Benno Fürmann Benno Fürmann ist Hauptdarsteller im Liebesdrama Der Krieger + die Kaiserin.

Frage: Man hat ja fast den Eindruck, als sei der Bodo eine Art Weiterführung all der wilden Jungs, die Du vorher gespielt hast, als würde es jetzt einfach noch etwas tiefer unter die Oberfläche gehen.

Benno Fürmann: Ich hab wirklich versucht, die Eckpfeiler von innen zu stellen, weil der Typ ja nur innen existiert, weil ihm die Aussenwelt einfach scheissegal ist, und weil er gar nicht die Kraft hat, sich mit alltäglichen Problemchen auseinander zu setzen. Weil er nur versucht, irgendwie zu funktionieren. Weil er so wahnsinnig fragil ist, und soviel Kraft braucht, nur um nicht einfach auseinander zu fallen.

Frage: Was hat Dich an dieser Rolle gereizt?

Benno Fürmann: Ich fand es sehr spannend, einen Menschen zu spielen, der am Schwimmen ist, der permanent strampeln musss, um nicht unterzugehen. Diesen Bodo wollte ich für mich ergründen. Nur weil ein paar Sachen in einer gewissen Abfolge passieren, wird dadurch sein ganzes Weltbild, alle Gefühle und das Selbstgefühl derartig aus der Bahn geworfen. Plötzlich ist alles völlig anders und man musss die Teile langsam wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Das passiert ja nicht nur im Kino, sondern auch im Leben. So extreme Rollen finde ich faszinierend!

Frage: Wieviel von Dir selbst ist in Bodo?

Benno Fürmann: Ich kenne diese Phasen, in denen man das Gefühl hat, dass das Lied, das man hört, ein ganz anderes ist, als es der Rest der Welt hört. dass die eigene Dimension gerade so eine Tiefe hat, dass man keinen Raum hat, sich mit dem ganz alltäglichen Leben zu befassen.

Frage: Zuhälter, Autodiebe, Boxer, Gelegenheitsdiebe und jetzt diesen Krieger: Ist es Zufall, dass all Deine Rollen sehr physisch angelegt sind?

Benno Fürmann: Das ist bestimmt kein Zufall: Was ich an solchen Rollen spannend finde ist, dass sie sich am Rande bewegen, ausserhalb dieser festgelegten Normen der Gesellschaft, dass sie sich ihr Leben selber bauen. Und ich finde es spannend, was mit Leuten passiert, wenn Worte nicht mehr reichen.

Frage: musss man ein hartes Leben haben, um es spielen zu können?

Benno Fürmann: Nein, aber ich glaube, dann versteht man solche Rollen leichter. Da arbeitet jeder anders, aber ich kann tendenziell nur von Sachen erzählen, die ich irgendwie kenne und verstehe. Die Liebesgeschichte zwischen Sissi und Bodo ist ja auf ganz hinterhältige Weise romantisch. Aber handelt eben nicht von den schönen Seiten der Liebe, sondern von den ganzen Problemen, mit einem selber, mit den ganzen Lebensumständen, von all dem, was einen daran hindert, fröhlich, leicht, verliebt zu sein und im siebten Himmel zu schweben.

Frage: In Toms Filmen sind es ja immer die Frauen, die die Dinge vorantreiben und die Entscheidungen treffen. Ist das im wirklichen Leben auch so?

Benno Fürmann: Frauen sind tendenziell stärker als Männer, und was Entscheidungen betrifft, stehen sie meist mit ihrem Bauch in direkterer Verbindung als Männer. Sie sind ursprünglicher und treffen Entscheidungen eher aus dem Gefühl als aus dem Verstand.

Frage: Franka hat diesen Film als ihren schwierigsten empfunden, ging Dir das ähnlich?

Benno Fürmann: Diese Rolle ist einfach so, dass sie einem ständig abverlangt, dass man auf den Grund geht, wo die Dinge liegen. Man kann nicht irgendwo schön leicht rumtanzen, sondern musss immer wieder auf diesen Grund gehen. Das ist wie so ein Riesensack, den man immer mit sich herumgeschleppt hat. Aber wenn ich mich mit etwas beschäftigen kann, das mich zutiefst interessiert, wo ich mich reinknien kann, dann habe ich abends einen ausgefüllten Tag gehabt.

