Interview mit Burt Reynolds

"Diese Produzenten haben keinen Begriff davon, was die Grundlage ihrer Jobs ist."

Burt Reynolds ist Hauptdarsteller in der deutsch-us-amerikanischen Kinoproduktion Der Himmel von Hollywood unter der Regie von Sönke Wortmann.

Frage: Wer ist Kage Mulligan?

Burt Reynolds: Ein Schauspieler, der schon erheblich bessere Tage gesehen hat. Er hat seine Stimmungen und seine Lust auf hochprozentige Getränke nur mangelhaft unter Kontrolle, was ihn zu einem Risikofaktor bei Dreharbeiten hat werden lassen. Das letzte Mal vor sieben Jahren. Seitdem hatte er kein Engagement mehr.

Frage: Was verbindet die drei Hauptfiguren?

Burt Reynolds: Für jeden von uns waren die letzten Jahre eine ziemlich beschissene Zeit. Das macht uns einerseits ähnlich, verkörpert aber auch eine Mauer, die man erst mal überklettern muss, denn das gibt ja keiner gern zu, dass er aussortiert wurde. Man lügt sich selbst und seinem gegenüber etwas vor, das ist zur zweiten Natur geworden.

Frage: Die drei sind ausgesprochene Pechvögel.

Burt Reynolds: Sie wissen ja, es gibt diese Idee der Zyklen im Leben. Sie sind einfach überfällig für ein bisschen Glück. Und da ergibt sich diese Gelegenheit, zu einem ziemlichen Batzen Geld zu kommen, was zuerst gar nichts mit Schauspielerei zu tun zu haben scheint, sondern damit, ein paar üble Gangster auszutricksen, frei nach dem Motto: "Diebstahl bei Gangstern, das ist Minus mal Minus, also Plus."

Wie sie das dann aber durchziehen, da kommt doch die Schauspielerei ins Spiel, und bei dieser gefährlichen Real-Life Performance reaktivieren sie Fähigkeiten, die sie sich schon selbst nicht mehr zugetraut haben. Sie spielen und improvisieren wie junge Götter. Letztendlich ist das Ganze auch so etwas wie eine Eigen-Therapie.

Frage: Der Film handelt vom Altern in Hollywood. Was ist Ihre Erfahrung mit diesem Thema?

Burt Reynolds: Wie kommen Sie darauf, dass ich damit Erfahrungen hätte? Ich weiß nichts darüber. Ich fühle mich wie 29, bloß mein Körper ist schon über 60. Nein, im Ernst: In Hollywood älter zu werden ist katastrophal. Die Industrie wird von immer jüngeren Leuten bestimmt.

Die Erinnerung wird auch immer kürzer. Die Leute, die heute das Sagen haben, wissen zum großen Teil nicht, wer Rod Steiger ist! Er hat einen Oscar®, war viermal nominiert und wird zum Vorsprechen bestellt.

Oder Anthony Quinn: Ihm ist das Gleiche passiert. Am Abend eines solchen Casting-Tags saß er immer noch als Einziger in der Wartelounge rum. Irgendwann fragt ihn dann eine Hostess mit ihrer schlauen Checklist, ob er ihr seinen Namen buchstabieren kann, um dann festzustellen, noch nicht mal mit großem Bedauern, dass man ihn vergessen hat.

Frage: Sind Sie verbittert deswegen?

Burt Reynolds: Wenn ich mit einem Produzenten zusammenarbeite, der nicht weiß, wer seine Schauspieler sind, dann würde ich ihn am liebsten aus dem Fenster seines schicken Büros stoßen. Diese Leute haben keinen Begriff davon, was eigentlich die Grundlage ihrer Jobs ist.

Wir, die wir aus einer früheren Zeit von Hollywood kommen - und ich bin stolz darauf, wenigstens ein kleiner Teil davon zu sein - haben eine Form geschaffen, die diese Leute gegenwärtig nur verwalten. Das ist Managerismus! Kein glückliches Wort. Aber noch weniger ein glücklicher Zustand.

Wenn ein alter Schauspieler stirbt, dann interessiert das höchstens die Nachrufschreiber oder Lexikonredakteure: Da muss immerhin noch ein Datum vervollständigt werden, danach - Schlussstrich, Ende, Aus.

Frage: Die Stimmung in Der Himmel von Hollywood ist von schwarzem Humor durchzogen. Der Drehbuchautor ist ein Europäer. Der Regisseur auch. Sind Sie mit diesem 'nicht-einheimischen Blick' auf den 'Betrieb' in Hollywood einverstanden?

Burt Reynolds: Ich liebe Leute wie Mel Brooks und Richard Pryor: Gelächter, das auch der Katastrophe entsteht, ist das beste. Sarkasmus als Überlebenselixier: wunderbar. Der schwarze Humor hat mich ja an diesem Projekt am meisten interessiert. Was Sönke Wortmann anzielt, das war immer spürbar, ist kein harmloses Kichern über ein paar Verrücktheiten in diesem Tollhaus.

Ich empfand es auch als ein mutiges Vorhaben: Sympathie für drei alt gewordene Loser zu entwickeln, ohne sie zu neuen Heroen zu machen. Sönke Wortmann ist sehr talentiert. Sehr effektiv. Und mit einem präzisen Gespür für Dialoge, Rhythmus und Timing, also die Grundstoffe jeder Komödie.

Burt Reynolds
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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