Interview mit Carsten Fiebeler

"Gut getan hat dem Ostpart des Films die hohe Improvisationskunst der Ostler."

Carsten Fiebeler ist Regisseur der deutschen romantischen Liebeskomödie Kleinruppin forever.

Frage: Der Film spielt in einer untergegangenen Epoche - der DDR der 80er Jahre. Wie ist es Ihnen gelungen, Ihren Film so authentisch wirken zu lassen?

Carsten Fiebeler: Mir war es sehr wichtig, dass ich sehr viele Leute in meinem Team habe, die die damalige Zeit miterlebt haben. Vor allem was das Bühnen- und Kostümbild angeht. Gleichzeitig habe ich darauf geachtet, dass die Berater und Teildepartments aus dem Westen kommen, schließlich spielt Anfang und Ende des Films in Bremen. Gut getan hat dem Ostpart des Films sicherlich die hohe Improvisationskunst der Ostler. So haben wir viel hinbekommen, was sich sonst nur sehr teure Produktionen leisten können.

Frage: Der Film handelt von einer Liebesgeschichte, die wohl nicht zufällig gerade im Osten gelingt. Denken Sie, dass die Liebe auch mit den Schwierigkeiten wächst, die sie umgeben?

Carsten Fiebeler: Es hat etwas damit zu tun, sicherlich. Aber mir geht es nicht darum, zu politisieren. Wir wollten durch die Gegenüberstellung der beiden Welten die Kontraste ausarbeiten und indem Tim den höchstmöglichen Liebesbeweis erbringt, gibt er ein Statement für die Liebe ab. Der Film kann auch als Metapher gesehen werden: nicht Status und Geld sind letztlich unsere höchste Sehnsucht, sondern Freundschaft und Liebe. Im Westen geht es oft um kalte Dinge und ich glaube gerade bei jungen Leuten wächst der Wunsch nach Romantik, nach dem puren Gefühl, sich wieder so richtig zu verlieben.

Frage: Warum, denken Sie, entdecken die Filmemacher gerade jetzt diese Zeit?

Carsten Fiebeler: Die Leute sind jetzt bereit dafür - diese Geschichten zu schreiben und diese Geschichten zu sehen. Die Ostdeutschen sind im Westen angekommen und haben genügend Abstand zu damals gewonnen, um wieder nach hinten schauen zu können, ohne dadurch erneut verletzt zu werden. Auch im Westen wächst das Interesse, der Osthorror ist vorbei, die zeitliche Distanz weckt Neugier, jetzt wo alles gesettet ist, kann man den Horizont erweitern und über Dinge lachen, die vor fünf, sechs Jahren noch heftig diskutiert worden wären.

Frage: Stichwort Ostalgie? Bedient der Film auch solche oft durchaus verständlichen Gefühle?

Carsten Fiebeler: Nein, wir verherrlichen die DDR ja nicht. Wir sagen, ja, es gab starke Gefühle füreinander, aber es gab auch Zweckgemeinschaften, weil man auch kaum andere Möglichkeiten hatte, als sich zu treffen. Und eine Diktatur schweißt ja auch zusammen, man hilft sich gegenseitig, wenn auch manchmal nur, um sich nichts zu verbauen. Eine andere, positive Seite steht bei uns allerdings im Vordergrund. Menschen haben sich private Freiheiten genommen, weil es die politische nicht gab. Der Umgang mit Sexualität, die FKK-Kultur z. B. - man hat für den Moment gelebt. Im Westen gab es heute wie damals Ersatzbefriedigung wie Fernsehen und Computer.

Frage: Der Film handelt von Zwillingsbrüdern und einem Mädchen, in das der eine von ihnen sich verliebt.

Carsten Fiebeler: Ja, der Westbruder Tim, der bei einem Klassenausflug von Ronnie niedergeschlagen wird und in der DDR bleiben muss, ist ein verwöhntes, im Luxus aufgewachsenes Papasöhnchen. Tief in seinem Inneren hat er aber ein Gefühl dafür, dass in diesem scheinbaren Paradies etwas grundsätzlich nicht stimmt. Der Ossi Ronnie ist einerseits ein Hallodri, der das Leben auf die leichte Schulter nimmt, andererseits aber ein knallharter Hund, der Tim einfach niederschlägt und entschlossen die Chance seines Lebens ergreift. Jana ist eine Romantikerin, die im Osten versucht, ihren Platz zu finden und zu halten. Sie scheint vollkommen, für viele unerreichbar, aber wenn man am Lack kratzt, erscheint auch der Rost: sie hat ihre Lebenslüge mit ihrem Jugendfreund Rüdiger zu bewältigen.

Frage: Neben den beiden jugendlichen Hauptfiguren sorgt der von Michael Gwisdek gespielte Ziehvater Erwin für Identifikation. Können Sie seine Figur kurz charakterisieren?

Carsten Fiebeler: Erwin hat etwas Gebrochenes, er ist sehr aufrichtig, zaudert aber mit dem Leben. Er hat damals nicht das Angebot der Stasi angenommen, dadurch wurde ihm Vieles verbaut. Er hätte Berufsfotograf werden können, jetzt ist er Nachtwächter. Anders als Tims Westvater, der vieles mit Kohle klärt, besitzt Erwin viel Zeit, Herz und Offenheit für seinen Sohn.

Frage: Erwin geht erstaunlich rüde mit der Stasi um. Konnte man das sich wirklich erlauben?

Carsten Fiebeler: Es sind private Gründe, die ihn so agieren lassen. Erwin und Koslowski kennen sich von früher und immer noch gibt es einen Grundrespekt zwischen den beiden. Dann schlägt Erwin die Stasi mit ihren eigenen Waffen. Der Normalfall war das nicht. Außerdem erzähle ich eine Komödie, die die Überhöhung und Ironie als Stilmittel nutzt, um das Absurde vieler Situationen zu zeigen, die mit der Stasi zu tun haben. Die war ja überall präsent, man wusste das, man kannte sie auch und hat sich lustig über diese Typen gemacht, die oft wirklich so lächerlich wirkten wie die beiden im Film. Trotzdem hatten genau diese Menschen die Macht, einem das Leben zu versauen. Das ist das Absurde daran.

Frage: Der Osten gewinnt im Laufe des Films zusehends an Farbe, der Westen verblasst.

Carsten Fiebeler: Genau, ich wollte das gegeneinander setzen, als Kontrastprogramm, auch was den Schnitt angeht. Der Westen ist schnell wie die Werbung geschnitten, es ist alles schön und es gibt viel und es schmeckt gut. Anfangs kann sich der Osten dagegen gar nicht behaupten, alles ist Grau, aber je länger Tim drüben bleibt, desto mehr entdeckt er die schönen Seiten. Dazu kommt der ruhige Fluss der Bilder, das hat was mit dem Besinnen auf sich selbst zu tun, mit der inneren Ruhe, die man gewinnt, wenn man sich seinem Ich annähert.

Carsten Fiebeler
Plakat von 'Kleinruppin forever'

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Archiv © 1994 - 2010 Dirk Jasper