Interview mit Caroline Ducey-Trousselard
Caroline Ducey-Trousselard ist die Hauptdarstellerin in dem Film Romance

Frage: Wie hat die Regisseurin Catherine Breillat Ihnen das Projekt Romance und die Rolle der Marie nahegebracht?

Caroline Ducey-Trousselard: Sie hat mir gar nichts nahe gebracht! Sie war gerade dabei, die Besetzung zu beenden, als ich für Probeaufnahmen eingeladen wurde. Diese Aufnahmen waren vor allem Improvisationen, und als ich ihre Art kennenlernte, wie sie zuhörte und wie sie mir Anweisungen gab, hatte ich spontan Lust, ihre Welt kennenzulernen. Ich erkannte, dass das Projekt wie für mich gemacht war. Catherine beendete die Proben damit, dass sie mich einen Text aus ihrem Film "Parfait Amour!" sprechen ließ, was der einzige Film von ihr war, den ich gesehen hatte. Merkwürdigerweise konnt ich mich an keine Bilder aus dem Film erinnern, sondern nur an starke Gefühle. Währen ich diesen Text sprach und die Szene spiele, begriff ich plötzlich, dass Catherine eine Frau ist, die mit beiden Beinen im Leben, in der Realität steht. Sie weiß, wovon sie spricht. Da hatte ich noch mehr Lust auf den Film.

Danach gab mir Catherine das Drehbuch von Romance, und ich hätte es beinahe nicht gelesen, weil es mir wie eine Formalität erschien, dermaßen war ich sicher, das dieser Film für mich das richtige war. Tatsächlich bin ich beim Lesen dann jedoch in Tränen ausgebrochen, ich sagte mir, dass ich das niemals drehen könnte! Ich sah die Größe der Gefühle und die Schwierigkeit in diesem Film - doch gleichzeitig habe ich immer ganz tief in meinem Herzen gespürt, dass ich das spielen könnte. Und von dem Moment, in dem Catherine sich für mich entschieden hatte, war ich völlig beruhigt. Sie ist eine Frau mit viel Liebe, wie nur wenige Menschen im Filmgeschäft. Aber wir haben niemals über das Drehbuch oder die Rolle von Marie gesprochen. Wir wussten einfach, dass wir dieselbe Sprache sprechen, und davon ausgehend gabe es keinen Grund für uns, zu reden.

Frage: Welcher Art waren Ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten?

Caroline Ducey-Trousselard: Der Drehplan war eine ganz besondere Geschichte. Alle schwierigen Szenen schienen in die ersten 15 Drehtage gepackt zu sein. Ich habe dabei vier Kilo Gewicht verloren. Am ersten Tag wurde eine Szene mit Francois Berléand gedreht. Beim Mittagessen konnte ich die Spannung kaum ertragen, und ich habe vor allen anderen am Tisch geweint. Mir wurde plötzlich klar, wie viel der Film von mir verlangte und gleichzeitig habe ich in diesem Moment in die Rolle hinein gefunden. Danach habe ich mich auf meinen Instinkt verlassen, ich akzeptierte, mit dem Feuer zu spielen, und das war ein wahres Glück. Es war das erste Mal für mich, dass ich wirklich an einer Rolle arbeiten konnte, dass ich non-stop drehte, es war wie in einen anderen Zustand überzutreten. Ich habe diesen Film gemacht, weil ich voller Wut war, erfüllt von einer enormen Agression gegen die ganze Welt. Auch gegen das Kino. Ich habe diesen Film gemacht, um zu sagen, dass es den Schmerz gibt, während viele französische Filme so tun, als ob er nicht existiert. Ich habe diesen Film gemacht, um zu sagen, dass im französischen Kino manchmal das Bewusstsein für das Leben, für die Welt, fehlt. Mit diesem Film hatte ich das Gefühl, diese Wut verständlich zu machen, auf dass die ganze Welt sie kennt. Schauspieler zu sein ist ein Engagement mit dem ganzen Sein, es bedeutet, sich gänzlich hinzugeben und sich mit seinen Begrenzungen zu konfrontieren. Wenn das nicht geschieht, sehe ich keinen Sinn darin. Der Film von Catherine spielt mit Grenzüberschreitungen. Wenn alles gut geht, können Grenzüberschreitungen direkt ins Paradis führen. Allerdings weiß jeder, dass die Wahrheit viel mehr ist, dass nicht alles gut geht.

Frage: Wie verstehen Sie Marie?

Caroline Ducey-Trousselard: Während ich den Film drehte, gab es Dinge, die ich nicht verstand. Ich war einverstanden damit, sie zu machen, weil ich mit der ganzen Konzeption des Films einverstanden war. Manche Aspekte der Geschichte oder der Personengestaltung allerdings blieben mir unklar. Catherine hat eine unglaubliche gedankliche Stärke und es ist mitunter schwer, sie völlig zu verstehen, was jedoch nicht problematisch ist, da sie immer von ihrem Herzen angetrieben wird. Ich habe also mir meinen eigenen Film gemacht, ich habe mir selbst die Geschichte erzählt. Für mich waren beispielsweise die Szenen mit Francois Berléand wie Cowboy-und-Indianer-Spiele. Es geht ja um mehr als um eine sadomasochistische Erfahrung. Marie ist ein Mädchen auf der Suche. Sie ist ernsthaft verliebt in Paul, aber wie in jeder Liebesgeschichte gibt es auch Momente der Leere. Catherine hat mir einmal gesagt, dass es Momente gibt, in denen man Lust hat, dass der Mann, den man liebt, einen in die Arme nimmt. Und wenn er das in diesem Moment nicht tut, dreht man einfach durch. Genauso einfach war für mich die Geschichte von Romance. Wenn man sich der Liebe zu einem Mann hingibt, so dass das ganze Leben sich nur um ihn dreht und dann diese Liebe nicht geschieht - dann wird man verrückt. Vielleicht liebt Marie Paul mit einem fanatischen Idealismus, das ist zweifellos ihr Weg zu sich selbst, aber wenn das keine Liebe ist, weiss ich nicht, was Liebe ist.

Frage: Haben Sie sich Marie nahe gefühlt?

Caroline Ducey-Trousselard: Weniger ihr als ihren Gefühlen und ihrer Kraft zu kämpfen. Mir erscheint es traurig, sich von jemanden fesseln zu lassen und Stufen ins Unbekannte hinunterzu steigen, aber ich kann gut verstehen, dass Marie auf ihrer Suche alle möglichen Wege geht. Sie hat kein Selbstvertrauen, sie findet sich nicht schön, sie glaubt selbst daran schuld zu sein, dass Paul sie nicht berührt. Sie erkennt, dass es zwischen ihr und Paul nicht funktioniert und will herausfinden, warum. Sie erkennt dasselbe mit Paolo, obwohl sie mit ihm schläft, aber sie ist immer noch verliebt in Paul, und sie will ihren alten Glauben an die Liebe nicht völlig aufgeben. Mit Robert lernt sie, dass sie nicht wirklich frei ist. Schließlich versteht sie, dass sie ihre unglückliche Liebe ersetzen musss, denn das macht den Unterschied zwischen Männern und Frauen aus: Der Welt ein Kind zu geben. Ich liebe dieses Ende. Die Energie, die in Marie am Ende der Nachtclubszene ist, hat mich überzeugt, diesen Film zu machen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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