Und wenn man dann noch mit einem so talentierten Menschen als Regisseur arbeiten kann, dann geniesse ich das, gerade weil es nicht so eine Tralali-Tralala-Rolle ist. Ausserdem haben wir bei den Dreharbeiten verblüffend viel gelacht. Gerade weil jede Szene so ein Brocken war und es immer um diese Menschen ging, die mit sich hadern, die nicht zusammen passen und in sich gefangen sind, war es glaube ich so, dass alle ab und zu den aller blödesten Spruch rauslassen musssten, damit man mal wieder durchatmen konnte. So war es auch immer wieder richtig lustig.

Frage: Wie hast Du die Arbeit mit Tom Tykwer empfunden?

Benno Fürmann: Tom ist ein Ausnahmetalent, der einfach Geschichten erzählen musss, und das Leben auf so eine spannende, durchdringende Art behandelt. Ich schätze ihn wegen seiner ganz ehrlichen, tiefen Leidenschaft, mit der er Filme auf seine ganz spezielle Art macht.

Frage: Wie hast Du Dich bei Eurem 18-Meter Stunt gefühlt?

Benno Fürmann: Ich habe ja so Einiges gemacht, gerade so Sachen die mit Höhe zu tun haben, wie zum Beispiel Bungee-Springen. Doch dann stehst Du auf dem Dach und schaust diese 18 Meter in die Tiefe und denkst Dir nur, dass dies das schlimmste 'Bitte' ist, das du je hören wirst. Du hörst 'Kamera 1 läuft', 'Kamera 2 läuft', 'einundzwanzig, zweiundzwanzig', 'Bitte!'. Dieses 'Bitte' hatte eine solche Konsequenz, so einen finalen Klang. Ich hatte eine Heidenangst!

Frage: Es ist ja innerhalb sehr kurzer Zeit das zweite Mal, dass Du mit Franka Potente vor der Kamera stehst.

Benno Fürmann: Das war reiner Zufall. Einen Moment lang fragt man sich dann schon, ob das gut ist, oder ob man die Leute nervt, wenn man schon wieder zusammen auftritt. Aber die Rollen sind ja doch sehr unterschiedlich, allein schon rein äußerlich. Für Tom war es bei der Anatomie-Premiere total merkwürdig, seine Charaktere in diesen ganz anderen Rollen zu sehen. Das war fast wie Karneval.

Frage: Wie empfindest Du den Titel?

Benno Fürmann: Da denken viele Leute zuerst mal an einen historischen Stoff. Ich finde ihn absolut bezeichnend für den Film, er hat das Martialische, aber auch das Feine: Jede einzelne Figur hat diese beiden Aspekte, jeder lebt sie auf eine andere Art aus. Nur die Gewichtung ist unterschiedlich.

Frage: Im Grunde zeichnet das doch all Deine Rollen aus, diese Typen tun doch immer ruppiger, als sie sind.

Benno Fürmann: Diese Gegensätze finde ich aber auch am aller spannendsten, weil das jeder macht: Wann ist es Zeit die Maske aufzusetzen, wann ist es Zeit, Nähe zuzulassen? Wenn es diese Brüche nicht gäbe, hätte so ein Mensch ja gar keine Tiefe, wenn so ein Typ nicht was weggeschlossen hätte, wenn da nicht ganz hinten in den Augen etwas ganz Kleines, Verletztes, Weiches zu sehen wäre.

Frage: Man kann also durchaus sagen, dass Dich die Nähe zur Wirklichkeit mehr interessiert als abgehobene Illusionen?

Benno Fürmann: Ja, weil mich der Mensch einfach als Ganzes interessiert, ich finde es immer schön, andere Menschen zu beobachten, andere Sichtweisen und andere Kulturen. Jeder Mensch da draussen sieht die Welt durch seine eigene Brille. In den Grundelementen sind wir uns zwar ganz ähnlich, wir haben alle dieselben Bedürfnisse. Ich finde es aber dann faszinierend, durch welche Prägung, durch welche Einflüsse Menschen so werden, wie sie sind. Dieser Forscherdrang, den Kinder haben, der richtet sich bei mir eben weniger auf technische Dinge.

Dirk Jasper FilmLexikon
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