Interview mit Charlotte Rampling

"Bei einer Figur kommt es mir auf ihre Entwicklung, oder sagen wir Reise an."

Charlotte Rampling spielt in dem Thriller Swimming Pool eine englische Krimiautorin, die von einer jungen Frau zum Schreiben inspiriert wird

Frage: Wie ist François Ozon mit diesem Projekt an Sie heran getreten?

Charlotte Rampling: Ganz ähnlich wie bei Unter dem Sand. Wir haben uns getroffen und über seine grundsätzlichen Vorstellungen gesprochen. Damals hatte er überhaupt noch nicht mit dem Drehbuch begonnen. Ich habe ihm dann gesagt, wie die Geschichte auf mich wirkt, wir haben die Situationen ein bisschen ausgesponnen, und dann hat er angefangen zu schreiben. Während dieser Zeit - es waren etwa vier Monate - sind wir in engem Kontakt geblieben. Danach haben wir angefangen zu drehen.

Frage: Fühlen Sie sich Sarah Morton nahe?

Charlotte Rampling: Sie ist das komplette Gegenteil von mir. Englische Damen, die Thriller schreiben, leben in einer sehr speziellen Welt. Ich habe viel über die Herkunft dieser Schriftstellerinnen gelesen, über ihre biographischen Hintergründe und natürlich einige ihrer Romane: die von Agatha Christie ebenso, wie die von Patricia Highsmith oder Ruth Rendell.

All diese Frauen kamen mir wirklich sehr eigentümlich vor. Ich hatte den Eindruck, als würden sie alles etwas von oben herab betrachten und oft schlecht gelaunt sein. Sie versuchen, sich abzukapseln und sind nie einem Drink abgeneigt. Sie scheinen sich freiwillig in einer höchst ungemütlichen Umgebung einzusperren, einer Welt vollständiger Stille.

Frage: Sarah Morton scheint zu Beginn des Films eine ziemlich unangenehme Person zu sein. War das problematisch für Sie?

Charlotte Rampling: Nicht im Geringsten. Worauf es mir bei einer Figur in einem Film ankommt, ist ihre Entwicklung, oder sagen wir ihre Reise. Nur weil eine Person am Anfang eines Films auf eine bestimmte Weise funktioniert, bedeutet das nicht, dass diese Person während des gesamten Films über so bleibt. Sarah Mortons Reise eröffnet ihr vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten.

Frage: Was ist ihr Anteil an dieser Figur?

Charlotte Rampling: Sarah Morton ist eine gemeinsame Schöpfung von François und mir. Wir können sehr gut miteinander arbeiten, haben die gleiche Wellenlänge und ergänzen uns gegenseitig. Da wir schon lange vor Beginn der Drehphase die Figur von Sarah Morton entwickelt hatten, kannten wir sie beide auch am ersten Drehtag schon sehr gut. Beim Drehen haben wir wie zwei Hälften des gleichen Individuums funktioniert.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Ludivine Sagnier?

Charlotte Rampling: Ludivine ist eine sehr grazile und begabte junge Darstellerin. Sie ist offen und großzügig. Wir sind wunderbar miteinander ausgekommen. Anders als viele andere Schauspielerinnen schafft sie sich selbst keine zusätzlichen Probleme. Sie geht ihre Aufgaben sehr direkt an. Sie ist in der Lage, ihre Ängste zu überwinden und Risiken einzugehen.

Frage: Haben Sie das erste Mal mit Ihrem Landsmann Charles Dance gearbeitet?

Charlotte Rampling: Charles Dance ist ein vorzüglicher Schauspieler. Wir waren uns bisher noch nicht persönlich begegnet. François hat sehr viele englische Schauspieler in Erwägung gezogen, und einige kannte ich auch. Als er mir erzählte, dass er sich für Charles Dance entschieden hatte, sagte mir mein Instinkt, dass er genau die richtige Wahl getroffen hat für diese Rolle.

Frage: Was halten Sie von der Art, wie François Ozon England und die Engländer sieht?

Charlotte Rampling: François ist von England fasziniert. Ich, die ich sehr weitverzweigte Wurzeln in England und in Frankreich habe, kann seine Haltung sehr gut verstehen. Ich sehe, wie offen und frei heraus englische Menschen sind und dennoch viel dabei verstecken. François' Haltung gegenüber England ist sehr gesund: Er wollte einen Film dort machen, und er wollte ihn mit einer englischen Schauspielerin drehen. Er wollte London filmen und beide Sprachen im Film haben. Außerdem hat er Luberon als Schauplatz gewählt, eine Region, die tatsächlich zu den absoluten Lieblingsorten vieler Engländer gehört.

Frage: Hat Sarah Morton Ähnlichkeiten mit François Ozon?

Charlotte Rampling: Regisseure wählen ihre Figuren, um etwas über sich selbst heraus zu finden. Das tun sie über die Arbeit mit ihren Schauspielern und mittels der Entscheidungen, die sie als Regisseur treffen. Im gleichen Zuge, da ein Film entsteht, haben die Charaktere den Regisseur befähigt, Teile seiner selbst auszudrücken. Ich glaube, das ist Sarah Mortons Aufgabe gewesen.

Frage: Haben Sie es eigentlich bedauert, dass Sie keine der 8 Frauen waren?

Charlotte Rampling: Nein, denn ich war entzückt darüber, die Frau in Unter dem Sand gewesen zu sein.

Charlotte Rampling in 'Swimming Pool'
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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