Interview mit Christian Berkel
Christian Berkel Christian Berkel ist Darsteller in dem Psychothriller Das Experiment - Black Box

Frage: Was hat Sie an der Geschichte besonders fasziniert?

Christian Berkel: Das Spannende daran ist, wie schnell und extrem sich Leute einer Situation anpassen, die ihnen von außen vorgegeben wird. Wie schnell auf der einen Seite die Gefangenen ihre Individualität aufgeben, und wie schnell die Wärter bereit sind, extremen psychischen und physischen Druck auszuüben, ohne das zu hinterfragen und unabhängig davon, welche Art von Menschen sie privat sind. Im Originalexperiment hat offensichtlich auch keiner der Gefangenen gefragt, warum nicht abgebrochen wird, warum die Psychologen nicht eingreifen. Auch die Angehörigen haben sich völlig der Situation angepasst und nicht hinterfragt, was da passiert.

Frage: Steinhoff geht am kontrolliertesten von allen in die Geschichte, trotzdem macht auch er eine Entwicklung durch.

Christian Berkel: Ja, so wie Tarek in gewisser Weise lernt, sich stärker zu kontrollieren, lernt er, die Kontrolle zu verlieren. Man spürt, dass man sehr stark auf archaische Grundmuster reduziert wird, wodurch schnell das Beste und auch das Schlechteste ans Tageslicht tritt.

Frage: Die Atmosphäre in dem Gefängnistrakt ist ja sehr bedrückend, wie hat sich das auf die Dreharbeiten ausgewirkt?

Christian Berkel: Es war ganz ähnlich wie im Film, in der Anfangsphase war es ganz lustig, dann gab es eine Zeit, in der wir immer alberner wurden, um diese Situation zu kompensieren. Irgendwann wurde es immer ruhiger und auch bedrückender. Während des Drehs waren diese Zellen ja wirklich abgeschlossen, nach jeder gedrehten Einstellung wurden sie wieder geöffnet. Wenn das aus irgendeinem Grund mal dauerte, wurde man schnell ungehalten. Man will da wirklich ganz schnell raus. Am meisten hat mich überrascht, dass man nach wenigen Tagen jegliches Zeitgefühl verloren hatte.

Frage: Wie hat es Oliver Hirschbiegel geschafft, diese Seelenzustände, die Sie durchleiden, zu vermitteln?

Christian Berkel: Es gibt ja sehr unterschiedliche Arten zu inszenieren oder mit Schauspielern zu arbeiten. Es gibt Regisseure, die extrem genaue Vorgaben machen und auch möchten, dass alles ganz genau befolgt wird. Und dann gibt es Regisseure wie Oliver Hirschbiegel, die erzeugen einen Raum, bereiten einen Boden, auf dem das Ganze stattfindet. Er vermittelt die emotionale Tonlage, die die Szene, die Figur haben musss. Dann lässt er den Schauspielern Raum, die Einzelheiten für sich selbst zu finden. Er gibt dann nur noch knappe kurze Hinweise, sagt ?Das funktioniert und das nicht, versuche mal mehr so oder so oder so'. Das heißt, er ist sehr frei und gleichzeitig sehr genau beim Zuschauen und Zuhören.

Frage: Wie stehen Sie zu derartigen Verhaltensforschungsexperimenten?

Christian Berkel: In diesem Fall ist es ethisch absolut nicht vertretbar. Die Grenzlinie müsste da gezogen werden, wo psychische und physische Gewalt einsetzt. Mir ist völlig unklar, wie es im Originalexperiment möglich war, dass die Psychologen nicht gesehen haben, wie extrem die Menschen leiden.

Frage: Erstaunlich ist ja, dass gerade die, von denen man es zunächst gar nicht erwartet, sich besonders grausam verhalten.

Christian Berkel: Das ist in der Geschichte wirklich unglaublich gut beschrieben. Der Wärter, der eindeutig der sadistischste ist, wirkt zunächst ganz brav, unscheinbar und wie ein ganz freundlicher Bürger. Ich glaube, dass die Leute, die offensichtlich aggressiv sind, eine Möglichkeit haben, ihre Gefühle zu artikulieren. Wirklich gefährlich sind nur die Leute, die das ständig unter dem Deckel halten. Wenn die in eine Situation geraten, in der sie ständig von oben aufgefordert werden, Autorität auszuüben, dann bricht plötzlich alles hervor, was Jahre unterdrückt wurde.

Frage: Ihre Lebensgefährtin Andrea Sawatzki spielt ja auf der Seite der Wissenschaftler, wie haben Sie das empfunden, sozusagen als ihr Versuchskaninchen?

Christian Berkel: Wir haben im Film ja nicht so viel miteinander zu tun. Als Arbeitssituation war es eher merkwürdig, denn es ist der erste Film, den wir zusammen gemacht haben, mal abgesehen von dem, bei dem wir uns kennengelernt haben. Als ich sie das erste Mal hier am Set gesehen habe, erschien sie mir ganz fremd, gar nicht wie meine Frau, sondern wie jemand, den ich noch nicht oft gesehen habe. Das ist sicherlich auch so eine Art Schutz, dass man die private Beziehung in so einer Situation ausklammert.

Dirk Jasper FilmLexikon
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